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Das Drama der Demokratisierung

In der aktuellen Ausgabe des (im übrigen sehr schön gerelaunchten) Zeit-Magazins kann man Bilder der Nichten und Neffen von Peter Brodbeck sehen. Es sind schwarz-weiß Aufnahmen aus den frühen 1970er Jahren, die (so die Ankündigung) „hier“ zum ersten Mal gezeigt werden. In der gleichen Ausgabe schreibt der Gastronomiekritiker Wolfram Siebeck, dass er Foodblogs nicht mag.

Das hat zunächst wenig miteinander zu tun, mir fiel allerdings bei der Lektüre etwas auf, was über die Kinderbilder der Familie Brodbeck und die Netz-Interessen von Herrn Siebeck hinaus weisen könnten.

Ich weiß nicht genau, welchen Ausbildungsweg ein Gastronomiekritiker gewöhnlich durchläuft. Ich habe aber mal gehört, dass diejenigen, die den Beruf dann ausüben, nichts so sehr ablehnen, wie das Urteil „lecker“ über ein Gericht. „Lecker“ ist nämlich eine Einschätzung, zu der jedermann gelangen kann. Ein Gastronomiekritiker hingegen ist nicht jedermann, sondern eine herausgehobene Person; jemand, der für eine Zeitung oder ein Magazin öffentlich beurteilen darf, wie etwas zubereitet ist. Das Problem dabei: Natürlich muss auch ein gewöhnlicher Jedermann essen und natürlich gelangt auch eine durchschnittliche Jedermanns-Zunge zu einem Geschmacksurteil.

Einem Gastronomiekritiker muss deshalb daran gelegen sein, sich von diesen durchschnittlichen Einschätzungen zu unterscheiden. Das kann durch fachliche Qualifikation und Transparenz im Urteil gelingen oder durch Mechanismen, die das eigene Werturteil von der durchschnittlichen Mindermeinung abgrenzen. Es ist also kaum verwunderlich, dass Wolfram Siebeck „wenig Geschmack an Foodblogs“ findet, wie der (online noch nicht verfügbare) Text angekündigt ist (Warum man einen solchen Text im Jahr 2011 dennoch druckt, ist eine andere Frage, um die es mir hier nicht geht).

Foodblogs sind nämlich der Katalysator für das grundsätzliche Problem des Kritikers: Sie sind die Instrumente, mittels derer der mindermeinende Durchschnitt seine Einschätzungen in die Öffentlichkeit bläst. Damit raubt er dem Gastronomiekritiker das vormals selbstverständliche Privilleg, seine Einschätzungen veröffentlichen zu können. Das kann heute jeder. Die Demokratisierung der Publikationsmittel hat dazu geführt, dass dem gewöhnlichen Hobby-Kritiker die gleichen Veröffentlichungs-Instrumente (in unterschiedlicher Skalierung) wie dem Profi-Meiner zur Verfügung stehen. Jedermann kann nun sehen, dass zum Beispiel das sehr empfehlenswerte Münchner Foodblog delicious:days interessante Texte, tolle Fotos und lesenswerte Essens-Einschätzungen veröffentlicht (und dafür bereits 2006 z.B. in der Time-Liste der 50 Coolest Websites erwähnt wurde). Auf der Seite gibt es sogar klassische journalistische Formen wie dieses Interview mit dem Koch Rene Redzepi. Darüber urteilt Siebeck:

Die ungewöhnliche Länge des Interviews mit dem Starkoch bedeutet leider nicht, dass man etwas Neues aus der Welt der Drei-Sterne-Küche erführe.

Warum hält ein derart renommierter Kritiker wie Wolfram Siebeck es für nötig, ein solches Urteil über ein Blog zu veröffentlichen? Warum widmet er sich im folgenden dem What’s For Lunch Honey?-Blog und den in beiden Fällen offenbar für ihn uninteressanten Leserkommentaren dort? Gibt es nicht auch in anderen Medien Interviews oder Lesermeinungen, die dem Kritiker nicht gefallen? Würde er darüber ebenfalls schreiben? (Das könnte er übrigens durchaus an der eigenen Haustüre tun, wenn man sich zum Beispiel die Debatte unter seiner letzten Kolumne anschaut, in der er allerdings schweigt).

