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Dialog mit dem Leser als Reputationsgewinn

Der renommierte Zeit-Reporter Wolfgang Uchatius hat der Branchenzeitschrift Journalist ein Interview gegeben. Darin gibt er Einblick in die Hintergründe seiner Arbeit und erläutert, welche Qualitätsmaßstäbe er an eine gute Reportage anlegt. Das Gespräch ist über die Branchen-Grenze hinaus interessant, weil Uchatius auch auf die Konsumenten seiner Arbeit zu sprechen kommt: die Leser. Uchatius sagt:

Die Leser können dann gerne diskutieren, und das finde ich auch gut, aber warum muss ich mich da einmischen?

Diese Frage zu stellen ist in der Branche durchaus nicht unüblich. Denn erst seit das auf Vernetzung basierende Medium Internet aus Rampen-Kommunikation eine Raum-Kommunikation gemacht hat, stellt sich dieses Thema in dieser Form. Erstaunlich ist Uchatius’ (vermutlich rhetorische) Frage aber genau aus diesem Grund: Denn ziemlich genau seit das Internet aus der Rampen-Kommunikation eine Raum-Kommunikation gemacht hat, stellt sich auch ein anderes Problem ziemlich dringend: Wie finanziert sich Journalismus klassischer Prägung in diesem neuen Umfeld?

Man kann diese beiden Debatten der digitalen Kommunikation leicht verschneiden und wird dabei feststellen: womöglich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Frage, wem Menschen Aufmerksamkeit, Vertrauen und Geld geben und der Frage, ob Journalisten mit ihren Lesern reden und auf deren Anmerkungen reagieren sollen. Das Blog von Stefan Niggemeier ist zum Beispiel nicht nur deshalb für viele Deutschlands bestes Medienblog, weil dort gute Inhalte stehen. Dieses Blog versammelt auch deshalb die Aufmerksamkeit vieler Menschen, weil Stefan Niggemeier sich die Mühe macht, seine Texte nicht einfach zu über den Lesern abzuwerfen oder loszulassen, sondern tatsächlich auf die Fragen und Anmerkungen seiner Leser zu reagieren. Auch deshalb finden sich in den Kommentaren in dem Blog Wortmeldungen wichtiger Medienmacher des Landes.

Uchatius konkretisiert seine Haltung im Folgenden. Er sagt:

Man muss auch mal loslassen können. Ich habe den Text ja unter anderen Bedingungen geschrieben als die Leser ihre Kommentare. Ich habe nachgedacht, ich hatte Zeit, das ist ja der Luxus, den wir hier bei der Zeit genießen. Das, was ich da geschrieben habe, ist das, was ich glaube, schreiben zu können, und wenn ich dem noch etwas hinzuzufügen hätte, hätte ich es geschrieben. Warum soll ich auf der Kommentarseite noch mal erläutern: Das habe ich so und so gemeint. Wenn der Leser anderer Meinung ist, dann muss ich das respektieren.

Erstaunlich daran finde ich zwei Aspekte: Zum einen schließt eine solche Haltung aus, dass ein Autor nach Veröffentlichung eines Texte schlauer werden kann. Hätte er noch etwas hinzufügen wollen, hätte er das getan – sagt Uchatius und erhebt damit die Beschränkung des Publikationsmediums Papier zu einer Art Qualitätsmerkmal. In den Jahrhunderten, in denen auf dem nach Veröffentlichung nicht veränderbaren Medium Papier publiziert wurde, gab es keine Alternativen zu dieser Haltung. Egal ob man will oder nicht, auf Papier kann man nichts mehr hinzufügen. In den Jahren, in denen wir die verflüssigten Publikationsformen des Digitalen kennen, kennen wir auch Alternativen: Inhalte sind nach Veröffentlichung veränderbar. Stefan Niggemeier hat gerade darauf hingewiesen, dass dies oftmals auch verbesserbar heißen kann. Ich glaube – deshalb habe ich ein Buch über die Verflüssigung von Inhalten geschrieben – dass es auch erweiterbar heißen kann. Digitales Publizieren ist eben nicht, wie Uchatius sagt, fertig und abgeschlossen. Im Gegenteil: Es beginnt mit dem Moment der Veröffentlichung.

