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ACTA in der Kritik

Am 11. Februar wird es europaweit Proteste gegen das ACTA abgekürzte Anti-Counterfeiting Trade Agreement geben. Prof. Dr. Axel Metzger aus Hannover hat der Neuen Juristischen Wochenschrift (NJW) ein Interview gegeben (PDF) weil er eine Eingabe verschiedener europäischer Jura-Professoren gegen das Abkommen eingeleitet hat. Im Interview erklärt er:

ACTA regelt einseitig Sanktionen, ohne adäquate Rechtsschutzmöglichkeiten vorzusehen. Dies ist in unseren Augen einer der Hauptkritikpunkte an dem Abkommen.

Obwohl 22 Mitgliedsstaaten der EU den Vertrag in dieser Woche unterzeichnet haben, bleibt Metzger optimistisch, dass ein Protest gegen das Abkommen Erfolg haben kann:

ACTA muss bis 2013 von mindestens sechs Verhandlungspartnern ratifiziert werden, um in Kraft zu treten. Dieser Prozess kann angesichts der kleinen Gruppe verhandelnder Staaten auch scheitern, gerade wenn die EU ausschert. Im Europäischen Parlament regt sich erheblicher Widerstand, auch weil die Kommission das Mitspracherecht des Parlaments nicht gewahrt hat. Die Initiative kann also durchaus Erfolg haben.

Auch bei Avaaz gibt es eine Kampagne gegen ACTA

Was ist jetzt?

Für das jetzt.de-Jubiläumsheft zum Thema „Es müsste immer Internet da sein“ habe ich mich an der Beantwortung der Frage Was ist jetzt? versucht. Dabei geht es natürlich weniger um das gleichnamige Magazin als vielmehr um die Frage, wie wir Gegenwart in Zeiten von Echtzeit-Druck definieren (vor einer gefühlten Ewigkeit habe ich dazu schon mal was geschrieben).

Die Zeitspanne, die wir als alltägliche Gegenwart empfinden, scheint stetig kürzer zu werden. Ein S-Bahn-Waggon ist vielleicht Jahrzehnte im Einsatz, ein Handymodell überdauert nicht mal die Laufzeit des Telefonvertrags, und eine Website verliert schon nach wenigen Monaten ihren Charme. Obwohl das Jetzt selten so dominant und präsent war wie heute, in einer auf Aktualität und Live-Erlebnisse fixierten Medienrealität, scheint es gleichzeitig extrem flüchtig geworden zu sein. Kein Medium zuvor ist der Gegenwart so zu Leibe gerückt wie das Internet. Es dauert nur einen Wimpernschlag, bis die als Twitter-Statusmeldung geschriebene Antwort auf die Frage „Was gibt’s Neues?“ den Zeitstempel „gerade eben“ bekommt und somit als vergangen einsortiert wird.

Dabei ging es mir einerseits um die genannte Frage, andererseits aber auch darum einen Blick auf die Art zu werfen, wie wir aktuelle Webdebatten führen. Denn:

schneller, als uns lieb ist, wird die Zeit vorbei sein, in der wir wirklich noch aktiv Einfluss nehmen können, was aus diesem Jetzt wird. Wir sollten endlich bestimmen, was das Netz für uns bedeuten soll. Jetzt.

„Es müsste immer Internet da sein“

Der jetzt-Kosmos wird in diesem Sommer 10 Jahre alt. Es gab schon vorher jetzt-Inhalte im Netz, aber die Community der jetzt-User entstand im Sommer 2001. Aus diesem Grund gibt es einen Jubiläums-Sommer auf jetzt.de – und am kommenden Montag ein einmaliges Sonderheft in der Süddeutschen Zeitung; mit dem Themenschwerpunkt: Digitales Leben

Das Heft lehnt sich optisch an die Magazine Schule&Job und Uni&Job an, die seit Anfang des Jahres ebenfalls als Beilagen der Süddeutschen Zeitung erscheinen – und wurde wie diese in der jetzt.de-Redaktion erstellt (Disclosure: die ich leite). Die Art Direction hatte Joanna Swistowski.

