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Geburt einer neuen Art von Journalismus

Der Ausschuss Kultur und Medien hat sich gestern mit Qualitätsproblemen im Journalismus und ihren Ursachen beschäftigt. Der Zeit-Kollege Wolfgang Blau hat dabei fulminant sieben Mythen über den Online-Journalismus widerlegt. Dabei sagt er unter anderem:

Sie können im Netz versuchen, die in ihrem Genre beste Website zu werden oder die reichweitenstärkste. Beides sind legitime Ziele. Diese beiden Ziele schließen sich aber aus.

Das kann man in der Aufzeichnung anschauen. Die Mythen lauten:

Mythos 1: Blog stellen eine Gefahr für traditionelle Medien dar.
Mythos 2: Google ist Schuld am Niedergang der Tageszeitungen.
Mythos 3: Nur Print- und Broadcastmedien können für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Meinungspluralismus sorgen.
Mythos 4: Der Online-Journalismus hat noch kein Geschäftsmodell.
Mythos 5: Als Medienplattform begünstigt das Internet eine Boulevardisierung des Journalismus.
Mythos 6: Würde es die öffentlich-rechtlichen Online-Auftritte nicht geben, hätten die kommerziell betriebenen Websites in Deutschland sehr viel bessere Chancen, profitabel zu werden.
Mythos 7: Mit dem wirtschaftlichen Niedergang einiger klassischer Medien droht auch das Ende des Journalismus und eine substanzielle Gefahr für die Demokratie.

In seinem Fazit sagt er: “ Ja, die Zukunft des Journalismus ist ungewiss. Ja, es werden vorraussichtlich viele Arbeitsplätze in der Branche verloren gehen und das ist eine sozialpolitische Aufgabe.“ Blau sieht aber auch deutliche Hinweise auf „dass wir gerade dabei sind, die Geburt einer neuen anderen Art von Journalismus zu erleben“.

25 Tipps fürs gute Schreiben

Der Guardian hat eine Manifesto for the simple scribe veröffentlicht, das der ehemalige Guardian-Redakteur Tim Radford vor 15 Jahren in Form von 25 Tipps fürs gute Schreiben verfasst hat. Alle 25 Punkte sind lesenswert und erstaunlich aktuell. Meine drei Favoriten:

>> If in doubt, assume the reader knows nothing. However, never make the mistake of assuming that the reader is stupid. The classic error in journalism is to overestimate what the reader knows and underestimate the reader’s intelligence.

>> Don’t even start writing till you have decided what the one big thing is going to be, and then say it to yourself in just one sentence. Then ask yourself whether you could imagine your mother listening to this sentence for longer than a microsecond before she reaches for the ironing. Should you try to sell an editor an idea for an article, you will get about the same level of attention, so pay attention to this sentence. It is often – not always, but often – the first sentence of your article anyway.

>> Read. Read lots of different things. Read the King James Bible, and Dickens, and poems by Shelley, and Marvel Comics and thrillers by Chester Himes and Dashiel Hammet. Look at the astonishing things you can do with words. Note the way they can conjure up whole worlds in the space of half a page.

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Abgabetermine

Ich habe es hier bereits angedeutet: Es war etwas ruhiger in den Digitalen Notizen in den vergangenen Tagen. Das lag neben der Vorbereitung meines Vortrags gestern in Tutzung vor allem daran, dass ich gerade meinen Beitrag für Christian Jakubetz‘ Journalismusbuch fertigstelle. Das erzähle ich deshalb hier, weil Christian mit ersten Leseproben schon ordentlich Druck ausübt, aber vor allem, weil er gerade nach einem Titel für das Buch sucht. Bitte liefert ihm gute Vorschläge – hier!

Das Drama der Demokratisierung

In der aktuellen Ausgabe des (im übrigen sehr schön gerelaunchten) Zeit-Magazins kann man Bilder der Nichten und Neffen von Peter Brodbeck sehen. Es sind schwarz-weiß Aufnahmen aus den frühen 1970er Jahren, die (so die Ankündigung) „hier“ zum ersten Mal gezeigt werden. In der gleichen Ausgabe schreibt der Gastronomiekritiker Wolfram Siebeck, dass er Foodblogs nicht mag.

Das hat zunächst wenig miteinander zu tun, mir fiel allerdings bei der Lektüre etwas auf, was über die Kinderbilder der Familie Brodbeck und die Netz-Interessen von Herrn Siebeck hinaus weisen könnten.