Der zweite Aspekt, der mich an der Haltung interessiert, ist die Tatsache, dass Uchatius seinen Text für sich sprechen lassen will. Er will ihn nicht im Anschluss erläutern oder erklären. Das erscheint in sich stimmig, wirft aber die Frage auf: Warum erläutert er seine Arbeit dann in einem Interview mit einem Branchenmagazin?

Die Antwort zeigt das zentrale Problem im Umgang mit Lesern im deutschen Journalismus: Ein Interview in einem Branchenmagazin bringt Reputation. Auf Leserkommentare zu reagieren, Nachfragen zu beantworten oder Missverständnisse auszuräumen ist hingegen mit keinem Reputationsgewinn verbunden. Man sieht in Deutschland immer wieder in erstaunte Kollegen-Gesichter, wenn man berichtet, dass es dem sicher nicht gelangweilten Guardian-Chef Alan Rusbridger nicht nur möglich war, nach den Snowden-Enthüllungen in den Leserkommentaren beim Guardian zu diskutieren, sondern sich sogar dem Frage-Mob den reddit-Nutzer zu einem Ask me Anything zu stellen. Rusbridger tut dies, weil es ihm Reputation bringt.

Our future is on to social! Was bitte soll das denn heißen?

“We have people who understand print very well, the best in the business. We have people who understand advertising well, the best in the business. But our future is on to video, to social, to mobile. It doesn’t mirror what we’ve done. It broadens what we are going to do.”

Mit diesen Worten beschreibt Arthur Sulzberger Jr. seine Entscheidung, den ehemaligen BBC-Chef Mark Thompson zum Chef der Zeitung New York Times zu machen. Darin enthalten sind mehrere bedeutsame Aussagen zu der Frage, wie Medien in einer digitalisierten Welt funktionieren werden.

1. Zeitungen sind Medienhäuser
In der Ankündigung sucht man ein Wort vergebens. Weder Sulzberger noch Thompson selber sprechen von einer Zeitung, wenn sie von der Zukunft der New York Times sprechen. Sie skizzieren die Zukunft einer glaubwürdigen Quelle, die auf unterschiedlichen Kanälen kommuniziert. Sie sprechen von einem Medienhaus.
Das ist nicht neu, auf Podien wird diese Haltung seit Jahren erläutert. Aber wird sie auch umgesetzt? Werden Journalisten für die Arbeit in einem Medienhaus ausgebildet oder lernen sie nicht vielmehr, bei einem Radio- oder Fernsehsender zu arbeiten? Haben sie Vorbilder, die wenn auch nicht für unterschiedliche Kanäle produzieren, so doch zumindest in dieser neuen Medienrealität denken?
Die Entscheidung der New York Times, einen ehemaligen Fernsehjournalisten und Direktor eines Rundfunkhauses zum neuen Chef zu machen, setzt dies um. Thompson soll die New York Times in einer Welt platzieren, in der die Unterscheidung zwischen den Ausspielkanälen obsolet geworden ist. Relevant ist die Absendermarke, nicht der Verbreitungsweg.

