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Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung von morgen (Digitale-September-Notizen)

Dieser Text ist Teil die September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Die frohe Botschaft vorweg: Es ist nicht alles schlecht im Journalismus. Ich habe heute sehr engagierte, motivierte und innovative Ausbildungs-Redakteur*innen getroffen, die auf Einladung des IfP (Katholische Journalistenschule) in Würzburg der Frage nachgehen, wie die Journalistenausbildung von morgen aussehen solle. Burkhard Schäfers hatte mich zu einem kulturpragmatischen Impuls eingeladen, in dessen Vorbereitung ich mich mit der Frage befasste, wie mich eigentlich meine eigene Ausbildung auf den sich verändernden Beruf vorbreitet hat.

Beim Seminar der Ausbildungsredakteure des IFP stellt @dvg auch unser Longreads-Magazin vor #langstrecke

Ein von SZ Langstrecke (@langstrecke) gepostetes Foto am

In der Antwort bin ich auf ein Dutzend Ideen gekommen, die ich meiner eigenen Ausbildung im Rückblick ergänzen würde. Zwölf Aspekte, die heute zum Journalismus dazu gehören, die im Rahmen meiner Ausbildung aber nicht auf dem Lehrplan standen: Dazu passt übrigens die August-Ausgabe der Digitalen Notizen aus dem Jahr 2015 – und sollte jemand wie beim Hashtag #journo2014 Ergänzungen vorzunehmen, freue ich mich darüber – #journo2016 vielleicht

1 Leserbriefe beantworten
im Sinne von: Leserbriefe beantworten. Ganz ohne Internet und Zuschauer, sondern sehr banal: Wie geht man damit um, dass Zuschauer*innnen, Leser*innen, Hörer*innen auf publizierte Inhalte reagieren?

2 Im Internet diskutierten
Was passiert wenn Leserbriefe öffentlich werden? Wie erkennt man echtes Diskussions-Interesse? Wie geht man mit Trollen um? Wie reagiert man angemessen? Wie findet man Mehrwerte und neue Geschichten sowie: Was muss man wissen um sich auch zu schützen?

3 Ein Smartphone benutzen
Es geht nicht nur theoretisch darum, die Apps und die (Hard-)Ware-Erweiterungen zu kennen, die aus einem Smartphone ein journalistisches Sendegerät machen. Es geht auch praktisch darum, diese tatsächlich einzusetzen: Welche technischen Fähigkeiten braucht man? Wie schneidet man? Welche Darstellungsformen entwickeln sich hier? Wie erzählt man eine Snapchat-Story oder eine Instagram-Geschichte?

4 Zusammenarbeiten
Wie schreibt man eigentlich gemeinsam (oder in einer größeren Gruppe) einen Text? Vielleicht sogar mit seinen Lesern zusammen? Wie arbeitet man mit Entwicklern, Gestaltern, Fotografen, Filmemachern oder Datenspezialisten gemeinsam in einem Team? Kollaboration muss man lernen, das bezieht sich auf die nötige Software, aber auch auf die Teamfähigkeit und die Definition der eigenen Rolle (nein, die anderen sind keine Zuarbeiter der Journalisten).

5 Bloggen
Ein Blog zu betreiben heißt nicht nur eine besondere Form des informellen Schreiben zu erlernen, sondern vor allem auch: Grundlagen des Publizierens im Netz zu verstehen. Wo sind die Inhalte, wenn ich auf „senden“ drücke? Wie funkioniert das Hosting? Wofür braucht man eine Datenbank?

6 Persönlich publizieren
Bloggen ist nur eine Ausprägung dessen, was ich persönliches publizieren nennen würde: Gibt es ein Seminar zum Newsletterschreiben? Oder eine Ausbildungseinheit, in der man die Feinheiten von Social Media-Angeboten wie Twitter, Facebook oder Instagram erlernen kann? Die Besonderheiten der einzelnen Dienste bilden hier nur den einen Teil. Mindestens genauso wichtig: Wie verhält man sich in Social Media? Wie positioniert man sich als Autor?

7 Inhalte verbreiten
Jonah Peretti von Buzzfeed sagt, das Erstellen von Inhalten umfasse nur die eine Hälfte journalistischer Arbeit? Wie funktioniert die zweite Hälfte? Was muss man über Distribution wissen? Wie verbreitet man seine Inhalte? Digitales Blattmachen schließt das Wissen um sehr aktuelle Nutzerzahlen ein. Welche Inhalte trenden? Wie ermittelt man diese? Wie wertet man sie aus? Und vor allem: Welche Schlüsse zieht man daraus?

8 Eine Suchmaschine bedienen
Das bedeutet in seiner aktiven Ausprägung: Inhalte so schreiben, dass sie gefunden werden. Grundlagen von Suchmaschinen-Optimierung gehören zum digitalen Publizieren dazu. In der passiveren Suchmaschinen-Nutzung heißt es: im Netz recherchieren, unterschiedliche Suchbefehle aber auch Suchmaschinen kennen.

9 Digitale Inhalte verifizieren
Weit über die Nutzung von Suchmaschinen hinaus geht die journalistische Fähigkeit (digitale) Inhalte zu verifizieren: Wie überprüft man das, was man findet? Wie ermittelt man, ob die Informationen glaubwürdig sind?

