Digitale Notizen

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Tag "Zeitung"

Der mit Abstand beste Text, den ich in den vergangenen Tagen zu den Geschehnissen in Oslo gelesen habe, stammt aus dem Guardian. Charlie Brooker hat ihn mit einer spürbaren Mischung aus Wut und Menschlichkeit geschrieben. Er trägt den Titel The news coverage of the Norway mass-killings was fact-free conjecture und behandelt neben der Frage, wie die Arbeit von Terror-Experten zu bewerten sei, vor allem das Thema, wie Medien über den Attentäter zu berichten haben:

Presumably he wanted to make a name for himself, which is why I won’t identify him. His name deserves to be forgotten. Discarded. Deleted. Labels like “madman”, “monster”, or “maniac” won’t do, either. There’s a perverse glorification in terms like that. If the media’s going to call him anything, it should call him pathetic; a nothing.

Das ist eine sehr emotionale Herleitung dessen, was W&V-Chefredakteur Jochen Kalka hier sehr rational herleitet:

Ein Täter darf nicht abgebildet werden, er darf keine große Rolle in der Berichterstattung spielen, sonst lockt das Nachahmer an. Das sagen die Psychologen, etwa Bruno-Ludwig Hemmert, der Leiter des Kriseninterventionsteams in Erfurt und in Winnenden gewesen war.

Das Gegenteil geschieht gerade – wie Ronnie Grob beobachtet hat:

Sie drucken seine Fotos dankbar ab, setzen ihn inklusive Waffe auf die Titelseite, versehen ihn mit Namen: “blonder Teufel” (Bild), “Teufel von Oslo” (tz), “Bestie” (Express), “Mord-Maschine” (Berliner Kurier).

Ich frage mich: Was wäre eigentlich, wenn man bei aller Grausamkeit den PR-Plan des Täters als solchen durchschaut, benennt und seinem Marketing nicht folgt? Es klingt vor dem Hintergrund der vielfachen Tode und der Trauer vielleicht zynisch, aber medial betrachtet, will hier jemand Werbung für seine menschenverachtende Sache machen. Er nutzt dafür die Mechanismen der Medien, die man vielleicht an den alten angelsächsischen Satz erinnern sollte:

“News is what somebody somewhere wants to suppress; everything else is advertising.”

Ist der Name des Täters Teil der News? Gehört sein Bild dazu? Und die Bilder, die er offenbar vorher selber hat anfertigen und aufbereiten lassen? Nur weil sie nicht von einer PR-Agentur verschickt werden, sind sie noch lange kein werbefreies Material. Man könnte doch auch über seine Beweggründe berichten, ohne ihn zu zeigen, ohne auf seine Pressemappe zurückzugreifen, ohne seinen Namen zu nennen. So wie man – man entschuldige den etwas weit hergeholten Vergleich – auch über Fußball im Münchner Stadion berichten kann, ohne den zu Werbezwecken vermarkteten Namen der Arena zu nennen.

Stellen wir uns vor, man könnte das so genannte Manifest des Täters irgendwo kaufen, als Papierbuch oder gar als anderen Konsumgegenstand. Würde man dann auch so ausführlich über ihn und seinen “Produkt” berichten? Oder würde man dann sagen: “Nein, dafür wollen wir keine Werbung machen? Da würde ja jemand aus unserer Berichterstattung finanziellen Profit schlagen?” Würde man vielleicht sogar auf Ziffer 7 des Pressekodex Bezug nehmen (“achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken”).

Nimmt man die Aufmerksamkeits-Ökonomie des Internet zum Maßstab, ist es sicher nicht unangemessen, davon zu reden, dass hier jemand werbliche Interessen verfolgt: Der Täter verkauft seine menschenverachtenden Thesen und die oben zitierten Titelseiten helfen ihm. Dabei ist es unerheblich, ob Geld fließt oder nicht. Darum geht es nicht. Dem Täter geht es darum, dass sein Gedankengut in die Mitte der Berichterstattung gerückt wird. Es geht ihm darum, dass große Medienseiten im Netz ihn verlinken, ihm PageRank und Aufmerksamkeit schenken. Selbst wenn niemand auf die von Google als relevant eingestuften Links auf den Nachrichtenseiten klickt, die Folgen sind dennoch verheerend: Die verlinkten Seiten gewinnen an Algorithmus-Bedeutung. Sie werden in der Google-Suche hochgestuft, bleiben auch Wochen nach der Berichtestattung im Fokus.