2. Medienhäuser sind Sender
Zeitung und alle anderen Medien werden somit in erster Linie zu Sendern, die Inhalte verbreiten – auf unterschiedlichen Wegen. Dieser erste gedankliche Schritt scheint offensichtlich, ist aber bedeutsam. Daraus folgt nämlich, dass eine der wichtigeren journalistischen Funktionen die des Verbreitungsmanagers sein wird. Mit diesem (von mir gerade erfundenen) Begriff wird eine Tätigkeit zu beschreiben sein, die mir bisher noch nicht flächendeckend als Job-Profil bekannt ist: eine Kollegin oder vermutlich eher ein ganzes Team, das auf der Schnittstelle aller Ressorts arbeitet und die Entscheidung über die richtige Verbreitung eines Inhalts trifft. Welche Meldung muss textlich und schnell im Web verbreitet werden? Welcher Inhalt taugt für einen Videohintergrund? Zu welchem Ereignis bietet sich eine Info-Grafik an? Wo ist ein ausgeruhtes Essay angebracht? Und was posten wir wie auf Facebook?
Antworten auf diese Fragen werden künftig aus einem Distributionsteam stammen, das sich (wie ein CvD eines Printmagazins), sehr gut mit Verbreitungswege und deren Spezifika auskennt.
Lehrbeispiele für eine solche Einheit könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk liefern. Insofern ist die Entscheidung für Thompson durchaus nachvollziehbar. Die BBC verfügt über Inhalte und musste Wege finden, deren Verbreitung zu organisieren (siehe iPlayer). Gibt es entsprechende Beispiele auch in Deutschland? Zeigt der öffentlich-rechtliche Rundfunk an herausgehobener Stelle, was es bedeuten kann, Sender in einem digitalen Umfeld zu sein?

3. Medienhäuser sind Empfänger
Die New York Times selber hat im vergangenen Jahr in einer Studie ihre neue Rolle mit dem Slogan „From Broadcaster to Sharecaster“ überschrieben. Denn es geht in digitalen Räumen keineswegs einzig darum, trimediales Denken zu ermöglichen. Es geht darum, das digitale Ökosystem als einen Raum zu erkennen, in dem Sender gleichzeitig auch Empfänger sind (und auch umgekehrt). Wer glaubt, Trimedialität bereite Medienhäuser auf die Zukunft vor, bleibt nach dem ersten Schritt stehen. Nur über unterschiedliche Ausspielwege nachzudenken, unterschätzt die Möglichkeiten dessen, was Sulzberger als „social“ in seiner Ankündigung beschreibt.
Und das ist ja das wirklich Erstaunliche an der Ankündigung, einer der weltweit wichtigsten Zeitungsmenschen erklärt: Die Zukunft der Zeitung liegt in Video, im Mobilen (das kann man sich irgendwie ja vorstellen) und im Sozialen. Was bitte soll das denn heißen?

4. Die Zukunft liegt im Sozialen
Das heißt, dass Publikation zu Kommunikation wird. Dass Medienhäuser (und vor allem auch deren Mitarbeiter) lernen müssen werden, nicht ausschließlich in Form von Megafon-Ansagen zu kommunizieren, sondern auch im Dialog. Dafür ist ein kultureller Wandel nötig, der tiefgreifender ist als die Ausrichtungsänderung einer Zeitung hin zu einem Anbieter, der auch Videos sendet. Dieser Wandel betrifft die Rolle des Journalisten, die Art, wie er seine Autorität herleitet und damit die Grundlage für die Entscheidung eines jeden Lesers/Zuschauers, ihm oder ihr Aufmerksamkeit oder sogar Geld zukommen zu lassen.

Wenn Sulzberger sagt „our future is on to social“ heißt das nicht einzig, dass er Twitter oder Facebook wichtig findet. Es heißt vor allem: Journalismus im digitalen Raum muss kommunizieren lernen. Es heißt, wir müssen die Grundlagen unseres Berufs neu und anders denken. Und das ist vermutlich weitaus komplizierter als eine neue Technologie oder ein verändertes Redaktionssystem zu bedienen: ein neues Denken zu erlernen.

Die Entscheidung für Mark Thompson bei der New York Times zeigt, dass die Debatte über dieses andere Denken keine abstrakte Zukunftsversion ist, sondern konkret umgesetzt wird. Genau jetzt.

Reden wir mit unseren Lesern

We believe it is critical in keeping us as a part of the open web and of the global conversation, particularly after the launch of our digital subscription model. In fact, we value it so greatly that all social media links to nytimes.com are free… from everywhere in the world on all social networks. And, as I noted earlier, we’re using social media to engage our audience and we’re using it in our reporting. Twitter and Facebook are vast, so we have approached them by applying Times journalism as a layer on top of them. We come up with clever hashtags, ask provocative questions, find ways to curate only the best material for our site, provide Times quality live reporting on Twitter and our staff, aggressively and skeptically reports on developments in the social media world.

