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Deine blöden Kommentare

Menschen in großen Massen – Fotgrafiert von Jose Martin für unsplash

Der Autor und Cartoonist Oli Hilbring hat dieser Tage eine Zeichnung veröffentlicht, auf der ein Sohn seinem zeitunglesenden Vater sagt: „Och Papa, das steht doch alles im Internet“. Der Vater blickt gar nicht auf von seiner Lektüre, antwortet nur: „Aber mit deinen blöden Kommentaren.“

Die Zeichnung wird gerade ausgiebig auf Facebook geteilt. Sie ist lustig und irgendwie traurig zugleich. Denn nach den Kommentar-Katastrophen des vergangenen Jahres startet auch das neue Jahr mit dem Eindruck: Kommentare im Netz sind nichts anderes als Mob und Quatsch und Ärger. Hilbrings Zeichnung bestätigt dies einerseits – zeigt aber andererseits auf wunderbare Weise: Die blöden Kommentare des Sohnes sind am Küchentisch, an dem der Vater liest, ja nicht verschwunden.

Im Sommer 2014 habe ich dazu mal einen Text für die Süddeutsche Zeitung geschrieben – und kommentiert:

Es ist wohlfeil, sich nun darüber zu wundern, dass fremdenfeindliche und dumme Kommentare im Netz auftauchen. Das Netz ist nicht Auslöser der Provokationsdebatten der vergangenen Jahre – es macht aber deren Folgen sichtbar. Weil es als Medium eben anders funktioniert als die Distributionskanäle der Vergangenheit: Medien sind heute keine Straßenverkaufsstellen mehr, an denen Essen zum Mitnehmen über die Theke gereicht wurde. Medien im Netz sind heute Restaurants, deren Qualität sich nicht nur daran bemisst, was verkauft wird, sondern auch daran, wer im Lokal sitzt und sich wie verhält.

Auf all die aktuellen, hässlichen Formen der so genannten Hatespeech bezogen, kann man es mit dem Kanadier Seb FoxAllen bei Vice so formulieren:

The internet of 2015, like the internet you’re reading this on today, carried all the same awfulness and injustice that persists offline, except instantly searchable and pinging you 24/7. But you need to use it. To work, to communicate, to lulz, to connect.

Der lesenswerte Text endet mit einer – wie ich finde – guten Schlussfolgerung:

Maybe all you can really do to wade through it are the same things you’ve learned to do offline: keep networks that you trust, pick fights that are worth your time and try to sidestep those that aren’t. Do what you have to do to feel safe, support others when they don’t, and keep chipping away at the structures that make any of this necessary at all.


Dazu ebenfalls lesenswert:
Hass und Pöbelein im Netz – so geht es nicht weiter! von Nico Lumma – und nochmal: vielleicht brauchen wir ein Lichterketten-Emoticon

Die Debatte über die Debatte im Netz – sechs Thesen

Vielleicht muss man – wenn man über die Debattenkultur im Netz spricht – den schönen Spruch vom Baumhaus einfach nur etwas anders interpretieren. Vielleicht gilt vor allem:

„Wer noch nie im Baumhaus war, versteht einfach nicht, welche Vorschriften funktionieren und welche nicht.“

Die Forderung nach einem Ende der Anonymität, die in den vergangenen Wochen (unter anderem vom deutschen Innenminister) auf die Agenda gebracht wurde, zählt jedenfalls zu denjenigen Vorschriften, die im Baumhaus nicht funktionieren (wie Markus Beckedahl hier sehr gut erklärt hat). Sie krankt zudem allein an der Verbindung zu dem Gewaltverbrechen des norwegischen Terroristen, das den Anonymitäts-Gegnern als Anlass diente. Denn es war ja gerade dessen erklärtes Ziel, mit vollem Namen in der Öffentlichkeit zu stehen. Er ist ja sozusagen ein Gegner der Anonymität im Netz. Die Schreckenstaten aus Norwegen zum Anlass zu der Debatte um Anonymität im digitalen Raum zu nehmen, ist aber aus noch viel mehr Gründen, sinnlos.

tl;dr-Übersicht
1. Pseudonyme sind nicht anonym
2. Pseudonyme verbinden
3. Dialog setzt einen Willen zur Verständigung voraus
4. Wo es kein draußen gibt, wird niemals ein drinnen entstehen
5. Institutionen antworten nicht, Menschen schon
6. Nicht der Klarname, sondern die soziale Gruppe sorgt für Qualität
(Inspiration via Sascha Lobo )


Baumhaus fotografiert von Patrick M Loeff auf Flickr unter CC-Lizenz

Dennoch muss ich – mit leichtem Zeitverzug – den Ball hier nochmal aufnehmen, denn mich stört vor allem die Verbindung zum Thema Diskussionkultur im Netz, die ebenfalls stets mit der Frage nach Klarnamen in Zusammenhang gebracht wird.

