Vom Bückling zum Blogger

Netz, Print | 6. September 2010

Im Grunde gab es Blogger früher schon in der Lokalzeitung. Das waren pensionierte Lehrer, Vorsitzende von Vereinen, und die kamen in die Redaktionsstube und mussten einen Bückling machen, damit der Herr Redakteur gnädigerweise ihren Artikel druckte. Dieses Hierarchieverhältnis hat sich umgedreht. Das verunsichert den Journalisten, der früher der Torwächter war, der allein entschied, was veröffentlicht wurde und was nicht. Das gibt es so nicht mehr. Das ist auch gut so.

Im Freitag gibt es Interview mit Volker Lilienthal – über Qualitätsjournalismus und das Hierachieverhältnis im Publizieren.

Inflation der Meinungen

Netz, Print | 3. Mai 2010

… wie sehr die Inflation der Meinungen deren Bedeutung relativiert: dass eben dort, wo die Produktionskosten für Veröffentlichungen sinken, auch zwangsläufig der Wert abnimmt. Endlich darf jeder mal sagen, was alle anderen auch sagen. Dabei ist völlig unerheblich, ob die Beiträge der Amateure im Einzelnen qualitativ so hochwertig sind wie jene, die noch von professionellen Autoren unter den Bedingungen einer klassischen Medienökonomie geschaffen werden. Es handelt sich gewissermaßen um eine völlig andere Art von Text.

Während ich gestern die strategischen Ausführungen von Martin Nisenholtz von der New York Times las, erschien in der FAS ein Text, der sich mit dem Wert von Leserkommentaren im Internet befasste (Untertitel: “Millionen Meinungen ergießen sich täglich ins Internet. Aber was sind das eigentlich für Texte? Und wie ernst muss man sie nehmen?”). Darin wird die obige These aufgestellt: dass nämlich der Wert der veröffentlichten Meinung allein deshalb abnimmt, weil jeder veröffentlichen kann. Ist das so? Gelten für Meinungen die gleichen Marktmechanismen wie für beispielsweise Finanzen? Oder ist die Äußerung von Amateuren nicht vielmehr Bestandteil des Systems, das man Demokratie nennt? Anders formuliert: Sinkt tatsächlich der Wert eines Wiener Schnitzels, nur weil es nicht mehr im Restaurant, sondern auch von Amateuren in der heimischen Küche zubereitet werden kann?

Ich weiß es nicht, aber vor dem Hintergrund des aktiven Rezipienten, finde ich die unterschiedlichen Ansätze der Beantwortung dieser Frage durchaus spannend.

Analphabeten, Zausel und die FAZ

Netz, Print | 21. April 2010

Diesem meinem Verhalten kommt man mit journalistischem Werkzeug nicht bei; nach der Theorie des Journalismus dürfte es das nicht geben, und wenn doch, dürfte es beim Leser nicht gut ankommen. Wenn es trotzdem gern gelesen wird, muss der Leser einen Fehler machen.

In seinem FAZ-Blog schreibt Don Alphonso einen Text, der mir gefällt. Er befasst sich darin auf eine sehr eigene, sehr lesenswerte Art und Weise mit der Debatte (die in den vergangenen Tagen an unterschiedlichen Stellen geführt wurde) über den vermeintlichen Gegensatz von Bloggern und Journalisten. Dazu ist vielleicht alles gesagt, aber nicht so abgehoben schön formuliert und vor allem nicht auf der Website der FAZ.

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Journalismus, Werbung und PR

Mac, Netz, Print | 6. April 2010

“News is what somebody somewhere wants to suppress; everything else is advertising”

Dem britischen Journalisten Harold Evans wird das obige Zitat zugeschrieben und selbst wenn man diese harte Unterscheidung nicht teilt, scheint es angebracht, sich an die dahinter stehende Haltung zu erinnern.

Es geht um das iPad, ein neues technisches Gerät der Firma Apple und es geht um Richard Gutjahr. Der arbeitet in München als Journalist und hat sich ein iPad gekauft. Darüber hat er in seinem Weblog geschrieben. So wurde Richard Gutjahr zum Gegenstand der Berichterstattung in einigen Medien (z.B. SZ, Stern, Abendzeitung, Spiegel ). Außerdem wurde Richard Gutjahr zum Gegenstand einer kleinen Debatte über die Frage, ob das eigentlich Journalismus ist, was er da gemacht hat.

Mit Harold Evans kann man diese Frage sehr einfach beantworten: Es ist Werbung. Werbung für das iPad, Werbung für Richard Gutjahr und Werbung für sein Projekt Appstory.TV. Ob das gut oder schlecht ist, darüber kann man streiten. Die Medienjournalistin Ulrike Lange urteilt jedenfalls in Medial Digital

Gutjahrs Aktion mag ungewöhnlich erscheinen (und für einige angesichts des distanzfreien Kults um ein Goldenes iKalb auch befremdlich), doch ich bin überzeugt: Freie Journalisten, die es schaffen, sich als Eigenmarke zu inszenieren, haben bessere Zukunftschancen als jene, die auf Gedeih und Verderb auf (wenige) Auftraggeber angewiesen sind, um wahrgenommen zu werden.

