Google plus Facebook = Twitter


Es ist mir zuviel. Und: Es ist mir zu leer.

Das geht zusammen. Und zwar, wenn man über Google Plus in seinem jetztigen Stadium spricht. Seit heute gibt es Einladungen für das neue Projekt des Unternehmens, das früher mal eine Suchmaschine war. Heute will Google viel mehr sein – unter anderem auch ein soziales Netzwerk. Deshalb gibt es jetzt Google Plus; als Dach für jede Menge Dinge, die einzeln wirklich toll sind, mich in der Sammlung aber überfordern.

Am besten gefällt mir dabei Sparks, eine Interessen-Sammlung, die eine Art elaborierter Google-Alert mit sozialem Anschluss sein könnte. Ohne es ausführlicher getestet zu haben, finde ich aber die Idee bisher besser als die Umsetzung. Und das liegt an dem zweiten Punkt: Google Plus ist mir bisher zu leer.

Denn wie an anderer Stelle bereits erwähnt, um das Netz als Dialogmedium zu verstehen, müssen wir es als Raum denken – nicht als Kanal. Die New York Times-Redakteurin Jenna Wortham hat das in einem Tweet auf den Punkt gebracht:

Using Google+ right now is kinda like when you’re the first one at a party and the DJ hasn’t even finished setting up. Where are my frenz?!

Jetzt ist es nicht so, dass dieser neue Google-Raum der einzige in der digitalen Welt wäre. Im Gegenteil: Es gibt hier schon mehrere – und dort läuft bereits Musik und dort sind bereits „frenz“, also Menschen, denen ich folge oder mit denen ich befreundet bin. Bei Google heißt diese Verbindung Circle beruht aber auf dem gleichen Prinzip.

Vielleicht liege ich mit der Prognose grandios daneben: Aber nach heutigem Stand glaube ich nicht an den Erfolg von Google Plus. Nicht weil es nicht gut erdacht wäre oder weil es schlechte Angebote machen würde (es sind eher zu viele), sondern weil der Preis zu hoch ist. Es ist zu anstrengend, Freunde davon zu überzeugen, auch vor das DJ-Pult im noch leeren Raum zu treten. Viel leichter ist es, einfach in den anderen Club zu gehen, wo die, denen man zuhören will, eh schon sind.

Der Grund, warum überhaupt so viel Aufhebens um diesen fast noch leeren Raum gemacht wird: Er ist zugangsbeschränkt. Google, das Unternehmen, das mit der vermeintlichen Kostenlos-Kultur Milliarden macht, begrenzt den Zugang, um so Interesse zu steigern. Was durchaus gelingt. Einladungen wurden heute heiß gehandelt. (Wie sie verbreitet wurden, kann auf Spreeblick nachlesen).

Meine Einladung habe ich Hakan zu verdanken, der viel positiver über das Plus-Projekt denkt als ich. Nachmittags schrieb er gar:

facebook ist das neue StudiVZ ;)

Das klingt schön, aber spätestens bei dem Gedanken war mir klar: Das stimmt nicht. Schon Facebook nervt doch viele wegen seiner Unübersichtlichkeit. Wie sollen die sich denn in Google Plus wohlfühlen? Gerade gestern geriet ich (im Rahmen des DLD-Women) zum Beispiel mal wieder in eine Debatte, in der vorsichtig Social-Media-Interessierte ihre Skepsis gegenüber Facebook und Twitter benannten. Ihre Frage: „Warum soll ich denn da hin?“ wird zumindest in Bezug auf den Facebook-Raum dann oft mit einem „Weil alle da sind“ beantwortet. Das ist von möglichen schlechten Gründen vermutlich der schlechteste. Bei Google Plus ist er (bisher) nicht mal ein Grund.

Mehr über Google Plus bei

netzwertig.com

YuccaTree

Spreeblick

Ich schwörs dir

Zeit Online

NZZ Online

Bei Twitter hingegen kann man die Frage sehr viel einfacher beantworten. Und das ist auch der Grund, warum ich am liebsten nur über Twitter reden möchte, wenn man mich nach Social Media fragt (Dialog-Medien ist eh der viel schönere Begriff): Twitter liefert einen direkten Nutzen, es ist ein selbsterstellter Nachrichtenfilter (auf den auch keiner Einfluß nimmt), der auch passiv hervorragend funktioniert.