Und spätestens hier sind wir tatsächlich im Baumhaus.

Die Debatte um den Wert der Debatte im Netz wird vor allem von Menschen geführt, die offenbar selber nicht an Debatten im Netz teilnehmen. Denn ein paar Dinge sehen in dem Baumhaus durchaus anders aus als wenn man nur von unten versucht Einblick zu nehmen.

Zur Klärung deshalb hier sechs Thesen zur Debattenkultur im Netz


1. Pseudonyme sind nicht anonym

Es ist mehr als ein sprachlicher Unterschied: Wer unter erfundenem Namen im Netz diskutiert, ist nicht anonym. Wer sich jemals in ein Baumhaus begeben und dort womöglich sogar mitdiskutiert hat, wird wissen, dass niemand den Personalausweis-Namen „Hans Müller“ benötigt, um von anderen wiedererkannt zu werden. Es ist einfach falsch zu behaupten, sternchen82 flüchte sich in die Anonymität oder stehe nicht zu dem, was sie sagt. Wer Gespräche mit ihr geführt hat, wird wissen, wer sternchen82 ist – ohne die Adresse und den vollen Namen zu kennen. Und sternchen82 steht sehr wohl zu dem, was sie sagt – sie betritt den Diskussionsraum ja genau deshalb jedes Mal wieder unter diesem Namen.

Menschen wählen (in Netz-Debatten) Pseudonyme, weil sie einen Bezug zum Personalausweis vermeiden möchten, aber nicht weil sie nicht erkannt werden wollen. Der überwiegende Teil der Diskutanten will ja gerade in der Debatte Bezüge herstellen und auffindbar sein, deshalb gibt es Pseudonyme. Zu glauben, nur durch klassische Vor- und Nachnamen entstehe eine Debatte, ist genauso falsch wie es falsch ist, die Minderheit der böswilligen Trolle zum Maßstab für Netzdebatten zu machen. Wer jemals selber eine Debatte geführt hat, würde beides nicht tun.

Gespräch fotografiert von harry f auf Flickr unter CC-Lizenz

2. Pseudonyme verbinden
Die häufig pauschal als böse (weil niveaulos) gescholtenen Foren zeichnet etwas aus, was den Debatten unter Zeitungsartikeln häufig fehlt: die Verbindung zwischen den Diskutanten. Wer sich z.B. in ein Fachforum begibt, teilt ein gemeinsames Interesse. Häufig erkennt man diese Gemeinsamkeiten auch an der Wahl der Pseudonyme und an den Zitaten, die einzelnen Forenbeiträge häufig abschließen. Darüber und über die Art, wie Diskutanten ein Profil-Bild wählen, erfährt man mehr über die jeweiligen Personen als über das Wissen, das sich „Hans Müller“ hinter diesem Beitrag verbirgt.
Seinen Namen wählt niemand selber, Pseudonyme hingegen schon. So liefern sie Gesprächsanlässe und sind vor allem Teil der Verbindung, die für Kommunikation notwendig ist.


Talk fotografiert von gin_able auf Flickr unter CC-Lizenz

3. Dialog setzt einen Willen zur Verständigung voraus
Warum reden wir überhaupt miteinander? Wer auf diese Frage keine Antwort hat, wird niemals zu einer geglückten Kommunikation gelangen. Denn Dialog entsteht nur, wenn man eine gemeinsame Sprache spicht, wenn man eine verbindende Haltung hat oder wenn zumindest eine gegenseitige Abneigung vorliegt, die dann ja auch ein einendes Element sein kann.

Kathrin Passig hat unlängst auf die hinderliche Vorstellung zahlreicher Journalistinnen und Journalisten hingewiesen,

es gebe hier den feinsinnigen, gebildeten Autor und dort das Kommentarproletariat, dem man notgedrungen ein Ventil für seine Meinung geben müsse, es sei jetzt halt so die Mode.

Und daraus den Schluss gezogen:

In diesem Glaubenssystem sind langweilige, dumme und bösartige Kommentare unvermeidlich.