Ich glaube die Antwort hängt mit den eingangs erwähnten Kinderfotos zusammen. Die werden nämlich nur deshalb abgedruckt, weil sie das Ergebnis der ersten fotografischen Versuche von Peter Lindbergh sind, der unter dem Namen Brodbeck geboren wurde, und in den frühen 1970er Jahren seine Neffen und Nichten ablichtete. Lindbergh ist einer der prominetesten Vertreter eines Berufs, der die gleichen Probleme teilt wie der Gastronomiekritiker. Peter Lindbergh ist Fotograf. Und die Kinderbilder im Zeit-Magazin illustrieren sehr anschaulich: auch die Fotografie ist in den vergangenen Jahren demokratisiert worden. Die massenhafte Verbreitung von Digitalkameras und Knips-Telefonen hat Fotografiermittel ähnliche demokratisiert wie das Internet die Publikationsmittel. Technisch kann nun jedermann fotografieren so wie jedermann meinen kann – und beide können das auch veröffentlichen.

Folgt man der Logik des unlängst zitierten Nick Bilton über die Auswirkungen der Digitalisierung, kann man zusammenfassen: Gastronomiekritiker, Fotografen, Journalisten, ja alle Storyteller, stehen durch die Demokratisierung ihres Berufsbildes vor einer grundlegenden Herausforderung. Das kann man ablehnen, verurteilen oder uninteressant finden, man wird es aber nicht ändern können. Und es wird, so Bilton, auch nicht rückgängig zu machen sein.

Selbstverständlich weiß ich, dass nur weil jedem die Technik zur Verfügung steht, nicht jeder auch Fotograf, Journalist oder Kritiker ist. Natürlich weiß ich um die Qualifikationsstufen der gängigen Berufspraxis und klar kenne ich den Unterschied zwischen können und können. Mir geht es vielmehr um die Frage, wie die professionellen Storyteller (ich verwende diesen Sammelbegriff in Anlehnung an die sehr gute Herleitung von Nick Bilton) auf die Demokratisierung ihres Berufes reagieren, welche Position sie einnehmen, wie sie mit den ebenfalls erzählenden, meinenden, fotografierenden Nutzern umgehen. Kurzum es geht um die Frage, woraus sich künftig Autorität im besten Wortsinn speist, wenn es nicht mehr das Publikations-Privileg ist.

Es gibt zwei Wege, wie man mit diesen Veränderungen umgehen kann und beide fand ich dieser Tage in meiner Twitter-Timeline. Zum einen handelt es sich um den Hinweis auf eine Schreibwerkstatt, die mit einem Text angekündigt wird, der die rhetorische Meisterleistung vollbringt, eine Unterrichtseinheit zum Schreiben anzukündigen und gleichzeitig festzustellen, dass diese Kunst für Unterricht eigentlich untauglich ist:

Niemand kann es lernen und niemand kann es lehren: das Schreiben. Man hat die Gabe oder man hat sie nicht. Das zuständige Talent ist so ungerecht verteilt wie schöne Augen, wie ein rasant funktionierendes Hirn, wie noch schöner singen als Caruso.

Diese Haltung erhebt das Schreiben (allgemeiner: das Storytelling) zu einer Kunstform, die man keinesfalls als Handwerk erlernen kann, sondern wie eine Augenfarbe als Gottes Gabe geschenkt bekommt. Wer sie besitzt, ist erkennbar von denen zu unterscheiden, die diese Gabe nicht erhalten haben. So zu denken ist sehr hilfreich: die oben gestellten Fragen ergeben sich dann einfach gar nicht. Man muss lediglich darauf achten, bei denen zu sein, die bestimmen, wer die richtige Augenfarbe hat …

Dass man diese Fragen auch ganz anders beantworten kann, zeigt der Hinweis auf Richard Gutjahrs Beitrag zum Ausbildungsbuch von Christian Jakubetz. In seinem Expose schreibt Richard:

Vielmehr geht es um die Frage: wie muss ich künftig mich und meine Arbeitsweise transparent machen, um vielleicht nicht objektiv, dafür aber glaubwürdig zu sein. Zu meinen, eine gute Geschichte allein genüge, der irrt.

Der Kreis schließt sich erstaunlicherweise übrigens wieder beim Essen. Ich denke nämlich, dass die Medienbranche (allgemeiner: die Storyteller) gerade eine Veränderung durchlaufen, die in anderen Branchen bereits abgeschlossen ist. Die Demokratisierung der Küchenmittel ist zum Beispiel nicht nur gemeinhin akzeptiert, sie hat auch keineswegs zum Ende des Kochberufs geführt.

