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Google und Gerüchte

Dass die Funktion der Automatischen Vervollständigung der Suchmaschine Google (und nicht nur von der wie Felix Schwenzel darlegt) gerade in der Debatte steht, ist aus vielerlei Gründen gut. Michalis Pantelouris weist darauf hin, dass diese Debatte fragwürdige Moralvorstellungen offenlegt, Stefan Niggemeier erklärt, warum es in dem diskutierten Fall weniger um den gerne zitierten Streisand-Effekt und vielmehr um die merkwürdigen Praktiken der Wulff-Gegner geht.

Dem ist eigentlich wenig hinzuzufügen und zu dem von Michael Spreng genutzten netzkritischen Großargument Rundumschlag:

Es wäre ein zivilisatorischer Rückschritt, wenn es im Internet weiter erlaubt würde, die Regeln unseres Zusammenlebens außer Kraft zu setzen.

will ich mich fast nicht äußern. Diese gefühlt jahrhundertealte Debatte, die konsequent die Ursachen und deren Ausprägungen eines Übels vermischt, langweilt mich in diesem Zusammenhang – auch weil Felix Schwenzel das wirkliche Problem schon sehr lesenswert offengelegt hat.

Viel spannender ist doch hier die Rolle der Suchmaschinen. Vor lauter Leistungsschutzrechtdebatte ist ein wenig aus dem Blick geraten, dass Google und Co Öffentlichkeitsakteure sind, die die Öffentlichkeit nach den gleichen Regeln in die Pflicht nehmen muss, wie wir das von Radio, Fernseh und Zeitungen gewohnt sind.

„Larry und Sergey, legt eure Filter-Mechanismen offen, gebt uns Zugang zu den Daten.“

hat Eli Paris in seinem Ted-Vortrag bereits im Mai 2011 gefordert. Leider ist sein Buch Filter Bubble in Deutschland so kaum gelesen worden, aber es ist meiner Meinung nach vor allem die Aufforderung an Google, Facebook und andere Filterer ihre Kriterien offenzulegen.

Erstaunlicherweise war die Funktion des automatischen Vervollständigen zudem in einer zweiten zentralen Google-Debatte auch der erste Diskussionspunkt: in der Frage der nach Urheberrechtsbrüchen gefilterten Suche. Felix Stalder hat gerade erst darauf hingewiesen, dass wir aktuell miterleben, wie Google seinen Character verändert.

In einer netzpolitisch wachen und geschulten Öffentlichkeit würden wir dies nicht nur miterleben, sondern mitgestalten. Wir würden Forderungen an Google stellen – zum Beispiel die, seine Suchfilter offenzulegen. Die im ersten Link in diesem Beitrag angedeutete Erklärung finde ich jedenfalls ein wenig dürftig:

Mit Ausnahme der möglicherweise vorgeschlagenen Google+ Profile wurden alle vervollständigten Suchanfragen in der Dropdown-Liste zuvor von Google-Nutzern eingegeben oder erscheinen im Web.

Die Kopie als Meinungsäußerung

An der ein oder andere Stelle war hier schon die Rede davon, dass die Kopie (in Zeiten der Digitalisierung) zum Mittel der politischen Meinungsäußerung geworden ist. Am Tag des Rücktritts von Christian Wulff findet man dafür schöne Beweise. Der erstaunlichste ist sicher das obige Video (via), das aus der Rücktrittsrede einen Remix macht.

http://aufdemwegzumemir.tumblr.com/

Auch die schon vor ein paar Wochen aufgetauchten Looking-at-things-Kopien wie zum Beispiel das Fotoblog „auf dem Weg zum Emir“ nutzen die Kopie, in dem sie Inhalte aus Kontexte nehmen und rekombinieren. Das gilt auch für die heute von den Kollegen vom SZ-Magazin erfundene Fotocollage, die wiederum eine Kopie des Netz-Memes ist, das vor ein paar Tagen auf Facebook erfunden wurde.

Update: Auf Twitter werde ich auf diese Musikversion hingewiesen



Präsidiales Gegenarbeiten

So weit ist es gekommen. Der Bundespräsident muss sich Ratschläge von Boris Becker erteilen lassen. Der twitternde Tennis-Star thematisiert etwas über Bande was der stellvertretender SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach in der morgigen Süddeutschen Zeitung so auf den Punkt bringt:

Jeder Lokaljournalist weiß, dass Abgeordnete oder Bürgermeister gerne anrufen, um unliebsame Berichterstattung zu verhindern. Doch die Mischung aus Naivität und Dreistigkeit, mit der Wulff agiert hat, bestürzt. Er ist nicht der Landrat von Osnabrück und auch nicht mehr Ministerpräsident von Niedersachsen, sondern das Oberhaupt des Staates. Dieses Amt aber ist für Wulff offenbar zu groß.

Das Erstaunliche daran ist aber nicht nur die demokratietheoretische Dimension des Anrufs. Erstaunlich finde ich, dass Wulff derart unpolitisch agiert. Man will sich gar nicht ausmalen, wie der Mann reagiert, wenn es mal um eine wirkliche Staatsaffäre geht, in der nicht bloß seine Finanzen, sondern das Wohl und Wehe dieses Landes verhandelt werden. Womöglich hätte dafür sogar Boris Becker mehr Gespür.

Dass das Erstaunliche in dem Fall aber offenbar Methode hat, zeigt sich, wenn man an diese Äußerungen des Bundespräsidenten aus dem Sommer 2010 erinnert. Damals hatte Wulff dem Deutschlandradio (MP3 nicht mehr verfügbar) gesagt, dass es ihm manchmal durchaus schwerfalle gelassen zu bleiben – wenn Zeitungen Berichte planen:

Früher war es so, da erfuhren sie nachmittags, dass morgen irgendwas in der Zeitung steht. Da konnten Sie schon richtig stellen, da konnten Sie schon gegenarbeiten. Heute erfahren Sie, dass etwas im Internet steht und Millionen anderer haben gleichen Zugriff auf die gleiche Information. Man hat damit keinen Vorlauf mehr, um Dinge richtigzustellen

Der Begriff des „Gegenarbeitens“ erscheint im Lichte der Meldungen des heutigen Tages in einem neuen Licht …

P.S.: Der Kollege Michalis Panteluris hat in seinem lesenswerten Post Kai Diekmann beschimpfen übrigens klar gestellt, dass Boris Becker vielleicht doch nicht ganz recht hat mit seiner obigen Einschätzung. Es lohnt sich, den Text zu lesen und diesen Beitrag aus der WDR5-Sendung „Politikum“ zu hören.

WDR5 Politikum – Der AB von Diekmann by Malotki

Danach bleibt eigentlich nur eine Frage: Wer hat in den letzten Tagen eigentlich alles bei Herrn Gauck angerufen? Dessen Mailbox würde ich jetzt gerne mal abhören …


Update: ich habe für jetzt.de ein Interview mit der Stimme von Christian Wulff geführt