Und wer Twitter aktiv nutzt, hat – anders als bei Facebook – ein tatsächliches soziales Instrument an der Hand. Denn Facebook macht doch in Wahrheit das Teilen und Verbreiten komplizierter als nötig. Der berüchtigte Daumen, den man zum Ausdruck des Gefallens drücken kann, bietet kaum Möglichkeit zum Anschluss. Ich kann nirgends auslesen, was ein Nutzer gefavt hat (um es in Twitter-Sprache zu sagen, wo das selbstverständlich geht) und Verbindungen kann ich so auch nicht erstellen. Beim +1 dem Google-Äquivalent scheint letzteres theoretisch möglich, aber eben nur für den Fall, dass auch Menschen zum Verbinden da sind.

Mir hat das ratlose Rumstochern in Google Plus einmal mehr gezeigt, warum Twitter eine so wunderbare Erfindung ist: Twitter basiert auf einer einfachen Idee und hat mit seinen Erweiterungen (wie Listen, Hashtags und den Ortsangaben) schrittweise das hinzugefügt, was Google Plus jetzt auf einen Schlag erfinden will. Ich glaube nicht, dass das gelingt. Ich befürchte es wird bald in einem Atemzug genannt mit dem (passender Weise heute verkauften) MySpace oder Apples Idee eines Social Network für Musik.

16 Kommentare

  1. SvenR

    Ich widerspreche. Natürlich hast Du insoweit recht, das nicht alle schon da sind. Ganz ehrlich: Das ist bei manchn an sich schon ein Wert. Des Weiteren sind überraschen viele meiner aktiv bespaßten Onlinkontakte jetzt schon da.

    Ein paar Ding in Google+ sind konzeptionell sowohl Twitter als auch Facebook überlegen. Alleine, dass man seine Posts formatieren (fett, kursiv, durchgestrichen) finde ich super. Es gibt kein Gepose mehr über Follower- bzw. Friends-Anzahl. »+1« ist semantisch Googles »like« total überlegen. »RIP Peter Falk« wird niemand liken, aber +1 passt immer. In Twitter geht das gar nicht.

    Es ist der Anfang, aber es ist wirklich vielversprechend. Der Buzz ist längst abgefahren, die Wave abgeklungen. Plus ist auch noch ein cleverer Name…

  2. Nun-,,niemand da“ war auch für mich der Grund, warum sich mein Besuch bei der vor mehr als einem Jahr als facebook-Alternative angepriesenen Diaspora auf wenige Stunden beschränkte. Facebook war einfach schneller. Und twitter schneller besser.

  3. Pingback: Was Sie verpasst haben: Kurzpässe aus KW22 | SMO14 - New Media Excellence

  4. Ich muss Dir auch widersprechen. Ja, das Problem des Wechselns in den leeren Club gibt es, aber das Problem hat jeder Club, der neu aufmacht. Bei Google Plus sind jetzt schon ein paar Multiplikateure dabei, die andere Menschen anlocken. Die Location ist auch nett, wenn auch etwas nerdig. Umgekehrt: Muss Google Plus die Großraum-Disco werden, um zu funktionieren?

    Kurz: Ein Teil der Internet-Nutzer hat eher Bock auf einen Abend mit ein paar Gleichgesinnten in der Kneipe (=kleine Gruppen, ausführlichere Diskussionen) als auf WG-Party (Facebook= Freunde, aber auch nur mehr oder weniger gute Bekannte) oder die Open-Mic-Night (Twitter = jeder hat mal die Bühne, Überraschungseffekte). Ich weiß auch nicht, ob eine Plattform eine andere immer ablösen muss. Google dürfte Plus ja ab dem Moment als Erfolg bewerten, in dem genügend Nutzer für erfolgreiches soziales Data Mining da sind. Und da dürften die Anwendungen, die über die API laufen werden (denke an WebApps etc.) , schon nochmal einen Schub bewirken. Vom ungleich flüssigeren, wenn auch – da geb ich Dir recht – schwerer zu begreifenden Interface ganz abgesehen.

  5. Als erstes zu „Twitter“: Da redet praktisch niemand. Twitter ist quasie nur ein Branchendienst. Eine Insider-Maschine. Die Betonprisma unter den Webanwendungen. Kaum jemand meiner Freunde, die nicht im Netz arbeiten, kennt Twitter, geschweige denn, dass er einen Account hat.

    Dann zum „Digitaler Raum“. Auch die Metapher ist halt nur eine Metapher und daher irreleitend und verkürzend. Das Netz ist v.a. drei Dinge: Text, Datenbanken (voller Text) und einfache Mathematik. Völlig abstrakt. Metapher, die uns helfen sollen, das irgendwie gegriffen zu bekommen, fallen sich früher oder später immer selbst in den Rücken.