Dennoch kann man sich nur schwer einen profesionellen Koch vorstellen, der öffentlich erklärt, „wenig Geschmack“ an einer privat angerichteten Speise zu finden und überhaupt in diesem von einem Amateur zubereiteten Mahle nichts Neues entdeckt zu haben. Ein guter Koch unterscheidet sich durch andere Kriterien von den Hobby-Köchen am heimischen Herd als durch die Tatsache, dass er sich über diese erhebt. Wer könnte das besser wissen als Gastronomiekritiker …

Alle Redakteure sind Social-Media-Redakteure

Social media can’t belong to one person; it needs to be part of everyone’s job.

In dem Poynter-Artikel Why The New York Times eliminated its social media editor position wird Jennifer Preston (die bisherige Social-Media-Redakteurin der New York Times) mit diesen Worten zitiert. Preston war im Sommer 2009 auf diese Position berufen worden und berichtet in dem Text von starken Vorbehalten, denen sie sich ausgesetzt sah:

“At the beginning there was some resistance among my colleagues about using these tools. What did I hear at the very beginning? ‘Twitter is all about what people are having for lunch.’ Now, no one says that anymore.”

Wenn das stimmt, war ihre Arbeit tatsächlich erfolgreich. Poynter resümiert:

The move is part of the Times’ efforts to more fully integrate its print and digital operations. It’s also an acknowledgment that social media needs to be — and is already — a shared responsibility.

Das Lesen im Netz schließt das Verbreiten mit ein

Unter dem Titel The Hyperlink Grows Up schreibt Alexis Madrigal bei The Atlantic über eine veränderte Link-Politik bei der New York Times.

Ich bin technisch leidlich begab, was Madrigal aber da beschreibt, finde auch ich Technik-Laie spannend: Man kann mit den hinter ein # angehängten Buchstaben p h und s auf einzelne Absätze in Artikeln der New York Times verlinken und diese Sätze sogar farbig markieren. Wie genau das hier funktioniert …

… kann man in dem Text nachlesen. Dort gibt es auch den Verweis auf ein ähnliches WP-Plugin namens WinerLinks, das im Umfeld der Cuny Graduate School of Journalism in New York entwickelt wurde.

Interessant daran finde ich den Aspekt der individuellen Veränderbarkeit von Publikationen. Durch dieses Hervorheben besonderer Textstellen verschiebt sich das Bild des einen Textes, den alle gleich wahrnehmen. Damit löst sich das Pinnwand-Prinzip auf, vor die alle gleich treten und sich dort Informationen abholen. Das Internet verbreitet Inhalte anders. Wir sprechen zwar weiterhin von dem gleichen Text, durch die Hinweise in den Links wird dieser aber anders wahrgenommen, in neue Kontexte gestellt. Dass darin ein sehr spannender Aspekt dessen liegen kann, wie sich die publizistischen Voraussetzungen im öffentlichen Raum Internet verschieben, kann man an thematischen wie personenbezogenen RSS-Feeds sehen, die bereits jetzt die Mischung eines Magazins oder einer Zeitung auseinanderreißen – und zwar nach Vorgaben der Nutzer.

Wie bedeutsam diese für eine Publikation werden, sieht man allein daran, dass die NYT ihnen diese Möglichkeiten überhaupt bietet. Das Weiterverbreiten von Informationen ist so wichtig, dass eine der wichtigsten Zeitungen der Welt besondere Zugänge für die Nutzer öffnet, damit diese zu Distributoren im digitalen Raum werden können. Hat die New York Times das Nötig? Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, dass die New York Times ein Bedürfnis ihrer Leser/Nutzer erkannt hat.

Auf diese sich wandelnde Verweiskultur bezieht sich auch das Gawker-Blognetzwerk in seiner aktuellen Relaunch-Ankündigung. Dort heißt es:

Referrals from Facebook have increased sixfold since the start of the year; and audience spikes appear to be larger than ever before. We can turn more of those drive-by visitors into regulars by turning every page into a front page, as shown above.

