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Bild-Leser und der Bundespräsident

Man kann jede Menge über den Fall Sarrazin sagen. Man kann sich aufregen, schimpfen, widersprechen. Und man kann – ich hätte nicht gedacht, das mal zu schreiben – die Bild loben. Und zwar für diese Briefaktion, die man in der Online-Redaktion entwickelt hat. Weil sich Bundespräsident Wulff ohne Not und etwas frühzeitig in Sachen Sarrazin zu Wort gemeldet (und diesem damit noch mehr Don’t feed the trolls!-Aufmerksamkeit gebracht) hatte, steckt Wulff jetzt selber in der Debatte. Bild.de nutzt ihn deshalb als Projektionsfläche für einen Offenen Brief, den Bild-Leser an ihn schreiben sollen. Und zwar (u.a.) mit diesen Auswahlfeldern:

http://www.bild.de/BILD/politik/2010/09/08/bundespraesident-christian-wulff/formular-sarrazin/artikel.html

Bild macht sich so zum Anwalt seiner Leser und will dem Präsidenten die Briefe weiterleiten. Welche Ergebnisse dabei rauskommen, lässt sich erahnen, wenn man die Leserkommentare auf der Seite anschaut. Davon handelt mein Lob für die Aktion auch nicht, sondern von der handwerklich guten Einbindung der Leser. Auf einfache, aber konsequente Art wird so der Eindruck erweckt: Dieses Medium interessiert sich für meine Ansichten als Leser und leitet diese auch weiter. Mehr noch: Dieses Medium verleiht meiner Meinung sogar Gewicht, in dem es sie dem Bundespräsidenten zukommen lässt.

Natürlich ist mir der wahre Wert dieser Aktion bewusst, bemerkenswert finde ich dennoch, wie konsequent die Redaktion die Interessen des aktiven Rezipienten zu wecken weiß.

via

Wenn Dummheit erblich ist …

Die Thesen, die Thilo Sarrazin in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ und in einer Fülle von Interviews seit vergangener Woche ausbreitet, sind derart haarsträubend dämlich, dass sich eine sachliche Auseinandersetzung schier verbietet. Man könnte sich also ironisch auf die Feststellung zurückziehen, dass Sarrazin, sollte Dummheit tatsächlich vererbbar sein, wenigstens kein Vorwurf zu machen ist.

Robert Misik tut dies im Fall Fall Sarazin nicht, sondern erläutert lesenswert, was das Problem mit dessen Thesen und der Aufmerksamkeit ist, die ihm zuteil wird.

Herrn Sarrazins Thesen sind verwirrt, hochnäsig, verletzend, gespickt mit verächtlichen Formulierungen und Ausdruck bizarrer Respektlosigkeit der Eliten gegenüber den „Losern“. Der Mann ist auf eine Weise eingebildet, die eigentlich schallendes Gelächter provozieren müsste. Alleine der Vorwurf an die Unterprivilegierten, sie würden faul von Staatsknete leben und überhaupt keinen Antrieb haben, sich im Wirbelwind des freien Wirtschaftslebens zu behaupten, ist zum Schreien komisch aus dem Mund eines Mannes, der sein gesamtes Leben lang in der staatlichen und staatsnahen Wirtschaft verbrachte und seine gesamte berufliche Karriere – von Ministerium bis Bahn bis Finanzsenatorenamt bis zur Bundesbank – dem Segeln auf einem Parteiticket verdankt.