Arthur Sulzberger, Verleger der New York Times, erläutert an der LSE The continuing digital transformation of the New York Times

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Müssen wir jetzt alle telefonieren?

Vergangene Woche habe ich einen Text von Betabeat auf Twitter verlinkt. Dort wird Michael Lazerwo, CEO von Buddy Media, mit den Worten zitiert

“The days of, ‘Do we publish on Facebook? Do we tweet?’ are over. Either you do it, or you’re crushed. Do it or go out of business.”

Den Hinweis auf diesen Text hatte ich von Steffen Konrath bekommen, der auf meinen Tweet reagierte und fragte, was denn sei, wenn es auch ohne Facebook gelingen könne, erfolgreich zu sein?

Ich erzähle das hier, weil ich nach seinem Tweet eine Weile darüber nachdachte und diese Frage (leicht abgewandelt) heute offenbar auch beim Medienforum NRW auftauchte: Müssen wir tatsächlich alle twittern? Müssen wir alle Facebook nutzen?

Wie ich bei Was mit Medien nachlese, hat Richard Gutjahr offenbar das dortige Podium (und vor allem Monika Piel) ein wenig provoziert – und zu den folgenden Aussagen gebracht:

Es ist absolut irrelevant, ob wir twittern oder nicht. (Anke Schäferkordt)

Ich finde es auch völlig irrelevant, die Frage, wer von uns twittert. Es geht hier nicht um uns als Privatpersonen, da würde ich Ihnen auch nicht erzählen, ob ich twittere oder nicht, da können Sie nachgucken. Es geht darum, was wir in den Sendern machen. (Monika Piel)

Verdammt nochmal, ich will mir selbst aussuchen können, wie ich mich informiere, bei wem ich mich informiere, und dann mich mit dem Vorwurf konfrontiert sehen: Du bist von gestern oder vorgestern. (Jürgen Doetz)

Die Aufregung war anschließend groß. Zumidest auf Twitter. Leider blieb es aber dabei (trotz guter Einlassungen z.B. von Christian Jakubetz und Jens Matheuszik) . Das ist schade, denn wenn mit solcher Vehemenz und Einstimmigkeit von privater wie öffentlich-rechtlicher Seite behauptet wird, etwas sei irrelevant (völlig bzw. absolut), kann man sich sicher sein: Es ist verdammt wichtig. Es ist so verdammt wichtig, weil die Frage so derart unbeantwortet im Raum steht: Gibt es tatsächlich eine Verpflichtung, sich mit diesem neuen Kram zu befassen?

Podien sind vermutlich die schlechtesten Orte, um solche Fragen zu beantworten. Trotzdem schade, dass (soweit ich das dem Transkript nach beurteilen kann) nicht mal der Versuch unternommen wurde. Denn ich glaube, dass die Antwort weniger staatstragend und groß ausfallen muss als der Vergleich mit den Facebook-Revolutionen in Nordafrika es nahelegt. Ich glaube, dass wir aus der großen Social-Media-Blase mindestens so viel Luft rauslassen müssen, bis das Wort „Dialog“ übrig bleibt. Bis wir erkennen, dass es Bestandteil des Verwertungszusammenhangs (Schäferkordt) und des öffentlich-rechtlichen Auftrags (Piel) ist, diesen Dialog als Journalist (als Person) und als Sender (als Institution) anzunehmen und zu gestalten. Alan Rusbridger und Peter Horrocks haben das in England bereits umgesetzt.

Steffen Konrath hat mir übrigens einen Cappuccino versprochen für die Antwort, die ich ihm schlussendlich gab:

Twitter – und damit der netzbasierte Dialog – ist nichts anderes als das Telefon.

Nicht komplizierter, aber eben auch nicht unwichtiger. Man kann auch als Journalist oder als Sender ohne Telefon sehr erfolgreich sein. Dennoch würde niemand auf einem Podium behaupten, es sei absolut irrelevant, ob man telefoniere oder nicht.

