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Dialog mit dem Leser als Reputationsgewinn

Der renommierte Zeit-Reporter Wolfgang Uchatius hat der Branchenzeitschrift Journalist ein Interview gegeben. Darin gibt er Einblick in die Hintergründe seiner Arbeit und erläutert, welche Qualitätsmaßstäbe er an eine gute Reportage anlegt. Das Gespräch ist über die Branchen-Grenze hinaus interessant, weil Uchatius auch auf die Konsumenten seiner Arbeit zu sprechen kommt: die Leser. Uchatius sagt:

Die Leser können dann gerne diskutieren, und das finde ich auch gut, aber warum muss ich mich da einmischen?

Diese Frage zu stellen ist in der Branche durchaus nicht unüblich. Denn erst seit das auf Vernetzung basierende Medium Internet aus Rampen-Kommunikation eine Raum-Kommunikation gemacht hat, stellt sich dieses Thema in dieser Form. Erstaunlich ist Uchatius’ (vermutlich rhetorische) Frage aber genau aus diesem Grund: Denn ziemlich genau seit das Internet aus der Rampen-Kommunikation eine Raum-Kommunikation gemacht hat, stellt sich auch ein anderes Problem ziemlich dringend: Wie finanziert sich Journalismus klassischer Prägung in diesem neuen Umfeld?

Man kann diese beiden Debatten der digitalen Kommunikation leicht verschneiden und wird dabei feststellen: womöglich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Frage, wem Menschen Aufmerksamkeit, Vertrauen und Geld geben und der Frage, ob Journalisten mit ihren Lesern reden und auf deren Anmerkungen reagieren sollen. Das Blog von Stefan Niggemeier ist zum Beispiel nicht nur deshalb für viele Deutschlands bestes Medienblog, weil dort gute Inhalte stehen. Dieses Blog versammelt auch deshalb die Aufmerksamkeit vieler Menschen, weil Stefan Niggemeier sich die Mühe macht, seine Texte nicht einfach zu über den Lesern abzuwerfen oder loszulassen, sondern tatsächlich auf die Fragen und Anmerkungen seiner Leser zu reagieren. Auch deshalb finden sich in den Kommentaren in dem Blog Wortmeldungen wichtiger Medienmacher des Landes.

Uchatius konkretisiert seine Haltung im Folgenden. Er sagt:

Man muss auch mal loslassen können. Ich habe den Text ja unter anderen Bedingungen geschrieben als die Leser ihre Kommentare. Ich habe nachgedacht, ich hatte Zeit, das ist ja der Luxus, den wir hier bei der Zeit genießen. Das, was ich da geschrieben habe, ist das, was ich glaube, schreiben zu können, und wenn ich dem noch etwas hinzuzufügen hätte, hätte ich es geschrieben. Warum soll ich auf der Kommentarseite noch mal erläutern: Das habe ich so und so gemeint. Wenn der Leser anderer Meinung ist, dann muss ich das respektieren.

Erstaunlich daran finde ich zwei Aspekte: Zum einen schließt eine solche Haltung aus, dass ein Autor nach Veröffentlichung eines Texte schlauer werden kann. Hätte er noch etwas hinzufügen wollen, hätte er das getan – sagt Uchatius und erhebt damit die Beschränkung des Publikationsmediums Papier zu einer Art Qualitätsmerkmal. In den Jahrhunderten, in denen auf dem nach Veröffentlichung nicht veränderbaren Medium Papier publiziert wurde, gab es keine Alternativen zu dieser Haltung. Egal ob man will oder nicht, auf Papier kann man nichts mehr hinzufügen. In den Jahren, in denen wir die verflüssigten Publikationsformen des Digitalen kennen, kennen wir auch Alternativen: Inhalte sind nach Veröffentlichung veränderbar. Stefan Niggemeier hat gerade darauf hingewiesen, dass dies oftmals auch verbesserbar heißen kann. Ich glaube – deshalb habe ich ein Buch über die Verflüssigung von Inhalten geschrieben – dass es auch erweiterbar heißen kann. Digitales Publizieren ist eben nicht, wie Uchatius sagt, fertig und abgeschlossen. Im Gegenteil: Es beginnt mit dem Moment der Veröffentlichung.

Der zweite Aspekt, der mich an der Haltung interessiert, ist die Tatsache, dass Uchatius seinen Text für sich sprechen lassen will. Er will ihn nicht im Anschluss erläutern oder erklären. Das erscheint in sich stimmig, wirft aber die Frage auf: Warum erläutert er seine Arbeit dann in einem Interview mit einem Branchenmagazin?

Die Antwort zeigt das zentrale Problem im Umgang mit Lesern im deutschen Journalismus: Ein Interview in einem Branchenmagazin bringt Reputation. Auf Leserkommentare zu reagieren, Nachfragen zu beantworten oder Missverständnisse auszuräumen ist hingegen mit keinem Reputationsgewinn verbunden. Man sieht in Deutschland immer wieder in erstaunte Kollegen-Gesichter, wenn man berichtet, dass es dem sicher nicht gelangweilten Guardian-Chef Alan Rusbridger nicht nur möglich war, nach den Snowden-Enthüllungen in den Leserkommentaren beim Guardian zu diskutieren, sondern sich sogar dem Frage-Mob den reddit-Nutzer zu einem Ask me Anything zu stellen. Rusbridger tut dies, weil es ihm Reputation bringt.

Die Blogger auf Island

Im Spiegel-Blog gibt es eine Antwort von Ralf Hoppe, auf die Fragen, die Alexander Svensson zu Hoppes Text “Volksreporter” aufgeworfen hatte. Hoppe schreibt von seiner eigenen Recherche und gesteht einen Fehler ein:

Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich von jenem Gerücht: Regierung und Banker wollten die Goldschätze außer Landes bringen, Startbahn oder Flughafen müssten blockiert werden. Ich nahm mir ein Taxi und fuhr zum Flughafen. Dort traf ich Isländer, die dort standen, weil sie verhindern wollten, dass die Regierung irgendwelche Schätze außer Landes fliegt. Sie waren da, um die Startbahn zu blockieren, sie standen vor dem Flughafen. Der Abend blieb mir in Erinnerung, denn die Leute schienen mir irgendwie typisch in ihrer gereizten Orientierungslosigkeit. Ich sprach mit einigen von ihnen, stand eine Weile frierend herum und fuhr dann wieder zurück ins Hotel. Dass sie ihr Vorhaben nicht umgesetzt haben, ist mir inzwischen klar geworden. Um so peinlicher, dass mir so ein Fehler in einem Text passiert, der sich mit der Genauigkeit von journalistischer Arbeit beschäftigt.

