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Eine neue Version ist verfügbar: die Zeitungsapp

Seit dieser Woche gibt es die Süddeutsche Zeitung (bei der ich arbeite) nicht nur auf Papier, als Nachrichtenwebsite und Tabloid-App, seit dieser Woche gibt es die Süddeutsche Zeitung auch für Android- und iPhone-Endgeräte. Diese Erweiterung der Angebotspalette freut mich sehr, denn dadurch wird vieles von dem greifbar was ich in der Debatte zur Zukunft der Zeitung in den vergangenen Monaten schrieb: Eine Tageszeitung ist mehr als Papier! Ich kann mir am Vorabend auf mein Smartphone die Ausgabe des Folgetages laden, ich kann die Zeitung bereits am Abend lesen – dadurch ergeben sich andere Kontexte für das Medium, das in den vergangenen Wochen so leichtfertig totgesagt wurde, dass ich mir erlaube diesen kleinen Post in eigener Sache zu schreiben.

Zudem kann ich ihn mit einem anderen Hinweis auf eine neue Version verbinden, die ebenfalls dieser Tage im Handel sein wird: Am 9. September erscheint mein Buchprojekt Eine neue Version ist verfügbar in einer Update-Version im metrolit-Verlag. Gerade habe ich ein erstes Vorabexemplar des Buches bekommen, das sich mit der Frage befasst, wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert.

Das Buch ist Ergebnis eines Experiments, das ich im vergangenen Jahr begonnen habe. Es beschreibt die Möglichkeiten, die die Digitalisierung für Kunst und Kultur bietet – und nicht nur deshalb verbinde ich diesen Werbehinweis mit dem Link auf die neuen SZ-Apps. Es ist Zeit für einen Blick auf die Chancen der Digitalisierung!

Die Zeitung der Zukunft – ein Ort der Freiheit

Während in Deutschland träge wie erwartbar die Zukunft der Zeitung diskutiert und vor allem in Frage gestellt wird, reicht ein Blick nach London um zu sehen: Diese (erstaunlich schlecht kuratierte) Debatte ist von gestern. Wie eine Zeitung von morgen aussehen kann, zeigt der Guardian schon heute. Sonntag wie Montag Abend las ich mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Entsetzen Texte aus der britischen Tageszeitung, die nur einen Schluss zulassen: Die Zeitung der Zukunft ist ein Ort der Freiheit.

Der Text, den Guardian-Chef Alan Rusbridger gestern Abend veröffentlichte und den man heute auch auf Papier lesen kann, ist durchaus als Manifest der Pressefreiheit in digitalen Zeiten zu lesen (und – so überstrapaziert der Begriff ist – ein Must read für jeden Journalisten). Der Mann, dem in den vergangenen Monaten immer wieder vorgeworfen wurde, er riskiere die Zukunft der Branche weil er auf eine Paywall verzichtet, erzählt darin von dem Druck, dem sein Haus ausgesetzt ist, seit der Whistleblower Edward Snowden sich über den Guardian einer weltweiten Öffentlichkeit offenbar hat.

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In dem Zusammenhang lohnt die Frage, warum der Amerikaner Snowden das eigentlich bei einer britischen Tageszeitung getan hat. Weil diese britische Tageszeitung weit mehr ist als das bedruckte Papier, das man in London kaufen kann. Der Guardian ist dabei sich zu einer weltweiten Nachrichtenmarke zu entwickeln gerade zu der relevantesten weltweiten Nachrichtenmarke geworden. Und das geht womöglich nur, weil man sich entschieden hat auf Bezahlschranken zu verzichten und konsequent auf weltweite Reichweite zu setzen. Der Guardian war für Snowden der Garant, dass seine Enthüllungen eine weltweite Öffentlichkeit erreichen. So merkwürdig das in dem Zusammenhang klingen mag: Auf dieser Logik basiert das künftige Geschäftsmodell der Zeitung, die heute soviel mehr ist als ein Newspaper. Denn natürlich werden auch Werbetreibende, die auf der Suche sind nach einer weltweiten Öffentlichkeit, diesen Mechanismus verstehen.

