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Ambiguität der Aufmerksamkeit: Fallen Sie nicht noch mal auf Claas Relotius rein (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Es ist eines der großen Probleme unserer Zeit, dass Medien manchmal über Dinge berichten (müssen), die eben durch die Berichterstattung zu einem Thema oder manchmal auch zu einem handfesten Problem werden. Ich nenne dieses Phänomen die Ambiguität der Aufmerksamkeit und es führt – wie hier und hier beschrieben – dazu, dass das bewusste Ignorieren von bestimmten Abläufen, eine politische Entscheidung sein kann. Denn wenn es blöd läuft, sorgt ausgerechnet die Dokumentationspflicht, die manche Medien empfinden, dafür, dass Marketingpläne aufgehen und die Berichterstattung als Teil einer Kampagne genutzt wird.

Ich will dies im Folgenden am Beispiel des Spins illustrieren, den der Betrüger Claas Relotius und seine Anwälte seiner Lügen-Geschichte gegeben haben. Diese Kampagne war so offensichtlich, dass sie als Lehrbeispiel in Sachen Medienkompetenz und Krisenkommunikation gelesen werden kann.
Ich wähle dabei das Bild eines Spins, weil die Kampagne funktioniert wie das gleichnamige Prinzip aus dem Ball-Sport (Symbolbild: unsplash): ein Tischtennis- oder Tennisball wird mit soviel Spin oder Effet geschlagen, dass die Gegenseite manchmal einfach nur den Schläger hinhalten muss und so einen Fehler begeht – weil der Ball dann ins Aus geht und der Spin-Treibende einen Punkt macht. Genau das ist diese Woche passiert.
In der Rolle der Spin-Geber: Relotius und seine Anwälte.
In der Rolle der Schlägerhaltenden: Die Zeit und Teile der deutschen Öffentlichkeit.

Ich äußere mich bewusst nicht zum Inhalt der Vorwürfe, die Relotius erhebt (komme allerdings später nochmal indirekt darauf). Denn indem man sich das Thema aufdrängen lässt, ist man dem Spin schon verfallen. Henriette Löwisch, Schulleiterin der Deutschen Journalistenschule, hat das in diesem Twitter-Thread perfekt zusammengefasst

Lehrstunde Medienkompetenz: Fünf Fragen zum durchsichtigen Plan des Betrügers Claas Relotius

Worin genau besteht der Spin?
Welche Möglichkeiten könnte es geben, um das Ansehen von Claas Relotius in der Öffentlichkeit zu heben? Klar, er könnte sich entschuldigen – zuerst bei denen, die „unwahre Interpretationen und Falschbehauptungen“ von Claas Relotius über sich hinnnehmen mussten, aber natürlich auch bei der Öffentlichkeit und bei den redlich arbeitenden Journalist*innen, deren Reputation er nachhaltig beschädigt hat. Wer aber einfach nur sein Image heben will, ohne selber etwas zu tun, wählt einen anderen Weg, einen, den man aus Wahlkämpfen kennt: Man versucht zunächst, das Problem zu personalisieren und eine Gegenseite zu konstruieren. Hier lohnt es sich kurz inne zu halten: Denn allein die Tatsache, dass wir glauben, es gebe einen Fall „Relotius gegen Moreno“ ist schon Teil des Spins, den wir gerade erleben. Fallen Sie bitte nicht erneut auf Claas Relotius rein: Wenn überhaupt lautet der Fall „Relotius gegen die Öffentlichkeit“, also gegen uns alle!