Ich glaube, man kann dieses Glaubenssystem nur durchbrechen, wenn man die verbindende Haltung in den Mittelpunkt rückt. So wie Magazin-Macher sich einen Slogan für ihr Heft ausdenken, müssen im Netz publizierende Journalisten eine Antwort darauf finden, was die unter ihren Texten diskutierenden Menschen eint. Sie müssen sich die Frage stellen: „Warum kommentieren die hier?“ und daraus Schlüsse ziehen. Vor allem müssen sie ein positives Bild davon formen, wie sie die Debatte denn gerne hätten. Wie Print-Magazinmacher sich die Frage stellen, für wen sie ein Heft machen (und für wen nicht), müssen Netzpublizisten die Frage stellen, wessen Kommentare sie wünschen und wessen Kommentare eben nicht. Und am Ende sind sie dann in der Lage einen Slogan zu formulieren, der wie Werbung für die eigenen Kommentarbereiche funktioniert.

4. Wo es kein draußen gibt, wird niemals ein drinnen entstehen
Bisher ist die Klage über die mangelnde Qualität der Internet-Diskussionen oft darauf beschränkt, festzustellen, welche Kommentare man nicht möchte. Aber ohne das positive Beispiel wird sich keine Haltung formen lassen, die wie der Slogan eines Magazins, ein Drinnen und ein Draußen definiert. So wie das gemeinsame Interesse der Nutzer eines Fachforums dafür sorgt, dass zum Beispiel Angel-Freunde nicht plötzlich über die Vorteile eines 16-Zylinders diskutieren müssen, würde eine verbindene Community-Haltung auch aus dem Ruder laufende Netz-Debatten befrieden können. Denn an einem Ort, den die Diskutanten als ihren eigenen verstehen, setzen sie sich selber zur Wehr, wenn Störenfriede eindringen. Für die Ordnung an einem Ort, der ohnehin nicht gepflegt wird, fühlt man sich hingegen erstmal nicht zuständig.

Damit eine solche Gemeinschafts-Haltung entstehen kann, ist es unabdingbar notwendig, die gesichtslose Leserschaft als Community zu denken, die sich nicht einzig über Inhalte versammelt, sondern auch über Funktionen – wie zum Beispiel Leserkommentare.


5. Institutionen antworten nicht, Menschen schon

Aber auch die profesionellen Akteure müssen aus der Gesichtslosigkeit heraustreten. Journalistinnen und Journalisten müssen als Menschen aktiv in den Dialog eintreten, sonst wird dieser nicht gelingen. In dem Text Kommunikationskultur: Beherrsche dich, Nutzer! schildert ein Spiegel-Online-Autor wie er dann und wann die Leserpost Ernst nimmt, die ihn erreicht:

Manchmal mache ich mir den Spaß und beantworte so eine Schmiererei. Meistens beginnt meine Mail mit diesem Satz: „Sehr geehrter Herr XYZ, vielen Dank für Ihre konstruktive Kritik, aber…“ Nicht selten folgt darauf eine Antwort, die so klingt: „O sorry, wer ahnt denn, dass das jemand liest.“

Wenn die kommentierenden Leser nicht mal ahnen, dass sie gelesen werden, wird ihnen umgekehrt nur schwer zu vermitteln sein, warum sie sich in dem, was sie schreiben, an Anstandsregeln halten sollen. Geschweige denn, warum sie mithelfen könnten, den Anstand in einem Diskussionsforum zu wahren. Diese Ahnung jedoch wird sich nur vermitteln, wenn man als Journalist antwortet.

Dazu muss man vielleicht die These von Heribert Prantl wörtlich nehmen, der schrieb, das Blog eines Journalisten sei seine Zeitung, sein Magazin oder sein Sender:

In jedem professionellen Journalisten steckt ein Blogger. Der Blog des professionellen Journalisten heißt FAZ oder SZ, Schweriner Volkszeitung oder Passauer Neue Presse, Deutschlandfunk oder Südwestradio. Der sogenannte klassische Journalist hat dort seinen Platz, und er hat ihn in der Regel deswegen, weil er klassische Fähigkeiten hat, die ihn und sein Produkt besonders auszeichnen.

Wenn die in der Art bloggenden Journalisten dann auch mit Leserkommentaren und Bezügen umgingen, wie es Blogger gewöhnlich tun: es entstünde ein etwas anderes, womöglich debattenfreundlicheres Klima.