Erstaunlicherweise beweisen die Berichte der vergangenen Tage aber auch im Bereich des so genannten Lesermarkts, dass die Zeitung der Zukunft eine Finanzierungsgrundlage hat: Durch den Angriff auf den Lebenspartner des Enthüllungsjournalisten Glenn Greenwald werden wir alle mit der Frage konfrontiert: Auf welcher Seite stehen wir eigentlich? Und die Seiten – das macht Rusbridger deutlich – sind klar benannt: Der Guardian ist der Ort der (Presse-)Freiheit , ob London das in Zukunft ist, lässt er offen.

Spätestens wenn man als Leser mit einer solchen Entscheidung konfrontiert ist, wird klar, dass das Modell eines Leserclubs mehr ist als der Versuch eines Bezahlmodells: Auf der Seite des Guardians zu stehen, ist spätestens durch die neusten Überwachungsmeldungen eine Entscheidung für die Pressefreiheit. Die Zeitung wird dadurch zu einem sozialen Raum – vergleichbar mit den klassischen Institutionen der Identitätsbildung: Kirchen, Parteien, Vereine sind die vergemeinschaftliche Antwort auf die Frage: Auf welcher Seite stehst du?

Die Zukunft der Zeitung wird genau in dieser Auseinandersetzung geformt: Es ist eine Entscheidung für die Pressefreiheit, mit dem Guardian in der U-Bahn gesehen zu werden, seine Texte im Netz zu verlinken – und womöglich in seinem Freundeskreis Mitglied zu werden. Es sind bisher keine Pläne bekannt, dass Rusbridger vergleichbares plane. Nach den Meldungen der vergangenen Tage wäre dies allerdings nur konsequent: die Tageszeitung als Ort der Pressefreiheit zu formen, in dem man Mitglied werden kann; auch gegen Bezahlung. Nicht nur wegen der Meldungen der vergangenen Tage: Ich würde sofort Mitglied in diesem Club!

Das hat alles nichts mit der deutschen Debatte zu tun? Ist eine Ausnahme, die auf dem Fall Snowden basiert? Wer das denkt, sollte statt der Zeitungsdebatte vielleicht mal eine Tageszeitung lesen – z.B. wie die Leser der Süddeutschen Zeitung (Disclosure: bei der ich arbeite) auf die Arbeit der Kollegen reagiert haben, die nicht nachgelassen haben, im Fall Mollath zu recherchieren.

Wie gesagt: es gibt gerade keinen besseren Ort um an der Zukunft des Journalismus zu arbeiten als eine Tageszeitung!

Jeff Bezos kauft die Washington Post

newpost

Im Dezember 2012 machte das Fortune Magazine den Amazon-Chef Jeff Bezos zur Businessperson des Jahres. Das Porträt von damals sollte man nochmal lesen, denn gerade vermeldet die Washington Post, dass Jeff Bezos sie gekauft hat. Keine Einzelausgabe, sondern die ganze Zeitung. Und nicht Amazon, sondern die Privatperson Jeff Bezos ist der Käufer:

The sale to Bezos involves The Post and its website (washingtonpost.com), along with the Express newspaper, the Gazette Newspapers and Southern Maryland Newspapers in suburban Washington, the Fairfax County Times, the Spanish-language El Tiempo Latino newspaper, and the Robinson Terminal production plant in Springfield. Bezos will also purchase the Comprint printing operation in Gaithersburg, which publishes several military publications.

250 Millionen Dollar kostet dieses Paket, eine Zahl, die in Euro fast fünf Mal in die 920 Millionen Euro passt, für die Springer unlängst einige seiner Titel an die Funke-Gruppe verkaufte. Was sicher Stoff für Kommentare bietet.

Noch interessanter finde ich allerdings, was es heißt, dass der Mann, der an die Idee des größten Buchladens der Welt glaubte, als kleine Buchhändler noch übers Internet schmunzelten, jetzt in eine Zeitung investiert. Andrian Kreye hatte Anfang des Jahres über ihn in der SZ geschrieben:

Jeff Bezos ist kein schlechter Mensch, sondern – genauso wie Steve Jobs – ein erfolgreicher Geschäftsmann. Nur stammt Jeff Bezos eben nicht aus der Kultur der Verlage und Buchhändler, sondern aus der Welt der Hedgefonds. Die beobachten den Fluss des Geldes und suchen dort die geringsten Widerstände. Kultur ist dafür wie geschaffen. Denn Kultur basiert zuallererst auf der Leidenschaft am Werk, das Geschäftliche ist nachrangig. Das gilt selbst für die Schöpfer der ganz großen Erfolge – für J.K. Rowling etwa, für Madonna oder Steven Spielberg. da ist es ein Leichtes, in die Lücken zu stoßen, die jede Krise dort schafft.

