Fünf Lehren aus dem Zoomer-Ende

DAS ist das eigentlich Schlimme am Scheitern von zoomer.de – neben den vielen Hoffnungen und persönlichen Biografien, die unter dem Ende leiden müssen. Dass sich offenbar junge Menschen nicht mehr für das interessieren, was draußen vorgeht.

In der Debatte ums Ende von Zoomer.de äußert sich der Zeit-Digital-Geschäftsführer Peter Neumann auf turi-2.blog in den Kommentaren. Ich glaube nicht, dass seine kulturpessimistische Analyse trifft (nicht nur, weil sie wirkt wie der bockige Kommentar eines Bäckers, der zu dem Schluß kommt, dass die Leute grundsätzlich nichts mehr mehr essen, nur weil sie bei ihm nicht einkaufen). Ich glaube vielmehr, dass man andere Schlüsse aus dem Ende von Zoomer ziehen kann – ich würds mal mit diesen fünf versuchen:

1. Nachrichten sind kein StartUp-Business
Gerade für junge Leser funktionieren Nachrichten nicht nach dem Prinzip sozialer Netzwerke. Friendster, StudiVZ oder Facebook können aus dem Nichts kommen, sie wirken sogar interessanter, wenn mit ihnen die Geschichte junger Selbstausbeuter verbunden ist, die in Badeschlappen rumlaufen. Für Nachrichten funktioniert diese StartUp-Mentalität offenbar nicht. Hier zählen vielmehr Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit.

2. Glaubwürdigkeit kann man nicht kaufen
Die Attribute, die man den oftmals (und meist zu Unrecht gescholtenen) klassischen Medien zuschreibt, können nicht einfach durch die Verpflichtung eines berühmten Journalisten erworben werden. Glaubwürdigkeit entsteht durch eine gewachsene Medienmarke. Vertrauen erwächst nur auf Dauer. Diese Zeit muss man einem Magazin – zumal mit diesem ungewöhnlichen Ansatz – geben, damit Verlässlichkeit entstehen kann. Zoomer hat das Gegenteil versucht: eine Verlängerung der StudiVZ-Community zu einem werberelevanten Umfeld.

3. Junge Leser sind klüger als einige Medienmacher annehmen
Genau das haben viele Nutzer vielleicht einfach gemerkt: Hier geht es nur darum, den Traffic von StudiVZ zu monetarisieren. Es geht nicht um so etwas vermeintlich Altmodisches wie eine publizistische Haltung. Deshalb haben sich diese Leser die Informationen über das, „was draußen vorgeht“, vielleicht einfach auf anderen Wegen als über eine einzelne Website beschafft. Die Rede vom aktiven Rezipienten, der Medieninhalte nach eigenen Vorstellungen nutzt und weiterverwendet, ist vielleicht mittlerweile für mehr Menschen Realität, als die Sonntagsredner, die bisher davon sprachen, selber glauben. Und vermutlich sind diese aktiven Rezipienten medienkompetenter als viele annehmen.

4. Das Prinzip der Nutzerbeteiligung braucht eine gewachsene Community
Wie gesagt: an der Idee hinter Zoomer fasziniert mich noch immer die Nutzerbeteiligung in Fragen der Gewichtung. Nicht ausschließlich eine Redaktion bestimmt, was wichtig ist, sondern die Gemeinschaft der Leser. Das ist eine reizvolle Idee, sie basiert aber darauf, dass es eine relevante Gemeinschaft von Lesern gibt, deren Urteil auch etwas zählt. Denn es geht nicht um Links oder um lustige YouTube-Filmchen, sondern um Nachrichten. Vielleicht geht es dabei nicht darum, was viele Leute wichtig finden, sondern was Leute wichtig finden, deren Meinung ich schätze. Um eine solche Gruppe an Leuten befragen zu können, benötigt man womöglich eine gewachsene Community.

5. Die klassischen Medien stehen nicht so schlecht da
Wenn die Meldung vom wachsenden Interesse an den Nachrichtenportalen stimmt (2008 rund 30 Prozent mehr als 2007), ist die These womöglich gar nicht so gewagt, klassischen Medien eine sehr gute Ausgangsposition im Markt der Leser von morgen und übermorgen zu bescheinigen. Sie verfügen nicht nur über gewachsende Communitys (Abonennten), sie sind auch glaubwürdig und verlässlich. Es gibt, wie man sieht, schlechtere Startvoraussetzungen, um einen Prozess der Verjüngung einzuleiten.

4 Kommentare

  1. mad

    Interessant, Dirk, aber kann es sein, dass Du ein paar nicht ganz unerhebliche Qualitätsaspekte in Deiner Analyse übergangen hast?

    Etwa, dass zoomer.de unbeirrt unterirdische Schrottvideos wie Fiona Erdmanns debile Bundesliga-Nacherzählungen aufgeboten hat? Wieder und wieder, obwohl es sich an Peinlichkeit nicht mehr überbieten ließ?

    Dass die Navigation ein einziges Desaster war?

    Und, nicht zu vergessen, dass die Kommentare von echten Usern großteils auf Realschüler-Niveau waren, während lobende Kommentare unter offensichtlich desaströsen Videos reihenweise gefaket wurden, weil die echten Kommentare dort manchmal durchweg ablehnend waren?

  2. mad

    „Womöglich mangelnd“ ist vielleicht gut.

    Lesenswert übrigens noch: die Bewertung zum Zoomer-Aus bei „Coffee & TV“.

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