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Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung von morgen (Digitale-September-Notizen)

Dieser Text ist Teil die September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Die frohe Botschaft vorweg: Es ist nicht alles schlecht im Journalismus. Ich habe heute sehr engagierte, motivierte und innovative Ausbildungs-Redakteur*innen getroffen, die auf Einladung des IfP (Katholische Journalistenschule) in Würzburg der Frage nachgehen, wie die Journalistenausbildung von morgen aussehen solle. Burkhard Schäfers hatte mich zu einem kulturpragmatischen Impuls eingeladen, in dessen Vorbereitung ich mich mit der Frage befasste, wie mich eigentlich meine eigene Ausbildung auf den sich verändernden Beruf vorbreitet hat.

Beim Seminar der Ausbildungsredakteure des IFP stellt @dvg auch unser Longreads-Magazin vor #langstrecke

Ein von SZ Langstrecke (@langstrecke) gepostetes Foto am

In der Antwort bin ich auf ein Dutzend Ideen gekommen, die ich meiner eigenen Ausbildung im Rückblick ergänzen würde. Zwölf Aspekte, die heute zum Journalismus dazu gehören, die im Rahmen meiner Ausbildung aber nicht auf dem Lehrplan standen: Dazu passt übrigens die August-Ausgabe der Digitalen Notizen aus dem Jahr 2015 – und sollte jemand wie beim Hashtag #journo2014 Ergänzungen vorzunehmen, freue ich mich darüber – #journo2016 vielleicht

1 Leserbriefe beantworten
im Sinne von: Leserbriefe beantworten. Ganz ohne Internet und Zuschauer, sondern sehr banal: Wie geht man damit um, dass Zuschauer*innnen, Leser*innen, Hörer*innen auf publizierte Inhalte reagieren?

2 Im Internet diskutierten
Was passiert wenn Leserbriefe öffentlich werden? Wie erkennt man echtes Diskussions-Interesse? Wie geht man mit Trollen um? Wie reagiert man angemessen? Wie findet man Mehrwerte und neue Geschichten sowie: Was muss man wissen um sich auch zu schützen?

3 Ein Smartphone benutzen
Es geht nicht nur theoretisch darum, die Apps und die (Hard-)Ware-Erweiterungen zu kennen, die aus einem Smartphone ein journalistisches Sendegerät machen. Es geht auch praktisch darum, diese tatsächlich einzusetzen: Welche technischen Fähigkeiten braucht man? Wie schneidet man? Welche Darstellungsformen entwickeln sich hier? Wie erzählt man eine Snapchat-Story oder eine Instagram-Geschichte?

4 Zusammenarbeiten
Wie schreibt man eigentlich gemeinsam (oder in einer größeren Gruppe) einen Text? Vielleicht sogar mit seinen Lesern zusammen? Wie arbeitet man mit Entwicklern, Gestaltern, Fotografen, Filmemachern oder Datenspezialisten gemeinsam in einem Team? Kollaboration muss man lernen, das bezieht sich auf die nötige Software, aber auch auf die Teamfähigkeit und die Definition der eigenen Rolle (nein, die anderen sind keine Zuarbeiter der Journalisten).

5 Bloggen
Ein Blog zu betreiben heißt nicht nur eine besondere Form des informellen Schreiben zu erlernen, sondern vor allem auch: Grundlagen des Publizierens im Netz zu verstehen. Wo sind die Inhalte, wenn ich auf „senden“ drücke? Wie funkioniert das Hosting? Wofür braucht man eine Datenbank?

6 Persönlich publizieren
Bloggen ist nur eine Ausprägung dessen, was ich persönliches publizieren nennen würde: Gibt es ein Seminar zum Newsletterschreiben? Oder eine Ausbildungseinheit, in der man die Feinheiten von Social Media-Angeboten wie Twitter, Facebook oder Instagram erlernen kann? Die Besonderheiten der einzelnen Dienste bilden hier nur den einen Teil. Mindestens genauso wichtig: Wie verhält man sich in Social Media? Wie positioniert man sich als Autor?

