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tz: die nachrichtenfreie Zeitung

Das Schöne am Wochenende ist (unter anderem), dass man länger Zeit hat die Zeitungskästen in der Münchner Innenstadt zu bewundern: Womit – frage ich mich jeden Tag – wollen die Münchner Blätter heute ihre Leser (und vielleicht auch ein paar neue) locken? Wenn so ein Verkaufskasten zwei Tage lange nicht verändert wird, fallen einem dabei Dinge auf, die sich bei einem gewöhnlichen Verkaufstag vielleicht „versenden“ würden. An diesem Wochenende also: die nachrichtenfreie Zeitung. So jedenfalls kommt die Münchner tz an diesem Oktoberwochenende daher:

tz

Nicht, dass es keine Meldung gegeben hätte am Freitag: Weltweite (Obama erhält den Friedensnobelpreis), boulevardeske (neue Erkenntnisse im Fall der am Landtag entdeckten Babyleiche) und stadtpolitische (Christian Thielemann wechselt nach Dresden) sowie stadtsportliche (in München fand heute der Marathon statt). Doch die tz entschied sich für einen Psychotest-Aufmacher (So alt werden Sie!), kündigte am unteren Fuß des Kastens ein Stadträtsel und im oberen Bereich ihr gutes Preisleistungsverhältnis an. Dazu zeigt man Obama im Bild und hat auch die Babyleiche klein auf dem Titel.

Ich habe die Wochenend-Ausgabe der tz nicht gelesen, vielleicht finden sich die Nachrichten, Analysen dazu – tiefgreifende Gespräche und Reportagen – ja allesamt im Innenteil. Es ist aber dennoch erstaunlich, dass diese als nicht so wichtig empfunden wurden, als dass man damit neue Leser locken könnte. Denn immerhin versteht man Zeitungen doch gemeinhin als Nachrichtenmedien.
Aber vielleicht sind sie das für viele Leser nicht in erster Linie. Vielleicht kaufen Menschen ihre Zeitung aus Gewohnheit, vielleicht wollen sie sich damit – Verleger Ippen deutet das an – in Solidarsysteme, also Communitys, einschreiben. Insofern wären der Alterstest, das München-Rätsel sowie Fernsehprogramm und Horoskope für die Leser tatsächlich bedeutsamer als die Nachricht, dass Christian Thielemann künftig in Dresden tätig sein wird. Vielleicht macht die tz also ganz viel richtig, wenn sie ihre Leser nicht mit Nachrichten auf dem Titel überfällt, sondern ihnen in erster Linie das Gefühl gibt, sich am richtigen Ort (München-Rätsel) und im richtigen Umfeld (Alters-Test) zu befinden. Wenn man diesen Gedanken weiterdenkt, folgt daraus Erstaunliches für die Frage nach Bezahlinhalten im Netz: Vielleicht zahlen Menschen weniger für Neuigkeiten, als eher für das Gefühl, gut aufgehoben zu sein.

Die Zeitung als Solidarsystem

Denn Dirk Ippen hat eine ganz eigene Medientheorie. Sie besagt: Zeitungen sind mehr als nur gesammelte und gedruckte Nachrichten, Zeitungen sind Solidarsysteme. Das gelte für die lokalen Blätter genauso wie für die überregionalen Zeitungen. Wer beispielsweise die Süddeutsche lese, gehöre damit zu einer Gruppe, die man als eher linksliberales Bürgertum bezeichnen könnte, wer die FAZ abonniere, der wolle zu einer eher wirtschaftsliberalen Elite gehören, wer aber sein Heimatblatt lese, der identifiziere sich mit der Region, beziehungsweise der Stadt.

Der Deutschlandfunk berichtet über „Die Lokalzeitung als Zugpferd in der Krise“ und bezieht sich dabei auf Ippens Theorie der Solidarsysteme.