Ich denke nicht, dass man verschweigen sollte, welchen Plan der Täter hatte. Ich halte es für richtig, zu analysieren, was ihn trieb und antrieb. Das muss natürlich öffentlich geschehen – und eine offene Gesellschaft muss diese Debatte führen. Aber nicht nur in Fragen der Verlinkung scheint hier eine neue Debatte über journalistischen Regeln (im Web) nötig – denn den Mechanismus hat (spätestens jetzt) nicht nur der norwegische Täter verstanden.

P.S.: Wie zum Beweis lese ich gerade von der Operation UnManifest, mit der Anonymous, den Plan des Täters nach Aufmerksamkeit genau zerstören will. Der Gegen-Plan:

1. Find the Manifest
2. Change it, add stupid stuff, remove parts, shoop his picture, do what you like to…..
3. Republish it everywhere and up vote releases from other peoples, declare that the faked ones are original
4. Let him become a joke, such that nobody will take him serious anymore

Update: Auf Twitter weist publictorsten auf die Figur des Herostratos hin, die mir bisher nicht bekannt war.

Update 2: Der Tagesspiegel hat das Manifest offenbar als Download auf seine eigenen Servern veröffentlicht. Diese Entscheidung wird mit Arguemten für und
gegen die Veröffentlichung begleitet. In dem Kontra-Text schreibt Sara Schurmann:

Jeder, der möchte, wird die Schrift Breiviks finden, jeder Fanatiker aber auch jeder normale Bürger. Aber es ist ein Hohn für die Opfer der Anschläge und ein Triumph für den Attentäter, dass ihm eine deutsche Zeitung hilft, sein Propagandaziel so problemlos zu erreichen.

Ich kann mich daran erinnern, dass nicht gerade wenige Menschen in meinem Umfeld die These vertreten haben “Lange Texte liest man nicht am Bildschirm”. An diesen Satz musste ich jetzt denken als ich den Guardian-Text What digital readers mean for business – natürlich am Bildschirm – las. Er fasst eine Umfrage mit erstaunlichen Ergebnissen zusammen. Denn offenbar scheint nicht nur die obige Annahme überholt, offenbar stimmt auch die These nicht mehr, dass Menschen mehr in Zeitungen/Magazine (auf Papier) schauen als in Bildschirme.

Nun sollte man dafür zunächst klären, was als Bildschirm zu gelten hat. Es ist dies nämlich nicht nur der Monitor des Computers oder Laptops, es sind Tablet-Bildschirme genauso wie jene der Smartphones. Auf all die schauen die Befragten jedenfalls im täglichen Durchschnitt fünfzehn Minuten länger als auf Papier-Medien. Allerdings sehen sie auf den Schirmen dann nicht nur klassischen Nachrichten, sondern vor allem Mails, Netzinhalte und Videos. Auf Platz vier erst kommen “branded media”.

Daraus (und aus einigen anderen Zahlen) schließt der Guardian:

1 There is still a long way to go for applications to match browser adoption; it is mostly a question of interface quality.
2 People expect real-time news, including in applications, or the added value needs to be outstanding.
3 Digital editions carry more of the brand attributes; but as long as they are not supported by better applications, and able to provide real time news updates, they will remain a relatively small market.
4 The advertising model needs a bigger dose of creativity: a large chunk of readers would agree to more ads as long as their publication remains free – which paves the way to reinventing the sponsoring model for digital editions or for encapsulated contents.

