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Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai/Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Bedeutung. Am Ende geht es einzig und allein um unsere eigenen Bedeutung. Das jedenfalls sagt Jason Feifer in seinem Text „Warum ältere Menschen schon immer über jüngere Menschen schimpfen“, der zur Grundlage für die aktuelle Episode des Pessimists Archive-Podcast wurde, die auf deutsch „Die Jugend von heute“ heißen würde (und auf Twitter vermutlich #diesejungenleute). „Wir können nicht anerkennen, dass das Leben ohne uns weitergeht. Und statt den Lauf der Welt zu akzeptieren, geben wir einfach der kommenden Generation die Schuld.

Für Feifer liegt genau in dieser Angst vor der eigenen Sterblichkeit der Hauptgrund für das Hadern der Alten mit der Jugend – und zwar nicht nur mit der Jugend von heute, sondern auch mit jener von gestern, vorgestern und auch der davor. Er erkennnt ein wiederkehrendes Muster, das man Beschuldigungs-Vererbung nennen könnte. Stets auf Neue klagen dabei die Älteren über die Jüngeren: Weil es diesen an Anstand fehle oder an Wissen oder weil sie schlicht nicht so sind wie das Früher™️, an das sich mancher zu erinnern glaubt. In der Podcast-Folge kann man dazu ein kleines Ratespiel spielen, für das Feifer Jugend-Beschimpfungen aus mehreren Jahrhunderten zusammengetragen hat, die sich frapierend ähneln und deshalb kaum unterscheidbar sind. Als aktuell fallen die Beschimpfung dieser Tage nur deshalb auf, weil sie häufig von der angeblich unsachgemäßen Handy-Nutzung (Symbolbild: Unsplash) handeln. Davon abgesehen scheint es eine Art Ur-Misstrauen der Alten in Bezug auf das Neue zu geben. Umberto Eco spricht deshalb davon, dass es sich beim Hadern der Jugend von gestern über die Jugend von heute um eine Art wiederkehrenden Menschheitstraum handle.

Es ist dies kein besonders schöner Traum – und der abgelaufene Monat war für mich voll von Beispielen für diese Konfliktlinie zwischen den Generationen. Ich durfte (wie hier berichtet) auf Einladung des Goethe-Instituts in Seoul an einer Veranstaltung teilnehmen, die Generationenkonflikte in einem internationalen Kontext beleuchtete. Dabei lernte ich, dass z.B. auch in Korea greifbar wird, wie Alte und Junge sowie Junge und Alte aneinander vorbei reden – und sich dabei auf äußerst unschöne Weise beleidigen, wie man in diesem Text von Korea Expose nachlesen kann – dazu in der aktuellen Ausgabe von The Economist über den Begriff kkondae Und kaum war ich zurück, lieferte ein YouTube-Video den Beweis dafür, dass auch Deutschland diese Konflikte kennt: zwischen denen, die etabliert sind und jenen, die sich etwas herausnehmen, was anders ist und neu – und nicht selten als Angriff wahrgenommen wird. „Das gehört sich nicht“, sagen die Alten und sprechen von mangelnder Wertschätzung für die eigene Leistung. „Die machen nichts“, sagen die Jungen und sprechen von mangelndem Möglichkeitssinn und Gestaltungswillen.

Zur Europawahl gab es diesen Konflikt dann auch in handfesten Zahlen, die zeigen: Diejenigen Wähler*innen die erstmals wählten, entschieden sich grundlegend anders als jene, die schon häufiger an Wahlen teilnahmen. Konkret stimmten bei den Wähler*innen unter 30 Jahren mehr Menschen für die Grünen als für SPD, CDU/CSU und FDP zusammen. Das passt zu einer Analyse über die Kluft zwischen den Generationen, die Jagoda Marinic schon im vergangenen Jahr in der New York Times beschrieb. Bernd Ulrich diagnostizierte am Sonntag, diese Europawahl habe „eine so nie da gewesene Spaltung zwischen der jungen Generation und den Älteren bloßgelegt“, was durchaus an seine Prognose aus dem März erinnert, als er schrieb: „Wenn die Politik so weitermacht, dann läuft nicht nur Deutschland in einen Generationenkonflikt hinein, gegen den 68 ein Kindergeburtstag war. Damals ging es vor allem um die deutsche Vergangenheit (und den Krieg in Vietnam), heute geht es um die globale Zukunft.“