7 Inhalte verbreiten
Jonah Peretti von Buzzfeed sagt, das Erstellen von Inhalten umfasse nur die eine Hälfte journalistischer Arbeit? Wie funktioniert die zweite Hälfte? Was muss man über Distribution wissen? Wie verbreitet man seine Inhalte? Digitales Blattmachen schließt das Wissen um sehr aktuelle Nutzerzahlen ein. Welche Inhalte trenden? Wie ermittelt man diese? Wie wertet man sie aus? Und vor allem: Welche Schlüsse zieht man daraus?

8 Eine Suchmaschine bedienen
Das bedeutet in seiner aktiven Ausprägung: Inhalte so schreiben, dass sie gefunden werden. Grundlagen von Suchmaschinen-Optimierung gehören zum digitalen Publizieren dazu. In der passiveren Suchmaschinen-Nutzung heißt es: im Netz recherchieren, unterschiedliche Suchbefehle aber auch Suchmaschinen kennen.

9 Digitale Inhalte verifizieren
Weit über die Nutzung von Suchmaschinen hinaus geht die journalistische Fähigkeit (digitale) Inhalte zu verifizieren: Wie überprüft man das, was man findet? Wie ermittelt man, ob die Informationen glaubwürdig sind?

10 Livejournalismus
Vorträge halten, Veranstaltungen moderieren, Interviews öffentlich führen oder geben, ist heute womöglich mehr noch als früher Bestandteil journalistischen Arbeitens. Hinzu kommen all die digitalen Varianten desjenigen Journalismus, den man erleben kann: Wie macht man das?

11 Unternehmerisch Denken
Es gilt unter Journalisten noch immer als Ausweis von Kompetenz, sich nicht für die wirtschaftliche Seite des eigenen Tuns zu interessieren. Mehr noch: diejenigen, die das tun, werden schief angesehen. Ich habe erhebliche Zweifel, dass dies Haltung sinnvoll ist.

12 Nicht aufhören
Lernen lernen ist vermutlich die wichtigste, die zentralste Fähigkeit, die man unterrichten sollte. Denn wenn ich den Blick nicht in die Vergangenheit auf meine eigene Ausbildung, sondern in die Zukunft auf die Veränderungen der Branche richte, muss ich voller Überzeugung sagen: Ich weiß es ja auch nicht. Was ich weiß: Das Dazwischen-Sein, das Nicht-Ankommen und die Forderung ständig Neues zu lernen – all das wird nicht aufhören!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Journalistenschüler kuratieren „6 vor 9“

Morgen startet in der BILDblog-Rubrik bei „6 vor 9“ ein ungewöhnliches Experiment: BILDblog und die Deutsche Journalistenschule organisieren die Urlaubsvertretung von Ronnie Grob – Schüler der 50sten und 51sten Lehrredaktion der DJS werden in den nächsten Tagen täglich sechs besondere Links auswählen und im BILDblog und auf djs-online.de vorstellen.

Ich begleite das Projekt als Dozent und habe Ronnie Grob vorab ein paar Fragen zu der Rubrik und zum Phänomen des kuratierenden Journalismus gestellt:

Du wählst seit über 6 Jahren täglich sechs medienrelevante Links aus. Kannst überhaupt noch Texte einfach so lesen oder hast du ständig die 6vor9-Schere im Kopf?
Ich bin schon so daran gewöhnt, Texte auch auf ihre Verwertbarkeit zu prüfen, dass mir das beim Lesen fast nicht mehr auffällt.

Erzähl mal, wie das konkret geht: Du siehst einen Text und speicherst dir dann die URL in einen Read-it-later-Dienst?
Lange habe ich Delicious.com genutzt, um mir die einzelnen Storys zu speichern, doch als sich der Dienst von meinen Bedürfnissen entfernte, dauerte es keine drei Tage, bis ich mit allen Links zu Pinboard.in gewechselt bin – ein Dienst, den ich sehr empfehlen kann. Aktuell sind dort 17294 Links gespeichert, leider nicht öffentlich, sondern „private“.