Der Ausschuss Kultur und Medien hat sich gestern mit Qualitätsproblemen im Journalismus und ihren Ursachen beschäftigt. Der Zeit-Kollege Wolfgang Blau hat dabei fulminant sieben Mythen über den Online-Journalismus widerlegt. Dabei sagt er unter anderem:

Sie können im Netz versuchen, die in ihrem Genre beste Website zu werden oder die reichweitenstärkste. Beides sind legitime Ziele. Diese beiden Ziele schließen sich aber aus.

Das kann man in der Aufzeichnung anschauen. Die Mythen lauten:

Mythos 1: Blog stellen eine Gefahr für traditionelle Medien dar.
Mythos 2: Google ist Schuld am Niedergang der Tageszeitungen.
Mythos 3: Nur Print- und Broadcastmedien können für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Meinungspluralismus sorgen.
Mythos 4: Der Online-Journalismus hat noch kein Geschäftsmodell.
Mythos 5: Als Medienplattform begünstigt das Internet eine Boulevardisierung des Journalismus.
Mythos 6: Würde es die öffentlich-rechtlichen Online-Auftritte nicht geben, hätten die kommerziell betriebenen Websites in Deutschland sehr viel bessere Chancen, profitabel zu werden.
Mythos 7: Mit dem wirtschaftlichen Niedergang einiger klassischer Medien droht auch das Ende des Journalismus und eine substanzielle Gefahr für die Demokratie.

In seinem Fazit sagt er: ” Ja, die Zukunft des Journalismus ist ungewiss. Ja, es werden vorraussichtlich viele Arbeitsplätze in der Branche verloren gehen und das ist eine sozialpolitische Aufgabe.” Blau sieht aber auch deutliche Hinweise auf “dass wir gerade dabei sind, die Geburt einer neuen anderen Art von Journalismus zu erleben”.

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker schreibt Adam Gopnik unter dem Titel How the Internet Gets Inside Us einen der besseren Texte über die Frage, wie die technologischen Veränderungen der Digitalisierung zu bewerten sind. Er hat all die Bücher gelesen, die sich damit befassen und kommt auf drei Wege, zu einem Urteil zu kommen:

All three kinds appear among the new books about the Internet: call them the Never-Betters, the Better-Nevers, and the Ever-Wasers. The Never-Betters believe that we’re on the brink of a new utopia, where information will be free and democratic, news will be made from the bottom up, love will reign, and cookies will bake themselves. The Better-Nevers think that we would have been better off if the whole thing had never happened, that the world that is coming to an end is superior to the one that is taking its place, and that, at a minimum, books and magazines create private space for minds in ways that twenty-second bursts of information don’t. The Ever-Wasers insist that at any moment in modernity something like this is going on, and that a new way of organizing data and connecting users is always thrilling to some and chilling to others—that something like this is going on is exactly what makes it a modern moment. One’s hopes rest with the Never-Betters; one’s head with the Ever-Wasers; and one’s heart? Well, twenty or so books in, one’s heart tends to move toward the Better-Nevers, and then bounce back toward someplace that looks more like home.

Unter dem Titel Wikileaks und wir schreibt Hans-Martin Tillack in seinem Rechercheblog auf stern.de über das Netz- und Journalistenthema dieser Tage: Julian Assange und Wikileaks. Er lobt die Seite und verweist auf Dokumente, die der Stern via Wikileaks zum Thema Toll Collect bekommen hat. Die Kooperation liegt ein Jahr zurück und Tillack schreibt:

Wir bekamen die Unterlagen vorab, prüften sie, wie es sich gehört, mühsam auf Authentizität und Relevanz und veröffentlichten schließlich einen Artikel, über zwei Seiten. Wikileaks-Chef Julian Assange war allerdings nur teilweise glücklich über die Kooperation mit dem stern. Wikileaks hatte erbeten, dass wir auch ihr Projekt in größerer Form im gedruckten stern vorstellen. Den Wunsch schlugen wir angesichts der vergleichsweise begrenzten Relevanz der Maut-Enthüllung ab. Und beschränkten uns auf ein Wikileaks-Portrait auf stern.de.