Man muss der Großspurigkeit der Ankündigung nicht folgen (siehe dazu die gute Einschätzung bei telepolis), muss aber dennoch festhalten, was ich in der vergangenen Woche auch beim SpeedLab Journalism in Berlin bemerkte:

dass die zentrale Veränderung des Netzes der aktiv gewordene Nutzer ist. Er wird in Blogs und auf sozialen Plattformen selbst zum Sender und verbreitet in seinen eigenen Netzwerken klassische Medieninhalte (in Form von Links und Hinweisen). Damit wandelt sich nicht nur die bisherige Suchkultur des Netzes zu einer Verweiskultur, in der Leser/User Inhalte zunehmend durch Empfehlung von Freunden wahrnehmen. Es bewahrheitet sich auf diese Weise auch die Behauptung, die einem amerikanischen Collegestudenten zugeschrieben wird, der sagte: ‚Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich schon erreichen.‘ Damit hätte seine Generation die Suchkultur abgeschafft.

Das Zitat stammt aus meinem SZ-Artikel (ePaper-Link), den ich über die Veranstaltung vom vergangenen Mittwoch schrieb.

Wie reagiert man auf diese Veränderungen? Bei Gawker sieht man zwei Ansätze:

First, the creation or recognition of two different classes within the editorial teams: the curator or editor; and the producer or scoopmonger. Second, it means we have to abandon the single blog flow — and separate out the strongest stories in a zone much more substantial than the existing skyline.

Dass es notwendig ist, auf diese Verschiebungen zu reagieren, kann man übrigens feststellen, wenn man die Veröffentlichungen der Twitter-Verantwortlichen der vergangenen Tage liest. Im Gespräch mit On The Media erklärte zum Beispiel Evan Williams:

We really want to make Twitter the source of information that you check several times a day on your mobile phone. I think right now Twitter does that in the best cases, but we have a long way to go to make that really valuable.

Diese Prognose deckt sich durchaus mit dem, was ich September zum Relaunch der Plattform geschrieben habe und findet auch im Netz Unterstützung. Naumi Haque kommt mit Verweis auf die Espresso Book Machine sogar zu dem Fazit: The newspaper’s not dead, it’s just moved to Twitter.

Soweit würde ich nicht gehen, ganz sicher scheint mir aber: Das Lesen von Nachrichten im Netz schließt deren Verbreitung mit ein.

Völker, schaut auf diese Kommentarspalte!

Wann haben das letzte Mal so viele Journalisten weltweit auf die Kommentarspalte unter einem Artikel geschaut wie jetzt gerade? Vermutlich noch nie. Die Server beim Guardian scheinen jedenfalls Probleme damit zu haben, das Interesse an den Live-Antworten von Julian Assange zu bündeln.

Von überall her wird auf die Seite verlinkt, sogar Bild.de verfolgt im Live-Chat, was dort passiert (erstaunlich, dass dieser Live-Chat nahezu ohne externe Verlinkung auskommt). Und abgesehen von dem, was Assange dort wohl sagen wird, sollten wir uns diesen Moment merken. Er beweist nämlich, was die Stärke des Online-Publizierens ist:

1. Es findet live statt.
2. Es ist interaktiv.
3. Es ist verlinkbar.

Wie schön wäre es, würden wir uns dieser Stärken viel häufiger bewusst. Toll, dass der Guardian der Welt vorführt, wie es (trotz technischer Mängel) geht. Hier stellen nicht Journalisten irgendwelche Fragen, sondern die Nutzer. Und alle schauen zu.

P.S.: Wem die Wartezeit zu lang dauert, dem sei der Text von Nicolas Richter zu Julian Assange aus der heutigen SZ zur Lektüre empfohlen.

Der Medien-Doctor

Ken Doctor, Autor des Buchs Newsonomics war zu Besuch in Deutschland. Dabei hat er nicht nur über Werbung gesprochen, sondern auch Werbung gemacht – für sich. kress.de hat seine Thesen zusammengefasst, wasmitmedien hat ihn genauso interviewt wie Ulrike Langer und auch dem Kollegen Alexander von Streit hat er bei Focus Online Fragen beantwortet. Dabei sagt er durchaus spannende Dinge (die natürlich in Wahrheit nicht wirklich neu sind). Er verkennt aber einen entscheidenden Punkt in der Debatte um Medien im digitalen Raum: dass es vielleicht gar nicht nur um Nachrichten geht.