Es scheint in der amerikanischen Zeitungsbranche also Lücken zu geben, die Krise ist da – und damit auch die Erwartungen an Bezos. Er wird die Zeitung übernehmen und alle, die sich für Medien interessieren werden beobachten, was er mit ihr macht – und einige werden sicher darauf hoffen, dass er eine Lösung findet. Zum Abschluss des Fortune-Porträts sagte er:

„I have realized about myself that I’m very motivated by people counting on me. I like to be counted on. I like to have a bunch of customers who count on us. I like being part of a team. We’re all counting on each other. I like the fact that shareholders are counting on us. And so I find that very motivating.“

Update: Stimmen zum Verkauf:

„We were certain the paper would survive under our ownership, but we wanted it to do more than that. We wanted it to succeed.”
Donald Graham

„The motivation of Bezos to buy a newspaper will, no doubt, be picked over in the financial pages, but this is not a business deal; it is a cultural statement. News is not the industry that it once was, or an industry at all. It is a cultural good, the format and delivery of which needs remaking for a different set of consumer needs and capabilities.“
Emily Bell

„The iceberg just rescued the Titanic“
Schlagzeile bei Salon.com

„In zwanzig Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben. Wenn doch, vielleicht als Luxus-Artikel, den sich bestimmte Hotels erlauben, als extravaganten Service für ihre Gäste. Gedruckte Tageszeitungen werden in zwanzig Jahren nicht mehr normal sein.“
Jeff Bezos selber, in einem Interview mit der Berliner Zeitung aus dem Jahr 2012

Wie spät ist es?

Im Spiegel erscheint diese Woche eine Geschichte, die so Multi angekündigt war, dass ich alleine wegen dieser Multi-Geschichte 3,99 Euro ausgegeben habe, um sie jetzt zu lesen (bevor ich sie morgen gedruckt auf dem Schreibtisch liegen habe). Die Geschichte handelt von einigen Uhrmachern, die dazu befragt werden, welche Haltung sie zu diesen modernen digitalen Zeitanzeigern haben. Natürlich haben sie allesamt jede Menge Meinungen zu diesen Digital-Geräten und natürlich loben sie vor allem die alten traditionellen Uhren, die sie aus unterschiedlichen Gründen für besser halten.

Die Geschichte, auf die ich mich beziehe, handelt nicht von Uhren, sondern von Tageszeitungen. Dabei wäre es ganz toll, wenn man für einen Moment annehmen würde, dass wir von Uhr- und nicht von Zeitungsmachern reden. Sofort wäre eine Verzerrung in der Perspektive zu erkennen, die bei der Frage nach der Zukunft der Zeitung vielen nicht auffällt – auch den Autoren der Spiegel-Geschichte nicht.

Wir befinden uns mitten in einem tiefgreifenden Medienwandel. Dabei verändern sich gelernte Begriffe und neue entstehen. Kein Text über die Zukunft der Zeitung kommt ohne diesen Satz aus, die darin enthaltene Erkenntnis fehlt dennoch oft. Denn obwohl wir um den Wandel wissen, lassen wir uns so sehr von dem bestimmen, was wir gelernt haben, dass wir – als Uhrmacher – glauben, diese neuen Digital-Dinger seien etwas anderes; etwas, das wir keinesfalls Uhr nennen dürfen. Wir – als Medienmacher – nennen es online oder digital; wir sprechen von Webseiten wo wir auch Zeitung sagen könnten.

Eine Tageszeitung war – und ist es auch heute noch – diese auf Papier gedruckte tägliche Portion an Informationen, für die Menschen sich begeistern (und auch Geld ausgeben). Eine Tageszeitung wird – und ist es zum Teil auch heute schon – eine auf anderen Wegen verbreitete Portion Information, für die Menschen sich begeistern (und auch Geld ausgeben).

Ich weigere mich, das Transportmedium Papier (das objektiv einige Nachteile hat) als bestimmendes Kriterium für eine Tageszeitung anzuerkennen. Ich weigere mich diese Haltung anzunehmen, weil ich glaube, dass sie betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll ist. Es gibt Menschen, die gerne eine Digitaluhr tragen wollen. Warum sollte ich als Uhrmacher ihnen erklären, dass es sich dabei gar nicht um eine Uhr handelt (und sie damit übrigens als Kunden verlieren)? Den Wert einer analogen Uhr stellt man nicht dadurch heraus, dass man digitale Zeitanzeiger schlecht redet oder ihnen gar den Titel „Uhr“ verweigert. Eine Uhr ist etwas, das mir verlässlich die Zeit ansagt. Eine Zeitung ist etwas, das mich verlässlich informiert.

