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Die nachrichtenfreie Zeitung (2): die Abendzeitung am 9. November

Heute ist der 9. November, ein geschichtsträchtiger Tag. Zeitungen in ganz Deutschland thematisieren dies, die meisten sogar auf ihren Titelseiten.

Ganz gegen den Trend geht die Münchner Abendzeitung diesen Tag an: Sie versucht die Leser heute mit Sex (Liebe zu dritt), Service (So sparen Sie 1500 Euro) und Spaß (Koch-Serie) für sich zu gewinnen. Dabei folgt sie einem Trend, den ich unlängst bereits beim direkten Konkurrenten im Münchner Markt, der tz, zu beobachten glaubte: der nachrichtenfreien Zeitung (die tz liefert heute übrigens eine 12seitige Beilage zum Mauerfall).

abendztg-kasten

Wie unlängst schon erwähnt: Ich halte den Ansatz für durchaus spannend, Leser nicht mehr über Nachrichten für sich zu gewinnen, sondern ihr Zugehörigkeitsgefühl zu bedienen. Die tz versucht dies zum Beispiel über Psychotests, Stadträtsel, Horoskope etc, die sie auf ihre Verkaufskästen schreibt und so Leser gewinnen bzw. halten will.

Bei der Abendzeitung scheint mir dieser Versuch (zumindest heute) massiv missglückt zu sein: Bei der Sex-Serie (die zudem ernsthaft den unfassbaren Titel „Sexperimente“ trägt) handelt es sich weder um eine community-stärkende Maßnahme, noch sorgt dies für längere Bindungen. Genau wie der Service-Titel setzt diese Geschichte auf einen Themenbereich, den das Internet schneller und besser bedienen kann: Wer wissen will, wie man Geld spart, wird im Netz ebenso schneller fündig wie derjenige, der sich über „Sexperimente“ informieren möchte. Diesen Kampf wird ein gedrucktes Blatt verlieren müssen. Einzig der Kochkurs könnte als gemeinschaftsstärkend gewertet werden, dafür erscheint mir die Bebilderung allerdings zu beliebig. Leser, Redaktion oder Promi-Köche beim Zubereiten von Speisen zu zeigen, hätte zumindest mich mehr fasziniert als diese Form der Illustration.

Darüberhinaus muss man an einem Tag wie heute betonen: die Münchner Nachrichtenlage ist (auch abseits des geschichts- und geschichtenreichen Datums) keineswegs schlecht. Phillip Lahm, Luca Toni und der ergebnisarme Spielstil der Bayern taugen ebenso als Meldung wie die andauernde Talfahrt der Löwen. Es bedarf keiner boulevardesken Überspitzung um nach diesem Wochenende die Frage zu stellen: Was ist eigentlich los mit dem einstmals ruhmreichen Münchner Fußball?

Sicher gibt es gute Gründe, sich gegen den Trend der anderen Zeitungen und Publikationen zu positionieren. Damit gewinnt man Aufmerksamkeit (mir ist der Verkaufskasten der AZ ja wegen des heutigen Datums aufgefallen) und kann sich abheben. Die Frage ist nur: Womit hebt man sich dann ab?

Wenn die Antwort der Abendzeitung: Sex, Service und Spaß ist, ist mir das ein bisschen zu wenig.

tz: die nachrichtenfreie Zeitung

Das Schöne am Wochenende ist (unter anderem), dass man länger Zeit hat die Zeitungskästen in der Münchner Innenstadt zu bewundern: Womit – frage ich mich jeden Tag – wollen die Münchner Blätter heute ihre Leser (und vielleicht auch ein paar neue) locken? Wenn so ein Verkaufskasten zwei Tage lange nicht verändert wird, fallen einem dabei Dinge auf, die sich bei einem gewöhnlichen Verkaufstag vielleicht „versenden“ würden. An diesem Wochenende also: die nachrichtenfreie Zeitung. So jedenfalls kommt die Münchner tz an diesem Oktoberwochenende daher:

tz

Nicht, dass es keine Meldung gegeben hätte am Freitag: Weltweite (Obama erhält den Friedensnobelpreis), boulevardeske (neue Erkenntnisse im Fall der am Landtag entdeckten Babyleiche) und stadtpolitische (Christian Thielemann wechselt nach Dresden) sowie stadtsportliche (in München fand heute der Marathon statt). Doch die tz entschied sich für einen Psychotest-Aufmacher (So alt werden Sie!), kündigte am unteren Fuß des Kastens ein Stadträtsel und im oberen Bereich ihr gutes Preisleistungsverhältnis an. Dazu zeigt man Obama im Bild und hat auch die Babyleiche klein auf dem Titel.

Ich habe die Wochenend-Ausgabe der tz nicht gelesen, vielleicht finden sich die Nachrichten, Analysen dazu – tiefgreifende Gespräche und Reportagen – ja allesamt im Innenteil. Es ist aber dennoch erstaunlich, dass diese als nicht so wichtig empfunden wurden, als dass man damit neue Leser locken könnte. Denn immerhin versteht man Zeitungen doch gemeinhin als Nachrichtenmedien.
Aber vielleicht sind sie das für viele Leser nicht in erster Linie. Vielleicht kaufen Menschen ihre Zeitung aus Gewohnheit, vielleicht wollen sie sich damit – Verleger Ippen deutet das an – in Solidarsysteme, also Communitys, einschreiben. Insofern wären der Alterstest, das München-Rätsel sowie Fernsehprogramm und Horoskope für die Leser tatsächlich bedeutsamer als die Nachricht, dass Christian Thielemann künftig in Dresden tätig sein wird. Vielleicht macht die tz also ganz viel richtig, wenn sie ihre Leser nicht mit Nachrichten auf dem Titel überfällt, sondern ihnen in erster Linie das Gefühl gibt, sich am richtigen Ort (München-Rätsel) und im richtigen Umfeld (Alters-Test) zu befinden. Wenn man diesen Gedanken weiterdenkt, folgt daraus Erstaunliches für die Frage nach Bezahlinhalten im Netz: Vielleicht zahlen Menschen weniger für Neuigkeiten, als eher für das Gefühl, gut aufgehoben zu sein.