Es ist schon eine Leistung, der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, die Gegenseite sei eine konkrete andere Person (eben Juan Moreno). Auf dieser Leistung baut der zweite Schritt auf, in dem es darum geht, die Glaubwürdigkeit der vermeintlichen Gegenseite so nachhaltig wie möglich zu erschüttern. Dafür gibt es unterschiedliche Methoden, in Wahlkämpfen wird der persönliche Hintergrund durchleuchtet, um dort Verfehlungen zu finden und in die Öffentlichkeit zu zerren. Das Ziel bei all dem: Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Person streuen. Im konkreten Fall soll damit beim Publikum der Eindruck erweckt werden „die schummeln ja alle“. Folge: Das Image des Fälschers Relotius hebt sich automatisch, seine singuläre widerwärtige Betrugsgeschichte wird relativiert. Das Besondere an diesem Vorgehen: Es gelingt völlig unabhängig davon, ob die Vorwürfe stimmen oder nicht. Der Spingeber muss nur jemanden finden, der den Schläger hinhält, also seine Zweifel öffentlich macht und anschließend Juan Moreno öffentlich vielleicht sogar noch damit konfrontiert. Wenn das passiert, ist der Spin geglückt. Relotius selber muss sich nicht erklären, er wird nicht konfrontiert, sondern kann beobachten wie Christof Siemes in Die Zeit ein Raunen verbreitet und Juan Moreno auf der Medientage-Bühne zu den „Vorwürfen“ von Relotius befragt wird. Klarer Punktgewinn für Relotius und seine Anwälte.

Aber ist es nicht die journalistische Pflicht, dieser Geschichte nachzugehen?
Unbedingt. Es ist jedoch auch die journalistische Pflicht, Zeitpunkt, Zusammenhang und Sprache „dieser Geschichte“ einzuordnen. Es ist Teil des beschriebenen Spins, darauf zu hoffen, dass ein Medium möglichst ohne Nachfrage oder Einordnung, Zitate desjenigen verbreitet, dessen Image gehoben werden soll. Er muss sich dann keinen nervigen Fragen stellen, die seine Sicht der Dinge einordnen könnten und kann auch den Zeitpunkt bestimmen, zu dem der Angriff auf die Glaubwürdigkeit der Gegenseite gestartet wird. Es ist durchaus möglich, erst dann groß über Unterlassungserklärungen zu berichten, wenn über ihren Gegenstand entschieden wurde – und nicht zu dem Zeitpunkt, den der Anwalt gerne hätte. Im konkreten Fall bekommt der Betrüger Claas Relotius die Bühne und darf ohne jegliche Einordnung behaupten, er stelle sich allem wofür er verantwortlich sei und er wolle nicht ablenken. Statt ein einfaches „hihi“ zu ergänzen oder vielleicht sogar eine kritische Frage, lässt Die Zeit diese Aussage unkommentiert und kommt zu dem Schluss: „Warum Relotius tat, was er tat, darüber kann wahrscheinlich nicht einmal er selbst schlüssig Auskunft geben.“ Wenn es einen Satz als Beleg dafür braucht, dass Christof Siemes durch und durch dem Spin der Anwälte erlegen ist, dann diese im doppelten Sinn mitleiderregende Spekulation.

Was ist eigentlich eine Unterlassungserklärung?
Darauf gibt es eine juristische Antwort und eine aus der Krisenkommunikation. Juristisch ist das Fordern einer Unterlassungserklärung nicht mehr als der Hinweis darauf, dass Partei A möchte, dass Partei B ein Verhalten in Zukunft unterlässt, das Partei A für rechtswidrig hält. Das Zivilrecht sieht dafür das Instrument der strafbewährten Unterlassung vor. Diese zu fordern heißt aber keineswegs, dass damit auch schon geklärt sei, ob das Verhalten von Partei B tatsächlich rechtswidrig ist. Deshalb ist die Unterlassungserklärung auch ein populäres Mittel in der Krisenkommunikation. Denn diese zu lautstark öffentich zu fordern, kann unabhängig vom juristischen Ausgang auch Teil eines Spins sein, der dabei helfen soll, Partei A wieder kommunikative Macht in einer Situation zu geben. Im Sinne einer guten journalistischen Einordnung der Geschehnisse hätte man erklären können, was die Forderung einer Unterlassung bedeutet.
Denn diese einfach nur zu erwähnen und uneingeordnet zu berichten, kann man auch als Google-Teil des Spins deuten. Wie das funktioniert, kann man am Beispiel von Boris Johnson sehen. Weil der mit den Google-Suchergebnissen zu seiner Person in Kombination mit dem Wort Bus nicht zufrieden war (Details dazu hier), begann er in Interviews zu behaupten, er sammle leidenschaftlich gerne Miniaturbusse. Die Folge: genau diese Artikel und Interviews fanden sich plötzlich weiter oben in den Suchergebnis-Seiten – und nicht mehr jene mit den Brexit-Kampagnenbussen, die Johnson gerne verschwinden lassen würde. Wer im konkreten Fall nach den Namen der Beteiligten und den Begriffen Lüge oder Betrug sucht, wird künftig auch andere Ergebnisse bekommen. Die über den Ausgangsbetrug des Betrügers Claas Relotius werden verdrängt von Ergebnissen, in denen es um vermeintliche Verfehlungen einer anderen Person geht. Auch hier: Spin geglückt.