10 Livejournalismus
Vorträge halten, Veranstaltungen moderieren, Interviews öffentlich führen oder geben, ist heute womöglich mehr noch als früher Bestandteil journalistischen Arbeitens. Hinzu kommen all die digitalen Varianten desjenigen Journalismus, den man erleben kann: Wie macht man das?

11 Unternehmerisch Denken
Es gilt unter Journalisten noch immer als Ausweis von Kompetenz, sich nicht für die wirtschaftliche Seite des eigenen Tuns zu interessieren. Mehr noch: diejenigen, die das tun, werden schief angesehen. Ich habe erhebliche Zweifel, dass dies Haltung sinnvoll ist.

12 Nicht aufhören
Lernen lernen ist vermutlich die wichtigste, die zentralste Fähigkeit, die man unterrichten sollte. Denn wenn ich den Blick nicht in die Vergangenheit auf meine eigene Ausbildung, sondern in die Zukunft auf die Veränderungen der Branche richte, muss ich voller Überzeugung sagen: Ich weiß es ja auch nicht. Was ich weiß: Das Dazwischen-Sein, das Nicht-Ankommen und die Forderung ständig Neues zu lernen – all das wird nicht aufhören!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Was ein Journalist können sollte

Jim Roberts ist Assistant Managing Editor bei der New York Times. Im Idea Lab von Talking Points Memo hat er ein lesenswertes Interview zu den Veränderungen der Digitalisierung für den Journalistenberuf gegeben.

Dabei geht Roberts auf den Aspekt „social“ ein, den sein Chef Arthur Sulzberger Jr. bei der Benennung Mark Thompsons als eine von drei zukunftsentscheidenden Herausforderungen benannt hat:

Social remains a challenge, in a lot of ways. I don’t even know how to describe social. It’s a way of life. It’s more than software. But it’s evolving everyday. People are getting information through it everyday. It’s incredibly flexible. It means we have to be incredibly flexible to keep up.

Wer sich dafür interessiert sollte nachlesen, was Liz Heron zur Frage How Should Journalists Use Social Media? zusammengestellt hat.

Fast noch spannender ist aber, was Roberts über die Geschwindigkeit der Veränderungen sagt:

Change is hard. Dealing with disruptive technologies left and right requires a lot of energy, a lot of imagination. And every institution like ours deals with it. Just as we’ve mastered the Web, we then are faced with a completely new environment in which people are getting information on their phones. Tablets are now creating their own different types of use cases and consumption. Social media came out of nowhere.

Wie kann man in einem solchen Umfeld als Journalist überhaupt noch mithalten? Bill Grueskin hat dazu unlängst etwas im Nieman Journalism Lab geschrieben, was wiederum eine erstaunliche Reaktion von Amy O’Leary hervorrief. Ihr Ratschlag, mit den Entwicklungen umzugehen: Think of digital skills in terms of a “major” and a “minor”:

For the last five years, when asked what digital skills journalists should learn, I frequently suggest the model of having a “major” and a “minor”

25 Tipps fürs gute Schreiben

Der Guardian hat eine Manifesto for the simple scribe veröffentlicht, das der ehemalige Guardian-Redakteur Tim Radford vor 15 Jahren in Form von 25 Tipps fürs gute Schreiben verfasst hat. Alle 25 Punkte sind lesenswert und erstaunlich aktuell. Meine drei Favoriten:

>> If in doubt, assume the reader knows nothing. However, never make the mistake of assuming that the reader is stupid. The classic error in journalism is to overestimate what the reader knows and underestimate the reader’s intelligence.

>> Don’t even start writing till you have decided what the one big thing is going to be, and then say it to yourself in just one sentence. Then ask yourself whether you could imagine your mother listening to this sentence for longer than a microsecond before she reaches for the ironing. Should you try to sell an editor an idea for an article, you will get about the same level of attention, so pay attention to this sentence. It is often – not always, but often – the first sentence of your article anyway.

>> Read. Read lots of different things. Read the King James Bible, and Dickens, and poems by Shelley, and Marvel Comics and thrillers by Chester Himes and Dashiel Hammet. Look at the astonishing things you can do with words. Note the way they can conjure up whole worlds in the space of half a page.

via

Journalismus nach 1995

Der Buch-Erfinder Christian Jakubetz hat ein Update zum Projekt Ausbildungsbuch gepostet. Einige Autoren der geplanten Veröffentlichung trafen sich am Wochenende in Berlin und einigten sich auf ein paar nicht unbedeutende Grundlagen des Buchs (an dem ich mit diesem Thema auch teilnehme). Das Buch soll den (Unter-)Titel tragen:

“Für alle, die Journalismus neu lernen — oder ihn neu verstehen wollen.”

Und vor allem soll es helfen, Entwicklungen zu beschreiben, die den Journalismus seit 1995 erfasst haben. Christian beschreibt dies so:

Jedes Thema, das wir angehen, muss sich überprüfen lassen, ob sich dort seit 1995 etwas wirklich neues ergeben hat. Um beim Beispiel Interview oder Überschrift zu bleiben: Da hat sich seit 1995 nichts verschoben, also ist das auch kein Thema für uns. Ich bin kein Fan starrer Regelungen, aber in diesem Fall finde ich diese 1995-Grenzmarkierung ziemlich hilfreich.

Ich finde des Markierung nicht nur richtig, sondern stelle begeistert fest: 1995 war das Jahr, in dem ich an der Journalistenschule in München angenommen wurde. Und ja, es hat sich einiges geändert seitdem.