Angesprochen auf die Zukunft von Paid Content im Netz sagt er:

Es geht um die Frage, wofür die Leser zu bezahlen bereit sind. Die menschliche Natur ist gar nicht so schwer zu ergründen: Sie werden für das bezahlen, was sie wertvoll finden und nicht woanders kostenlos bekommen. Daher werden Angebote wie überregionale Wirtschaftsmedien oder lokale Wochenpublikationen mit umfassenden, tiefgehenden und eigenen Inhalten in der Lage sein, von ihren Lesern Geld zu verlangen. Sehr viel schwerer werden es Medien mit kostenfreien Konkurrenzangeboten haben, wie zum Beispiel Großstadt-Tageszeitungen in den USA.

Was er nicht sagt: Warum diese Medien es schwerer haben werden? Die Antwort lautet meiner Meinung nach: Weil sie sich (auch weil Menschen wie Doctor ihnen das raten), einzig auf Nachrichtentransport konzentrieren. Ich glaube, Medien tun viel mehr als Informationen von A nach B zu bringen. Sie versammeln Leserschaften, die miteinander verbunden sind. Diese Verbindung abzubilden, führt dazu, dass man nichtkopierbare Ereignisse schafft. Es führt dazu, dass man ein Produkt bekommt, das nicht an jeder Ecke auch umsonst finden kann. Es führt dazu, dass man sich einer Gruppe zugehörig fühlt, die sich versammelt, weil sie eine ähnliche Haltung/Ansicht/Lebenseinstellung teilt.

Vielleicht sollten wir mehr darüber reden, wie diese Haltung aussieht als über die Frage, wie man Nachrichten transportiert.

Kein Kommentar

Kersten Riechers und Tobias Reitz haben eine Präsentation über Kommentarkultur in deutschen Nachrichtenmedien ins Netz gestellt. (via )


Es kommen Roland Tichy, Markus Hofmann, Frank Thomsen und Wolfgang Blau zu Wort. Es wird kritisiert, dass Medien Kommentatoren noch immer wie Leserbrief-Schreiber behandeln und keinen echten Dialog führen. Leider wird aber nicht erläutert, warum Medien diesen Dialog suchen sollten.

Wenn der Umgang mit Leserkommentaren im Netz so ist wie mit Leserbriefen bisher, dann heißt das ja zunächst: Es ist alles wie immer. Warum sollte sich daran jetzt etwas ändern? Riecherts und Reitz liefern darauf keine befriedigende Antwort – und sie sind damit nicht alleine. Es ist dem Online-Journalismus in Gänze bisher nicht ausreichend geglückt, darzustellen, warum Journalisten sich dem Dialog mit ihren Lesern im Netz öffnen sollen. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass die (begründunslose) Behauptung, sie müssten dies tun eher dazu führt, dass die Offline-sozialisierten Kollegen sich dem versperren. Journalisten mögen nicht, wenn man ihnen sagt, sie müssten etwas tun – schon gar nicht, wenn dies nicht gut begründet ist.

Da es aber dringend nötig ist, dass dieser Dialog aufgenommen wird (Negativ-Beweise für missglückten Dialog gibt es in großer Zahl), sollten wir uns vielleicht in Zukunft mehr darauf konzentrieren, die Notwendigkeit der dialogischen Öffnung zu begründen.

Ansätze dafür habe ich im vergangenen Sommer im Rahmen von fünf Thesen zu liefern versucht. Dabei geht es mir darum – wie in einem gestern im Rahmen des IFP München geführten Interviews beschrieben – die Veränderungen der Digitialisierung neu zu denken. Vielleicht sind Medien ja mehr als bloße Inhalte-Kanäle, vielleicht müssen wir sie als Versammlungsorte (vergleichbar einem Restaurant) denken, in denen Menschen sich bewegen können. Das würde nicht nur helfen, der Paid-Content-Debatte Innovationen beizusteuern, es liefert auch einen Begründungsansatz, warum wir uns als Journalisten dem Dialog im Netz nicht entziehen können und sollen: Weil ein Restaurantbesitzer auch seinen Job verliert, wenn er sich weigert, mit den Gästen zu sprechen.

Willkommen im Filmclub

Wenn man einen Hammer hat, sagt das Sprichwort, sieht man überall Nägel. Mein Hammer heißt Leserschaft als Community. Und Nägel sehe ich beim Guardian, bei LeMonde und seit heute auch bei der New York Times. Dort startet man Anfang Januar den New York Times Flilmclub, eine Idee, die ich fast spannender finde als die (Wieder-)Einführung von Paid Content Anfang 2011 bei der NYT.

