Alles beta machen

In seinem Blog schreibt Christian Jakubetz über Journalistische Resterampen – und bezieht sich darin auch auf einen Tweet, den ich zum Relaunch von faz.net vergangene Woche schrieb. Dort war zum Start der neu gestalteten Website das Wort „Beta“ zu sehen. Darauf nimmt Christian Bezug um seine These von der Resterampe Online zu untermauern. Er schreibt:

Obwohl man sich schon gerne vorstellen würde, was dort oder in anderen Privathäusern los wäre, würde man eine halbfertige Neu-Ausgabe der Zeitung auf den Markt bringen. Eine “Süddeutsche Beta” beispielsweise. Mit dem Hinweis, es könne noch ein wenig dauern, bis die Zeitung so aussähe, wie man sie gerne hätte. Niemand käme analog auf eine solche groteske Idee, im Netz interessiert es keinen.

Im Rahmen seiner Argumentation ist das sicher richtig. Ich glaube aber, wir haben unterschiedliche Vorstellungen von einer Beta-Phase. Den Gedanken einer perpetual Beta jedenfalls finde ich gar nicht so falsch, wie Christian sie darstellt. In Zeiten der Web2.0-Euphorie kam der Begriff auf, um die ständige Fortentwicklung von Webangeboten zu beschreiben. Daraus ist dann das Umbau-Mantra von „Relaunch ist immer“ entstanden, mit dem erklärt werden soll, dass digitale Produkte eigentlich nie fertig sind, dass sie stets weiterentwickelt, verändert werden müssen.

Nehmen wir an, dass das stimmt. Und nehmen wir weiter an, dass es die Unterscheidung zwischen digitalen und analogen Produkte eigentlich nicht mehr gibt (weil Leser/Hörer/Rezipienten die gleichen Erwartungen an analoge wie digitale Verbreitungswege entwickelt haben), dann folgt daraus: Christian liegt mit seinem Beta-Bashing falsch. Bzw. konkreter: Seine Annahme, die Beta-Perspektive auf Online erwachse aus Desinteresse, ist nicht ganz richtig. Der Schuh entsteht vielmehr anders rum: Vielleicht müssen wir auch die analogen Produkte als unfertig betrachten. Vielleicht müssen wir die Metaphorik vom Nachrichtenfluss auch auf die Medien selber und nicht nur auf ihre Inhalte anlegen.

Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber mir kam der Gedanke, als ich den Blog-Eintrag las. Sozusagen als Beta-Idee.

1 Kommentar

  1. Hm. Clay Shirky würde in Sachen „fertige Zeitung“ bzw. „fertiges Produkt, das über dynamische Zeitverläufe berichtet“ vermutlich schreiben, dass die Einstufung in fertig/unfertig von etwas, das einen Informationsfluss abbildet, ein „historischer Unfall“ ist, weil die (mächtigsten) Medien zur Abbildung eben lange Zeit welche waren, die im Produktionsprozess aus ökonomischen Gründen irgendwann mal „fertig“ sein mussten. Im Falle der Zeitung eben, um ausgeliefert und verkauft werden zu können.

    Man könnte medienhistorisch gedacht anfügen, dass im Zeitalter der Oralität der gesprochene Bericht als Abbildung des Nachrichtenflusses gewissermaßen auch „fertig“ war, also den Informationsstand des Berichtenden zum jeweiligen Zeitpunkt „abfertigte“. Nur waren da „Updates“ leichter und weniger institutionalisiert vorzunehmen. Eine neue Zeitung drucken ist eben ungleich mehr Aufwand als jemandem eine Ergänzung zur letzten Geschichte zu erzählen.

    Insofern (hier nicht konsequent durchgedacht, aber die Idee könnte klar werden) bewegen wir uns eigentlich in ein ursprüngliches Beta-Zeitalter zurück. Was „natürlicher“ ist als das Alpha-Zeitalter der Zäsuren in der Abbildung von Informationsflüssen.

    Sprich: Fertig/unfertig ist ein (künstlicher, weil dem Fluss nicht gerecht werdender) Code eines Zeitalters, das wir gerade verlassen. Auch eine Beta-Idee… ;-)

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