„It’s okay to change your mind“

Für den unbedingt empfehlenswerten Newsletter von Theresa Bäuerlein durfte ich einen Gastbeitrag zum Thema Meinungsänderung schreiben – der Newsletter wurde heute verschickt.


Ende Januar hat Anni Schlaefer einen Song mit diesen Worten auf ihre Patreon-Seite gestellt: „Dieses Lied ist als Überlauflied gedacht, das (und mit(?) ……irgendwann) ICE-Agenten vorgesungen werden soll. In Anerkennung der Tatsache, dass es schwierig sein kann, unsere Haltung zu ändern, wenn wir eine Zeit lang an dieser Haltung festgehalten haben.“ Gesungen wurde das Überlauflied seitdem immer wieder vor einem Hotel in Minneapolis, in dem ICE-Agenten untergebracht sind. Videos von dem friedlichen Gesang der so genannten Singing Resistance gehen seitdem viral. Zu hören sind darin diese Zeilen von Anni Schlaefers Patreon-Seite:

"ohh it's okay to change your mind, show us your courage, leave this behind
ohh it's okay to change your mind, and you can join us, join us here anytime"

Die Idee des friedlichen Gesangs als Protestform hat sich „Singing Resistance“ offenbar von der serbischen Widerstandbewegung Otpor aus dem Jahr 2000 abgeschaut. In ihrem Toolkit stellten sich die Protestsängerinnen und -sänger so vor:

Angesichts der eskalierenden Gewalt gegen unsere Gemeinschaften und der Invasion unserer Städte und Gemeinden durch die Bundesbehörden singen wir, weil Gesang ein Gegenmittel gegen Angst ist, (...). Wir singen öffentlich auf den Straßen, um Trost, Kraft und Solidarität zu finden, um unsere Ablehnung zum Ausdruck zu bringen und um die Zusammenarbeit mit unterdrückerischen und autokratischen Kräften zu verweigern.

Das ist eine mir sympathische Protestform. Ich frage mich eh, warum die verbindende Form des Gesangs nicht häufiger genutzt. Die Zeilen von Anni Schlaefer haben es mir aber besonders angetan – denn ich finde, sie bringen auf den Punkt, was eine freie Gesellschaft ausmacht: das Privileg, die eigene Meinung zu ändern.

Damit meine ich nicht das Fähnchen, das sich in den Meinungswind hängt. Ich meine die Einsicht, morgen mehr zu wissen als gestern. Ich meine die Bereitschaft, hinzuzulernen. Meinungen werden fälschlicherweise wie guter Wein behandelt: je älter sie sind, umso schmackhafter sollen sie sein. Dabei ist es doch umgekehrt ein Ausdruck, von Offenheit und Lernfähigkeit, seine Meinungen jung und frisch zu halten.

Es ist okay, die eigenen Ansichten zu hinterfragen – und zu ändern. Diese Besonderheit unterscheidet freie Gesellschaften von autoritären: du darfst Meinungen nicht nur äußern, du darfst sie ändern. Ich finde das so wichtig, dass ich unlängst sogar einen TEDx-Talk dazu gehalten habe.

Deshalb mag ich die Zeilen von Anni Schlaefer – weil sie uns daran erinnern, dass wir hinzulernen können und dürfen.


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