Welche Dienste nutzt du, um den Überblick zu behalten?
Hauptsächlich lese ich RSS-Feeds im Google Reader, ich habe hunderte abonniert. Dazu öffne ich morgens traditionell einen Ordner mit etwa 30 Bookmarks. Da ist alles mögliche dabei: Medienseiten von Zeitungsportalen, Stichwortsuchen, YouTube-Abos, Rivva, etc. Und dann gibt es auch noch Newsletter und Google Alerts – erstere versuche ich zu meiden, letztere liefern kaum noch Brauchbares.

Wie wichtig sind Twitter und Facebook für deine Arbeit?
Sehr wichtig. Es ist zwar ermüdend, wenn immer und immer wieder die gleichen Links auftauchen, doch gerade abseitigere Links erhält man oft von klugen Menschen in der Timeline.

Und wie bedeutsam sind Empfehlungen von Lesern?
Noch viel wichtiger, denn anders als die üblichen Verdächtigen bei Twitter und Facebook haben Bildblog-Leser höchst unterschiedliche Medienkonsumgewohnheiten und liefern oft Links zu Medien, von denen ich noch nie etwas gehört habe.
Ich bin dankbar für jeden einzelnen Link, der meine Blase aufbricht und mir zeigt, dass es auch noch andere Meinungen, Geschichten, Probleme gibt als die im eigenen Umfeld. So auch mein Anspruch an „6 vor 9“. Die Umsetzung gelingt natürlich stets nur teilweise.

Wenn du die Links dann zusammengesucht hast: Wie gewichtest du?
Immer wieder anders, da gibt es kein klares Schema. Doch oft ist 1 der wichtigste Link und 6 der unwichtigste, dort landet manchmal auch Satire. Die Auswahl geschieht intuitiv, ideal ist ein Mix von Storys, die wichtig sind mit solchen, die sich gut lesen. Die besten Chancen haben medienkritische oder medienjournalistische Stücke, die relevant sind und unterhaltsam.

Ich habe den Eindruck, ein gewisses Muster bei den sechs Links zu erkennen: Es sind meist zwei ohnehin schon bekannte Stücke von sehr bekannten Autoren dabei, zwei ausländische (gerne auch aus der Schweiz), eine vorher ganz unbekannte Perle aus einem Spezialblog und ein lustiger Rausschmeißer. Ist das ein Muster, das Du tatsächlich bedienst oder bilde ich mir das ein?
Als Medienjournalist aus der Schweiz habe ich einen natürlichen Zugang zu Schweizer Storys, weshalb ich öfters welche verlinke – bisher hat sich noch nicht einmal jemand über einen Schweiz-Überhang beklagt, vermutlich aus purer Höflichkeit. Sollte die Rubrik zu viel Muster drin haben, bitte ich drum, mir das zu melden, denn „6 vor 9“ sollte schon eine Überraschungskiste bleiben. Doch wenn Blogger X oder Journalist Y Tag für Tag eine neue Hammerstory raushauen, dann muss man die eben auch verlinken. Ich werde doch keine schlechtere Story für eine bessere Story einwechseln, nur dass mal wieder eine neue Quelle da steht.