Vergangene Woche jedenfalls lieferten sich die beiden Feuilletonisten Steinfeld und Seidl in der SZ und in der FAS ein durchaus amüsantes Duell, das etwa so ging: Steinfeld schrieb in der SZ über Charlotte Roches neues Buch (er findet es nicht gut), Seidl tat gleiches in der FAS (er findet es besser), stichelte dabei aber gegen den Kollegen und dessen Ausführungen über Sex. Man kann das leider im Netz nicht nachverfolgen, weil Seidls Besprechung nicht online steht. Stünde sie im Netz und würde sie wie ein Blog behandelt, man hätte unter den Texten (neben anderen Kommentaren) die Bezüge (Backlinks) der beiden Journalisten lesen können. Womöglich hätten sie sogar in den Kommentarfeldern weiter gestichelt – und den Lesern, die vielleicht auch kommentieren wollen, so ein positives Beispiel fürs Kommentieren gegeben. Sie hätten deren Fragen beantworten können und einem wirklichen Dialog den Weg ebenen können.


Freundschaft fotografiert von TrevinC unter CC-Lizenz auf Flickr.

6. Nicht der Klarname, sondern die soziale Gruppe sorgt für Qualität
Für einen solchen Dialog sind Klarnamen übrigens in Wahrheit ganz und gar nicht wichtig. Das Beispiel mit der vermeintlich verbesserten Kommentarqualität auf Facebook darf nicht täuschen. Johannes Kuhn hat bereits auf den Fall Manuel Neuer hingewiesen, der auf Facebook mit Klarnamen-Kommentaren zu kämpfen hatte, die man bei Besinnung nicht mal völlig anonym schreiben würde. Dazu kam es, weil die dergestalt Schimpfenden in ihrer sozialen Gruppe (auf Facebook „Freunde“) womöglich sogar Unterstützung für ihren Neuer-Hass zu erwarten hatten. Und in dieser sozialen Gruppe liegt der Schlüssel für die Qualität von Kommentaren (ja auch für den Mangel). Denn nur in der Gruppe muss ich für Aussagen gerade stehen (egal, ob mit Pseudonym oder Personalausweis-Namen). Wenn Leser aber das Gefühl haben, ihre Kommentare würde nicht mal gelesen, funktioniert auch keine Gruppen-Kontrolle. Völlig egal, unter welchem Namen sie schreiben.

Mehr zum Thema:

>> Danah Boyd über “Real Names” Policies

>> Johannes Kuhns Kommentar zur Anonymitäts-Debatte

>> eine Übersicht der Kommentare, die Gott in seinem Schöpfungsblog bekäme

>> Der Online-Talk auf Dradio-Wissen.

>> Die Klarnamen-Debatte bei Breitband

>> Kathrin Passig über den Salon der schlechten Laune.

Um die Debattenkultur also zu heben, muss es gelingen, Gruppen zusammenzuführen. Leserschaften zu formen. Communitys zu bauen. Das ist keineswegs so neu, wie es klingen mag. Zeitungen funktionieren seit jeher nach diesem Prinzip. Hier ein Blatt für die eher konservativ Denkenden, dort eines für die links-liberalen. Anfangs funktionierten Zeitungen ja sogar als Parteiorgane. In einer Zeit, in der deren Bindungskraft zu schwinden scheint, ist es vielleicht eine gute Möglichkeit für Zeitungen, Leserschaften als Nutzerschaften zu binden. Ihnen eine gemeinsame Haltung oder Weltsicht zu vermitteln (jedenfalls eine Verbindung) und so eine für Netz-Debatten einende Sprache zu geben.

Zukunft fotografiert von Andrew Coulter Enright auf Flickr unter CC-Lizenz.

Britische Twitter-Streitkultur

„Twitter is a wonderful way of speaking directly to people without all the peripherals. It’s ridiculous that some people take it seriously.“

Diese Einschätzung stammt laut britischem Independent von dem 75-jährigen Regisseur Michael Winner. Der hat es in der vergangenen Woche zu unrühmlicher Web-Prominenz gebracht, weil er die britische Autorin und Pokerspielerin Victoria Coren auf merkwürdige Weise auf Twitter anging. In der aktuellen Ausgabe des Observer erläutert Coren die Entstehung der Geschichte, die in der brititschen Presse einigen Niederschlag fand. Winner zeigte demnach einiges Interesse an Corens Brüsten und äußerte dies öffentlich. Das ganze bekam den Titel „Twitter-War“ und ist auf mehreren Ebenen ein Beispiel für die Unterschiede zwischen angelsächsischen und deutschen Medien.

Besonders erstaunlich finde ich zum einen die Selbstverständlichkeit, mit der man dort Twitter nutzt. Zum zweiten zeigt Corens Fazit …

I think free speech is all and humour is the best defence. But I do wish some people found it easier to understand what’s funny and what isn’t.

… dass Teile der von Sascha Lobo unlängst geforderten Streitkultur sich dort entwickeln können, wo man das Netz als Debattenraum akzeptiert. Vor allem aber zeigt es, dass die Debatte um Anonymität in Netzdebatten nur mittel-erfolgreich ist. Denn Winner und Coren sind nicht nur namentlich bekannt, sie sind sogar fast prominent.