Das finde ich erstaunlich, weil ich das Wort Fehler hier fast zu hart finde. Dann kommt Hoppe zurück zu dem, wovon seine Kolumne eigentlich handele: zur Frage des Medienwandels.

Sie handelt etwa von der, wie ich es sehe, durch das Netz und die sozialen Medien beförderte Neigung, sich schnell, aber oberflächlich zu empören, irgendwas zu liken oder eben jemanden als Lügner und Arschloch abzustempeln. Was machen die sozialen Medien mit der Generation der Jungen? Wie modelliert das Netz ihre Kommunikation, ihr Denken, Fühlen?

Eine Antwort kann man wohl gerade nachlesen: Das Netz modelliert aus Publikation eine Form der Kommunikation. Und damit verändert sich auch das Berufsbild des Journalisten.

Update: Felix Schwenzel sieht das weniger milde als ich.

Der Spiegel, Blogs und eine Rollbahn in Island

Ich hatte vergangenen Woche hier über einen Text aus dem Spiegel geschrieben, dessen Haltung zu Blogs und zur Digitalisierung mir fragwürdig erschien. Gerade lese ich, dass der Text offenbar ganz andere Probleme hat.
Alexander Svensson hat sich auf die Suche nach dem Ursprung einer Geschichte gemacht, die Ralf Hoppe in dem zitierte Text erzählt. Es geht dabei um das Aufkommen von Gerüchten in Blogs, um unfundierte Berichterstattung und unkalkulierbare Folgen. Konkret schreibt Hoppe über die Blog-Berichterstattung von Volksreportern, die zu folgendem Szenario geführt habe:

Aber die Isländer machten sich in der Nacht auf, blockierten ebenso tapfer wie sinnlos anderthalb Tage die Startbahn, bis alle steifgefroren waren. Der Erfinder dieses Gerüchts, der Blogger, wer immer es war, hat eine Menge kalter Füße und Blasenentzündungen zu verantworten

Ich hatte mich in meinem letzten Eintrag nicht weiter um diese Geschichte gekümmert, angenommen, sie habe sich so zugetragen. Alexander Svensson tut das nicht, er fragt nach:

Fragen wir Isländer. Und mit »wir« ist auch Bastian Brinkmann gemeint, Wirtschaftsredakteur bei Süddeutsche.de. Da ihn ebenfalls das Rollbahngoldfieber gepackt hat, fragt er Baldur Hedinsson, einen Mathematiker, der bei der renommierten NPR-Sendung »Planet Money« ein Praktikum gemacht hat. Hedinsson, der Island-Erklärer für NPR, sagt, dass er von der Geschichte noch nie etwas gehört hat: »I’d be amazed if it ever happened.« Er hat auch noch mal herumgefragt, ebenso erfolglos.

Guðjón Már Guðjónsson hat 2010 das Isländische Nationalforum nach der großen Krise mitorganisiert. Die Flughafenbesetzung? »I have never heard this story before«. Er fragt bei seinen Facebook-Freunden nach und erntet dafür 28 Likes und neun Smileys. (Einer schlägt vor, mir gephotoshoppte Bilder von eingefrorenen Demonstranten zu schicken. Das stößt auf Zuspruch.)

Wir können auch Isavia fragen, das ist die Gesellschaft, die Islands Flughäfen betreibt. Dort ziert man sich nicht, auf die merkwürdige Anfrage zu reagieren: Das sei eine großartige Geschichte, schreibt mir der Isavia-Sprecher sofort zurück, bedauerlicherweise ohne ein Fünkchen Wahrheit, aber dennoch großartig.

Was ist da los? Kann das sein, dass ausgerechnet die Beleg-Episode für die mangelnde Qualität von Blogs nicht zu belegen ist? Hat Alexander Svensson falsch gefragt? Handelt es sich um eine andere Rollbahn als um die, die von Isavia betreut werden?
In seinem Beipackzettel zum Spiegelblog schrieb Stefan Niggemeier im vergangenen September:

Der »Spiegel« leistet sich zum Beispiel eine Redaktion von über 80 Dokumentaren, die alle Texte prüfen. Dieser Aufwand bleibt dem oberflächlichen Betrachter verborgen. Teil der öffentlichen Diskussion zu werden, bedeutet daher nicht nur, sich (berechtigter oder unberechtigter) Kritik zu stellen, sondern auch, die eigenen Stärken erkennbar zu machen. Der »Spiegel« kann von einer Debatte, in der dieser Aufwand sichtbar wird, nur profitieren. Selbst dann, wenn das nicht immer dazu führt, jeden Leser zufrieden zu stellen.

Die journalistische Familie

In den vergangenen Tagen ist viel über Journalisten und ihre Rolle gesprochen worden. Diese Woche nun erschien im Spiegel ein Text, den man früher (als das ahnungslose Abwerten von Blogs noch üblicher war) vielleicht als Blog bezeichnet hätte. Im Spiegel läuft er unter der Kategorie “Homestory” und der Spiegel-Autor Ralf Hoppe erzählt darin von daheim. Er steigert sozusagen den Ansatz von Laura Himmelreich: hier ist nicht mehr der Journalist allein wichtigster Beleg seiner Thesen, hier dient die Familie als Bezugsrahmen, konkret der Sohn von Ralf Hoppe. Dieser ist offenbar der einzige oder zumindest der mit dem geringsten Aufwand zu recherchierende Vertreter einer fremden Generation, über die Hoppe schreiben möchte. Im Untertitel des “Volksreporter” überschriebenen Textes wird diese Generation unter Verwendung eines merkwürdigen “uns” und mit grammatikalisch falscher Tempus-Setzung so beschrieben: “Wie sich das Leben verändern wird, wenn unsere Kinder keine Zeitung mehr lesen.”