Eine besondere Herausforderung sind die kurzen Erklärtexte zu den Links. Du musst in wenigen Zeilen die Situation erklären, Zusammenhänge herstellen. Dabei schon mal in grobe Fallen getappt?
Das ist in der Tat recht heikel, und Bildblog ein Minenfeld mit vielen klugen Lesern, die nicht nur von Grammatik eine grosse Ahnung haben. Immerhin kriege ich nun nicht mehr jeden Tag E-Mails zur ß/ss-Problematik. Hat man alles richtig verstanden? Ist der Ausschnitt des Zitats sinnentstellend? Erklärt man ausführlich in fünf langweiligen Zeilen oder reicht eine knackige? Fehler habe ich schon einige gemacht, auf die ganz grosse Falle warte ich aber nach wie vor. Gerade bei noch unbekannten Medien ist man dazu gezwungen, dem Beitrag, den man gerne verlinken möchte, einen Vertrauensvorschuss entgegen zu bringen. Wenn ich um 8 Uhr eine Auswahl treffe, dann habe ich ja nur bedingt Zeit, die Plausibilität einer Geschichte zu prüfen. Sind die Zweifel zu gross, verzichte ich auch lieber mal auf eine Superstory. Um ganz sicher zu sein, müsste man ja vor jeder Verlinkung alles nachrecherchieren.

Hast du Vorbilder?
„6 vor 9“ wurde ohne konkretes Vorbild gegründet. Aber klar, es gibt viele grossartige Blogger und Journalisten, die ich mir auch gerne zum Vorbild nehme.

Welche?
Hm ja, es gibt so viele Vorbilder, die man sich nehmen kann, wenn man schreibt, angefangen von Honoré de Balzac über Niklaus Meienberg, Michèle Roten, Margrit Sprecher bis Stephan Herczeg, so dass jede Auswahl total willkürlich ist. Das naheliegendste im deutschsprachigen, medienjournalistischen Bereich ist natürlich Stefan Niggemeier, der macht seit sehr vielen Jahren sehr vieles richtig. Ob man das jetzt ins Interview aufnehmen soll? Ich weiss nicht recht… Wer wissen will, was ich aktuell lesenswert finde, liest am Besten „6 vor 9“ :)

Zum Abschluss ein Ratschlag für Deine Urlaubs-Vertreter?
Stets das Frische dem schon x-mal Gelesenen vorziehen. Und nur das schreiben, was zweifelsfrei ist, das ist nämlich schon gar nicht so einfach. Auch wenn die Uhr tickt und 8:54 Uhr schon vorbei ist.

Die BILDblog-DJS-Kooperation läuft bis 11. Januar. Wer sich mit Vorschlägen beteiligen möchte: einfach eine Mail an 6vor9@bildblog.de schicken!

In und für die Öffentlichkeit

Für die Reihe Absolventen im Gespräch hat die Deutsche Journalistenschule ein Interview mit dem hoch geschätzten Kollegen Michalis Pantelouris geführt. Der hat sich eine „Writer“-Mütze auf den Ohrhörerbeschützten Kopf gesetzt und sich vor einem 11 Freunde-Poster fotografieren lassen, um eine angemessen Bebilderung zu liefern für sein in der Tat lesenswertes Interview. Darin sagt er viele kluge Sachen über den Journalismus und das digitale Zeitalter. Zum Beispiel das hier:

Grundsätzlich überlebt keine Industrie, die nicht auf ihre Kunden hört, und Kunden sind überall fordernder geworden, seitdem es diese großartigen Formen der direkten Kommunikation gibt. Für Journalisten bedeutet das: Wir arbeiten nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern gefälligst auch in der Öffentlichkeit.

Journalismus nach 1995

Der Buch-Erfinder Christian Jakubetz hat ein Update zum Projekt Ausbildungsbuch gepostet. Einige Autoren der geplanten Veröffentlichung trafen sich am Wochenende in Berlin und einigten sich auf ein paar nicht unbedeutende Grundlagen des Buchs (an dem ich mit diesem Thema auch teilnehme). Das Buch soll den (Unter-)Titel tragen:

“Für alle, die Journalismus neu lernen — oder ihn neu verstehen wollen.”

Und vor allem soll es helfen, Entwicklungen zu beschreiben, die den Journalismus seit 1995 erfasst haben. Christian beschreibt dies so:

Jedes Thema, das wir angehen, muss sich überprüfen lassen, ob sich dort seit 1995 etwas wirklich neues ergeben hat. Um beim Beispiel Interview oder Überschrift zu bleiben: Da hat sich seit 1995 nichts verschoben, also ist das auch kein Thema für uns. Ich bin kein Fan starrer Regelungen, aber in diesem Fall finde ich diese 1995-Grenzmarkierung ziemlich hilfreich.