In der Spiegel-Multistory ist der SZ-Kollege Stefan Plöchinger mit vielen klugen Einschätzungen zitiert. In einer sagt er, dass es gerade eine sehr gute Zeit sei um Journalismus zu machen. Ich würde das sogar noch konkretisieren: Es ist gerade eine sehr gute Zeit, um Journalismus ausgerechnet bei einer Tageszeitung zu machen (siehe dazu meinen Blogpost aus dem vergangenen Krisenherbst). Wir stehen kurz vor der Neudefinition des Begriffs Tageszeitung. Diese verlangt es, dass wir uns als Uhrmachern darauf konzentrieren, was unsere Stärke ist. Wir müssen herausfinden, was die Leute an unserer Arbeit schätzen statt darüber zu sprechen, was uns selber gut gefällt, weil wir es schon ewig so machen. Das ist anstrengend, aber keineswegs ungewöhnlich. Uhrmacher haben diese Frage beantwortet und auch die Buchbranche wird eine Antwort darauf finden: bisher unterscheidet man dort noch zwischen Buch und eBook – und nicht wenige glauben zweiteres sei in Wahrheit gar kein Buch.

Das alles heißt übrigens keineswegs, dass die Unterschiede zwischen der analogen und der digitalen Uhr aufgelöst würden. Im Gegenteil: Beide können „Uhr“ heißen und dennoch ihre spezifischen Stärken herausarbeiten. Diese Herausforderung – zu der für mich sehr dringend das konsequente digitale Denken gehört – sollten Tageszeitungen annehmen statt darüber nachzudenken, wie man diese digitalen Zeitanzeiger nun am besten nennen könnte.

Die Ausgaben des Jahres

Wer all die Rück- und Ausblicke*, all die „des Jahres“-Auszeichnungen und Fazit-Texte auf 2012 liest, kommt an dem Wort Zeitungskrise nicht vorbei. Es war auch hier im Blog Thema – damals versuchte ich mit einem Lob auf die Tageszeitung den Blick auf die Stärken des Mediums zu lenken. Der Text wurde breit rezipiert und diskutiert. Einige Male kam dabei die Frage auf, was denn ein solcher selbstbewusster Blick für konkrete Folgen haben könne? Als ich jetzt in den Rückblicks-Strudel geriet, bemerkte ich, dass in der Medienbranche zwar so allerhand ausgezeichnet wird, aber eines der Kernstücke der Tageszeitungsarbeit schlichtweg unter den Tisch fällt: die Ausgabe.

Und dabei zeigt sich in einem Detail, welche Folgen ein veränderter Blick haben kann.

Es gibt Journalisten des Jahres, Interviews des Jahres und Reportagen des Jahres. Wo aber sind die Ausgaben des Jahres? Wo ist die Auszeichnung für diejenige Zustammenstellung, die in den vergangenen Monaten herausgestochen ist – weil sie besonders zusammengesetzt war, weil einzelne ihrer Inhalte sich als prägend erwiesen haben oder weil sie sich einfach durch eine interessante Herangehensweise/Covergestaltung/Gesamtkomposition ausgezeichnet hat?


Ich habe nicht nur keine derartige Auszeichnung entdeckt, mir war es sogar nur mit Aufwand möglich, überhaupt der Ausgaben selber habhaft zu werden. Ich wollte überprüfen, ob diejenigen Ausgaben, die mir in Erinnerung geblieben sind, tatsächlich besonders waren. Ich machte mich auf die Suche nach der SZ-Wochenendausgabe vom 8. September (eine im neuen Layout), in der Hans Leyendecker und Ralf Wiegand über Bettina Wulff und ihr Aufbegehren gegen Google berichteten. Die exklusive Seite3-Geschichte war damals nicht mal Aufmacher der Ausgabe. Ich ergooglte die Titelseite der Ausgabe der Zeit vom 10. Mai, in der sich die Regeners und Kehlmanns dieses Landes ihrer Urheberschaft versicherten (das Feuilleton veröffentlichte damals den Wir sind die Urheber genannten Aufruf), was gar nicht auf dem Titel steht. Dafür wird dort das Merkel-Porträt angekündigt an das ich mich erinnern kann. Schließlich schaute ich (selbstverständlich) nach der FTD-Ausgabe vom 7. Dezember – der finalen, letzten Ausgabe des Blattes.