Was dann folgt ist ein Text, der sehr gegenwärtig beschreibt, dass der Sohn des Autors bereits heute keine Zeitung (auf Papier) liest.

Dabei verfällt der Text dem klassischen Fehler, Zeitung nicht über den Wert des darin produzierten Journalismus, sondern einzig mit dem Verbreitungsweg Papier zu definieren (ich hatte dazu hier bereits ausführlich geschrieben). Wenn dieses Papier verschwindet, so die These des Blog-Textes im Spiegel, wird es nur noch Blogs geben. Darin zeigt sich eine verquere Logik, denn diese Blogs, so der Blog-Text, seien per se schlechter. Was man ja an Island sehen kann. Wer jetzt erwartet, dass Ralf Hoppes Sohn wenigstens einen Bezug zu Island habe … aber egal. (Alexander Svensson hat sich die Mühe gemacht, den Text in dieser Sache detaillierter zu analysieren)

Ich will viel lieber über einen anderen Aspekt in dem online nicht verfügbaren Text sprechen: über die Rolle des Journalisten. Darum scheint es dem Autor nämlich auch zu gehen. Er benennt die Demokratisierung des Berufs sehr konkret mit einem plötzlichen Perspektiv-Wechsel auf ein vorher nicht erwähntes Wir, das den folgenden Satz einleitet:

Wir sind alle unsere eigenen Volksreporter : Das ist das Konzept, das hinter dieser Nachrichtenverbreitung steckt. Der Beruf, den ich mal vor langer Zeit ergriffen habe, nicht zuletzt, weil ich ihn für interessant (aber auch für krisensicher) hielt, sah einen Journalisten vor, der eine Ausbildung besitzt, eine Aufgabe hat, eine Mission, wie immer die auch aussieht. Dieser Journalist kommt in der neuen Art der Informationsübermittlung nicht vor.

Das muss er so schreiben, weil er vorher behauptet hatte, die Informationen im digitalen Nachrichtenstrom, an dem sein Sohn teilhat, seien sozusagen ohne Quelle, ohne medialen Bezug:

Nachrichten im sozialen Netz haben keinen Anfang, keinen Ursprung. Sie sind einfach plötzlich da. Erklärungslos, dafür meinungslastig, emotional.

Diese Behauptung ist einfach da, erklärungslos, meinungslastig, emotional. Sie deckt sich kaum mit dem, was Studien über die Verlinkung klassicher Medien im digitalen Raum zu Tage födern und noch viel weniger mit dem, was ich im sozialen Netz erlebe. Ich sehe dort Journalisten im angelsächsichen Raum, die sehr gebildet (und ausgebildet) ihre Quellen offenlegen, Bezüge herstellen, sachlich und zurückhaltend erklären.

Ich kann verstehen, dass es Journalisten gibt, die dieses Form der Autoritätsbegründung und Berufsausübung nicht mögen. Aber deshalb muss man sie ja nicht negieren. Wer den Datenstrom der sozialen Netze mit einer italienischen Piazza vergleicht, sollte schon anerkennen, dass dort sehr wohl auch professionelle Journalisten herumspazieren und den Dialog mit ihren Nutzern suchen. Von einem Artikel, der weniger “erklärungslos, meinungslastig und emotional” ein Thema bearbeitet, würde ich mir sogar erwarten, dass er diese Fakten in eine Analyse einfließen lässt. Denn hier liegt meiner Einschätzung nach der Hebel für eine digitale Ausgestaltung des Journalistenberufs einerseits und für Antworten auf die Frage, wie qualitativ hochwertiger Journalismus auch im digitalen Zeitalter funktionieren kann: in dem man seinen Wert benennt und nicht seinen Vertriebsweg. In dem man analysiert, wo er Menschen erreichen kann. In dem man nachschaut, wo er heute bereits praktiziert wird und nachfragt, warum das so ist.

Wer stattdessen lediglich seine Distanz und Verwunderung über die Digitalisierung festhält, beschreibt damit mehr die Entfernung von einer Lösung als die Suche danach. Ein Text, der sich aus dieser Ich-Perspektive der eigenen Familie bemächtigt, um daraus Schlüsse zu ziehen, ist viel weniger Zeitung als dem Autor vermutlich lieb ist. Ein solcher Text ist ein schlechtes Blog auf Papier, ohne dessen digitale Möglichkeiten auch nur zu erfragen.

#aufschrei – die journalistische Ebene

Der Satz, den alle lesen sollten, die sich für Journalismus in diesem Land interessieren, wurde heute Vormittag auf bild.de veröffentlicht. Er trägt einen Zeitstempel und entstammt einem “Protokoll” genannten sehr eigenwilligen Text, der versucht aus einem Pressegespräch im Jakob-Kaiser-Haus ein Event zu machen (“Bild.de war live vor Ort”).

10.39 Uhr: Himmelreich ist da, mit einem Kollegen! Sie trägt einen dunkelblauen Mantel, rotes Oberteil, grauer knielanger Rock, rote Wildlederstiefel.

Die Beschreibung bezieht sich auf Laura Himmelreich, Autorin des Porträts über Rainer Brüderle, das eine noch andauernde Debatte über Sexismus in Deutschland auslöste. Ich lag falsch als ich ihren Text vergangene Woche zum Beispiel für die Tatsache nahm, dass Journalistinnen und Journalisten die Rolle des Beobachters verlassen und zu Akteuren werden. Laura Himmelreich erlebt gerade die Steigerung dessen: Sie ist nun selber zum Gegenstand der Berichterstattung geworden. Sie sah sich diese Woche auf dem Cover der Bild-Zeitung abgebildet – neben Rainer Brüderle. Und das Land diskutiert plötzlich, ob der FDP-Spitzenkandidat sich bei ihr entschuldigen soll.