Diese Porträt (verfasst von Tillack) ist in dem Blog-Eintrag verlinkt. Es ist also noch präsent, les- und verfügbar. Wäre es im gedruckten Stern erschienen, wäre dies nicht ganz so sicher. Womöglich wäre es in den Papier-Archiven verschwunden, heute nicht mehr verlink- und auch nicht online verfügbar. Dennoch schreibt Tillack von einer Beschränkung.

Ich finde diesen Randaspekt an dem Text deshalb so erstaunlich, weil es sehr viele Journalisten gibt, die so denken: Die Online für eine Beschränkung halten, die denken, ein Text sei nur online und deshalb weniger wert. Diese Hauptsache-Print-Haltung erstaunt mich. Denn oftmals ist es doch gerade umgekehrt: Was online nicht auftaucht, existiert für viele Leser gar nicht, löst keine Anschluss-Debatten aus und sorgt für entschieden weniger Rückmeldungen. Alles Dinge, die ich reizvoll finde am Publizieren.

Besonders erstaunlich ist diese Beschränkungs-Bemerkung, weil sie in einem Weblog steht, das Wikileak lobt. Also in einem Netz-Medium, in dem die Möglichkeiten eines Angebots herausgestellt werden, das ohne das Internet nicht möglich wäre.

Ich habe es heute nachmittag bereits notiert: Das (ich nenne es einfach mal so) Interview, das der Guardian heute mit Julian Assange hat führen lassen, ist bemerkenswert. Nicht nur wegen der interaktiven Live-Komponente.

Die Kollegen vom Guardian haben die Fragen und Antworten jetzt in eine Form gebracht und sie wie ein Interview ins Netz gestellt. Nicht nur, weil dieser Text der heute am häufigsten angeklickte auf der Website war (erstaunlich übrigens, wie stark das Wikileaks-Thema auf den Guardian durchschlägt), es war auch in der Form eine besonderer.

Ich habe mich nämlich gefragt: Können wir aus dieser Form des Journalismus etwas für seine Zukunft lernen? Kann es ein Modell sein, dass eine Zeitung im Netz gar nicht zwingend nur Inhalt liefert, sondern den Rahmen stellt, in dem Inhalte auf neue, dialogische Art entstehen? Wäre das Netz dann nicht in ein Raum, den (in diesem Fall) die Guardian-Redaktion pflegt? In dem sie für Aufmerksamkeit für Themen sorgt (siehe dazu erneut die Most-viewed-Artikel von heute), eine Atmosphäre schafft und kluge Leute versammelt? In dem sie nicht nur dafür sorgt, dass viele (passive) Leser Interesse an einem Thema haben, sondern auch zahlreiche (kluge) User, die selber Fragen stellen?

Für mich ist das heutige Interview ein herausragendes Beispiel für meine These vom Internet als Raum. Natürlich gelten hier die klassischen journalistischen Regeln, natürlich spricht Assange mit dem Guardian, weil dort gute Journalisten gute Inhalte produzieren und ebenso natürlich ist der Gemeinschafts-Raum, von dem ich spreche, kein Ersatz für den gelernten Journalismus. Aber er ist eine grundlegende Ergänzung, die Online-Ergänzung wie ich meine.

Vielleicht kann man so an der Form der Wikileaks-Berichterstattung ebenso etwas über die sich verändernden Bedingungen für den digitalisierten Journalismus lernen, wie an den Inhalten. Denn einen Gesprächspartner von Nutzer interviewen lassen, ist ein schönes Beispiel, aber natürlich nur der Anfang. Die Möglichkeiten, die das Netz bietet, sind – wenn man die Voraussetzungen geschaffen hat – bei weitem noch nicht ausgereizt. Ich glaube, es würde sich lohnen, diesen Raum zu betreten.

