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Das bin ja Ich

Am Freitag wurde in Hamburg der Henri-Nannen-Preis verliehen. Seit dem gibt es eine kleine Debatte* zur Frage, ob man den Nachbau des Bahnhofs von Bonn im Maßstab 1:87 (über den hatte Rene Pfister in Am Stellpult geschrieben) in Horst Seehofers Keller gesehen haben muss, um zu wissen wie er aussieht und um darüber zu schreiben. (Das Altpapier verweist in diesem Zusammenhang auf den Text von Claudius Seidl, der vor ziemlich genau einem Jahr über Journalistenpreise geschrieben hatte.)

Mir ist aber etwas anderes bei den ausgezeichneten Texten aufgefallen. Etwas, das ich so ähnlich hier schon mal notiert hatte. Es geht darum, wie Privates öffentlich wird, wie Ich-Geschichten in den Journalismus kommen.

Aufgefallen ist mir dies an den beiden ebenfalls ausgezeichneten Texten Der Überfall von Susanne Leinemann aus der Zeit und Mich trifft der Schlag von Hans Zippert aus der Welt. Die Geschichte des äußerst brutalen Überfalls auf Susanne Leinemann wurde mit einem Sonderpreis ausgezeichnet, Hans Zipperts Text über seinen Schlaganfall lobte die Jury als „herausragende humorvolle und unterhaltende Berichterstattung“.

Beide Texte sind besonders herausragende journalistische Beiträge des vergangenen Jahres. Man kann die beiden Texte nicht miteinander vergleichen und trotzdem fällt auf, dass bei diesem renommierten Preis gleich zwei Ich-Texte das Lob der Jury erhalten.

Warum das erwähnenswert ist? Aus mindestens zwei Gründen. Zunächst weil es nach klassischer Reportage-Schule durchaus ungewöhnlich ist, dass der Reporter sich selber zum Thema macht bzw. das Ich zu Wort kommen lässt. Zum zweiten weil in gängiger Lesart eher den digitalen und demokratisierten Medien des Netzes die Eigenschaft zugeschrieben wird, Privates öffentlich zu machen. Wenn dieses Prinzip in gedruckten Medien ebenfalls Anwendung findet und sogar ausgezeichnet wird, kann man das womöglich als Beleg dafür lesen, wie die digitalen Medien Einfluß nehmen oder wie selbstverständlich die analogen Medien dies eh schon immer getan haben.

Zipperts Text, bei dem online mehrere Bilder des Autors gezeigt werden, endet jedenfalls mit diesem Gedanken:

Auf der Rückfahrt erinnerte ich mich wieder an das Abendessen vor dem Schlaganfall. Inzwischen hatte mein Leben tatsächlich eine gewisse Dramatik bekommen. Ich hatte nun genug Stoff für den großen Schlaganfallroman, den Schlaganfallgegenwartsroman. (…) Trotzdem sammelte ich eifrig Material, um sobald wie möglich mit der Romanniederschrift zu beginnen. Im Herbst erfuhr ich, dass Kathrin Schmidt den Deutschen Buchpreis gewonnen hatte. Mit einem Schlaganfallroman. Das nennt man wohl Spätfolgen. Ich war anscheinend zu langsam geworden.

* Update: am Montag abend meldet das Hamburger Abendblatt, dass der Preis aberkannt wurde.

Die Reportahsche und Preise

Und für jene Texte, die ohne frische Luft und den Versuch, der Wirklichkeit ein paar Aussagen abzuringen, nicht zu haben sind, hat sich der Begriff „Reportage“ etabliert, über den sich, weil er ein bisschen prätentiös klingt, schon Tucholsky lustig machte (er nannte das Genre „Reportahsche“).

In der gestrigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreibt Claudius Seidl fulminant und lesenswert über das Wesen des Reportage-Preises, das sich ständig selbst bedient. Weil der Text leider online nicht verfügbar ist, möchte ich zumindest den wunderbaren Schluss hier zitieren:

Und genau das ist das Problem mit den Preisträgerreportagen: Sie wollen Literatur sein, sie weigern sich aber, das Kleingedruckte zur Kenntnis zu nehmen. Keine Selbstreflexion, kein Bewusstsein davon, dass es jenseits der Sätze das Unsagbare geben könnte, jenseits der Psychologie das Unerklärte. Eine Geschichte hat einen Anfang, und am Schluss laufen alle Stränge des Erzählens wieder zusammen. Ein Abgrund heißt Abgrund, und wer hineinschaut, sieht, wie das Schicksal mit Playmobilfiguren spielt. So ein Preisträgertext geht mit dem Serienkiller zum Kaffeetrinken und mit der Kanzlerin zum Schwimmen im See, und Gedanken, die man lesen kann, tun keinem richtig weh. Aber weh tun soll es auch nicht. Hauptsache, die Leser gucken betroffen. Oder wenigstens die Juroren von Reportagepreisen.