Natürlich geht es nicht nur darum: Die Diskussion um #aufschrei (hier ein paar Daten dazu) zeigt, dass der Text mehr ausgelöst hat. Ich glaube aber, dass er auch eine journalistische Ebene hat, die über die inhaltliche Debatte hinaus geht. Journalistinnen und Journalisten müssen sich überlegen, wie sich ihre Rolle, ihre Auftreten und ihr Anforderungsprofil ändert, wenn Geschichten wie die genannte häufiger werden (in der gleichen Woche war übrigens auf dem Cover der Zeit ein Journalist mit einem Kinderbild zu sehen – weil er seine eigene Geschichte erzählte).

Wie bereitet man sich auf die Folgen solcher Veröffentlichungen vor? Natürlich wird nicht jede und jeder erleben, dass ihr oder sein Text am Sonntag abend Thema der vermeintlich politischen Talkshow in der ARD wird. Aber die Frage: Muss ich meinen Text später erklären? scheint wichtiger zu werden. Muss die Journalistenausbildung darauf reagieren? Müssen Journalisten lernen, ihre Texte, Filme, Bilder zu erläutern? Welche Anforderungen ergeben sich daraus für Redaktionen? Wie müssen sie ihre Autorinnen und Autoren vorbereiten und vielleicht auch schützen?

Wenn der merkwürdige wie sinnlose Graben der #aufschrei-Debatte überwunden wurde (Lektüre-Tipp: Kia Vahland in der SZ), wenn man mit Abstand auf diese Tage zurückblicken wird, wird man an den merkwürdigen Live-Ticker denken – und sich vielleicht daran machen, ein paar der genannten Fragen zu beantworten.

Der Journalist als Akteur

“Wer wissen will, wie sich unser Beruf gerade verändert”, begann ich im November einen Eintrag über die Piraten im Spiegel. Damals ging es um die Blogeinträge von Marina Weisband und Merlind Theile und die Frage, wie deren Gespräch in einem Cafe in Münster nun genau gelaufen sei. Der Fall illustriert eine neue Anforderung an gegenwärtigen Journalismus: sich erklären, selber auftreten und Akteur werden. Im zitierten Fall ging es dabei darum, abseits des klassischen Artikels zu kommunizieren.

Diese Woche könnte man wieder einen Eintrag mit den Worten beginnen: “Wer wissen will, wie sich unser Beruf gerade verändert”. Fortsetzen muss man diesen Satz diesmal mit dem Bezug auf den Der Herrenwitz betitelten Text aus der aktuellen Ausgabe des Stern.

Dazu ist bereits sehr viel geschrieben worden. Von inhaltlichen Bewertungen und Zustimmung über die lediglich von der Sache ablenkende Frage des Zeitpunkts der Veröffentlichung bis hin zu einem eher missglückten Verkaufstext im Netz, der in einer ersten Version einen Bezug zu Brüderles Ehefrau herstellte.

Mich treiben nach der Lektüre des Textes und seiner Folgen zwei Fragen um: Zum einen wundere ich mich, warum im Stern nicht erwähnt ist, welche Stellungnahme die FDP bzw. Rainer Brüderle zu dem Text hat. Ist er nicht gefragt worden? Gehört das nicht zum journalistischen Handwerk?

Zum zweiten frage ich mich, was es bedeutet, wenn eine Journalistin in der Form persönlich die Bühne betritt und selber zum Beleg ihrer Geschichte wird? Wie verändert dies das Rollenbild? Welche (Schutz-)Funktion kommmt dabei dem Medienhaus zu? Und welche neuen Anforderungen erwachsen daraus für die Journalistin? Hinzu kommt die Tatsache, dass Laura Himmelreich – anders als Annett Meiritz unlängst auf Spiegel Online – nicht nur ein Prinzip kritisiert, sondern eine konkrete Person angeht.
Dabei geht es mir ganz und gar nicht um die Frage, ob dies berechtigt ist. Mir geht es darum, dass sich hier gerade etwas verändert in Bezug auf unseren Beruf. Vor fünfzehn Jahren wäre dies vermutlich so nicht möglich gewesen – technisch nicht und auch nicht aus dem Selbst- und Fremdverständnis der Medien. (Wer dazu mehr wissen will: Kurt Vonnegut hat Zeitungsjournalisten mal als “freaks in the world of writers” bezeichnet, weil ihnen beigebracht werde, nichts von sich selber preis zu geben)

Laura Himmelreich hat auf Anfragen auf Twitter geantwortet. Überall – sogar in der mit dem durchaus fragwürdigen Sprachbild “kein Freiwild” überschriebenen Antwort des Stern-Chefredakteurs – wird Laura Himmelreichs Twitter-Account verlinkt, es ist ihr Rückkanal für Nachfragen. Sie hat mit dem Deutschlandradio gesprochen und sich erklärt. Der zentrale Ansprechkanal ist aber Twitter. Wie lernt man, diesen zu bedienen? Welche Möglichkeiten kann man dort nutzen? Welchen Zwängen ist man ausgesetzt?

Ich glaube, dass der Fall in all diesen Bereichen notwendige und spannende Fragen aufwirft. Diese betreffen Selbstbild und Auftreten von Journalisten in einer sich wandelnden Öffentlichkeit. Darüber sollte man reden. Zunächst aber scheint eine Debatte über alltäglichen Sexismus ins Rollen gekommen zu sein, die überfällig ist.
Dass es dabei keineswegs nur um Rainer Brüderle geht, ist mir bei einem Blick in die Statistiken dieses Blogs aufgefallen. Dort tauchen immer wieder Suchanfragen auf, die zu einem Artikel aus dem Jahr 2010 führen. Dieser ist mit der Überschrift “Nackt auf dem Stern” versehen und offenbar suchen Menschen nach diesen Worten.