Ken Doctor, Autor des Buchs Newsonomics war zu Besuch in Deutschland. Dabei hat er nicht nur über Werbung gesprochen, sondern auch Werbung gemacht – für sich. kress.de hat seine Thesen zusammengefasst, wasmitmedien hat ihn genauso interviewt wie Ulrike Langer und auch dem Kollegen Alexander von Streit hat er bei Focus Online Fragen beantwortet. Dabei sagt er durchaus spannende Dinge (die natürlich in Wahrheit nicht wirklich neu sind). Er verkennt aber einen entscheidenden Punkt in der Debatte um Medien im digitalen Raum: dass es vielleicht gar nicht nur um Nachrichten geht.

Angesprochen auf die Zukunft von Paid Content im Netz sagt er:

Es geht um die Frage, wofür die Leser zu bezahlen bereit sind. Die menschliche Natur ist gar nicht so schwer zu ergründen: Sie werden für das bezahlen, was sie wertvoll finden und nicht woanders kostenlos bekommen. Daher werden Angebote wie überregionale Wirtschaftsmedien oder lokale Wochenpublikationen mit umfassenden, tiefgehenden und eigenen Inhalten in der Lage sein, von ihren Lesern Geld zu verlangen. Sehr viel schwerer werden es Medien mit kostenfreien Konkurrenzangeboten haben, wie zum Beispiel Großstadt-Tageszeitungen in den USA.

Was er nicht sagt: Warum diese Medien es schwerer haben werden? Die Antwort lautet meiner Meinung nach: Weil sie sich (auch weil Menschen wie Doctor ihnen das raten), einzig auf Nachrichtentransport konzentrieren. Ich glaube, Medien tun viel mehr als Informationen von A nach B zu bringen. Sie versammeln Leserschaften, die miteinander verbunden sind. Diese Verbindung abzubilden, führt dazu, dass man nichtkopierbare Ereignisse schafft. Es führt dazu, dass man ein Produkt bekommt, das nicht an jeder Ecke auch umsonst finden kann. Es führt dazu, dass man sich einer Gruppe zugehörig fühlt, die sich versammelt, weil sie eine ähnliche Haltung/Ansicht/Lebenseinstellung teilt.

Vielleicht sollten wir mehr darüber reden, wie diese Haltung aussieht als über die Frage, wie man Nachrichten transportiert.

Beim Kölner “Abendblatt” wurde der junge Unternehmensberater Carsten Moll ermordet. Jemand hat ihn in dem Verlagshochhaus über eine Brüstung in den Abgrund gestürzt. Nur wenige Stunden zuvor hatte das Opfer noch eine Auseinandersetzung mit dem Leiter der Verlagsdruckerei Manfred Peters. Der gibt offen zu, Moll aus der Werkshalle geworfen zu haben, weil dessen Kontrollen für Unruhe unter der Belegschaft gesorgt hätten.

Unter Druck heißt die Tatort-Folge aus Köln, die am 9. Januar gesendet wird und von den Umwälzungen in der Zeitungsbranche handelt.

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Wenn man einen Hammer hat, sagt das Sprichwort, sieht man überall Nägel. Mein Hammer heißt Leserschaft als Community. Und Nägel sehe ich beim Guardian, bei LeMonde und seit heute auch bei der New York Times. Dort startet man Anfang Januar den New York Times Flilmclub, eine Idee, die ich fast spannender finde als die (Wieder-)Einführung von Paid Content Anfang 2011 bei der NYT.

Reuters erläutert in der Meldung zum Launch:

The NYT, along with other newspapers such as the Wall Street Journal and USA Today, are launching clubs — wine is especially popular — as way to reap some extra revenue and strike a deeper relationship with readers.

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Am Wochenende wurde die Meldung öffentlich, Rupert Murdoch und Steve Jobs (also die beiden Organisationen, denen sie vorstehen) machen gemeinsame Sache. Für die morgige Ausgabe der SZ hat der Kollege Jörg Häntzschel die Pläne der beiden, eine Zeitung fürs iPad zu entwerfen, genauer beschrieben.

