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Machen statt gucken – nicht nur im Netz


Einen echten Kulturbruch der „Generation Upload“ stellt ihr Verzicht auf zentrale Steuerungs- oder Kontrollinstanzen dar. Das Internet ist ein großer Gleichmacher, Hierarchien sind weitgehend unbekannt, die User begegnen sich in der Regel auf Augenhöhe. In dem Augenblick, in dem der klassische Gegensatz zwischen Produktions- und Rezeptionsästhetik verschwindet, verliert ein Medium seine Eigenschaft als potenzielles Herrschaftsinstrument. Der Internet-User hat heute per Knopfdruck die Möglichkeit, sowohl im Internet verbreitete Inhalte zu rezipieren als auch eigene Inhalte zu verbreiten. Und wo jeder sein eigenes Programm machen kann, sind Programmdirektoren überflüssig. Allein die User entscheiden in einem fortlaufenden dezentralen und netzwerkhaften Prozess darüber, ob sich ein Programm durchsetzen kann oder in der Versenkung verschwindet.

Dabei heißt die Grenze zwischen Spreu und Weizen individuelle Relevanz: Ist der Beitrag für möglichst viele Internet-User von Belang, setzt sich die Botschaft durch. Ist dies nicht der Fall, verhallt sie weitgehend ungehört. Relevanz ist dabei in vielen Fällen gleichzusetzen mit dem konkreten Nutzwert der Information.

Abgesehen davon, dass Armin Nassehi 12 mal den zumindest werblich vorgeprägten Begriff Generation Upload nutzt, ist sein Essay Machen statt gucken in der heutigen Ausgabe der Welt durchaus lesenswert.

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Leben, um davon zu erzählen

Vielleicht sind die Menschen seit dem Ende der 80er Jahre also nicht unpolitischer oder gar dümmer geworden, sie empfinden die heutige Datensammlung jedoch nicht mehr als passives Gezähltwerden, sondern als aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Selbstgespräch, die ihnen nichts nimmt, sondern eine Ordnung im Chaos schenkt – und damit auch eine Form der Selbstbestätigung in einer unübersichtlichen Welt.
Früher verschickte man als Beweis für den Aufenthalt in der Fremde eine Urlaubspostkarte, heute lädt man die digital fotografierten Reisebilder ins Netz. Neu ist daran der Aspekt der Veröffentlichung, die Postkarten der Internet-Zeit sind für jeden zugänglich, das digitale Selbstgespräch kann mitgehört werden. Es wäre falsch zu glauben, dies sei den Bloggern und YouTube-Filmern nicht bewusst, wenn sie sich veröffentlichen. Sie interpretieren es aber anders: weniger als möglichen „Stolperstein für ihre berufliche Karriere“ denn als Versprechen dessen, was das Ziel eines jeden Gesprächs ist: gegenseitiges Verstehen.

Für die Samstagsausgabe der SZ habe ich über den Sinn (und den Wert) von so genannten sozialen Medien nachgedacht und eine Antwort auf die Frage gesucht, warum der aktive Rezipient denn aktiv wird. Man kann den Text hier und bei jetzt.de nachlesen – dort gibt es übrigens eine recht spannende Debatte, wie ich finde.

Leserreaktionen, die sie verdienen

Der Münchner Anwalt und Schriftsteller Georg M. Oswald schreibt heute in der Welt unter dem Titel Die Schläger sind unter uns über den Münchner S-Bahn-Mord und seine Folgen im Netz:

… es ist en vogue, gegen Demokratie und Rechtsstaat zu wettern. Wer es nicht glaubt, der begebe sich in die Internetforen der großen deutschen Tageszeitungen. Dort wimmelt es nur so von Forderungen nach drakonischen Strafen, Arbeitslagern, Hinrichtungen, Lynchjustiz, Volksbewaffnung, Ausweisung ausländischer Straftäter, immer verbunden mit dem Hinweis, die Politik sei untätig, erlasse keine härteren Gesetze, die Justiz sei zu lasch, das Jugendstrafrecht dürfe auf Jugendliche nicht angewendet werden, es dürfe keine Gutachten geben, kein in dubio pro reo, kein nemo tenetur…
Die Pressefreiheit ist der demokratische Anspruch schlechthin, die Presse, wenn alles gut geht – und das tut es sehr oft – ein Wächter der Demokratie. Es ist deshalb eine Frage wert, warum die angesehensten Zeitungen dieser Republik Foren zur Verfügung stellen, in denen ihr eigener Anspruch derart missbraucht wird.

Ebenfalls heute ist der Text Newspapers get the kind of communities they deserve von Mathew Ingram erschienen, darin beschreibt der Community-Redakteur der kanadischen The Globe and Mail, wie er glaubt, dass Foren von Tageszeitungen an Wert gewinnen:

If my research has taught me anything — not to mention writing columns and a blog for 15 years — it is that the surest way to improve the tone of the debate in forums or comments is to get involved in them. Writers who do, both at the Globe and elsewhere, uniformly say it has a significant effect on the civility of the comments they receive afterwards. On top of that, there is almost always a pleasant surprise on the part of readers that a writer is actually responding.

Nicht nur, weil ich selbst unlängst darauf hingewiesen habe, ist Ingrams Text lesenswert. Er kommt zu dem Schlus:

All we have left is the trust that our readers — that our community — have in us. And how do we gain and keep that trust? By telling them the truth — but also by listening to them and valuing their input, and making them an equal partner in what we are doing. Only then will we get the kind of community that really matters.

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„We want you to get involved“

Unter dem Arbeitstitel Digital Revolution will die BBC im kommenden Jahr über „20 years of change brought about by the World Wide Web“ berichten und bindet in die Erstellung das Web mit ein:

It is our ambition to open up the production process as much as possible; to share as much of our thinking as possible, as the production team strive to create a cohesive, accurate and relevant documentary about the World Wide Web. We’ll be blogging as we go; we’ll share our theories; we’ll be putting up rushes from the filming; we’ll be asking for advice and stories from you as we go along. Basically, we want you to get involved.

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A journey into the future

Where the citizens are no longer passive consumers being fed information and culture through one-way media, but are instead active participants collaborating on a journey into the future.

Christian Engström, EU-Parlamentarier für die schwedischen Piraten, schreibt in der Financial Times über den technologischen Wandel und das Programm der Piraten.(via)