Was sie dann finden? Den Hinweis auf die Cover-Gestaltung zum Thema “Vorsorge und Früherkennung” bei einem bekannten deutschen Magazin. Zu sehen ist da eine nackte Frau, die verträumt (schlafend?) sich selbst mit einem Stethoskop untersucht. Das Magazin heißt übrigens stern.

Ebenfalls zum Thema Normal ist das nicht! bei kleinerdrei, Kein Kompliment, sondern eine Demütigung! bei Publikative, Ich hab keine Worte mehr… bei Frau Dingens

Sascha Lobo über Verflüssigung

Die Digitalisierung und die darauf folgende Vernetzung können als Folge des Wunsches nach Verflüssigung betrachtet werden, der Mensch mache sich die Erde zum Prozess.

In seiner aktuellen Kolumne bei Spiegel Online schreibt Sascha Lobo über die vermeintliche Krise der Tageszeitung – und bringt diese mit der These der Verflüssigung zusammen (die mir aus zahlreichen Gründe sehr nahe ist). Er schreibt:

Vielleicht steht nicht das bedruckte Papier, sondern die statische Berichterstattung und der abgeschlossene Nachrichtenartikel ohne jede Prozessualisierung im Zentrum der Krise. (…)
Die scheinbare Zeitungskrise als Nachrichtenkrise, aus der Perspektive der Prozessualisierung zu betrachten – als Ende der statischen, rein faktenorientierten Berichterstattung in Artikelform – führt zugegeben nicht zu vollkommen neuartigen Analysen der Problematik. Es führt aber zu deutlich erweiterten Konsequenzen.

Das sehe ich genauso

Mein Lob der Tageszeitung!

Was ist eigentlich los? Seit die Frankfurter Rundschau am Dienstag Insolvenz anmelden musste, hat eine Debatte in und über deutsche Medien begonnen, von der ich eigentlich gehofft hatte, sie führe endlich zum Kern dessen, was der Medienwandel von Journalisten und Marken verlangt: sich auf das zu besinnen, was ihren Wert ausmacht und basierend darauf, neue Wege zu gehen. Statt dessen werden wir im digitalen wie persönlichen Gespräch Zeuge einer deprimierenden (Selbst-)Bewusstseins-Erosion, die über zwei sehr unterschiedliche Wege zu dem sehr ähnlichen Ergebnis kommt: Es ist alles sehr sehr schlimm.

Der eine Weg nimmt seinen Anfang in der fast überall ungeleiteten Sorge klassisch sozialisierter Journalisten, das, was sie gelernt haben, könne nichts mehr Wert sein. Sie suchen ihr Heil im Angriff auf die Digitalisierung und dabei konkret auf die vermeintliche Kostenloskultur im Netz. Im Ausruf eines FAZ-Herausgebers ist diese Tendenz ebenso erkennbar wie in dem schon fast trotzigen Text aus der FR, der den Hauptgrund für die Krise des eigenen Blattes vor allem weit weg im Netz sucht.
Der zweite Weg kommt genau von dort und stellt wegen der Distributionsdefizite des Trägermediums Papier gleich eine ganze Gattung in Frage. Das mag naheliegend sein, ist aber deshalb nicht gleich richtig. Denn eine Tageszeitung ist, spätestens jetzt sollte das klar werden, mehr als das Papier, auf dem sie gedruckt wird. Eine Tageszeitung – wie ich sie im folgenden verstehe – besteht aus analogen (Papier) und digitalen Vertriebswegen (Web und Tablet-Versionen), eine Tageszeitung unterscheidet nicht zwischen Print- und Online-Redaktion, eine Tageszeitung ist der glaubwürdige Absender, der auf unterschiedlichen Kanälen seine Leser erreicht.

Beide oben genannten Reaktionsmuster kommen zu einem eher deprimierenden Ergebnis. Das ärgert mich. Denn ich glaube, dass die Tageszeitung ganz und gar nicht daran krankt, dass es jetzt das Internet gibt oder dass Märkte dort nach anderen Regeln funktionieren als man sich das vielleicht wünschen würde. Die Tageszeitung – so scheint es mir nach einer Woche Debatte in deutschen Medien – krankt zunächst am mangelnden Selbstbewusstsein ihrer Macher (print wie online): Die Idee Tageszeitung ist viel zu gut und viel zu stark als dass sie von ein wenig Medienwandel oder der Krise eines Vertreters in Zweifel gezogen werden sollte. Die Idee Tageszeitung kann und wird sich anpassen an die veränderten Lesegewohnheiten ihrer Community.

Was wir dabei erleben werden gleicht dem Umbau der Einrichtung und der Speisekarte in einem Restaurant. Kein alltäglicher, aber gewiss auch kein existenzieller Veränderungsprozess. Jeder gute Betrieb kennt so etwas. Diskutiert werden diese Anpassungen aber derzeit wie die Schließung des Lokals bzw. mit viel Pathos wie das Ende der Restaurant-Kultur in Gänze.

Ich glaube es ist an der Zeit, eine sachliche Debatte über die anstehenden Veränderungen zu beginnen. Dazu stelle ich mir fünf eher einfache Fragen, die zeigen, dass das Prinzip Tageszeitung sich anpassen kann (und wird), ohne so rum oder so rum zu sterben:

1. Wer sagt eigentlich, dass man eine Tageszeitung morgens lesen muss?
Das Internet von gestern auszudrucken, sei kein funktionales Prinzip, lese ich. Morgens, lese ich, würden Menschen sich anders informieren als über Papier.
Ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt. Ich kann aber sagen, dass das nichts mit dem Prinzip der Tageszeitung zu tun hat. Denn wer sagt eigentlich, dass man diese morgens lesen muss? Seit die SZ (bei der ich – Transparenzhinweis – arbeite) als App bereits ab 19 Uhr überall auf der Welt verfügbar ist, lese ich sie sehr regelmäßig und sehr gern schon am Abend. Warum eigentlich denken wir, dass das die Ausnahme sei? Das Prinzip einer “Abendzeitung” ist keineswegs neu, es neu zu denken und auszugestalten, ist das Gegenteil des Endes einer Tageszeitung. Es ist der logische Entwicklungsschritt eines sehr vitalen Prinzips.
Warum glauben wir, dass man sich abends vor allem über das Fernsehen informieren lassen müsse? Warum kann man dieses Gerät nicht einfach ausschalten und die abendliche Information mit Hilfe eines anderen Geräts auf dem Sofa organisieren? Dann könnte man von 19 Uhr bis Mitternacht in einer Tageszeitung lesen, was man bisher im gleichen Zeitraum in TV-Nachrichten aufbereitet bekommt. Man könnte sich vorab über das Personal einer Talkshow informieren, die man anschließend im klassischen Fernsehen anschaut und parallel (im Netz, auf dem Tablet) mit Tageszeitungs-Redakteuren bespricht.
Wenn all das in Form einer Einzelausgabe oder einer monatlichen Pauschale bezahlt wird, ändert sich überhaupt nichts am Prinzip der Tageszeitung, sie wird lediglich zu einem anderen Zeitpunkt gelesen. Das wird sie, soviel kann man sicher sagen, nicht töten!

2. Wen interessiert eigentlich was vergangene Woche war?
Tagesaktuelle Information, lese ich, holen sich die Menschen im Netz. Für ausgeruhte Analysen und Hintergründe hingegen, so lese ich auch, zahlen sie auch auf Papier, aber nicht täglich, sondern eher im Wochenrhythmus.
Das klingt zunächst stimmig. Aber warum eigentlich ausgerechnet für Wochentitel?
(Manche) Menschen werden ein Gefäss brauchen, das aus dem ständig fließenden Strom der Informationen konsumierbare Einheiten formt. (Manche werden auch auf Gefässe verzichten, deshalb brauchen Tageszeitungen Webseiten, die nach dem Strom-Prinzip des Netzes organisiert sind). Wenn ich mir aber überlege, wie lang eine Woche geworden ist, erscheint mir eine Wochenzeitung oder ein Wochenmagazin dafür langfristig eher ungeeignet. Die Beschleunigung führt dazu, dass die Kriterien Information und Nachrichten aus dem Tagesrythmus in die Echtzeit-Geschwindigkeit rutschen (dafür gibt es die Netz-Version einer Tageszeitung: ihre Website) und die Kriterien Einordnungen, Zurücklehnen, Verstehen (die wir bisher bei einer Wochenzeitung vermuten) werden in den Tagesrhythmus rutschen – und zwar in Form abgeschlossener Einheiten, die einen Anfang und ein Ende haben. Google Currents arbeitet mit diesen Einheiten, zahlreiche Apps nutzen dieses gelernte Prinzip und auch die bereits zitierten Abendnachrichten in Fernsehen ziehen genau daraus ihren Wert. Man könnte so ein Format “Tageszeitung” nennen, eine tägliche Informations-Einheit, die mich begleitet, mir Heimat bietet und mich informiert.

Dabei handelt es sich um eine Dienstleistung, die ihre Bedeutung eben genau daraus generiert, dass im Prinzip jeder seine Nachrichten selber bündeln könnte. Will man aber nicht, ist viel zu anstrengend und zeitaufwändig. Das sollen lieber Profis machen: deshalb gibt es Bäckereien und z.B. auch Restaurants.

3. Wieso glauben wir eigentlich, dass alle nur auf unseren Inhalt gewartet haben?
Dass Verlage keine Bezahlschranke eingeführt haben, lese ich, ist der große Fehler der Vergangenheit. Das müsse man jetzt beheben, lese ich, und schon lösen sich alle Probleme.
Ich bin kein Verlagsexperte und auch keiner fürs Online-Shopping, ich weiß aber, dass Verlage die Inhalte nicht ins Netz stellen würden, wenn sie damit (über Display-Werbung) nicht auch Geld verdienen würden. Und von Fachleuten fürs Online-Shopping weiß ich, dass diese nicht einfach ein Produkt in Netz stellen und dann die Hand aufhalten. Ich weiß, dass das Verkaufen im Internet sehr eigenen Regeln folgt, die wir gerade erst lernen. So zu tun, als müsse man einfach nur die Inhalte, die für Print erstellt wurden, gegen Bezahlung ins Netz stellen und dann lediglich die Hand aufhalten, erscheint mir nicht zielführend. Wer diese Debatte führen will, sollte sich mit “Conversion im Netz” befassen und vor allem mit der Frage: Wofür eigentlich bezahlen meine Leser schon heute? Welche neue Leserschaften kann mit mit welchen Inhalten zum Bezahlen bewegen? Journalisten, die sich für Paid Content engagieren wollen, müssen sich zunächst damit befassen, wofür und warum im Netz bezahlt wird. Das hat – erste Annahme – nicht nur mit Euros, sondern auch mit Aufmerksamkeit und Display-Werbung zu tun. Und da wo es mit Euros zu tun hat, geht es um Inhalte, die “für mich gemacht” sind. Es hat aber – dritte Annahme – nicht nur mit Inhalten zu tun.

4. Wer sagt eigentlich, dass man nur für den Inhalt bezahlt?
Wenn alle Verlage eng zusammen stehen, lese ich, werden sich Bezahlinhalte auch im Netz durchsetzen. Wir müssen zusammen gegen die Kostenloskultur kämpfen, lese ich weiter, dann werden sich die aus Print bekannten Finanzierungsmodelle schon von alleine einstellen.
Ich bin kein Betriebswirt, ich will und kann das überhaupt nicht bewerten. Ich sehe aber, dass schon im Analogen die Bezahlung keineswegs zwingend an den Inhalt geknüpft ist. Wer ein Produkt kauft, kauft damit mehr als das Produkt. Damit meine ich gar nicht die durch Marketing stattfindende Aufwertung eines Produkts, die dazu führt, dass Menschen für einen Schuh nur deshalb sehr viel mehr Geld ausgeben weil er ein besonderes Zeichen trägt (ansonst aber dem billigen Modell sehr ähnlich ist). Ich meine damit das Eintreten in eine Gruppe, das man vollzieht, wenn man sich für dieses und nicht für jenes Produkt entscheidet. Bei Kleidung ist dies offensichtlich, ich denke, dass es auch für Medien gilt. Mit der Entscheidung, diese Zeitung zu lesen und nicht jene, schreibe ich mich in eine Gruppe ein. Diese Gruppe unterscheidet sich von der anderen – und im Netz wird sie jetzt auch abbildbar. Ich kann darstellen, welche Menschen gleichzeitig mit mir auf einer Website sind, welche Menschen gemeinsam mit mir genau jetzt genau diesen Text lesen. Bisher sprechen wir sehr allgemein von “Social Media”, ich glaube, wir sollten hier von Ansätzen zu einer Finanzierung von morgen sprechen.