Es ist unbestreitbar: In dem “Daily” betitelten Projekt steckt ein besonderer Zauber. Es ist die Hoffnung, dass Jobs und Murdoch zeigen werden, dass das, was viele als Inhaltetransport in Form des klassischen Journalismus bezeichnen würde, doch noch funktioniert. Zwar nicht auf Papier, aber auf dem, was die gleichen Menschen häufig als digitales Äquivalent zu Papier sehen: dem Tablet-Computer. Ich persönlich spüre diesen Zauber nicht, aber ich kann verstehen, woher die Faszination kommt, mit der manch einer über das Projekt spricht. (Mich fasziniert, dass offenbar tatsächlich Sasha Frere-Jones in dem Team mitarbeitet).

Für mich ist daran etwas Anderes bemerkenswert: Indirekt beweist die Freude über diesen Versuch nämlich, wie radikal sich die Medienlandschaft bereits jetzt verändert hat – und was wir daraus lernen können. Ein Technik-Anbieter, dessen Firma sich in manchen Bereichen nah am Monopol bewegt und ein Mann, der das Wort “Medienmogul” erfunden zu haben scheint, tun sich zusammen. Doch die Meldungen dazu äußern nicht Skepsis, sondern eben die Hoffnung, der Versuch möge doch klappen – eben weil es beweisen würde, dass sich soviel doch nicht geändert hat.

Ich habe keine besondere Qualifikation, Prognosen abzugeben. Doch ich bin skeptisch, ob eine solche reine iPad-Zeitung erfolgreich sein wird. Ihr fehlt all das, was Medien in einer vernetzten Welt ausmacht – und vor allem fehlen ihr diese vier Punkte:

1. Öffentlichkeit
2. Aufmerksamkeit
3. Verbindung
4. Gemeinschaft

Wenn ich im Folgenden zu beschreiben versuche, was ich damit meine, geht es mir weniger um das konkrete Projekt (davon weiß ich auch zu wenig), als vielmehr um den Grundentwurf Zeitung auf dem iPad. Denn ganz so heilbringend wie dieser oft beschrieben wird, ist er (zumindest als iPad-Only Variante) nicht.

1. Öffentlichkeit

Einer der wichtigsten Gründe, warum man eine Zeitung liest, ist die Annahme, dass man es nicht alleine tut. Wäre der Leitartikel oder die große Reportage lediglich eine private Botschaft, die mir der Kommentator oder Reporter persönlich geschrieben hat: beide würden ihren Reiz verlieren. Der steckt nämlich darin, dass die Texte öffentlich sind. Dass andere sie auch lesen, haben wir bisher daran erkannt, dass die Zeitungstexte in Pressespiegeln auftauchten, dass anderen Zeitungen darauf reagierten oder dass Radio und Fernsehen drüber berichteten. All das sind Indizien dafür, dass die Texte, die man liest, eine Öffentlichkeit erreichen. Durch das Netz – das auf andere Weisen unseren Begriff von Öffentlichkeit ebenfalls verändert – ist diese Mitlese-Öffentlichkeit sehr viel unmittelbarer zu erkennen. Es gibt Links, Verweise, Kommentare. Aus dem Publizieren ist ein Kommunzieren geworden.

Einer Zeitung, die eingesperrt in einer App veröffentlicht wird, fehlt diese unmittelbare Öffentlichkeit.

2. Aufmerksamkeit

Er zählt zu den Allgemeinplätzen des Digitalen, der Satz von der Aufmerksamkeitsökonomie im Netz. Aber dennoch hat er einen wahren Kern: Die vom Internet veränderte Medienwelt ist ein Marktplatz der Aufmerksamkeit. Wer hier nur eine mittelbare Öffentlichkeit erreicht, wird keine Aufmerksamkeit aus sich heraus generieren können. Was ich damit meine: Natürlich werden Jobs&Murdoch für Aufmerksamkeit für ihr Daily sorgen. Aber diese Aufmerksamkeit wird Reklame bleiben, sie wird nicht auf die Ebene vordringen, die in der aufgeregten Netzsprache so gerne als viral bezeichnet wird, weil sie sich von alleine weiterträgt. Weil Menschen von einer Idee, von einem Text, von einer Zeitung so überzeugt sind, dass sie ihre Freunde auch überzeugen.