Drei Schlaglichter auf ein Jahr, in dem man sicher andere Schwerpunkte setzen könnte. Einzig: Wer setzt diese Schwerpunkte? Bei dieser Frage geht es mir nicht um Preise und um Auszeichnungen. Diese sind lediglich Symbol für die Haltung einer Branche. Mir geht es darum, dass wir einerseits beklagen, dass der Leser die Auswahlleistung in einer sich atomisierenden, digitalisierten Welt nicht mehr zu schätzen weiß. Dass wir andererseits genau diese Leistung aber kaum herausstellen. Dass es keinen Preis gibt, liegt ja zunächst mal daran, dass die Branche selber es nicht als preiswürdig ansieht, eine Ausgabe zusammenzustellen. Wobei die Doppeldeutigkeit im Wort „preiswürdig“ durchaus auch auf den Paid-Content-Klang bezogen sein darf.

Jeden Tag gibt es schließlich eine neue Ausgabe und nichts ist älter als die von gestern (an dieser Stelle ein Lob auf die Titelgalerie bei Meedia) – wer mit dieser Haltung Zeitung macht, ist selber nicht davon überzeugt und wird andere nur schwer davon überzeugen können, dass der Wert einer Zeitung nicht nur in ihren Texten liegt. „All the news that’s fit to print“ steht ja nicht deshalb auf der Druckausgabe der New York Times, weil man den Platz nicht anders füllen könnte, sondern weil das „fit“ ein Ausweis der journalistischen Kompetenz ihrer Macher ist. Was man bei der New York Times für printfähig hält, ist eben etwas anderes als bei anderen Blättern. Was man in einer Redaktion für „fit“ hält, ist Grundlage für die langfristige Bindung eines Lesers an die Arbeit der Redaktion – unabhängig vom Verbreitungsweg. Mit etwas Jahresend-Pathos kann man hier von Haltung sprechen, von einem für diese Publikation bestimmenden Blick auf die Nachrichtenlage. Diese Haltung ist das verbindende Element zwischen Leser und Schreiber, dessen Texte lediglich eine Ausdrucksform der Haltung sind. Gestaltung, Titelei und der Kontext stellen ein Gesamtbild her, das vielleicht vergleichbar ist mit der Idee eines Musikalbums. Davon erscheinen das Jahr über auch unzählig viele, dennoch befassen sich Musikkritiker weltweit seit Ende November offenbar mit nichts anderem als Listen mit den „Alben des Jahres“ zu erstellen.

Vielleicht wäre das auch ein für Zeitungsmacher heilsame Ratschlag: die eigenen Ausgaben wichtiger zu nehmen. Und dass sich dabei die zweite, die finanzielle Bedeutung des Begriffs schon den ganzen Text über aufdrängt, zeigt nur, dass wir vor lauter Ausgaben- und Kostenreduzierung viel zu wenig darüber nachdenken, dass es die Ausgaben sind, die den Wert einer Tageszeitung ausmachen.

* Wer sich tatsächlich für interessante Aus- und Rückblicke interessiert: bei Oreilly gibt es eine Erklärung für die Entwicklungen des Jahres 2012 und eine Prognose auf den sich verflüssigenden Journalismus des Jahres 2013

Sascha Lobo über Verflüssigung

Die Digitalisierung und die darauf folgende Vernetzung können als Folge des Wunsches nach Verflüssigung betrachtet werden, der Mensch mache sich die Erde zum Prozess.

In seiner aktuellen Kolumne bei Spiegel Online schreibt Sascha Lobo über die vermeintliche Krise der Tageszeitung – und bringt diese mit der These der Verflüssigung zusammen (die mir aus zahlreichen Gründe sehr nahe ist). Er schreibt:

Vielleicht steht nicht das bedruckte Papier, sondern die statische Berichterstattung und der abgeschlossene Nachrichtenartikel ohne jede Prozessualisierung im Zentrum der Krise. (…)
Die scheinbare Zeitungskrise als Nachrichtenkrise, aus der Perspektive der Prozessualisierung zu betrachten – als Ende der statischen, rein faktenorientierten Berichterstattung in Artikelform – führt zugegeben nicht zu vollkommen neuartigen Analysen der Problematik. Es führt aber zu deutlich erweiterten Konsequenzen.