Ich finde des Markierung nicht nur richtig, sondern stelle begeistert fest: 1995 war das Jahr, in dem ich an der Journalistenschule in München angenommen wurde. Und ja, es hat sich einiges geändert seitdem.

Gegenwärtiger Journalismus

Vergangene Woche hatte Christian Jakubetz eine Idee: Er will „ein neues Buch für neue Journalisten“ schreiben. Und dieses Buch soll nicht nur anders sein als was man kennt, es soll auch in seiner Entstehung neue Wege gehen.

Christian schrieb einen Beitrag in sein Blog und lies sich dann überraschen: von dem enormen Feedback, das seine Idee hervorrief. Zahlreiche Menschen meldeten sich bei ihm – unter anderem fand er so die Co-Herausgeberin Ulrike Langer (die sehr lesenswert unter Medial Digital bloggt). Im Laufe der Woche entstand eine Facebook-Seite (mit mittlerweile 200 Fans) und es fanden sich weitere Mitautoren: Der Videopunk Markus Hündgen kam an Board und Christian vermeldete den Einstieg von Jochen Markett.

Das ging alles so schnell, dass die Realität die Mail überholte, die Christian mir am 17. September schrieb. Darin stand (u.a.):

Ich habe übrigens noch eine etwas bescheuerte Idee, über die ich gerne mit dir reden würde.

Gemeint war das Buch und ich nahm an, wir sprechen darüber, wenn ich demnächst (Disclosure: wie schon einige Male zuvor) in Christians Online-Kurs in der DJS vorbeischaue, um darüber zu reden, wie das Dialogmedium Internet unsere Kommunikationsfähigkeit als Journalisten fordert. Doch das Internet und vor allem Christian waren schneller.

Wenn ich jetzt Mitte Oktober zur Journalistenschule gehe, werden wir vermutlich nicht mehr über Formalia meiner Teilnahme an seinem Projekt sprechen, sondern eher über Abgabe-Termine. Denn: Ich schreibe an dem Projekt mit.

Dazu habe ich mich übrigens keineswegs entschieden, weil ich glaube, dass man den „neuen Journalisten“, die im Projekttitel (vielleicht etwas unglücklich) adressiert sind, viel erklären müsse. Ich glaube, dass man gutes Schreiben vor allem durch Lesen lernt. Und das gilt auch für den Journalismus an sich: Man schaut sich an, wie gute Journalisten arbeiten und versucht daraus zu lernen. Das geht heute vermutlich einfacher als jemals zuvor. Darüberhinaus sind auch die Ausbildungswege, die auf dem gelben Klassiker noch als Alleinstellungsmerkmal auf dem Titel notiert werden, heute auch im Netz transparent auffindbar. Wer heute Journalistin werden will, muss kein Buch kaufen um zu erfahren, dass es herausragende Journalistenschulen in München und Hamburg gibt. Sie (oder er) klickt einfach auf die entsprechenden Webseiten und folgt den entsprechenden Kollegen auf Twitter oder abonniert deren Blogs – und natürlich Zeitungen!

Ich glaube viel mehr, dass wir selber ein solches Buch brauchen, also die Kolleginnen und Kollegen, die schon im Beruf stehen. Es erinnert uns an den grundlegenen Wandel, dem wir unterzogen sind (siehe dazu zum Beispiel die fünf Thesen von Matthias Spielkamp). Es hilft uns – vielleicht wie das beschriebene ABC des digitalen Journalismus – Wissenslücken zu schließen und so neue Ideen zu entwickeln. Es zeigt uns, wie bedeutsam gerade in sich wandelnde Zeiten, die richtigen Grundlagen sind, es hält uns technisch auf dem Stand und hilft dabei, Hypes von tatsächlich bedeutsamen Veränderungen zu unterscheiden.