5. Warum zum Teufel suchen wir eigentlich nach der einen Lösung für alles?
Klar gibt es da Umsätze, lese ich, klar bewegt sich da was, aber es reicht nicht aus. Man kann viele Dinge ausprobieren, lese ich weiter, aber sie bringen halt nur kleine Erträge, nicht den großen Wurf.
Vielleicht zeichnet genau das Phasen des Übergangs aus: dass sie (erstmal) ohne großen Wurf auskommen. Dass sie aus vielen kleinen Schritten bestehen, dass sie eine Addition von Entwürfen sind und kein einfacher neuer Sprung. Seit ich mit Crowdfunding experimentiere, wird mir immer wieder die eine Frage gestellt: ob das jetzt ein angemessener Ersatz für klassische Finanzierungsmodelle sei. Wieso eigentlich Ersatz? antworte ich dann. Wieso eigentlich nicht Ergänzung?

Ich glaube die Antwort liegt in dem zum Einstieg formulierten Grundkonflikt: In der allgemeinen Debatte wird nach einer einfachen Lösung gesucht: die Zeitung stirbt oder lebt genau so weiter wie bisher. Beides tritt – dessen bin ich mir sicher – nicht ein. Stattdessen werden wir uns daran machen, die obigen Fragen (und noch einige mehr) voller Selbstbewusstsein zu beantworten. Denn ich wüsste gerade keinen besseren Ort um am und mit dem Medienwandel zu arbeiten als eine Tageszeitung!

Piraten im Spiegel

Wer wissen will, wie sich unser Beruf gerade verändert, muss nachlesen, was Marina Weisband in ihrem Blog und Merlind Theile im Spiegelblog schreiben. Thema der Auseinandersetzung ist eine Die gute Fee betitelte Geschichte aus dem aktuellen Spiegel, von der ein Anreißer auf Spiegel-Online zu finden ist.

Kern der Debatte ist die Frage, ob Zitate so gesagt wurden wie sie der Spiegel gedruckt hat oder nicht.

Im Randbereich dieser Auseinandersetzung steht aber eine für Journalisten erstaunliche Frage: die Arbeitsweise von Merlind Theile ist plötzlich Gegenstand einer öffentlichen Debatte. Die, die bisher über andere berichteten, werden plötzlich selber zum Gegenstand der Berichterstattung. Plötzlich müssen sie sich erklären.

Wobei das Wort plötzlich hier natürlich völlig falsch ist. Denn die Rede davon, dass sich Autoritäten neu begründen müssen (fragen wir mal bei Lehrern oder Ärzten nach) ist ja keineswegs plötzlich über uns gekommen. Der Fall der Piraten im Spiegel ist lediglich das vermutlich erste große Beispiel für das, was Stefan Niggemeier Ende September in seinem Beipackzettel zum SPIEGELblog so beschrieb:

Ich glaube, dass kein Medium heute mehr so tun kann, als sei es unangreifbar. Im Gegenteil: Es muss sich angreifbar machen. Journalisten müssen vom Podest heruntersteigen, zugänglich werden und mit ihren Lesern ins Gespräch kommen. (…) Ein Medium wie der »Spiegel« kann seine Autorität heute nicht mehr dadurch beweisen, dass es aus der Position des Wissenden Behauptungen aufstellt.

Merlind Theile hat sich heute jedenfalls einen Twitter-Account angelegt (UPDATE nach mehrfachem Hinweis auf Twitter: der Account existiert schon länger, musste gestern aber von der Redaktion überprüft werden.) und zu den Vorwürfen Stellung bezogen. Das ist gut, wenngleich es die relevanten Fragen nicht umfassend beantwortet.

Weisband sagt so, Theile sagt so.

Wessen Version näher an der Wahrheit ist, bleibt (man kann die Kommentare in beiden Blogs in großer Zahl nachlesen) Stoff für Spekulationen, die sich aus Mangel weiterer Dokumentation auf die Intentionen der beiden Akteure beziehen. Das ist wiederum für beide Diskutanten kein gewinnbringendes Feld.

Völlig egal, wie die Debatte ausgeht, sicher ist schon jetzt, dass journalistisches Arbeiten nicht hinter diesen Punkt zurückgehen wird. Journalisten, die die Aufmerksamkeit ihrer Leser erlangen und erhalten wollen, müssen mehr als bisher begründen, warum sie arbeiten wie sie das tun. Sie müssen mehr als bisher transparent machen wie sie arbeiten, dokumentieren woher sie Zitate haben und auf welche Quellen sie sich stützen. Dass das einfacher klingt als es in Wahrheit ist, hat Stefan Niggemeier in seinem Beipackzettel in Bezug auf diejenigen beschrieben, die

jahrzehntelang bestens damit gefahren (sind), sich nicht zu erklären, sondern die Haltung auszustrahlen: Unsere Arbeit spricht für sich selbst.

Um herauszufinden, was dieses transparentere Arbeiten bedeutet, muss man sich lediglich vorstellen, welche Wendung die Debatte nehmen würde, könnte eine der beiden Diskutantinnen eine Tonaufnahme aus dem Münsteraner Cafe präsentieren.