Das sehe ich genauso

Schöpferische Zerstörung

Dass die Frankfurter Rundschau oder das Stadtmagazin Prinz mich dazu bringen würde, über das empfehlenswerte Buch „Internet – Fluch oder Segen“ zu bloggen, hätte ich nicht gedacht als Kathrin Passig und Sascha Lobo es vor ein paar Wochen veröffentlichten. Jetzt schreien die Meldungen um die insolvente Tageszeitung aus Frankfurt und die Einstellung der Print-Version von Prinz aber quasi danach, aus dem Buch zu zitieren. Denn die Reaktionen (z.B. hier, hier oder hier) treffen genau so ein, wie sie in „Internet – Fluch oder Segen“ beschrieben sind. Im „Disruption ist kein Kindergeburtstag“ betitelten fünften Kapitel schreiben die beiden über Branchen in der Krise, wörtlich heißt es:

Wer sich also einredet, die Mitarbeiter der Musik-, Buch- oder Zeitungsbranche hätten sich ihre Probleme durch jahrelange Untätigkeit oder Begriffsstutzigkeit selbst eingebrockt, der versichert sich damit in erster Linie selbst, dass ihm nicht morgen dasselbe passieren kann. Denn wenn nicht das sich immer weiterdrehende Rad der Veränderung schuld ist, sondern die Fortschrittsfeindlichkeit anderer Menschen, dann hat man selbst als aufgewecktes, zukunftzugewandtes Geschöpf ja nichts zu befürchten.

Bei manchen Einlassungen, die man jetzt lesen kann, hat man den Eindruck, sie seien von genau den „aufgeweckten, zukunftszugewandten Geschöpfen“ verfasst, die Kathrin Passig und Sascha Lobo beschreiben. Man muss im obigen Zitat lediglich die Mitarbeiter der genannten Branche durch die Verlagsführung der Rundschau ersetzen und landet prompt bei den Beiträgen, die jetzt erklären, was alles verschlafen wurde.

Internet – Fluch oder Segen ist bei Rowohlt erschienen. Ich finde es gut

Ich halte derartige Einlassungen für wenig hilfreich. Sie machen den Eindruck, der eher lustigen Rubrik „Eher nicht so gute Argumente“ aus dem Buch zu entstammen als einer zielführenden Diskussion. Das gilt zweifelsohne nicht für alle Wortmeldungen (auf Facebook hat Wolfgang Blau, der gerade angekündigt hat zu einer Tageszeitung zu wechseln, dazu geschrieben), aber dann doch für erstaunlich viele.

Das Kapitel über die schöpferische Zerstörung endet übrigens mit diesem Ratschlag hier:

Häufen Sie kein schlechtes Karma durch Verhöhnung derer an, die ein paar Tage früher als Sie selbst herausgefunden haben, dass die schöpferische Zerstörung nicht nur das zerstört, was man sowieso nicht leiden kann.
(…)
Warten Sie nicht darauf, dass es von alleine wieder besser wird oder der Staat rettend eingreift. Wenn Sie über fünfzig sind, hält das wackelige Gebilde mit etwas Glück noch, bis Sie in Rente gehen. Sind Sie jünger, sollten Sie weiterziehen.

„Call him pathetic; a nothing!“

Der mit Abstand beste Text, den ich in den vergangenen Tagen zu den Geschehnissen in Oslo gelesen habe, stammt aus dem Guardian. Charlie Brooker hat ihn mit einer spürbaren Mischung aus Wut und Menschlichkeit geschrieben. Er trägt den Titel The news coverage of the Norway mass-killings was fact-free conjecture und behandelt neben der Frage, wie die Arbeit von Terror-Experten zu bewerten sei, vor allem das Thema, wie Medien über den Attentäter zu berichten haben:

Presumably he wanted to make a name for himself, which is why I won’t identify him. His name deserves to be forgotten. Discarded. Deleted. Labels like „madman“, „monster“, or „maniac“ won’t do, either. There’s a perverse glorification in terms like that. If the media’s going to call him anything, it should call him pathetic; a nothing.