Piano: die Paid-Content-Idee aus der Slowakei

Tomáš Bella war Chefredakteur der großen slowakischen Website SME.sk – bis er sich im Laufe des Jahres 2010 mit seiner Firma Next Big selbstständig machte. Das größter Projekt der Firma mit Sitz in Bratislava trägt den Titel Piano und soll im Laufe des Frühjahrs gelauncht werden.

Anfang des Jahres hat er für das BBC College of Journalism Blog über Piano geschrieben. Der Text enthält neben einigen erstaunlichen Informationen über das slowakische und tschechische Internet (die tschechische Site Novinky.cz nutzt ein postalisches Bestätigungssystem für Online-Kommentare, bei dem Nutzer sich per Post einen Bestätigungscode zusenden lassen müssen. Das hat zu einer Reduzierung der Kommentare von 50.000 auf 4.000 täglich geführt, die Zahl der PageViews ist im gleichen Zeitraum wegen der gestiegenen Qualität aber gestiegen) eine Erläuterung des Piano-Systems. Zentral steht dabei eine Idee, die hier auch bereits Erwähnung fand: Leser zahlen für den Zugang zum Kommentarsystem einer Website, eben um kommentieren zu können.

Im Interview mit journalism.co.uk wurde die Website-übergreifende Idee von Piano so umschrieben:

Under the new system, paying for access will give readers content and perks beyond financial news or specialist subjects including: comments on articles; exclusive access to articles from the newspaper the evening before they are published in print; forums with experts; and ad services.

Und Tomáš erläutert, warum der slowakische und tschechische Markt sich besonders für dies Paid-Content-Idee eignet. Er sagt:

Usually, most of the media are just waiting for Americans or Brits to show the way on the web and prove what works and what does not. But in the case of paid content, it might not happen because it would be probably much more risky to launch system like our at English-speaking market, where every news source has hundreds of free alternatives, compared to countries like Slovakia with only 5.5 million people or Czech republic with 10 million (and comparably small number of news portals).

Ob es klappt, wird sich im Frühjahr zeigen.

Völker, schaut auf diese Kommentarspalte!

Wann haben das letzte Mal so viele Journalisten weltweit auf die Kommentarspalte unter einem Artikel geschaut wie jetzt gerade? Vermutlich noch nie. Die Server beim Guardian scheinen jedenfalls Probleme damit zu haben, das Interesse an den Live-Antworten von Julian Assange zu bündeln.

Von überall her wird auf die Seite verlinkt, sogar Bild.de verfolgt im Live-Chat, was dort passiert (erstaunlich, dass dieser Live-Chat nahezu ohne externe Verlinkung auskommt). Und abgesehen von dem, was Assange dort wohl sagen wird, sollten wir uns diesen Moment merken. Er beweist nämlich, was die Stärke des Online-Publizierens ist:

1. Es findet live statt.
2. Es ist interaktiv.
3. Es ist verlinkbar.

Wie schön wäre es, würden wir uns dieser Stärken viel häufiger bewusst. Toll, dass der Guardian der Welt vorführt, wie es (trotz technischer Mängel) geht. Hier stellen nicht Journalisten irgendwelche Fragen, sondern die Nutzer. Und alle schauen zu.

P.S.: Wem die Wartezeit zu lang dauert, dem sei der Text von Nicolas Richter zu Julian Assange aus der heutigen SZ zur Lektüre empfohlen.

Kein Kommentar

Kersten Riechers und Tobias Reitz haben eine Präsentation über Kommentarkultur in deutschen Nachrichtenmedien ins Netz gestellt. (via )


Es kommen Roland Tichy, Markus Hofmann, Frank Thomsen und Wolfgang Blau zu Wort. Es wird kritisiert, dass Medien Kommentatoren noch immer wie Leserbrief-Schreiber behandeln und keinen echten Dialog führen. Leider wird aber nicht erläutert, warum Medien diesen Dialog suchen sollten.

Wenn der Umgang mit Leserkommentaren im Netz so ist wie mit Leserbriefen bisher, dann heißt das ja zunächst: Es ist alles wie immer. Warum sollte sich daran jetzt etwas ändern? Riecherts und Reitz liefern darauf keine befriedigende Antwort – und sie sind damit nicht alleine. Es ist dem Online-Journalismus in Gänze bisher nicht ausreichend geglückt, darzustellen, warum Journalisten sich dem Dialog mit ihren Lesern im Netz öffnen sollen. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass die (begründunslose) Behauptung, sie müssten dies tun eher dazu führt, dass die Offline-sozialisierten Kollegen sich dem versperren. Journalisten mögen nicht, wenn man ihnen sagt, sie müssten etwas tun – schon gar nicht, wenn dies nicht gut begründet ist.