Vom Selbstmarketing im Netz war hier schon einige Male die Rede. Ob diese Aktion ein besonders geglücktes Beispiel dafür ist, will ich nicht beurteilen. Erstaunlich finde ich jedoch, dass sie im Netz erstaunlich wohlwollend begleitet wird. Mehr noch: Michael Praetorius kommt seinem Blog sogar zu folgendem Schluß über diese iPad-Werbung Berichterstattung:

Gutjahr hat eine journalistische Glanzleistung hingelegt. Er hat verstanden, dass das Web fragmentiert ist, auf sozialen Beziehungen beruht und er sich auf sein Netzwerk verlassen kann. Sein Bericht ist nicht das große Ganze, sondern das winzig klein Verstreute. Spätestens jetzt wird klar, dass Gutjahr nicht versagt hat, sondern von Beginn an auf die Kraft des Webs gesetzt hat. Seine Berichterstattung ist ein hervorragendes Beispiel, wie Online-Journalismus im Zeitalter des Social Webs funktionieren kann.

Grund für diese Begeisterung ist die Vernetzung, auf die der zum Entertainer gewordene Journalist zurückgreift. Dies allein sei neu und gut, urteilt Praetorius:

Seine Form der Berichterstattung lässt sich ein kein einziges Raster mehr packen, das auf Journalistenschulen gelehrt wird. Das muss es auch nicht, den im Web wird klarer denn je, dass Journalismus kein Beruf, sondern eine Tätigkeitsbeschreibung ist. Journalisten sind nicht mehr die Gatekeeper der Berichterstattung und Informationen.

Dem würde ich nicht nur inhaltlich, sondern auch logisch widersprechen: Wenn jeder ein Sender sein kann, kann auch jeder Gatekeeper sein. Der Verweis auf bedeutsame Inhalte wird im too much information age zur herausragenden Leistung. Die Debatte um das soziale Wissen zeigt genau das: Meine – selber zu Sendern und damit zu Journalisten gewordenen Freunde – werden zu Filtern für Informationen. Aber werden sie auch zu glaubwürdigen Filtern?

Genau hier spielt der traditionelle Journalismus eine nicht neue, aber doch immens wichtige Rolle: Als glaubwürdige Instanz, die hilft zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden, als Filter, der mir sagt, welche Informationen ich eben nicht lesen muss. Um dies leisten zu können, gilt – auf allen Kanälen – der keineswegs antiquierte Rat von Hanns-Joachim Friedrichs an einen guten Journalisten:

Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken.

Mehr zum Thema gibt es im Blog Martin Giesler.

“Wer keine kreativen Ideen hat, wird untergehen”

Netz, Print | 31. März 2010

Ja, es ist definitiv schwerer heute ein Journalist zu sein als im 20. Jahrhundert.

Mit diesen Worten beschreibt Tom Rosenstiel im Gespräch mit Focus-Online die sich ändernde Rolle des Journalismus in Zeiten der Digitalisierung. Mal abgesehen davon, dass der Director des Director des Project for Excellence in Journalism bestimmt auf deutsch “schwieriger” statt “schwerer” gesagt hätte, das Interview ist lesenwert. Auch weil Rosenstiel einen sehr guten Rat an deutsche Verleger gibt. Er sagt:

Sie dürfen keine Angst davor haben, zu versagen: Sie müssen experimentieren. Das Zeitungsgeschäft war sehr lange ein profitables und einfaches Geschäft. Das Erste, was ich also empfehlen würde, ist: Machen sie Experimente, und trauen Sie sich, auch mal zu scheitern! Versuchen Sie nicht eine Sache, versuchen Sie zehn. Denn sieben werden sicherlich danebengehen. Aber wenn Sie das nicht tun, werden Sie nicht mit den Neuheiten, die dieses Feld erobern, Schritt halten können. Das Zweite, was ich Ihnen mitgeben würde, ist: Stehen Sie den neuen Plattformen nicht feindselig gegenüber. Akzeptieren Sie, dass das Internet die Zukunft ist und ein überlegeneres Medium, um Nachrichten bereitzustellen. (…) Und die dritte Sache ist, dass Sie an den Journalismus glauben müssen, denn er ist eine revolutionäre Tätigkeit. Journalismus inspiriert die Demokratie und stiftet politische und kulturelle Identitäten. Aber wenn man sich heute wie eine saturierte Branche verhält und keine kreativen Ideen mehr hat, wird man untergehen.

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Twitter für Tageszeitungen

Netz, Print | 22. März 2010

“People have always had conversations about the issues of the day, but now we’ve got new ways to listen. Monitoring Twitter or Facebook is the digital equivalent of eavesdropping on conversations in the pub. The journalist’s role lies in understanding, sorting and analysing what we overhear and providing context about why – or whether – it matters, and how alternative perspectives can enhance our understanding of public mood or activity.”