Das Gegenteil von Nichts

Das Fachmagazin Der Journalist hat die Debatte um den diesjährigen Henri-Nannen-Preis zum Thema eines Gesprächs zwischen Stefan Willeke und Claudius Seidl gemacht, das man aus so vielen Gründen empfehlen muss, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll.

Der wichtigste Grund ist: Dieses Gespräch ist das Gegenteil von Nichts – jedenfalls wenn man Seidls Maßstab anlegt, den er im Nachruf auf Michael Althen (dessen Texte jetzt übrigens gebündelt online stehen und via Facebook verbreitet werden) so formulierte:

Ein Film, ein Buch, eine Fernsehserie ist nichts, wenn darin nicht auch die Forderung steckt, das eigene Leben zu überprüfen.

In dem Gespräch steckt die Forderung, das Journalisten-Leben in Deutschland zu überprüfen oder zumindest die Inszenierungs- und Bedeutungsmechanismen, die Wichtigkeit aufbauen in einer Branche, die gerade von der Amateur-Wucht der Demokratisierung der Publikationsmittel erfasst wird. Denn durch die chaotischen Wirren um die An- und wieder Aberkennung des Preises sieht Seidl genau diese Mechanismen im Wanken:

Der Fall ist wie ein kleiner Sprengsatz, der eine große komplexe Konstruktion aus Halbwahrheiten, Selbstbetrug und Simulation zum Einsturz bringt. Und da bin ich Filmkritiker genug, um solche Einstürze mit Genuss zu betrachten.

Doch ein viel wichtiger Punkt findet sich in einem Nebenaspekt der Frage, warum man überhaupt Journalistenpreise braucht. Claudius Seidl antwortet darauf:

Wozu brauchen Journalisten Preise? Journalisten sollen dafür kämpfen, dass sie anständige Gehälter bekommen. Allein die Inszenierung der Preisverleihung: Da kommen die Hamburger Honoratioren im Smoking. Als wären es die Oscars. Das ist doch alles so falsch. (…) Journalistische Spitzenleistungen werden dadurch ausgezeichnet, dass Leute über sie reden, darauf reagieren. Darum geht es.

Ich halte diese These für richtig. Denkt man sie weiter heißt das: Die Reaktion, die journalistische Publikation hervorruft, ist die Auszeichnung dieser Arbeit, sie ist aber auch ihr Bestandteil. Diese Reaktion wird häufig im Netz abgebildet und verlangt vom Journalisten selber wiederum eine Reaktion. Ausgezeichneter Journalismus – heißt das in der Folge – ist also jener, der sich der Debatte (im Netz) stellt, der dem Dialog nicht ausweicht, sondern ihn annimmt und gestaltet.

Keine Ahnung, ob Seidl das gemeint hat, ich jedenfalls verstehe ihn so.

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Die Leser im Fußballstadion

Die gesellschaftliche Metaphorik des Fußballs ist so allgegenwärtig, dass man sie kaum mehr zitieren mag. Die Kommerzialisierung, die Kurzlebigkeit und die alleinige Fixierung auf Erfolg (Punkte = Umsatz) sind hinlänglich zitiert und beschrieben worden. Unlängst wies der FAZ-Kollege Marcus Jauer zudem sehr lesenswert darauf hin, wie auch die politische Berichterstattung sich immer mehr dem annähert, wie über Fußball berichtet wird.

„Grundsätzlich überlebt keine Industrie, die nicht auf ihre Kunden hört, und Kunden sind überall fordernder geworden, seitdem es diese großartigen Formen der direkten Kommunikation gibt.“ Michalis Pantelouris

Trotzdem muss ich den Fußball heranziehen, um eine Frage aufzuwerfen, die (weiter unten) auch den Journalismus betrifft. Michalis Pantelouris hatte unlängst darauf hingewiesen, dass die Kunden immer fordernder werden und dass er keine Industrie kenne, die überlebe, ohne auf ihre Kunden zu hören. Er bezog das auf die fehlende Kommunikationsbereitschaft mancher Journalisten im Netz. Ich musste dabei jedoch an den FC Schalke und den FC Bayern denken. Deren Kunden (vulgo: Fans) haben derzeit ein Problem mit Manuel Neuer, der übrigens nicht nur wegen seiner herausragenden Arbeit auf dem Fußballplatz Respekt verdient, sondern gerade und vor allem für die Art und Weise wie er mit seinen Kunden (vulgo: Facebook-Fans) kommuniziert.

