Das Problem mit der Batterie

Ich habe unlängst den finnischen Ministerpräsidenten Alexander Stubb im Podcast von Adam Grant gehört. Neben dem Hinweis auf sein Buch “Triangle of Power” hat mich dabei folgender Gedanke fasziniert. Stubb erklärt, welche Rolle Sport in seinem Leben als Spitzenpolitiker spielt (Stubb war aktiver Triathlet und hat ein Trainingsbuch geschrieben). Er bringt sie so auf den Punkt (Übersetzung von mir):

„Ich habe eine Lebensphilosophie, und die lautet: Eine Stunde Sport schenkt dir zwei weitere Stunden Energie.“

Ich habe lange über diese Beobachtung nachgedacht, die sich mit meiner Sport-Erfahrung deckt: Es gibt Aktivitäten, die keine Energie rauben, sondern Energie geben – obwohl sie anstrengend sind. Wenn wir uns menschliche Energie jedoch wie eine Handy-Batterie vorstellen, kann das nicht stimmen: Ein Stunde Aktivität gibt meinem Handy-Akku niemals zwei weitere Stunden Energie.

Auf der Suche nach einer Antwort bin ich auf Martin Picard gestossen. Auf seiner Website martinpicard.energy begrüsst er die Besucher:innen in einem Video mit diesen Worten:

„Das wichtigste Element des Lebens ist nicht die DNA, sondern der Energiefluss. Es ist die Energie, die die DNA zum Leben erweckt.“

Der Columbia-Mediziner ist grosser Fan der Mitochondrien, die sich Laien wie ich immer als “Kraftwerk der Zelle” vorstellen. Mitochondrien produzieren ATP (Adenosintriphosphat): “ATP ist ein Zwischenspeicher für Energie und eine universelle Energiequelle, die in allen Geweben verwendet werden kann.”

Folgt man dem Energie-Fluss auf Zell-Ebene kann man eine Art Antwort auf meine Einstiegsfrage finden. Denn auch Gedanken basieren auf Energie. Dieser neue Blickwinkel hat mir interessante neue Perspektiven eröffnet. Martin Picard sagt (folgende Zitate übersetzt aus dem DOAC-Podcast): 

Energie ist kein Ding. Energie ist das Potenzial zur Veränderung. Sie ist die Fähigkeit, etwas zu verändern.

Die Frage, wie Energie entsteht und verteilt wird, ist also nicht nur eine wirtschaftspolitische. Energie kann auch zentrale Zugang zum menschlichen Leben verstanden werden. Picard beschreibt dies an drei grundlegenden Energie-Thesen:

  1. Du bist die Energie, die durch deinen Körper fließt. Du bist nicht dein Körper. Wenn keine Energie durch deinen Körper, durch dein Herz, durch dein Gehirn fließen würde, gäbe es dich nicht. Du wärst ein Kadaver, ein toter Körper. Der Unterschied zwischen einem toten Körper und einem lebenden Menschen ist der Energiefluss.
  2. Es gibt ein festes Energiebudget, mit dem man auskommen muss. Wenn du mehr Energie haben willst, besteht die Lösung nicht darin, mehr zu essen. Denn das Budget ist festgelegt. Und wenn du das System überlastest, beginnt es zu überhitzen.
  3. Leben ist Widerstand. Um lebendig zu sein, zu wachsen, zu lernen, sich zu wandeln und deine Sichtweisen zu ändern, brauchst du Widerstand. Du brauchst Energie, um Widerstand zu überwinden. Wenn Energie einfach nur fließt und es keinen Widerstand gibt, ist keine Transformation möglich.

Der Widerstand – zum Beispiel durch eine Stunde Training – raubt also nicht nur Kraft aus dem Akku. Der Widerstand nimmt auch Einfluss auf den Energie-Fluss. Und so kann man auch die Einstiegsfrage beantworten – nach dem Gefühl, mehr Energie zu haben wenn man welche investiert:

Man verbringt eine Stunde im Fitnessstudio und sagt seinem Körper damit: „Das werden wir in Zukunft tun.“ Der Körper antwortet: „Okay, dann mache ich mich besser bereit.“ Wenn es jedoch ein festes Energiebudget gibt, besteht die einzige Möglichkeit, sich wirklich darauf vorzubereiten, darin, effizienter zu werden: durch mehr Mitochondrien, durch ein geschmeidigeres und flexibleres Herz-Kreislauf-System. All diese Dinge senken den Energieaufwand, und es steht mehr Energie zur Verfügung. Ich vermute, dass man deshalb beim Training zwar mehr Energie verbrennt, aber das Gefühl hat, mehr zu haben. Tatsächlich hat man aber nicht mehr Energie. Das Gefühl, mehr Energie zu haben, rührt einfach daher, dass die Energie reibungsloser fließt.

Und diese Erkenntnis lässt sich abschliessend nicht nur auf der Zell-Ebene und der Herz-Kreislauf-Ebene denken. Sie nimmt natürlich – auch Gedanken sind Energie – auch Einfluss auf unsere Geisteshaltung. Oder um es mit Picard zu sagen:

Es ist nicht der Stress selbst, der uns zermürbt, sondern unsere Reaktion darauf. Der entscheidende Schlüssel zur Unterbrechung des Stressprozesses liegt darin, sich dessen bewusst zu werden.

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