Da es aber dringend nötig ist, dass dieser Dialog aufgenommen wird (Negativ-Beweise für missglückten Dialog gibt es in großer Zahl), sollten wir uns vielleicht in Zukunft mehr darauf konzentrieren, die Notwendigkeit der dialogischen Öffnung zu begründen.

Ansätze dafür habe ich im vergangenen Sommer im Rahmen von fünf Thesen zu liefern versucht. Dabei geht es mir darum – wie in einem gestern im Rahmen des IFP München geführten Interviews beschrieben – die Veränderungen der Digitialisierung neu zu denken. Vielleicht sind Medien ja mehr als bloße Inhalte-Kanäle, vielleicht müssen wir sie als Versammlungsorte (vergleichbar einem Restaurant) denken, in denen Menschen sich bewegen können. Das würde nicht nur helfen, der Paid-Content-Debatte Innovationen beizusteuern, es liefert auch einen Begründungsansatz, warum wir uns als Journalisten dem Dialog im Netz nicht entziehen können und sollen: Weil ein Restaurantbesitzer auch seinen Job verliert, wenn er sich weigert, mit den Gästen zu sprechen.

Pseudonym – Anonym?

Anfang des Jahres hatte ich über eine Auseinandersetzung zwischen Stefan Niggemeier und Konstantin Neven DuMont geschrieben: Damals ging es um den Text Ein Sandkasten für Konstantin Neven DuMont in Stefan Niggemeiers Weblog. Von dort erhalte ich seit ein paar Tagen immer wieder Besucher auf meiner Seite hier, weil ein Rücklink auf meinen Beitrag verweist. Aufgekommen ist das Thema weil Stefan Niggemeier unter dem Titel Eine systematische Störung der Verdacht geäußert hat, dass Neven Dumont in seinem Blog „unter einer Vielzahl wechselnder Pseudonyme eine dreistellige Zahl von teils irren Kommentaren“ verfasst habe.

Der SZ-Kollege Serrao nennt das in der heutigen Printausgabe der
Süddeutschen Zeitung eine Geschichte „die so verrückt klingt, dass man sie kaum glauben mag. Demnach wurden in Niggemeiers Blog von jemandem, der die Mailadresse und offenbar auch den Internetanschluss des Verlegers nutzte, über Monate zum Teil sehr wirre Beiträge unter Namen wie „Himmlischer Friede“ oder „Ordensschwester“ verfasst.“

Die Geschichte schlägt Wellen: Nicht nur die SZ, auch andere Medien berichten. Auch die FAZ schreibt über den Fall. In den Leserkommentaren unter dem Text ist mir dazu eine interessante Frage aufgefallen, die ich mir in der Debatte Anfang des Jahres bereits ähnlich gestellt hatte. Es geht um das Verhältnis des Kommentierenden zu dem Betreiber des Blogs. Ich frage mich: Darf ein Foren- oder Blogbetreiber eigentlich das Pseudonym seiner Nutzer öffentlich machen? Gibt es Ausnahmen, wenn es sich um berühmte Menschen handelt? Wäre anders über den Fall berichtet worden, wenn dieser sich nicht in Stefan Niggemeiers Blog zugetragen hätte, sondern – sagen wir rein spekulativ – auf Facebook und Mark Zuckerberg den Pseudonym-Verdacht veröffentlicht hätte? Ich habe keine klare Meinung zu diesen Fragen. Der FAZ-Leser Anton Zwielicht hat dazu und zum FAZ-Autor Niggemeier jedenfalls eine sehr eindeutige Position. Er schreibt:

Wenn jemand unter Pseudonym in einem Blog kommentiert, hat der Blogbetreiber kein Recht, dessen wahre oder vermutete Identität zu veröffentlichen. Auch nicht, wenn er Niggemeier heißt.

update: Der Rechtsanwalt Thomas Stadler gibt in seinem Internet-Law-Blog einen Einblick in die juristische Ebene des Themas.

Vom Umgang mit Leser-Kommentaren

Die häufigste Reaktion, die man in Journalistenkreisen mit der Anregung erntet, sich doch mal auf Leser-Kommentare im Netz einzulassen ist die: Da steht doch eh nur Quatsch. Es gibt leichtere Aufgaben, als die Qualität vieler eniger Leser-Meinungen zu verteidigen. Deshalb habe ich mir – als ich unlängst mal wieder ein vergleichbares Gespräch mit Kollegen führte – die Frage gestellt: Warum ist das eigentlich so? Sind die Leser so dumm?