Ich weiß nicht genau, welchen Ausbildungsweg ein Gastronomiekritiker gewöhnlich durchläuft. Ich habe aber mal gehört, dass diejenigen, die den Beruf dann ausüben, nichts so sehr ablehnen, wie das Urteil „lecker“ über ein Gericht. „Lecker“ ist nämlich eine Einschätzung, zu der jedermann gelangen kann. Ein Gastronomiekritiker hingegen ist nicht jedermann, sondern eine herausgehobene Person; jemand, der für eine Zeitung oder ein Magazin öffentlich beurteilen darf, wie etwas zubereitet ist. Das Problem dabei: Natürlich muss auch ein gewöhnlicher Jedermann essen und natürlich gelangt auch eine durchschnittliche Jedermanns-Zunge zu einem Geschmacksurteil.

Einem Gastronomiekritiker muss deshalb daran gelegen sein, sich von diesen durchschnittlichen Einschätzungen zu unterscheiden. Das kann durch fachliche Qualifikation und Transparenz im Urteil gelingen oder durch Mechanismen, die das eigene Werturteil von der durchschnittlichen Mindermeinung abgrenzen. Es ist also kaum verwunderlich, dass Wolfram Siebeck „wenig Geschmack an Foodblogs“ findet, wie der (online noch nicht verfügbare) Text angekündigt ist (Warum man einen solchen Text im Jahr 2011 dennoch druckt, ist eine andere Frage, um die es mir hier nicht geht).

Foodblogs sind nämlich der Katalysator für das grundsätzliche Problem des Kritikers: Sie sind die Instrumente, mittels derer der mindermeinende Durchschnitt seine Einschätzungen in die Öffentlichkeit bläst. Damit raubt er dem Gastronomiekritiker das vormals selbstverständliche Privilleg, seine Einschätzungen veröffentlichen zu können. Das kann heute jeder. Die Demokratisierung der Publikationsmittel hat dazu geführt, dass dem gewöhnlichen Hobby-Kritiker die gleichen Veröffentlichungs-Instrumente (in unterschiedlicher Skalierung) wie dem Profi-Meiner zur Verfügung stehen. Jedermann kann nun sehen, dass zum Beispiel das sehr empfehlenswerte Münchner Foodblog delicious:days interessante Texte, tolle Fotos und lesenswerte Essens-Einschätzungen veröffentlicht (und dafür bereits 2006 z.B. in der Time-Liste der 50 Coolest Websites erwähnt wurde). Auf der Seite gibt es sogar klassische journalistische Formen wie dieses Interview mit dem Koch Rene Redzepi. Darüber urteilt Siebeck:

Die ungewöhnliche Länge des Interviews mit dem Starkoch bedeutet leider nicht, dass man etwas Neues aus der Welt der Drei-Sterne-Küche erführe.

Warum hält ein derart renommierter Kritiker wie Wolfram Siebeck es für nötig, ein solches Urteil über ein Blog zu veröffentlichen? Warum widmet er sich im folgenden dem What’s For Lunch Honey?-Blog und den in beiden Fällen offenbar für ihn uninteressanten Leserkommentaren dort? Gibt es nicht auch in anderen Medien Interviews oder Lesermeinungen, die dem Kritiker nicht gefallen? Würde er darüber ebenfalls schreiben? (Das könnte er übrigens durchaus an der eigenen Haustüre tun, wenn man sich zum Beispiel die Debatte unter seiner letzten Kolumne anschaut, in der er allerdings schweigt).

Ich glaube die Antwort hängt mit den eingangs erwähnten Kinderfotos zusammen. Die werden nämlich nur deshalb abgedruckt, weil sie das Ergebnis der ersten fotografischen Versuche von Peter Lindbergh sind, der unter dem Namen Brodbeck geboren wurde, und in den frühen 1970er Jahren seine Neffen und Nichten ablichtete. Lindbergh ist einer der prominetesten Vertreter eines Berufs, der die gleichen Probleme teilt wie der Gastronomiekritiker. Peter Lindbergh ist Fotograf. Und die Kinderbilder im Zeit-Magazin illustrieren sehr anschaulich: auch die Fotografie ist in den vergangenen Jahren demokratisiert worden. Die massenhafte Verbreitung von Digitalkameras und Knips-Telefonen hat Fotografiermittel ähnliche demokratisiert wie das Internet die Publikationsmittel. Technisch kann nun jedermann fotografieren so wie jedermann meinen kann – und beide können das auch veröffentlichen.

Folgt man der Logik des unlängst zitierten Nick Bilton über die Auswirkungen der Digitalisierung, kann man zusammenfassen: Gastronomiekritiker, Fotografen, Journalisten, ja alle Storyteller, stehen durch die Demokratisierung ihres Berufsbildes vor einer grundlegenden Herausforderung. Das kann man ablehnen, verurteilen oder uninteressant finden, man wird es aber nicht ändern können. Und es wird, so Bilton, auch nicht rückgängig zu machen sein.