Viele Dinge im Journalismus werden sich nicht ändern. Einige jedoch schon. Deshalb gilt – so denke ich – für die Branche der Satz, den Kevin Kelly unlängst im New York Times Magazine notierte:

You will always be a beginner. Get good at it!

Deshalb habe ich mich entschieden, an Christians Projekt teilzunehmen. Updates dazu gibt es in seinem Blog – und wenn es fertig ist auch hier bei mir.

Offline- und Ausgeh-Tipps

Hier war es in den vergangenen Tagen etwas stiller. Wie der DJS-Kollege Richard Gutjahr habe ich (aber auf andere Weise) Urlaub gemacht. Da ich selber keine so tollen Filme machen kann wie er und da er selber unlängst in der DJS war (und darüber berichtet) hier der Hinweis auf seinen aktuellen Film (inklusive DJS-Besuch):

Außerdem noch zwei Terminhinweise: Am 17. September stellt der Kollege Nahne Steinauer (auf dessen privates Projekt Kursbüro nachdrücklich verwiesen sei) im Münchner Combinat56 „Tipps, Erfahrungen, Handwerkliches für die Umsetzung von Online-Geschäftsmodellen“ vor. Leider beginnt das ganze bereits um 10 Uhr – also zu einer Zeit, an der wohl nur Co-Worker zu einem Vortrag gehen können.

Abends und mit Getränken gibt es am Wochenende zuvor im Rahmen der Nacht der Autoren der Süddeutschen Zeitung eine kleine Diskussion, die ich mit dem Kollegen Alex Rühle im Münchner Ampere führen werde. Ab 19 Uhr geht es am 11. September ums Offline-Gehen.

60 Jahre DJS: Wie sich der Beruf verändert …

Die Deutsche Journalistenschule feiert heute in Anwesenheit von Angela Merkel Geburtstag : 60 Jahre DJS im Münchner Prinzregententheater. Herzlichen Glückwunsch!. In der heutigen SZ schreibt Holger Gerz einen schönen Geburtstagstext für und über die DJS und ddp meldet:

Seit der Gründung 1949 wurden Schulangaben zufolge an der DJS mehr als 2000 junge Menschen zu Redakteuren ausgebildet. Damit sei die DJS ¬´die älteste und renommierteste Journalistenschule der Bundesrepublik¬ª.

Es ist davon auszugehen, dass einige der 2000 zum Teil nicht mehr ausschließlich jungen Menschen heute ins Prinzregententheater kommen werden.

Vor zehn Jahren wurde der 50ste Geburtstag in der Reithalle in München gefeiert. Das ist lange her und meinem Eindruck nach hat sich seitdem mehr als nur der Festort verändert: Ich glaube, der Beruf, den man an der Journalistenschule erlernen kann, steckt in einem grundlegenden Wandel. Mir sind jedenfalls fünf subjektive und empirisch unfundierte Punkte aufgefallen, die beim letzten Fest noch anders waren:

1. Wirtschaft first! Die ökonomischen Bedingungen treten in den Vordergrund
Nein, ich spreche nicht von der Krise, weder von der aktuellen Finanz- noch von der (seit zehn Jahren dauernden?) Medienkrise. Ich spreche davon, dass Journalisten heute sehr viel selbstverständlicher als noch vor zehn Jahren die ökonomischen Bedingungen ihres Tuns bedenken (müssen). Das liegt an den strukturellen wie konjunkturellen Veränderungen der Branche, es hat eine Ursache aber auch in einer veränderten gesellschaftlichen Einstellung zum Wirtschaften. Die Haltung mit der Russell Crowe als Reporter Cal McAffrey in State of Play mehr Wert auf die ausrecherchierte Geschichte als auf den auflagenträchtigen Aufmacher legt, wird nicht nur in diesem aktuellen Journalisten-Film als kauzig und unmodern dargestellt.