Ich glaube, es ist vielmehr so, dass die Leser-Kommentare vieler deutscher Nachrichten-Anbieter im Netz zu einem schlecht begehbaren, scheinbar unbeobachteten Gebiet verkommen sind, in dem den Kommentierenden nie nur selten der Eindruck vermittelt wird, man interessiere sich wirklich für ihre Meinung.

Es ist dies sicher nicht der Auslöser, aber gewiss ein Grund, warum der Zustand der Netz-Debatte in den Kommentarfeldern deutscher Tageszeitung derzeit noch so viel Luft nach oben lässt. Dieser Eindruck drängt sich jedenfalls nach einem kleinen Test auf, den ich anhand der Kommentare zu den Berichten ausgewählter Online-Portale zur Vorstellung des neuen iPad genannten Produkts aus dem Hause Apple unternommen habe. Dabei ist mir folgendes aufgefallen:

Focus Online

Bei Focus-Online wird der aktuellste Leser-Kommentar ohne weiteren Klick angezeigt; direkt unter dem Text. Um jedoch in die Debatte einsteigen zu können, muss man einmal klicken, gelangt dann auf eine Übersicht, die allerdings auch nicht die Debatte, sondern lediglich die Titel der nun folgenden Leserkommentare abbildet. Um diese lesen zu können, muss man sie einzeln (!) aufklappen, mit je einem Klick. Das Besondere an dieser Übersicht: In diese Liste sind Text-Anzeigen eingestreut.

Spiegel Online

Das Angebot von Spiegel-Online ist seit jeher ein Sonderfall in Sachen Leser-Kommentare. Diese finden hier nämlich nicht unter dem Text oder in dessen Nähe statt, sondern wurden in ein Forum ausgelagert. Dort werden Meinungsäußerungen zu mehreren Artikeln gebündelt bzw. zusammengefasst. Wer sich also zu der iPad-Berichterstattung äußern möchte, wird auf einen Foren-Eintrag mit dem Titel Apples iPad – sind Ihre Erwartungen eingetroffen? umgeleitet. Dort allerdings nicht an den Beginn, sondern ganz ans Ende der Debatte. Vorteil dieser Auslagerung: Alle Funktionalitäten eines Forums sind hier voll nutzbar. Nachteil: Ein Bezug zum Artikel, gar eine Diskussion mit dem Autor ist so nicht nur schwer möglich.

Welt-Online

Bei Welt-Online werden die Leser-Kommentare ohne weitere Klick-Hürden direkt unter dem Text angezeigt. Allerdings nur die ersten fünf. Danach muss man sich durchklicken, um die Diskussion zu verfolgen. Und zwar ohne eine Möglichkeit, alle Kommentare auf einen Blick zu sehen. Besonders verwirrend dabei: Direkt über den Kommentaren ist eine Tool-Box angelegt, die das Drucken, Versenden, Bewerten und eine Größeneinstellung für die Schrift anbietet. All das bezieht sich aber nicht auf die Kommentare, sondern auf den durch Google-Ads abgetrennten Text weiter oben.

FAZ

FAZ.net gelingt bei der Darstellung der Leser-Kommentare eine Kombination dessen, was die anderen Anbieter (falsch) machen. Auch bei der FAZ sind die Kommentare der Nutzer ausgelagert – in den Bereich Lesermeinungen. Allerdings erkennt man das erst nach einem Klick auf die unter dem Text angezeigten ersten drei Kommentare. Das Problem: Wer auf den ersten „Endlich“ betitelten Kommentar klickt, gelangt so keineswegs auf diesen Beitrag, sondern lediglich auf eine neue Übersichts-Seite, auf der erstaunlicherweise auch ein anderer, aktuellerer Leserkommentar ganz oben steht.

Fazit

Bevor man sich überhaupt inhaltlich mit dem Umgang mit Leser-Kommentaren befassen kann (siehe dazu Fünf Fehler von Printmedien beim Umgang mit Online-Kommentaren im Blog Medial Digital), gilt es offenbar, einige technische Hürden auszuräumen. Die Integration der Leser-Kommentare lässt derzeit nicht den Eindruck entstehen, dass hier jemand wirklich an den Äußerungen der Leser interessiert sei.

Disclosure: Ich habe es schon bei einem vergleichbaren Test vor einer Weile gesagt: Ich arbeite in der Redaktion von jetzt.de und als Autor für sueddeutsche.de und die Süddeutsche Zeitung, deshalb habe ich diese Angebote nicht in meinen subjektiven Test einbezogen.