Selbstverständlich weiß ich, dass nur weil jedem die Technik zur Verfügung steht, nicht jeder auch Fotograf, Journalist oder Kritiker ist. Natürlich weiß ich um die Qualifikationsstufen der gängigen Berufspraxis und klar kenne ich den Unterschied zwischen können und können. Mir geht es vielmehr um die Frage, wie die professionellen Storyteller (ich verwende diesen Sammelbegriff in Anlehnung an die sehr gute Herleitung von Nick Bilton) auf die Demokratisierung ihres Berufes reagieren, welche Position sie einnehmen, wie sie mit den ebenfalls erzählenden, meinenden, fotografierenden Nutzern umgehen. Kurzum es geht um die Frage, woraus sich künftig Autorität im besten Wortsinn speist, wenn es nicht mehr das Publikations-Privileg ist.

Es gibt zwei Wege, wie man mit diesen Veränderungen umgehen kann und beide fand ich dieser Tage in meiner Twitter-Timeline. Zum einen handelt es sich um den Hinweis auf eine Schreibwerkstatt, die mit einem Text angekündigt wird, der die rhetorische Meisterleistung vollbringt, eine Unterrichtseinheit zum Schreiben anzukündigen und gleichzeitig festzustellen, dass diese Kunst für Unterricht eigentlich untauglich ist:

Niemand kann es lernen und niemand kann es lehren: das Schreiben. Man hat die Gabe oder man hat sie nicht. Das zuständige Talent ist so ungerecht verteilt wie schöne Augen, wie ein rasant funktionierendes Hirn, wie noch schöner singen als Caruso.

Diese Haltung erhebt das Schreiben (allgemeiner: das Storytelling) zu einer Kunstform, die man keinesfalls als Handwerk erlernen kann, sondern wie eine Augenfarbe als Gottes Gabe geschenkt bekommt. Wer sie besitzt, ist erkennbar von denen zu unterscheiden, die diese Gabe nicht erhalten haben. So zu denken ist sehr hilfreich: die oben gestellten Fragen ergeben sich dann einfach gar nicht. Man muss lediglich darauf achten, bei denen zu sein, die bestimmen, wer die richtige Augenfarbe hat …

Dass man diese Fragen auch ganz anders beantworten kann, zeigt der Hinweis auf Richard Gutjahrs Beitrag zum Ausbildungsbuch von Christian Jakubetz. In seinem Expose schreibt Richard:

Vielmehr geht es um die Frage: wie muss ich künftig mich und meine Arbeitsweise transparent machen, um vielleicht nicht objektiv, dafür aber glaubwürdig zu sein. Zu meinen, eine gute Geschichte allein genüge, der irrt.

Der Kreis schließt sich erstaunlicherweise übrigens wieder beim Essen. Ich denke nämlich, dass die Medienbranche (allgemeiner: die Storyteller) gerade eine Veränderung durchlaufen, die in anderen Branchen bereits abgeschlossen ist. Die Demokratisierung der Küchenmittel ist zum Beispiel nicht nur gemeinhin akzeptiert, sie hat auch keineswegs zum Ende des Kochberufs geführt.

Dennoch kann man sich nur schwer einen profesionellen Koch vorstellen, der öffentlich erklärt, „wenig Geschmack“ an einer privat angerichteten Speise zu finden und überhaupt in diesem von einem Amateur zubereiteten Mahle nichts Neues entdeckt zu haben. Ein guter Koch unterscheidet sich durch andere Kriterien von den Hobby-Köchen am heimischen Herd als durch die Tatsache, dass er sich über diese erhebt. Wer könnte das besser wissen als Gastronomiekritiker …

Wie ist WikiLeaks zu bewerten?

Es vergeht kein Tag ohne neue Veröffentlichungen rund um Wikileaks. Damit meine ich nicht die Nachrichten über das Schicksal von Julian Assange oder den Inhalt der Dokumente, sondern vor allem die Meldungen drumherum. Da ich in dieser Woche für jetzt.de das ABC des digitalen Krieges aufgeschrieben habe (das sich vor allem mit der Anonymous-Bewegung befasst), habe ich ein paar Links und Verweise zum Thema angesammelt, die es sich lohnt aufzuheben.

Zum Einstieg ein kleiner Film, der zusammenfasst, worum es inhaltlich bei Cablegate eigentlich geht:



Was das jedoch zu bedeuten hat, darüber ist man sich nicht so einig:

Im Interview mit DRS 4 aktuell kritisiert Hans Leyendecker, dass Rohmaterial ungeprüft ins Netz gestellt wird und sagt:

Mit investigativem Journalismus hat das nichts zu tun.