„Die Scheißstimmung, für die seid ihr doch zuständig und nicht wir. Es kann nicht sein, dass wir uns jahrelang den Arsch aufreißen und dann so kritisiert werden. Was glaubt ihr denn, wer ihr seid?“ Uli Hoeneß, Wutrede

Aber um den Torwart geht es nur nebenbei. Ich frage mich vor allem, ob ein Verein einen Spieler gegen den erklärten Willen einiger seiner Fans (Kunden?) kaufen und einsetzen sollte und kann? Wie er das kann, wird der FC Bayern wohl in den nächsten Tagen zeigen, ob er das sollte, kann ich nicht beurteilen. Erstaunlich finde ich jedoch, dass es offenbar Anhänger des FC Bayern gibt, die aus welchen Gründen auch immer, darauf verzichten wollen, den erkennbar besten Torhüter des Landes (der Welt?) in ihrem Team zu haben. Warum auch immer die Koan Neuer-Menschen sich organsieren, sie widersprechen damit massiv dem Vorwurf, Schönwetter-Fans zu sein, die nur gewinnen wollen. Sonst hätten sie kein Problem damit, den besten Torwart des Landes in ihrem Team zu haben, sich also dem oben angesprochenen Leistungsgebot zu fügen: der Erfolg des eigenen Team rechtfertigt die Mittel.

Ähnlich scheinen einige der Schalke-Anhänger zu denken, die Manuel Neuer nun die Sympathie (und die Mitgliedschaft) entziehen, weil sich nicht wollen, dass er zu den Bayern geht. Damit sind die Aufbegehrenden unter den Schalke- und Bayern-Fans sich erstaunlich nah – und stehen so für einen Trend, dem das Magazin 11 Freunde in seiner gerade vergangenen Ausgabe eine Geschichte unter dem Titel Die neue Macht der Fans widmete. Darin heißt es (womöglich im Unterschied zum Fall Neuer):

All diese Bündnisse haben über Vereinsgrenzen hinweg den Umstand gemeinsam, dass sie zunächst einmal keine klassischen Faninitiativen sind. Die üblichen Reizthemen zwischen Kurven und Vorständen, etwa Eintrittspreise oder Legalisierung von Pyrotechnik, tauchen in den Forderungskatalogen nicht auf. Stattdessen eint die Aktivisten der generelle Wunsch nach mehr Rechten der Mitglieder und Teilhabe an Entscheidungsprozessen. (…) Es verbindet sie weniger die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene als die Sorge um die Zukunft ihres Klubs. Die Protagonisten sind tendenziell mittelalt und als Ingenieure, Unternehmensberater oder Juristen überdurchschnittlich gebildet.

Vielleicht haben diese Initiativen nichts mit dem Fall Neuer zu tun, vielleicht wären sie auch ohne die Möglichkeiten der neuen Kommunikationsmittel entstanden, ganz sicher aber werfen sie die Frage auf: Wie geht ein Verein mit seinen Fans um? Immerhin stimmt zumindest zum Teil, was der ironisiert eingestreute Anrufer im Song Ich möchte nicht dass ihr meine Lieder singt von Jan Delay sagt:

Ohne deine Fans, da wärst du gar nichts.