Reuters erläutert in der Meldung zum Launch:

The NYT, along with other newspapers such as the Wall Street Journal and USA Today, are launching clubs — wine is especially popular — as way to reap some extra revenue and strike a deeper relationship with readers.

via

Wir haben keine Angst

Wie das Netz auf Politik reagiert: Nach den Wahlen 2004 (als Bush Präsident blieb) sagten die Amerikaner Sorry Everybody, nach den Anschlägen auf die U-Bahn in London sagten die Briten We’re not Afraid! und nach den Terror-Warnungen des Bundesinnenministers von vergangener Woche sagt das deutschsprachige Netz Wir haben keine Angst.

Die Idee dazu stammt von Mario Sixtus, der mir heute für ein kurzes jetzt.de-Interview ein paar Fragen beantwortet hat.

Mein Beitrag zum Journalismus-Buch

Es gibt Neuigkeiten zum Buchprojekt, das Christian Jakubetz vor ein paar Wochen angestoßen hat: Neben neuen Autoren (die sich übrigens – leider ohne mich – demnächst in Berlin treffen) und neuen Ideen, gibt es bereits erste thematische Exposes. Christian hat damit begonnen, diese online zur Diskussion zu stellen. Was ich sehr gut finde. Dass er mein Expose mit mir erschreckend schmeichelnden Worten veröffentlicht, wäre hingegen nicht nötig gewesen:

Kurz nachdem er im Frühjahr als „Director of Global News“ bei der britischen BBC benannt wurde, schreibt Peter Horrocks seinen Journalisten eine Mail, in der er ihnen den grundlegenden Wandel benennt, den das so genannte soziale Web für den Beruf des Journalisten bedeutet: „Die Nutzung von Twitter und Facebook“, schreibt Horrocks, „ist nicht mehr ihrem eigenen Ermessen überlassen, sondern Bestandteil ihrer Arbeit. Es tut mir leid, aber ich muss das so sagen: Sie erledigen Ihren Job nicht anständig, wenn Sie sich damit nicht befassen.“

In meinem Kapitel möchte ich aufzeigen, dass Peter Horrocks Recht hat und dass die Rede von den so genannten sozialen Medien mehr ist als nur ein weiterer Trend des noch jungen Mediums Internet. Es geht um die ganz konkreten Folgen für die Arbeit als Journalist und Medienschaffender. Peter Horrocks beschreibt dies so: „Sie sollten die Auswirkungen dessen beobachten, wie unsere Inhalte weitergenutzt werden.“

Was heißt das konkret? Ich zeige Arbeitsbeispiele, so genannte Best Cases und Fälle, in denen der Dialog gründlich misslungen ist. Dialog heißt in diesem Kontext aber auch Weitererzählen, Sharen und Verbreiten. Deshalb wird es in meinem Kapitel auch um die Frage gehen, wie das Verteilen der eigenen Informationen und Texte über Twitter, Facebook und vergleichbare Kanäle unsere Vorstellung vom Helikopter-Journalismus (Tichy) verändert.

Wer meine Einträge in diesem Blog liest, wird von dem Expose nicht überrascht sein. Es folgt den Ansätzen, die ich in diesem Wintersemester auch in einem Seminar an der LMU in München bespreche. Es geht mir darum, das Internet als Kommunikationsinstrument zu verstehen, das den Dialog in den Mittelpunkt rückt. Es geht um das soziale Wissen, den aktiven Rezipienten und die Leserschaft als Community. Vieles davon habe ich in meinen Krisen-Thesen zusammengefasst, einiges verdient eine Aktualisierung und manches vielleicht auch Widerspruch. Deshalb weise ich hier auf Christians Blogeintrag hin und auf das Kommentarfeld unter diesem Eintrag: Wer Hinweise, Krititik oder Widerspruch hat, ist eingeladen, mein Expose zu kommentieren!

Short Introduction to the Retweet Economy

Retweeting a Name is a way of showing how well-read you are, how up on current events you are, how correct your politics are, or who you (sort of) know.

Unter dem Titel It’s Not What You Tweet, It’s Who You Tweet schreibt Dave Mandl eine „Short Introduction to the Retweet Economy“. Dabei stellt er interessante Beobachtungen an wie

In fact there are people who will retweet the most mundane crap imaginable if it came from a Name–the Twitter equivalent of the tried-and-true career strategy of laughing at your manager’s unfunny jokes.

In Kategorie: Netz