Im Blog der ARD-Sendung Monitor schreibt Sonia Seymour Mikich, Warum Internetplattformen wie Wikileaks der Demokratie dienen. Sie hält Wikileaks für einen „Weckruf für klassische Medien, über ihr Selbstverständnis nachzudenken“ und schreibt:

Investigativer Journalismus ist im besten Sinne anti-autoritär, unsere Verantwortung läuft nicht darauf hinaus, die Mächtigen zu schonen. Die neue Arbeitsteilung zwischen den klassischen Medien und Whistleblower-Plattformen (Wikileaks wird nicht die einzige bleiben) organisiert Transparenz auf einer nie dagewesene Ebene. Und weil Journalisten Staatsbürger sind, nicht Staatsträger, dürfen wir uns von Warnrufen interessierter Seiten nicht kirre machen lassen. Die Wikileaks-Enthüllungen beenden weder die Diplomatie, noch die Vertraulichkeit zwischen Regierungen. Sie machen Journalismus nicht überflüssig, im Gegenteil. Unsere Aufgabe sauber zu recherchieren, Quellen zu prüfen, Sensationalismus zu vermeiden – sie wird noch wichtiger.

Die von Mikich angeregte Debatte übers Selbstverständnis wird in dem sehr interessanten Streitgespräch zwischen Hans Leyendecker und Philip Banse begonnen. Ich glaube, es würde sich lohnen wenn sie fortgesetzt wird.

Auch als Anregung dafür sehr dienlich: die Dokumentation WikiRebels – The Documentary sowie die Einschätzung von Clay Shirky in seinem Wikileaks and the Long Haul betitelten Text:

Der Beitrag endet mit dem Verweis auf OpenLeaks, die vom Ex-Wikileaks-Sprecher Domscheit-Berg gegründete Plattform.

Update 11. Dezember: In der Süddeutschen Zeitung schreibt Hans Leyendecker sehr lesenswert über die angesprochene Debatte und benennt die entscheidenden Fragen, die Wikileaks aufwirft.

Außerdem: Die 3Sat-Gesprächsrunde (mit dem sehr guten Sandro Gaycken) zum Thema ist jetzt online verfügbar. Leider wird hier der Fehler gemacht, gar nicht zwischen öffentlichen und privaten Daten zu unterscheiden

Wie das Internet unseren Beruf verändert

Sie sind sozusagen immer im Dienst. Und zweitens ist ihr Produkt auch nie fertig.

Aus der Anlass der Münchner Medientage widmete sich die Bayern2-Radiowelt (MP3) heute früh den Veränderungen, denen der Journalismus durch das Internet ausgesetzt ist. In dem Beitrag kommt mit dem obigen Zitat Jakob Augstein vom Freitag zu Wort – und auch ich durfte meine Meinung beisteuern, nachzuhören ab 4.40 Minuten.

Oberflächliche Herzlichkeit

Ich habe eine Menge Versammlungen miterlebt, auf denen zwar nicht der große Knall angekündigt wurde, aber Schritte in diese Richtung. Sowohl bei AP als auch bei der International Herald Tribune gab es regelmäßig Zusammenkünfte, die von einer speziellen Spannung geprägt waren: auf der einen Seite die feindselig gestimmten Journalisten, auf der anderen die oberflächliche Herzlichkeit der Manager. Sie versuchten so zu agieren, als hätten sie durchweg gute Neuigkeiten zu verkünden, obwohl jeder wusste, dass es schlechte waren. Ich habe erlebt, wie wütend Redakteure über diese für die Belegschaft sehr negativen Mitteilungen waren – nicht so wütend, dass sie ein Tier umbringen würden. Aber es war nicht schwer, sich vorzustellen, dass sie einen weiteren Schritt gehen würden, wenn sie in ihrer Existenz bedroht werden.

Tom Rachman spricht im Interview auf journalist.de über sein Buch Die Unperfekten und den Stand des internationalen Journalismus.

via

Das Buch: Wozu noch Journalismus?

In diesen Tagen erscheinen die Texte der sueddeutsche.de-Serie Wozu noch Journalismus? (an der ich Anfang Mai ebenfalls teilgenommen habe ) in Buchform. Herausgegeben wurden die Texte, die allesamt auch online zu lesen sind, vom Kollegen Hans-Jürgen Jakobs gemeinsam mit Stephan Weichert und Leif Kramp. Das Buch kostet 17,95 Euro und ich würde es kaufen, wenn es nicht schon auf meinem Tisch liegen würde.

Nein, ich werde nicht am Umsatz beteiligt, aber ich finde, dass die Beiträge einen feinen Einblick in den Zustand der Branche geben. Und der ist besser als Online-Verfechter und Netz-Skeptiker in seltener Eintracht glauben …