Was all das jetzt mit dem Journalismus zu tun hat? Eine ganze Menge: Zeigt der Fußball doch, welche Rolle der aktive Rezipient für eine Organisation haben kann. Der Verein, die Trainer, die Spieler erstellen jede Woche ein Produkt – das Spiel. All das erlangt seine Bedeutung aber nur die soziale Komponente des gemeinschaftlichen Erlebens. Die Fans des Vereins haben Einfluß auf dessen Produkt. Vielleicht genau so, wie die Fans einer Nachrichtenwebsite deren Ansehen, Image und womöglich deren Wert mitbestimmen.

Die Neuer-Geschichte zeigt aber auch, dass die Entstehung des aktiven Rezipienten keine die Medien allein herausfordende Veränderung ist. Sie zeigt, dass das, was gemeinhin als Social Media bezeichnet wird, in erster Linie die Fähigkeit zum Dialog und zur Transparenz meint, die von mehr gesellschaftlichen Akteuren verlangt wird als lediglich von Journalisten.

Darüber hinaus zeigt diese Fußball-Geschichte aber noch etwas, was für unser Verständnis von Massenmedien und Leser-Gemeinschaften interessant sein könnte: Wutrede und Delay-Rap erinnern mich an diese eine Geschichte eines Chefredakteurs vom alten Schlag, die ich mittlerweile von sovielen unterschiedlichen Redaktionen gehört habe, dass ich gar nicht sicher bin, ob sie sich wirklich zugetragen hat, oder ob sie lediglich eine Episode aus der „Früher war alles besser“-Welt ist. Dieser legendäre Haudegen des Journalismus soll jedenfalls auf einen besonders dummen, nervigen, rechten (Adjektive nach Belieben ergänzen) Leserbrief geantwortet haben, dass seine Zeitung einen solch dummen, nervigen, rechten (Adjektiv wiederum nach Belieben ergänzen) Leser nicht wünsche und ihm deshalb mit sofortiger Wirkung das Abo entziehe. Es schwingt in dieser Geschichte der Zauber einer besseren Zeit als ein Chefredakteur es sich noch leisten konnte, Abos abzulehnen, ja sogar zu kündigen.

Es steckt in dieser Geschichte aber auch eine Ahnung dessen, wie wir Leserschaften (oder Fans) auch verstehen können: als Gemeinschaften, die sich eben dadurch auszeichnen, dass sie ein Innen und ein Außen haben. Und erst, wenn es Leute gibt, die nicht zu diesem Innen gehören, kann die Gemeinschaft erwachsen. Gerade in Zeiten, in denen wir ständig die Rede von segmentierten Leserschaften hören, kann diese Erkenntnis womöglich an Bedeutung gewinnen.

Vielleicht diesmal nicht für den Fußball, aber für den Journalismus.

Mein Beitrag zum Journalismus-Buch

Es gibt Neuigkeiten zum Buchprojekt, das Christian Jakubetz vor ein paar Wochen angestoßen hat: Neben neuen Autoren (die sich übrigens – leider ohne mich – demnächst in Berlin treffen) und neuen Ideen, gibt es bereits erste thematische Exposes. Christian hat damit begonnen, diese online zur Diskussion zu stellen. Was ich sehr gut finde. Dass er mein Expose mit mir erschreckend schmeichelnden Worten veröffentlicht, wäre hingegen nicht nötig gewesen:

Kurz nachdem er im Frühjahr als „Director of Global News“ bei der britischen BBC benannt wurde, schreibt Peter Horrocks seinen Journalisten eine Mail, in der er ihnen den grundlegenden Wandel benennt, den das so genannte soziale Web für den Beruf des Journalisten bedeutet: „Die Nutzung von Twitter und Facebook“, schreibt Horrocks, „ist nicht mehr ihrem eigenen Ermessen überlassen, sondern Bestandteil ihrer Arbeit. Es tut mir leid, aber ich muss das so sagen: Sie erledigen Ihren Job nicht anständig, wenn Sie sich damit nicht befassen.“

In meinem Kapitel möchte ich aufzeigen, dass Peter Horrocks Recht hat und dass die Rede von den so genannten sozialen Medien mehr ist als nur ein weiterer Trend des noch jungen Mediums Internet. Es geht um die ganz konkreten Folgen für die Arbeit als Journalist und Medienschaffender. Peter Horrocks beschreibt dies so: „Sie sollten die Auswirkungen dessen beobachten, wie unsere Inhalte weitergenutzt werden.“