    Und zum Schluß zu Google+. Mein Freund der Powerbookblogger hat das bisher klügste zu Google+ geschrieben, das ich gelesen habe (und praktisch sofort danach habe ich aufgehört mehr darüber zu lesen, weil es mich nicht mehr interessiert hat): „Google zieht die Schlinge jetzt mal ganz gekonnt zu.„. Ganz genau. Jetzt all die schönen Daten, die Google von uns schon seit so langen Jahren sammle aus all den schönen Diensten in der einen Über-Anwendung vereinen, in der Klasse von Anwendungen die nach dem Konzept „Suchmaschine“ das zweiterfolgreichste im Netz ist: Social Network.

    Da ziehe ich lieber noch ganz schnell noch den Kopf aus der Schlinge, bevor es zu spät ist.
    Und ich gebe gerne zu, dass diese Reaktion vermutlich auch etwas mit Müdigkeit zu tun hat und mit der Vorsicht und der Abneigung gegen alles Neue, das mit dem „Alter“ kommt.

    Dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich liebe das Netz immer noch. Ich möchte nirgendwo anders mein Geld verdienen. Aber. Ich habe nur dieses ganze Web 2.0 über. Ich glaube, die Fortschritte, an denen es sich teilzuhaben lohnt, passieren jenseits davon.

    Um mal ein Beispiel zu bringen: Ich habe neulich mal Einschaltquoten gesehen. Die ersten Plätze sind fest in der Hand der Privatsender. Das hätte ich schlicht nicht für möglich gehalten, als Ende der 80er Björn-Hergen Schimpf und Karlchen in meinen Fernseher Spaß gemacht haben. Ja. Die Privatsender dominieren das deutsche Fernsehen. Arbeiten will ich da trotzdem nicht. Und anschauen tue ich es mir schon lange nicht mehr.

  6. dvg

    Ich weiß jetzt, was das Problem ist: Ich begreife nicht, woher die Inhalte in meinen Kreis-Streams kommen sollen. Entweder habe ich die Twitter-Importfunktion nicht gefunden oder es gibt sie nicht. Um vom Hauptnachrichten-Kanal Twitter aber mit einem Boot in den Nebenarm zu schippern, brauche ich dort mehr Wasser. Wenn du verstehst, was ich meine, joha!

  7. Verstehe ich schon, ich nehme aber an, dass +1 bald auch im Stream auftauchen wird. Und wie gesagt: Auch in der Bar ist um 20 Uhr meistens noch nicht so viel los, um 21 Uhr kann das anders aussehen. Wie gesagt: Rein von der Userzahl wird sich der Erfolg in Grenzen halten, aber die Nische für Google Plus sehe ich.

  8. Grundsätzlich muss ich Joha latürnich zustimmen. Nicht einmal eine Woche nach dem Launch eines Social Networks auf dessen Erfolg zu schließen ist absurd. Selbst wenn es ein Google-Produkt ist. Ich meine … was hast Du denn erwartet, was da aus dem Stand heraus los sein soll?

    Und ich finde Johas Club-Metapher und Hakans Hinweis auch gar nicht so schlecht: Social Networks haben meiner bescheidenen Meinung nach viel weniger mit Funktionen und Mehrwert zu tun, als mit Mode. Anders ist ja kaum zu erklären warum in einem Jahr der Myspace, der Tresor und Levis in sind und im nächsten Jahr StudiVZ, das Berghain und Carhartt …

  9. Oh, das war ja gar kein Vergleich. Ich las: „warum in einem Jahr MySpace der Tresor und Levis in einem ist“. Ne Mischung aus Tresor und Levis-Jeans wäre nämlich schon eine geniale Sache, aber das nur am Rande.

  10. Hi Dirk, danke für den Artikel und schönes neues Blog-Layout! Bin seit heute auch bei Google+ und bin gespannt, wie schnell aus dem leer voll und aus dem zu viel angemessen wird :-)

  11. dvg

    Vielen Dank für die Hinweise (und Grüße). Wenn ich ehrlich bin, hab ich das ja genau deswegen aufgeschrieben – um zu verstehen, wie Ihr mit GooglePlus umgeht. Bin sehr gespannt, wie es weitergeht …

  12. Pingback: Yours to discover: das neue Twitter | Digitale Notizen

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