Das mögliche Ausmaß dieses Generationenkonflikts konnte man unlängst im Atlantic nachlesen, wo ein Professor und ein Student gemeinsam analysierten, „der Bruch zwischen den Generationen in der amerikanischen Politik wächst so stark, dass er wichtiger werden könnte als die Differenzen zwischen Klassen oder Hautfarben, die traditioneller Weise als Grundlage der Analyse dienen“. Auch Georg Diez, der den Text in der taz zitiert, argumentiert ähnlich. Er fordert: „Es wird sich mehr verändern müssen als nur die inhaltliche Debatte von Politik, ob im EU-Parlament oder im Deutschen Bundestag, so viel scheint klar. Die Schüler, die den Protest auf die Straße getragen haben, was zu zum Teil krassen und hässlichen Abwehrreaktionen von Teilen der Politik und der Medien geführt hat, die mehr darüber aussagen, wie verzweifelt hier um das eigene Überleben, sprich die eigene Karriere oder die Interessen, die dahinter stehen, gekämpft wird – die Schüler sind jedenfalls geprägt von einer anderen Welt, wie sie sie wahrnehmen, bedroht in ihrem Wesen, erschaffen durch die Technologien, die sie benutzen. Das verändert Theorie und Praxis von Politik, wie es etwa Fridays for Future zeigt. Es geht nun darum, die Demokratie in Europa für das digitale Zeitalter und eine andere Generation neu zu erfinden.“

Womit wir wieder bei der eingangs erwähnten Bedeutung sind. Denn noch deutlicher als am Lebensalter ist die Differenz an einer Frage erkennbar, die ich hier und hier schon mal gestellt habe: Kann es (noch) besser werden? Die Konfliktlinie des neuen Generationenstreits zwischen denen, die etwas zu verlieren und jenen, die etwas zu gewinnen haben, verläuft zwischen der „Generation Bewahren“ und der „Generation Gestalten“ – und das hat natürlich mit dem Alter zu tun, aber eben nicht nur. Es hat damit zu tun, ob man die von Feifer eingangs zitierte eigene Bedeutung aus der Vergangenheit begründet oder ob man Zukunft gestalten will. Das geht womöglich beides und auch zusammen, aber es ist eine Frage der Priorisierung. Jede und jeder muss sich die Frage stellen: Trage ich dazu bei, Hoffnung für eine bessere Zukunft wachsen zu lassen?

Darin liegt vielleicht ein Ansatz, den wiederkehrenden Traum des Generationenkonflikts zu beenden. Denn: „Die Kraft diesen Zirkel zu durchbrechen, liegt in unseren Händen“, ereifert Feifer sich in seinem Podcast. Schließlich haben wir Alten Älteren, ja schon mal bewiesen, dass die Generationen-Beschuldigung falsch war. Was die Alten Sehr Alten über uns sagten, war doch erkennbar falsch, also durchbrechen wir den Kreislauf und hören auf, auf die Jungen zu schimpfen – schlägt Feifer vor und kommt zu dem Schluss: „Wir sind nichts Besonderes. Wir sind lediglich die letzte Generation in einer ganzen Reihe.“ Wir sollten uns von dem Wunsch verabschieden, dass man sich an uns erinnert. „Wir sind genauso gut und genauso schlecht wie die vor uns – auch wie die, die nach uns kommen. Wir sind eingeklemmt zwischen zwei Generationen. Das Beste was wir daraus machen können: Wir sollten unsere Zeit klug nutzen und diejenigen unterstützen, die uns mal nachfolgen werden.“

Besonders schön ist dieser Vorsatz übrigens in einem Kinderbuch zusammengefasst, das ich auch in diesem Monat gelesen habe. Es stammt von Rebecca Solnit, von der ich einen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft gelernt habe und die sich die Mühe gemacht hat, Aschenputtel in eine moderne Form zu bringen (Cinderella Liberator). Sie sagt, sie habe irgendwann gemerkt, dass es in der Geschichte gar nicht so sehr darum gehe, einen Prinzen zu heiraten, sondern viel mehr um die Verwandlung und die Transformation. Deshalb lässt sie die gute Fee in dem Buch an einer Stelle auch sagen, dass die wahre Magie darin liege, dazu beizutragen, dass jedes Ding sein bestes und möglichst freies Selbst entwickeln kann.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, dessen Mai-Ausgabe in den kommenden Tagen verschickt wird. Mehr zum Thema Generationenkonflikt gibt es auch in dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip – zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen“