Merlind Theile beendet ihren Blogeintrag mit einem unnötigen Seitenhieb ausgerechnet auf die Transparenz-Bemühungen der Piraten:

Die Piraten dagegen wollten Transparenz, das heißt auch: Ein Politiker sagt, was er denkt und steht dazu. Kein Abwägen der Worte, keine Schreibverbote. Dass Marina Weisband und viele andere Piraten inzwischen dazu übergegangen sind, ihre Sätze im Nachhinein ebenfalls absegnen oder gar korrigieren zu wollen, zeigt, wie stark sich die Partei inzwischen den Regeln des etablierten Systems angepasst hat. Das ist zwar schade, aber in gewisser Weise nachvollziehbar.

Mal abgesehen davon, dass es für den aktuellen Fall völlig unerheblich ist, bezieht sich die vermutlich wichtigere Schlussfolgerung aus diesem ganzen Fall gar nicht auf die Piraten, sondern auf Journalisten: Sie werden künftig zu einem transparenteren Arbeiten angehalten sein.

Mehr zu dem Thema bei Sueddeutsche.de, stern.de, Meedia – und in Kathrin Passigs Facebookstream.

Was ist eigentlich eine Webreportage?

Natürlich kann man im Web gute Reportagen erzählen. Man hat Töne, Bilder, Filme zur Verfügung und kann mit ihrer Hilfe den Text anreichern, Eindrücke greifbar und Geschichten lebendig werden lassen. “Multimedia” ist das Schlagwort für diese Art der Erzählung, die Slideshows und Videos produziert, die häufig den Titel “Webreportage” tragen. Der Reporter-Preis sucht unter diesem Titel jedes Jahr preiswürdige Geschichten, die aktiv die Möglichkeiten des digitalen Erzählens nutzen (gerade sind die Nominierungen für das Jahr 2012 veröffentlicht worden).

In diesem Jahr haben mich die Initiatoren eingeladen, in der Vorjury die eingereichten Webreportagen zu bewerten. Gemeinsam mit Richard Gutjahr, Ole Reißmann und Ariel Hauptmeier habe ich mich durch bewegende, spannende und leider manchmal auch erwartbare Multimedia-Erzählungen geklickt. Das war erstaunlich und erfreulich, es hat aber auch ein Defizit offengelegt: die interaktive Dimension des Web geht den meisten dieser Webreportagen ab. Sie verstehen sich als Mulitmedia-Erzählform, die oft auch über einen Fernsehkanal verbreitet werden könnte. Das Einzigartige, das nur im Web möglich ist – nämlich mit dem Leser zu reden, Geschichten fortzuentwickeln und zu verändern – nutzen sie in den seltensten Fällen.

Warum ist das so? Warum sind Beispiele wie die Live-Reportage von Michalis Pantelouris oder das Losgehen von Richard Gutjahr während des Arabischen Frühlings so selten? Warum verstehen wir Web-Reportage immer von ihrem Resultat und so selten von ihrem Prozess her? Warum rücken wir den Reporter, der im Web ja zur greif- und ansprechbaren Figur wird, nur in Seminaren und Vorträgen in den Mittelpunkt, aber so selten in seinen eigenen Geschichten?

Ich habe diese Fragen im Rahmen der Vorjury-Sitzung thematisiert. Ich habe vorgeschlagen, den Preis umzuwidmen und einen Webreporter/Webreporterin auszuzeichen, der seine Arbeit offenlegt, der ansprechbar wird und der seine Experimente dokumentiert. Denn hier liegt – nicht nur weil ich es gerade auf einem anderen Feld probiere – die Chance für das digitale Erzählen: die Möglichkeiten des interaktiven Web zu nutzen. Dass es dabei weit weniger um Selbstdarstellung geht als Kritiker annehmen mögen, zeigen diese beiden Beispiele, die Paul Lewis vom Guardian in diesem TED-Talk darlegt. Für mich sind auch diese Geschichten genau das: Webreportagen.



Wer die Möglichkeiten der Recherche im Web nutzt (wie in der Guardian-Geschichte), wer (wie Michalis in der Live-Reportage) den Leser in Echtzeit am Scheitern und Gelingen seiner Arbeit teilnehmen lässt, wer sich auf den Weg macht und mit den Mitteln des Netzes (wie Richard es in Ägypten getan hat) erzählt, was er erlebt – wer also das Web in seinen Möglichkeiten nutzt, der schafft eine gute Webreportage. Denn das Netz verflüssigt die Reportage und erweitert sie um ihren Verfasser. Das Netz schafft so mehr Möglichkeiten, die es abzubilden – und womöglich auch auszuzeichnen gilt. Denn Preise sind ja nicht nur Lob, sie sind auch Ansporn, Dinge neu zu denken. Deshalb freue ich mich, dass ich vom Reporter-Forum (und auch der Vorjury) Signale erhalten habe, im kommenden Jahr vielleicht tatsächlich, den Preis für einen Webreporter/Webreporterin zu vergeben.

Für dieses Jahr aber zunächst mein herzlicher Glückwunsch an die nominierten Webreportagen für das Jahr 2012 – die Jury wird am 3. Dezember ermitteln, wer schlussendlich ausgezeichnet wird:

>> Anne Backhaus /Roman Höfner: Japan – Ein Jahr nach der Katastrophe

>> Manuel Bauer / 2470media: Flucht aus Tibet

>> Fabian Biasio / Michael Hagedorn: Auf den Everest

>> Uwe H. Martin: Killing Seeds

>> Annika Bunse / Julius Tröger: DDR-Flüsterwitze

>> Joanna Nottebrock: Von Griechenland nach Deutschland

>> Robert Schöffel/ Max Hofstetter: “Auch in meinem Leben gibt es Lärm”

>> Marc Röhlig: Die Unperfekten

>> Amrai Coen / Bernhard Riedmann, Nicht von Gott gewollt

>> Ralph Sondermann / Bernd Thissen Mobile Blues Club


Update: Der Kollege Matthias Eberl hat auf meinen Eintrag reagiert – hier nachzulesen. Matthias war nicht nur gemeinsam mit mir in der Journalistenschule, er ist vor allem Mitglieder der Jury des Reporter-Forums, die über die Gewinner entscheidet!