Im Rahmen der Berichterstattung über seinen Changing Media Summit lässt der Guardian auch die Social-Media-Redakteurin Meg Pickard zu Wort kommen, die erläutert, wie sich die journalistische Rolle durch die Small-Talk-Maschine Twitter verschiebt.

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Gewinne erwirtschaften

Netz, Print | 10. März 2010

Die Redakteure des ‘Playboy’ müssen sich für Frauen interessieren, die des ‘Kicker’ für Fußball, und für uns Wirtschaftsjournalisten ist es eine Frage der Ehre, dass wir Gewinne erwirtschaften. Nur das sichert unsere Unabhängigkeit.

Im aktuellen Medium Magazin spricht der neue Chef des Handelsblatt über seine künftig rund um die Uhr besetzte Online-Redaktion – und über das Selbstverständnis von Journalisten.

36 1/2 Jahre DJS

Film, Netz | 9. März 2010

Jetzt erst gesehen: Richard Gutjahr hat einen tollen Abschiedsfilm für und mit Tina Giersberg gedreht, die nach 36 1/2 Jahren die Deutsche Journalistenschule verlässt. Nicht nur, weil ich selber in dieser Zeit die DJS besucht habe, ein schöner Gruß, dem ich mich hiermit gerne anschließe:

Ihr Wunsch für alle Journalistenschülerinnen und Journalistenschüler: Dass alle einen guten Job finden!

Journalisten in sozialen Medien

Netz, Print | 1. Februar 2010

Ob man als Privatmensch oder in seiner Funktion als Journalist in sozialen Netzwerken unterwegs ist, lässt sich immer schwerer voneinander trennen. In einer Social-Media-Welt, die nicht mehr nur aus Xing und StudiVZ besteht, sondern in der Twitter und Facebook wichtiger geworden sind, verwischt die Grenze zwischen Business-Kontakten und Ex-Kommilitonen. Auf dem Facebook-Profil eines Welt-kompakt-Redakteurs kommen nicht nur Studien- und Schulfreunde, sondern auch Leser und Informanten zusammen – und Frank Schmiechen. Er wolle mitbekommen, wie sich die Kollegen dort geben, was die Privatsphäre selbstverständlich einschränke. „Meine Mitarbeiter werden ihre Partyfotos sicherlich nicht hochladen.“

In der aktuellen Ausgabe von Der Journalist befasst sich Svenja Siegert unter dem Titel Wenn Berufliches und Privates verschwimmen mit der Frage, wie Journalisten sich auf Twitter bewegen sollen. (via)

Zahnpasta für eine schäbige Profession

Netz, Politik, Print | 22. Januar 2010

Journalismus ist nicht länger ein Handwerk, das ein ausreichendes Einkommen garantiert.

Mit diesen Worten beginnt der Beitrag Qualität im Sinkflug aus dem Deutschlandradio. Darin geht es um die Zeitungskrise in den USA, um das Internet und dessen Kostenlos-Kultur sowie um das sich ändernde Journalistenbild, das sich dem der 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts annähern wird, wie Leonard Downie jr. (Ex-Chef der Washington Post) voraussagt:

Es war eine schäbige Profession, die Gehälter waren niedrig, die Leute haben es gemacht, weil sie es liebten. Und sie machten oft bald etwas anderes. Dahin kommen wir vermutlich zurück. Wir haben professionelle Standards, aber keinen geschützten Beruf. Journalisten eines bestimmten Alters fallen durchs Raster. Manche gehen an die Universität, andere machen etwas anderes, aber im Nachrichtengeschäft werden sie nicht mehr sein. Das ist traurig.

Dass man sich nicht zwingend solchen Untergangs-Szenarien hingeben muss, zeigt der Die Zahnpasta soll wieder in die Tube betitelte Blog-Eintrag von Kai Biermann zum Leistungsschutzrecht. Darin schreibt er:

Ich glaube ja, nicht die Art der Finanzierung hat sich durch das Netz erledigt, sondern die Art der Präsentation. Tot ist vor allem das General-interest-Angebot, wie es im Mediendeutsch heißt, also die Zeitung, die Politik, Wirtschaft, Sport und noch mehr auf ein Mal präsentieren will. Haben wir uns doch alle längst daran gewöhnt, solch strenge Verlagsauswahl zu ignorieren und uns unsere eigenen Medien zusammenzustellen, sei es über RSS-Feeds, Twittertimelines oder den Facebookfreundeskreis.

Ich bin mir nicht sicher, ob die im folgenden skizzierte Idee schon die Lösung darstellt. Nachvollziehbar finde ich jedoch die Schlüsse, die in dem Beitrag gezogen werden und abschließend den Titel des Textes erläutern:

Statt sich jedoch darauf zu konzentrieren, wieder exklusive Inhalte zu schaffen – also wieder eine echte Verlagsleistung zu erbringen –, geht es im Moment darum, die längst nicht mehr exklusiven Dinge, die Nachrichten, einzusperren. Im Moment wirkt das wie das Bemühen, Zahnpasta wieder in die Tube zurückzustopfen.


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