Das ist eine sehr emotionale Herleitung dessen, was W&V-Chefredakteur Jochen Kalka hier sehr rational herleitet:

Ein Täter darf nicht abgebildet werden, er darf keine große Rolle in der Berichterstattung spielen, sonst lockt das Nachahmer an. Das sagen die Psychologen, etwa Bruno-Ludwig Hemmert, der Leiter des Kriseninterventionsteams in Erfurt und in Winnenden gewesen war.

Das Gegenteil geschieht gerade – wie Ronnie Grob beobachtet hat:

Sie drucken seine Fotos dankbar ab, setzen ihn inklusive Waffe auf die Titelseite, versehen ihn mit Namen: “blonder Teufel” (Bild), “Teufel von Oslo” (tz), “Bestie” (Express), “Mord-Maschine” (Berliner Kurier).

Ich frage mich: Was wäre eigentlich, wenn man bei aller Grausamkeit den PR-Plan des Täters als solchen durchschaut, benennt und seinem Marketing nicht folgt? Es klingt vor dem Hintergrund der vielfachen Tode und der Trauer vielleicht zynisch, aber medial betrachtet, will hier jemand Werbung für seine menschenverachtende Sache machen. Er nutzt dafür die Mechanismen der Medien, die man vielleicht an den alten angelsächsischen Satz erinnern sollte:

“News is what somebody somewhere wants to suppress; everything else is advertising.”

Ist der Name des Täters Teil der News? Gehört sein Bild dazu? Und die Bilder, die er offenbar vorher selber hat anfertigen und aufbereiten lassen? Nur weil sie nicht von einer PR-Agentur verschickt werden, sind sie noch lange kein werbefreies Material. Man könnte doch auch über seine Beweggründe berichten, ohne ihn zu zeigen, ohne auf seine Pressemappe zurückzugreifen, ohne seinen Namen zu nennen. So wie man – man entschuldige den etwas weit hergeholten Vergleich – auch über Fußball im Münchner Stadion berichten kann, ohne den zu Werbezwecken vermarkteten Namen der Arena zu nennen.

Stellen wir uns vor, man könnte das so genannte Manifest des Täters irgendwo kaufen, als Papierbuch oder gar als anderen Konsumgegenstand. Würde man dann auch so ausführlich über ihn und seinen „Produkt“ berichten? Oder würde man dann sagen: „Nein, dafür wollen wir keine Werbung machen? Da würde ja jemand aus unserer Berichterstattung finanziellen Profit schlagen?“ Würde man vielleicht sogar auf Ziffer 7 des Pressekodex Bezug nehmen („achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken“).

Nimmt man die Aufmerksamkeits-Ökonomie des Internet zum Maßstab, ist es sicher nicht unangemessen, davon zu reden, dass hier jemand werbliche Interessen verfolgt: Der Täter verkauft seine menschenverachtenden Thesen und die oben zitierten Titelseiten helfen ihm. Dabei ist es unerheblich, ob Geld fließt oder nicht. Darum geht es nicht. Dem Täter geht es darum, dass sein Gedankengut in die Mitte der Berichterstattung gerückt wird. Es geht ihm darum, dass große Medienseiten im Netz ihn verlinken, ihm PageRank und Aufmerksamkeit schenken. Selbst wenn niemand auf die von Google als relevant eingestuften Links auf den Nachrichtenseiten klickt, die Folgen sind dennoch verheerend: Die verlinkten Seiten gewinnen an Algorithmus-Bedeutung. Sie werden in der Google-Suche hochgestuft, bleiben auch Wochen nach der Berichtestattung im Fokus.

Ich denke nicht, dass man verschweigen sollte, welchen Plan der Täter hatte. Ich halte es für richtig, zu analysieren, was ihn trieb und antrieb. Das muss natürlich öffentlich geschehen – und eine offene Gesellschaft muss diese Debatte führen. Aber nicht nur in Fragen der Verlinkung scheint hier eine neue Debatte über journalistischen Regeln (im Web) nötig – denn den Mechanismus hat (spätestens jetzt) nicht nur der norwegische Täter verstanden.

P.S.: Wie zum Beweis lese ich gerade von der Operation UnManifest, mit der Anonymous, den Plan des Täters nach Aufmerksamkeit genau zerstören will. Der Gegen-Plan:

1. Find the Manifest
2. Change it, add stupid stuff, remove parts, shoop his picture, do what you like to…..
3. Republish it everywhere and up vote releases from other peoples, declare that the faked ones are original
4. Let him become a joke, such that nobody will take him serious anymore

Update: Auf Twitter weist publictorsten auf die Figur des Herostratos hin, die mir bisher nicht bekannt war.