Einer Zeitung, die nur eine mittelbare Öffentlichkeit erreicht, wird diese besondere Form der Aufmerksamkeit nicht zuteil.

3. Verbindung

Sie werden ihre Freunde auch deshalb nicht überzeugen, weil sie diese aus der Tablet-Zeitung heraus gar nicht erreichen können. Die Anschlusskommunikation, die das Netz ermöglicht, das Teilen und Mitteilen von Informationen ist in einer reinen iPad-Zeitung nicht möglich. Dadurch verzichtet eine solche Zeitung auf den Motor, der im Netz für Bewegung – also für Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit – sorgt und schließt eine aktive Leserschaft gerade zu aus. Zudem raubt sie sich selber den Vorteil, den das Tablet gegenüber dem Papier haben kann: digital und sofort weiterverwendbar zu sein.

Eine Zeitung, die die Möglichkeiten der Verbreitung und Verbindung von Informationen bewusst ausschließt, wird unattraktiv für eine aktive Leserschaft.

4. Gemeinschaft

Ein großes Problem, das eine iPad-Zeitung hat, ist dass sie also solche nicht zu erkennen ist. Wer den Leser von Daily beobachtet, sieht lediglich, dass er in ein iPad schaut. Tyler Brule hat das mal so zusammengefasst:

Wenn ich in eine Flughafen-Lounge gehe und Sie mit Ihrem Laptop sehe, weiß ich nicht, ob Sie sich Pornografie auf einer Website aus Bratislava ansehen oder einen Dokumentarfilm auf dem Sundance-Kanal. Sehe ich Sie aber die ZEIT aufschlagen oder den Economist, dann sagt das etwas über Sie, mindestens genauso viel wie Ihre Schuhe, Ihre Jacke, die Uhr an Ihrem Handgelenk oder der Koffer, mit dem Sie unterwegs sind.

Medien, die wir nutzen, sagen etwas über uns. Wer uns bei der Lektüre einer bestimmten Publikation beobachtet, erkennt uns dadurch als Mitglied einer Gruppe. Das Internet hat uns die Möglichkeiten gegeben, diese Gruppe (die man hier Community nennt), abzubilden. Eine reine iPad-Zeitung, die auf den aktiven Leser verzichtet, wird diese Gruppe nicht abbildbar machen können. Das führt zu dem zentralen Problem, das schon aus Punkt 1. Öffentlichkeit resuliert: ich weiß nicht, wer die Zeitung sonst noch liest.

Eine Zeitung, die ihrer Leserschaft keine Möglichkeit gibt, sich selbst zu vergewissern, wird Schwierigkeiten haben, als Marke zu bestehen.

Da die Marke “Daily” (und sei es nur ein Arbeitstitel) aber eben überhaupt noch nicht existiert, wächst mein Zweifel, warum Leser dieser denn vertrauen sollen. Für mich wäre der einzige Grund, der oben angesprochene Kulturchef Sasha Frere-Jones, also eine Person, die glaubwürdig ist.

Womit wir bei den zwei Dingen sind, die mir sehr positiv auffallen, an dem Daily-Plan: Erstens setzt er auf das Prinzip der Endlichkeit. Daily greift eine Portion aus dem ständigen Fluß der Informationen heraus und bereitet sie (so hoffe ich doch) gut auf. Zweitens geschieht dies am Abend. Ich glaube, dass diese alte Idee einer Abendzeitung sehr gegenwärtig ist.

Das ist gut, aber eine bahnbrechende Innovation ist es meiner Meinung nach nicht.

Update: Mario Garcia zeigt, wie er sich eine Tabloid-Zeitung vorstellen würde.

Update 2: Matthew Ingram beschreibt bei Gigaom, warum man am Daily-Projekt sehen kann, dass Rupert Murdoch noch immer auf Kriegsfuß mit dem Internet steht.