Wie kann man sich dagegen wehren?
Mit der auch öffentlichen Reflektion dessen, ob, was und wann man veröffentlicht. Und damit meine ich nicht nur die Medien, die nicht einfach ungefiltert, den Spin einer Seite übernehmen sollten. Ich meine auch jede und jeden einzelnen, die oder der Informationen im Netz verbreitet. Es spielt eine Rolle, wie das geschieht – gerade in den angesprochenen Fragen der Optimnierung Beeinflussung von Suchmaschinen, fällt da auch dem einzelnen große Macht zu.

Aber wenn Relotius vielleicht doch Recht hat?
Diese Frage ist völlig berechtigt und es zeichnet guten Journalismus aus, diese Frage zu stellen. In der aktuellen Situation kann man darauf zwei Antworten geben. Die erste habe ich oben von Henriette Löwisch schon zitiert: Das kann man ja abwarten. Mit dem zweiten Teil der Antwort beziehe mich ausdrücklich nicht auf die aktuelle Situation, sondern grundsätzlich auf Kommunikationsstrategen, die in anderen Konstellationen auf diese Form des Spins zurückgreifen. Wer die Glaubwürdigkeit der Gegenseite in Frage stellen will, wird dafür nach allem suchen, was sie oder er finden kann: im Privatleben, in alten Geschichten, in früheren Interviews oder alten Reportagen. Denn je mehr sich finden lässt, umso besser funktioniert der beschriebene Spin. Umgekehrt heißt das aber auch: Wenn sich nicht mehr als Stilfragen finden, dann würde ich vermutlich nicht widersprechen wenn jemand behaupten würde: Die haben einfach in alten Geschichten von Moreno nix gefunden, weil der immer sauber gearbeitet hat.

Es ist übrigens auch Teil der Ambiguität, dass durch die Kampagne gegen Juan Moreno sein Buch noch mehr im Gespräch ist. Es heißt „Tausend Zeilen Lüge“ und ich halte es für unbedingt empfehlenswert.


UPDATE 7.11.:
Der Tagesanzeiger dokumentiert, wie in der Wikipedia nicht verifizierbare Accounts daran arbeiten, das Bild von Claas Relotius genau in der Form zu drehen wie oben beschrieben:

Sukzessive tauchen mehr als ein halbes Dutzend weitere Wikipedia-Debütanten auf. Sie gehen dreist vor. Und raffiniert. Die Manipulatorengruppe, die nicht als Gruppe wahrgenommen werden soll, beschönigt nach und nach Stellen zu Relotius’ Fälschungen. Den Rest des Lexikons ignoriert sie weitgehend. Nur da und dort werden Passagen über vergleichsweise kleine Fehler journalistischer Hochkaräter ausgeschmückt. Zu den so Angeschwärzten gehören Rechercheur Hans Leyendecker oder «Spiegel»-Kadermann Dirk Kurbjuweit. Der Tenor: Die ganze Branche fälscht, Relotius ist einfach einer der genialsten unter vielen Schriftstellern im Journalismus. Kein Vergleich ist den Manipulatoren zu klein, um ihn ins Onlinelexikon zu übernehmen: Relotius wird als «Karl May unserer Tage» verharmlost; er habe auch etwas von Tom Wolfe, Paul Auster und Truman Capote, den ganz grossen US-Literaten.

Das Perfide an den Eingriffen auf Wikipedia: Hier werden die oben genannten Presse-Meldungen als Referenz genannt (hier die Debatte nachlesen) Nächster Spin geglückt…


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in diesem sind zuletzt u.a. erschienen: „Bewahren vs. Gestalten“ (Mai 2019), 70 Jahre Grundgesetz (April 2019) „Warum die Urheberrechtsdebatte ein Fortschritt ist (März 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016)