Alle Artikel mit dem Schlagwort “Digitalbarometer

In Deutschland ist man lieber besoffen als online

Wenn ich mit Menschen aus dem Ausland über das deutsche Verhältnis zum Digitalen spreche, fällt es mir manchmal nicht ganz leicht, die sagen wir „Zurückhaltung“ hierzulande auf den Punkt zu bringen. Wie soll man erklären, dass in Deutschland Faxgeräte noch immer äußerst beliebt sind und das Internet noch immer sehr skeptisch betrachtet wird?

In dieser Woche habe ich eine Antwort gefunden. In Form einer Plakatkampagne*, die das deutsche Verhältnis zum Digitalen sehr gut auf den Punkt bringt. Werbung ist in der Lage gesellschaftliche Stimmungen gut einzufangen. Es würde ja niemand viel Geld für eine out-of-home-Kampagne aufwenden, um dort Sätze zu plakatieren, die völlig gegen eine Bevölkerungsmeinung gehen. Im Gegenteil, die Aussagen auf Plakaten sollen ja Stimmungen zusammenfassen und ein gutes Gefühl geben (mehr zu dem Thema im Podcast „Wirbt das?“). Die Stimmung, die eine Schnappsfirma gerade in meiner Stadt (in der in dieser Woche das Oktoberfest startet) plakatiert, lässt sich so zusammenfassen:

In Deutschland ist man lieber besoffen als online

Im Original heißt es auf den Plakaten „Mehr Fässer als Follower“ und „Mehr Prosten statt Posten“ (oder auch „Wir mögen Ausgeber nicht Angeber“) – und damit soll nicht der Misserfolg der Schnappsfirma in Social-Media beschrieben werden. Es geht um ein Lebensgefühl, das man deutlich als anti-digital zusammenfassen kann. Diese Kampagne nutzt die digital konnotierten Begrriffe „Follower“ und „Posten“ zur Abgrenzung und zur positiven Bewertung für eine Tätigkeit, die erkennbar besser und wertvoller sein soll: Alkohol-Konsum!

Ich will hier gar nicht über die gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums sprechen, wenngleich dies im Angesicht des gesellschaftlich äußerst positiv konnotierten Trinkgelages auf der Theresienwiese durchaus angemessen wäre (auf der Seite kenn-dein-limit.de gibt es dazu einen anklagend-ehrlichen Tippfehler in diesem Satz, in dem ihre groß geschrieben ist „Jährlich sterben in Deutschland über 20.000 Menschen an den Folgen Ihres Alkoholkonsums.“)
Ich will viel lieber darüber sprechen, was das für ein Land sein muss, in dem es völlig normal zu sein scheint, sich sogar saufend über digitale Techniken zu erheben? Wie kommt man auf die Idee das zugegeben manchmal nervige Posten für weniger problematisch zu halten als das Prosten, in dessen Folge jährlich 20.000 Menschen sterben?

Wäre dieses Land ein Mensch, man würde diesem freundschaftlich die Hand auf die Schulter legen und sagen: „Deutschland, krieg mal deine Digital-Phobie in den Griff. Gib doch auch mal Dingen eine Chance, die nicht schon deine Großeltern gut fanden.“

* über die Kampagne findet man online übrigens diese Info: „Umfangreiche Out-of-Home-Maßnahmen laufen in insgesamt 33 deutschen Städten – Schwerpunkte sind Hamburg, Berlin, Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart und München. Der Höhepunkt der Kampagne liegt zwischen Mitte September und Anfang Oktober. Online- und Offline-Werbung sowie Aktivitäten in den sozialen Medien ergänzen den Auftritt.“ Auf die Website zur Kamapgne verlinke ich hier nicht, sie ist nämlich nicht frei zugänglich, man muss vorab eine Altersfreigabe anklicken. Der Vollständigkeit halber muss jedoch erwähnt werden, dass Trinkerinnen und Trinker zu einem späteren Zeitpunkt der Kampagne aufgefordert werden, echte Trink-Momente auf Social-Media zu teilen…

Mein digitaler Fortschrittzähler: das bidt-SZ-Digitalbarometer

In dieser Woche wurde in den beeindruckenden Räumlichkeiten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften am Münchner Hofgarten eine Idee vorgestellt, die mich schon sehr lange beschäftigt. Gemeinsam mit dem bidt (Bayerisches Forschungsinstitut für digitale Transformation) hat das SZ-Institut ein Instrument entwickelt, das hilft, aus der abstrakten Forderung nach mehr Digitalisierung konkrete Potenziale aufzuzeigen: das bidt-SZ-Digitalbarometer ermittelt auf Basis des DigCompSAT einen Maßstab für die eigenen digitalen Stärken und Schwächen.

In allen Gesprächen, die ich über das Internet und seine Folgen für die Gesellschaft geführt habe (und ich spreche oft genau darüber), tauchte immer wieder eine Frage auf, für die es keine Antwort gab: Wo genau stehen wir denn? Denn eine Grundlage für eine Einschätzung der eigenen Fähigkeiten gab es bisher nicht (war mir jedenfalls nicht bekannt). Dank des bidt-SZ-Digitalbarometer gibt es jetzt nicht nur einen Gradmessser für die eigenen Fähigkeiten – es gibt auch einen repräsentativen Vergleichswert.

So kann nicht nur jede:r für sich selbst messen, welche Fähigkeiten in den Kompetenzbereichen Umgang mit Informationen und Daten, Kommunikation und Zusammenarbeit, Erzeugen von digitalen Inhalten, Sicherheit und Problemlösungs-Kompetenz vorliegen – es gibt auch die Möglichkeit, sich mit dem deutschen Durchschnitt zu vergleichen.

Hier das Digitalbarometer selbst ausprobieren