Was heißt das konkret? Ich zeige Arbeitsbeispiele, so genannte Best Cases und Fälle, in denen der Dialog gründlich misslungen ist. Dialog heißt in diesem Kontext aber auch Weitererzählen, Sharen und Verbreiten. Deshalb wird es in meinem Kapitel auch um die Frage gehen, wie das Verteilen der eigenen Informationen und Texte über Twitter, Facebook und vergleichbare Kanäle unsere Vorstellung vom Helikopter-Journalismus (Tichy) verändert.

Wer meine Einträge in diesem Blog liest, wird von dem Expose nicht überrascht sein. Es folgt den Ansätzen, die ich in diesem Wintersemester auch in einem Seminar an der LMU in München bespreche. Es geht mir darum, das Internet als Kommunikationsinstrument zu verstehen, das den Dialog in den Mittelpunkt rückt. Es geht um das soziale Wissen, den aktiven Rezipienten und die Leserschaft als Community. Vieles davon habe ich in meinen Krisen-Thesen zusammengefasst, einiges verdient eine Aktualisierung und manches vielleicht auch Widerspruch. Deshalb weise ich hier auf Christians Blogeintrag hin und auf das Kommentarfeld unter diesem Eintrag: Wer Hinweise, Krititik oder Widerspruch hat, ist eingeladen, mein Expose zu kommentieren!

Laien oder Amateure?

Digitale Galaxien sind jugendliche Welten. Sie erodieren nicht nur die Barrieren von Urheberrechten, von illegalen Inhalten, von Zensur und Jugendschutz. Sie spielen auch das Privileg der Erwachsenen auf öffentliche Deutungshoheit aus. Nie zuvor war es kostengünstiger und einfacher, weltweit zu veröffentlichen. Aber die wenigsten jugendlichen Amateure wollen mit Ideen berühmt werden, gar die Welt verändern. Den Laien verstehen die meisten im lateinisch-italienischen Wortsinne als »Dilettanten«: Er will sich erfreuen und ergötzen.

Leute distinguierten Geschmacks nennen das Web 2.0 schon Mob 2.0. Wo »Narren« Ausgang erhalten, muss man auf alles gefasst sein, was die etablierte Ordnung durcheinanderbringt, Piraterie, Mobbing, Orgien. Die katholische Kirche ließ die Laien nur in der Fasnachtszeit gewähren. In der Onlinewelt herrscht immer Narrentreiben. Pöbeleien auf Meinungsforen. Persönlichkeitsverletzungen. Selbstentblößung ohne Grenze.

In der aktuellen Ausgabe der Zeit schreibt Ludwig Hasler (dort angekündigt als „Kolumnist, Essayist, Vortragstourist“) über die Die Stunde der Laien. Ein interessanter Text, der sich durchaus lesenswert mit der Entwicklung hin zum aktiven Rezipienten befasst. Spannend ist der Text aber auch, weil er belegt wie unterschiedlich die Einordnung dieser Entwicklung in den USA und in Deutschland betrieben wird.

Hasler beschreibt, was Shirky ebenfalls beschreibt. Hasler verwendet dabei lediglich einmal den Begriff, auf dem Shirky seine Theorie aufbaut: Amateur, abgeleitet vom lateinische amare (lieben).

Hasler schreibt stattdessen von Laien, Dilettanten und Idiotae. Das allein ist schon bezeichnend, dass der Text dann auch noch auf folgende Art endet …

Darum abschließend drei Gründe zur Beruhigung einer Elite, die der Gedanke stresst, durchgeknallte Laien übernähmen die Macht.

… ist ein weiterer Beleg für einen nicht gerade offensiven Umgang mit den Möglichkeiten, die die beschriebene Veränderung mit sich bringt. Und dabei will ich die vermeintlichen Gründe gar nicht bewerten.

In Kategorie: Netz