Im Editorial des Heftes, das Montag der SZ beiliegt, heißt es:

Als im Sommer vor genau zehn Jahren die erste jetzt-Page ins Netz gestellt wurde, dachte kaum jemand daran, dass das Internet mal zu einem Soundtrack zu unser aller Leben werden könnte. Es ging darum, die Verbindung zwischen Autoren, Mitarbeitern und Lesern des damals noch gedruckten jetzt-Magazins abzubilden: Der jetzt-Kosmos war geboren, ein Ort, um Menschen zu treffen, die ähnlich denken, ein Ort, um Geschichten zu lesen und selber zu erzählen, ein Ort, der auch Bestand hatte, als 2002 das gedruckte Heft eingestellt wurde. Ein Zuhause im Netz.

Aus dem damaligen Gefühl, dass wenigstens noch das Internet da sei, entwickelte sich ein mittlerweile mehrfach ausgezeichnetes Webmagazin, das im unfassbar schnell wachsenden Netz weiterlebte und sich entwickelte.

„Call him pathetic; a nothing!“

Der mit Abstand beste Text, den ich in den vergangenen Tagen zu den Geschehnissen in Oslo gelesen habe, stammt aus dem Guardian. Charlie Brooker hat ihn mit einer spürbaren Mischung aus Wut und Menschlichkeit geschrieben. Er trägt den Titel The news coverage of the Norway mass-killings was fact-free conjecture und behandelt neben der Frage, wie die Arbeit von Terror-Experten zu bewerten sei, vor allem das Thema, wie Medien über den Attentäter zu berichten haben:

Presumably he wanted to make a name for himself, which is why I won’t identify him. His name deserves to be forgotten. Discarded. Deleted. Labels like „madman“, „monster“, or „maniac“ won’t do, either. There’s a perverse glorification in terms like that. If the media’s going to call him anything, it should call him pathetic; a nothing.

Das ist eine sehr emotionale Herleitung dessen, was W&V-Chefredakteur Jochen Kalka hier sehr rational herleitet:

Ein Täter darf nicht abgebildet werden, er darf keine große Rolle in der Berichterstattung spielen, sonst lockt das Nachahmer an. Das sagen die Psychologen, etwa Bruno-Ludwig Hemmert, der Leiter des Kriseninterventionsteams in Erfurt und in Winnenden gewesen war.

Das Gegenteil geschieht gerade – wie Ronnie Grob beobachtet hat:

Sie drucken seine Fotos dankbar ab, setzen ihn inklusive Waffe auf die Titelseite, versehen ihn mit Namen: “blonder Teufel” (Bild), “Teufel von Oslo” (tz), “Bestie” (Express), “Mord-Maschine” (Berliner Kurier).

Ich frage mich: Was wäre eigentlich, wenn man bei aller Grausamkeit den PR-Plan des Täters als solchen durchschaut, benennt und seinem Marketing nicht folgt? Es klingt vor dem Hintergrund der vielfachen Tode und der Trauer vielleicht zynisch, aber medial betrachtet, will hier jemand Werbung für seine menschenverachtende Sache machen. Er nutzt dafür die Mechanismen der Medien, die man vielleicht an den alten angelsächsischen Satz erinnern sollte:

“News is what somebody somewhere wants to suppress; everything else is advertising.”

Ist der Name des Täters Teil der News? Gehört sein Bild dazu? Und die Bilder, die er offenbar vorher selber hat anfertigen und aufbereiten lassen? Nur weil sie nicht von einer PR-Agentur verschickt werden, sind sie noch lange kein werbefreies Material. Man könnte doch auch über seine Beweggründe berichten, ohne ihn zu zeigen, ohne auf seine Pressemappe zurückzugreifen, ohne seinen Namen zu nennen. So wie man – man entschuldige den etwas weit hergeholten Vergleich – auch über Fußball im Münchner Stadion berichten kann, ohne den zu Werbezwecken vermarkteten Namen der Arena zu nennen.

Stellen wir uns vor, man könnte das so genannte Manifest des Täters irgendwo kaufen, als Papierbuch oder gar als anderen Konsumgegenstand. Würde man dann auch so ausführlich über ihn und seinen „Produkt“ berichten? Oder würde man dann sagen: „Nein, dafür wollen wir keine Werbung machen? Da würde ja jemand aus unserer Berichterstattung finanziellen Profit schlagen?“ Würde man vielleicht sogar auf Ziffer 7 des Pressekodex Bezug nehmen („achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken“).