Shruggie des Monats: Auf die Straße gehen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Wissen Sie,“ sagt Greta Thunberg im Gespräch mit dem Spiegel, „Ich darf nicht wählen, obwohl es hier um meine Zukunft geht. Und zur Schule muss ich gehen. Wenn ich dann schwänze, um gegen die Klimakrise zu protestieren, wird auf meine Stimme viel eher gehört.“ Greta Thunberg ist Vorbild für zahlreiche Schüler*innen und Student*innen, die europaweit freitags streiken. Statt zur Schule oder zur Uni gehen sie auf die Straße. Fridays for Future heißt die Aktion, die sich deutschlandweit vor allem über Dark-Social-Kanäle wie WhatsApp- und Telegram organisiert – wie einer der Mitorganisatoren in diesem Gastbeitrag auf Tagesschau.de erklärt (Details dazu auch in diesem Bento-Bericht)

Am 15. März wollen Klimaschützer*innen weltweit auf die Straße gehen – um für die Einhaltung der Pariser Klimaziele zu demonstrieren. Für acht Tage später ist eine Demonstration gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform geplant (Hintergründe hier). Beide Themen scheinen die Kraft zu haben, viele junge Menschen auf die Straße zu bringen – um dort ihre Meinung kundzutun. (Foto: Twitter/Adora Belle)

Aber bringt das überhaupt was? Wird sich dadurch die Politik ändern? Die Hauptperson aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ antwortet darauf mit einem unterstützenden Schulterzucken. Denn der Shruggie ist kein teilnahmsloser Zyniker, sondern jemand, der den demokratischen Impuls unterstützt, für die eigenen Interessen auf die Straße zu gehen.

„Wir sind keine Bots“, rufen diejenigen, die am Wochenende gegen die Urheberrechtspläne in Köln auf die Straße gegangen sind. Sie wollen damit deutlich machen, dass sie eigene Interessen vertreten und nicht im Auftrag von Plattformen handeln. Ein CDU-Abgeordneter hatte dies mit einem Tweet nahegelegt. Mit ihrem Protest bringen sie aber auch ihre Lebensrealität, ihren Alltag und ihre Sprache auf die Straße – wie dieses tolle Plakat zeigt (weitere Plakate hat Buzzfeed gesammelt) Zu sehen ist das Table-Flip Emoticon, das dem Shruggie allein deshalb gefällt, weil er aus der gleichen Welt kommt. Details findet man auf der Seite jemoticons, die Emoticons aus japanischen Schriftzeichen versammelt.

Der Table-Flip (rechts der Tisch, den die Figur links aus Protest umgeworfen hat) ist ein Zeichen des Protests – auf neue Art. Vermutlich gab es bisher keine Demonstration in diesem Land, auf der ein solches Symbol gezeigt wurde. Und das allein gefällt dem Shruggie an den Demos des Frühjahrs 2019: Sie werden von einer neuen Generation getragen, die ihre eigenen Symbole und Zeichen prägt. Und die vielleicht auch ein neues Denken verlangt.

Rund um die Schulstreiks junger Menschen hat sich eine Debatte über die Frage entzündet, ob es denn erlaubt sei, freitags einfach nicht zur Schule zu gehen. Verweise und mindestens unentschuldige Fehlstunden drohen. Torsten Beeck hat deshalb schon den Verdacht geäußert, dass diese Hinweise in Zeugnissen künftig als Ausdruck einer politischen Haltung gelesen werden können.

Mich erinnert der Schulstreik an die Wehrdienstverweigerer der Vergangenheit. Die junge Generation des Jahres 2019 verweigert nicht die Wehrpflicht, sondern die Schulpflicht – nicht in Gänze, sondern aus symbolischen Gründen jeden Freitag. Als Wehrdienstverweigerer musste man die eigene Entscheidung schriftlich begründen und einen (längeren) Ersatzdienst leisten. Vielleicht wäre dies auch ein Option für die streikenden Schüler*innen der Gegenwart: Sie können offiziell verweigern – und damit ihren Protest gegen die verfehlte Klimapolitik der Regierung Merkel zum Ausdruck bringen.

Bei der Wehrpflicht hatte diese Form der persönlichen Verweigerung langfristig bedeutsame politische Folgen. Und darum geht es doch, wenn man auf die Straße geht…

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Zum Thema Schulstreik empfehle ich den TED-Talk von Greta Thunberg aus dem August 2018 sowie die Übersichtsseite Fridays for Future. Bei Netzpolitik gibt es eine Übersicht der Demonstrationen gegen Artikel 13.