Und wie gesagt: Wer sich intensiver für das Thema „Community Management“ und den Umgang mit Leser-Kommentaren interessiert, dem empfehle ich das gleichnamige Seminar an der Akademie für Publizistik in Hamburg bzw. das Seminar Im Dialog mit dem Nutzer am IFP in München – sowie das Weblog von Mathew Ingram (Community Manager bei der Globe and Mail in Kanada).

WordPress-Umzug: (m)eine Horrorgeschichte

Es ist vollbracht: Ich habe die Digitalen Notizen in den vergangenen Tagen auf einen neuen Server umgezogen und dabei einige der Gruselgeschichte erleben dürfen, die man in Foren zum Thema „Datenbank-Umzug“ nachlesen kann. Da ich glaube, dass man sich als Umziehender in der Not nicht ganz so verloren fühlt wenn man die Erlebnisse anderer nachlesen kann (und so vielleicht tatsächlich auch Hilfe findet), hier ein kurzer Abriss über meine Problem-Stellung: Es ging um Charsets, Zeichensätze und Umlaute!

Die Anleitungen zum Thema Umzug (ich empfehle diese, jene oder die hier) sind sehr gut und wenn man sie tatsächlich befolgt, wohl auch von schnellem Erfolg gekrönt.

Wichtig dabei: Es reicht nicht, ein Backup der Datenbank zu haben, man sollte dieses auch vor dem Umzug getestet haben. Das klingt einfach, ich habe es aber nicht bedacht. Das führte dazu, dass ich (nach einigen Umzugs-Problemen) zwar alle Texte (Kommentare etc.) wiederfand, diese aber keine Umlaute darstellen konnten. Der Rat dazu (In dem Fall einfach ein wenig mit den möglichen Varianten (latin, UTF 8 usw.) experimentieren) erwies sich als leichter gesagt als umgesetzt. Denn: Alles Experimentieren ist so lange sinnlos wie die gesicherte Datenbank einen Zeichensatz verwendet, der selber voller Fehler steckt. Bis ich das jedoch (unter anderem dank großartiger Unterstützung eines nicht-programmierenden SZ-Kollegen) herausgefunden hatte, verging einige Zeit. Denn: Das erkennt man ja nicht – wenn die Datenbank so tut als sei sie UTF-8, die wp_config.php auch und WordPress in seinen Einstellungen ebenso.

Also habe ich schlussendlich von Hand in der Datenbank-Version Umlaute und Sonderzeichen ersetzt (wer noch fehlerhafte Darstellungen entdeckt, darf mich gerne drauf hinweisen), diese in kleinen Portionen gespeichert und erneut importiert. Übrigens zum Thema Import eine Anmerkung: Für MySql-Laien (deren Sprecher ist sein könnte) ist es nicht nachvollziehbar, warum man eine gezippte Version der Datenbank, die angeblich nur 2 MB groß ist, nicht via Menü-Punkt „Importieren“ in die Datenbank bekommt (bzw. nur unvollständig). Und MySql-Laien begreifen auch nur nach dankbar angenommenen Hinweisen, dass man die Datei entzippen, im Text-Editor öffnen und in kleinen Portionen via Menüpunkt „Sql“ importieren muss.

Doch selbst als ich das rausgefunden und die von Hand auf UTF-8 umgestellte Variante importiert hatte, war das Problem nicht gelöst. Denn dann hatte ich zwar in der Datenbank korrekte Umlaute, in der Ausgabe fehlten jedoch die Punkte auf ä,ü,ö, etc. Statt Zehn Dinge für 2010 las ich nur noch Zehn Dinge fur 2010 (was in Reihe nicht gerade klug wirkt). Es dauerte etwas, bis ich rausfand, dass an diesem (im Netz nicht dokumentierten) Fehler ausgerechnet ein Plugin steckte, das den Namen UTF-8 Convertor trägt. In meiner Not am Anfang des Umzugs hatte ich mittels dieses Plugins versucht, die Datenbank auf UFT-8 umzustellen. Das gelang (aus oben genannten Gründen) nicht und jetzt blockierte das Plugin auch die händische Reperatur.

In jedem Fall sollten die Digitalen Notizen jetzt schneller laufen als vorher. Auch das Kommentar-Problem sollte gelöst sein (Fehler im Rechnen-Plugin). Man kann jetzt also wieder kommentieren – und die aktuellsten Kommentare werden zukünftig auch auf der Startseite rechts in der Sidebar angezeigt.