2. Zielgruppe: Die Einschaltquote ist wichtiger geworden
Auch wenn Ingeborg Münzing, Gerd Thumser und Ulrich Frodien in dem lesenswerten Interview auf der DJS-Website über ihre Zeit in der ersten Lehrredaktion des damaligen Werner-Friedmann-Instituts sagen, sie seien ein „richtiger Zeitungskindergarten“ gewesen: An der DJS werden nicht nur Zeitungsjournalisten ausgebildet. Aber auch für die ist in den letzten zehn Jahren – so mein Eindruck – die aus dem TV-Bereich bekannte Quote relevanter geworden. Auch im Radio- oder Online-Journalismus ist es bedeutsamer, wer und wieviele Menschen das lesen, hören, anschauen, was der Journalist produziert. Man hat manchmal den Eindruck, Journalisten wüssten besser über Zielgruppen als über Rechtschreibung Bescheid.

3. Internet: Der Rezipient wird aktiv
Natürlich gewinnt die Quote (2.) vor allem aus finanziellen Aspekten (1.) an Bedeutung. Sie wird aber auch als Feedback-Kanal relevanter. Der einzelne Leser, Zuschauer und Hörer ist nämlich aktiver geworden in den vergangenen zehn Jahren. Natürlich nicht jeder, aber die, die sich reagierend zu Wort melden, haben dafür (im Netz) eine eigene Öffentlichkeit – und damit wachsende Bedeutung. Deshalb wird sich das Bild, das in vielen Redaktionen vom Leser existiert, verändern (müssen). Das Internet macht aus der reinen Publikation, die der Journalismus vor zehn Jahren war, auch eine Kommunikation zwischen Journalist und Leser. Wir können diesen Prozess gerade quasi live beobachten.

4. Do it yourself: Die Anforderungen an den Journalisten ändert sich
In dem bereits erwähnten Interview über die erste Lehrredaktion vor 60 Jahren wird auch über den damaligen Lehrplan gesprochen: „Es gab ein Gerippe aus Englisch und Maschine und Steno. Das war damals noch wichtig.“ Das ist historisch interessant, aber auch bedeutsam für heute: Es zeigt, dass sich das (technische) Anforderungsprofil an den Journalisten wandelt – und zwar sehr viel schneller als früher. Vor zehn Jahren war es eine absolute Ausnahme, dass ein Journalist (mittels Photoshop oder vergleichbarer Software) ein Foto zuschneiden konnte – und vor allem musste. In heutigen (Online-)Redaktionen ist das eine selbstverständliche Anforderung, von Video- oder Audioschnitt will ich hier gar nicht sprechen. Und natürlich ist auch der im Netz notwendige Dialog mit den Lesern eine Fähigkeit, die ein Journalist erlernen muss.

5. Wahrnehmung: Das (Selbst-)Bild verändert sich
In dem erwähnten Gespräch wird auch die Rolle der zum Teil sehr berühmten Dozenten („Das waren Halbgötter damals!“) in der ersten Lehrredaktion thematisiert. Da stellt sich die Frage: Ist das heute auch noch so? Werden Dozenten an der DJS, also aktive Journalisten, als Halbgötter angesehen? Sehen sie sich selber so? Kommen sie damit durch?

Ich glaube, dass sich das (Selbst-)Bild des Journalisten in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert hat. Das liegt an dem in den obigen Punkten genannten Wandel und ist vermutlich die zusammenfassende grundlegende Veränderungen: Journalist zu sein, ist heute in vielen Bereichen etwas anderes als vor zehn Jahren.

Wie man wohl im Jahr 2019 darüber denkt?

P.S.: Habe ich es eigentlich erwähnt? Ich habe diese Schule auch besucht. Und zwar sehr gerne. (Disclosure)

Update: In der Frankfurter Rundschau schreibt der Kollege Moritz Baumstieger ebenfalls über 60 Jahre DJS.