Update 2: Der Tagesspiegel hat das Manifest offenbar als Download auf seine eigenen Servern veröffentlicht. Diese Entscheidung wird mit Arguemten für und
gegen die Veröffentlichung begleitet. In dem Kontra-Text schreibt Sara Schurmann:

Jeder, der möchte, wird die Schrift Breiviks finden, jeder Fanatiker aber auch jeder normale Bürger. Aber es ist ein Hohn für die Opfer der Anschläge und ein Triumph für den Attentäter, dass ihm eine deutsche Zeitung hilft, sein Propagandaziel so problemlos zu erreichen.

„The switch to digital has occurred“

Ich kann mich daran erinnern, dass nicht gerade wenige Menschen in meinem Umfeld die These vertreten haben „Lange Texte liest man nicht am Bildschirm“. An diesen Satz musste ich jetzt denken als ich den Guardian-Text What digital readers mean for business – natürlich am Bildschirm – las. Er fasst eine Umfrage mit erstaunlichen Ergebnissen zusammen. Denn offenbar scheint nicht nur die obige Annahme überholt, offenbar stimmt auch die These nicht mehr, dass Menschen mehr in Zeitungen/Magazine (auf Papier) schauen als in Bildschirme.

Nun sollte man dafür zunächst klären, was als Bildschirm zu gelten hat. Es ist dies nämlich nicht nur der Monitor des Computers oder Laptops, es sind Tablet-Bildschirme genauso wie jene der Smartphones. Auf all die schauen die Befragten jedenfalls im täglichen Durchschnitt fünfzehn Minuten länger als auf Papier-Medien. Allerdings sehen sie auf den Schirmen dann nicht nur klassischen Nachrichten, sondern vor allem Mails, Netzinhalte und Videos. Auf Platz vier erst kommen „branded media“.

Daraus (und aus einigen anderen Zahlen) schließt der Guardian:

1 There is still a long way to go for applications to match browser adoption; it is mostly a question of interface quality.
2 People expect real-time news, including in applications, or the added value needs to be outstanding.
3 Digital editions carry more of the brand attributes; but as long as they are not supported by better applications, and able to provide real time news updates, they will remain a relatively small market.
4 The advertising model needs a bigger dose of creativity: a large chunk of readers would agree to more ads as long as their publication remains free – which paves the way to reinventing the sponsoring model for digital editions or for encapsulated contents.

Geburt einer neuen Art von Journalismus

Der Ausschuss Kultur und Medien hat sich gestern mit Qualitätsproblemen im Journalismus und ihren Ursachen beschäftigt. Der Zeit-Kollege Wolfgang Blau hat dabei fulminant sieben Mythen über den Online-Journalismus widerlegt. Dabei sagt er unter anderem:

Sie können im Netz versuchen, die in ihrem Genre beste Website zu werden oder die reichweitenstärkste. Beides sind legitime Ziele. Diese beiden Ziele schließen sich aber aus.

Das kann man in der Aufzeichnung anschauen. Die Mythen lauten:

Mythos 1: Blog stellen eine Gefahr für traditionelle Medien dar.
Mythos 2: Google ist Schuld am Niedergang der Tageszeitungen.
Mythos 3: Nur Print- und Broadcastmedien können für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Meinungspluralismus sorgen.
Mythos 4: Der Online-Journalismus hat noch kein Geschäftsmodell.
Mythos 5: Als Medienplattform begünstigt das Internet eine Boulevardisierung des Journalismus.
Mythos 6: Würde es die öffentlich-rechtlichen Online-Auftritte nicht geben, hätten die kommerziell betriebenen Websites in Deutschland sehr viel bessere Chancen, profitabel zu werden.
Mythos 7: Mit dem wirtschaftlichen Niedergang einiger klassischer Medien droht auch das Ende des Journalismus und eine substanzielle Gefahr für die Demokratie.

In seinem Fazit sagt er: “ Ja, die Zukunft des Journalismus ist ungewiss. Ja, es werden vorraussichtlich viele Arbeitsplätze in der Branche verloren gehen und das ist eine sozialpolitische Aufgabe.“ Blau sieht aber auch deutliche Hinweise auf „dass wir gerade dabei sind, die Geburt einer neuen anderen Art von Journalismus zu erleben“.