Nimmt man die Aufmerksamkeits-Ökonomie des Internet zum Maßstab, ist es sicher nicht unangemessen, davon zu reden, dass hier jemand werbliche Interessen verfolgt: Der Täter verkauft seine menschenverachtenden Thesen und die oben zitierten Titelseiten helfen ihm. Dabei ist es unerheblich, ob Geld fließt oder nicht. Darum geht es nicht. Dem Täter geht es darum, dass sein Gedankengut in die Mitte der Berichterstattung gerückt wird. Es geht ihm darum, dass große Medienseiten im Netz ihn verlinken, ihm PageRank und Aufmerksamkeit schenken. Selbst wenn niemand auf die von Google als relevant eingestuften Links auf den Nachrichtenseiten klickt, die Folgen sind dennoch verheerend: Die verlinkten Seiten gewinnen an Algorithmus-Bedeutung. Sie werden in der Google-Suche hochgestuft, bleiben auch Wochen nach der Berichtestattung im Fokus.

Ich denke nicht, dass man verschweigen sollte, welchen Plan der Täter hatte. Ich halte es für richtig, zu analysieren, was ihn trieb und antrieb. Das muss natürlich öffentlich geschehen – und eine offene Gesellschaft muss diese Debatte führen. Aber nicht nur in Fragen der Verlinkung scheint hier eine neue Debatte über journalistischen Regeln (im Web) nötig – denn den Mechanismus hat (spätestens jetzt) nicht nur der norwegische Täter verstanden.

P.S.: Wie zum Beweis lese ich gerade von der Operation UnManifest, mit der Anonymous, den Plan des Täters nach Aufmerksamkeit genau zerstören will. Der Gegen-Plan:

1. Find the Manifest
2. Change it, add stupid stuff, remove parts, shoop his picture, do what you like to…..
3. Republish it everywhere and up vote releases from other peoples, declare that the faked ones are original
4. Let him become a joke, such that nobody will take him serious anymore

Update: Auf Twitter weist publictorsten auf die Figur des Herostratos hin, die mir bisher nicht bekannt war.

Update 2: Der Tagesspiegel hat das Manifest offenbar als Download auf seine eigenen Servern veröffentlicht. Diese Entscheidung wird mit Arguemten für und
gegen die Veröffentlichung begleitet. In dem Kontra-Text schreibt Sara Schurmann:

Jeder, der möchte, wird die Schrift Breiviks finden, jeder Fanatiker aber auch jeder normale Bürger. Aber es ist ein Hohn für die Opfer der Anschläge und ein Triumph für den Attentäter, dass ihm eine deutsche Zeitung hilft, sein Propagandaziel so problemlos zu erreichen.

10 Jahre Mosaikum

Der lesenswerte kerleone feiert im Fluss der Belanglosigkeit gerade zehnten Geburtstag (wie der jetzt-Kosmos). Wie es sich für eine zurückhaltenden Internet-Existenz gehört, eher still und leise – aber in dem kleinen Post steckt viel von dem, was ich gute Gründe fürs Bloggen nennen würde:

Durch das Weblog habe ich meinen Schreibstil entwickelt, ich bin aufs Fotografieren gekommen, habe mit Tönen experimentiert (was schließlich auch meinen Beruf geprägt hat), habe viele Dinge in der Welt entdeckt und vor allem gute Freunde kennengelernt. Danke Mosaikum – du bist keine Kleinigkeit mehr für mich!

In Kategorie: Netz

Die globale digitale Gesellschaft

Viel zu wenig führen wir den Diskurs bisher über die großen Zusammenhänge, über die grundsätzlichen Veränderungen für unsere Gesellschaft – für die Menschheit insgesamt, denn das Internet setzt der nationalen Betrachtungsweise Grenzen. Die digitale Gesellschaft ist im Kern eine globale Gesellschaft, die sich radikal verändert. Darauf müssen wir den Blick lenken.

Anke Domscheit-Berg beginnt mit ihrem Beitrag in der SZ eine Reihe im dortigen Feuilleton, die sich aus der Diskussion auf dem DLD Women Ende Juni speist. Der erste Beitrag steht jetzt online – und ist in jedem Fall lesenswert.