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Der gläserne Gatekeeper

Andrew Culf ist „a deputy news editor for the Guardian„. So steht es auf seiner Profilseite der britischen Zeitung. @andrewculf „hat noch nichts getwittert“. So steht es auf seiner Profilseite bei Twitter. Von Bedeutung ist das wegen dieser Seite hier.

http://www.guardian.co.uk/help/insideguardian/2011/oct/10/guardian-newslist?CMP=twt_gu

Sie trägt den Titel „An experiment in opening up the Guardian’s news coverage“ und ist nach allem, was ich bisher über Nachrichtenjournalismus und Zeitungsmachen weiß eine mindestens kleine Revolution. Im Bereich „UK News“ trägt Andrew Culf heute die Verantwortung für die Nachrichtenlage beim Guardian. Das vermerkt diese Übersicht, die der Guardian künftig ebenso öffentlich macht wie die internationale und die Wirtschafts-Nachrichtenlage.

Abgeschaut haben sich die Guardian-Macher dieses Konzept des gläsernen Gatekeepers bei der schwedischen Zeitung Norran, die den Gedanken der Transparenz im digitalen Raum auf die nächste Ebene hebt. Dadurch dass man jetzt auch beim Guardian, den Versuch unternimmt (ja, es ist ein Quasi-Beta-Experiment), bekommt die Idee des offenen Blattmacherns einen neuen Schub: Journalisten in ganze Europa sind plötzlich mit dem Gedanken konfrontiert, ihre Arbeit offener und transparenter zu gestalten.

Was heißt das konkret? Andrew Culf muss künftig nicht nur die aktuellen Meldungen seines News-Tickers im Auge behalten. Er muss auch einen Blick auf das werfen, was die Guardian-Leser unter dem Hashtag #opennews auf Twitter schreiben. Zudem ist jetzt auch der Guardian-Newsroom auf Twitter vertreten. Denn Öffnung heißt für die neuen Nachrichtenmacher auch Dialog. Sie sind ansprechbar und unter dem genannten Hashtag offen für Kritik – aber eben auch für neue Themenvorschläge. Sie schaffen so für die passiven Leser eine große Nähe zu ihrem Lieblingsprodukt und für die aktiven Rezipienten einen direkten Weg an den Newsdesk der Redaktion.

Nebenbei verändert der Guardian damit den Blick auf die Blackbox Nachrichtenredaktion. Diese kulturelle Veränderung könnte zu mehr werden als zu einer kleinen Revolution. Denn wenn das Guardian-Experiment gelingt, wird dies Folgen auch für andere Journalisten haben. Transparenz könnte auf Mainstream-Ebene zu einer Grundanforderung an glaubwürdigen Journalismus werden (was sie heute in bestimmten Märkten sicher schon ist). Nicht mehr ausschließlich das finale Produkt würde dadurch zum Beurteilungsgegenstand journalistischer Arbeit, sondern auch der Weg dorthin (siehe dazu die Metaphorik des Nachrichtenfluß). Soweit ich das absehen kann, ist das grundlegend neu (in Deutschland). Es würde Produktionsbedingungen, Ausbildungswege und das Selbstverständnis journalistischer Arbeit in einer Art und Weise verändern, die wir heute nur in Ansätzen absehen können.

Allein deshalb sollten wir sehr genau beobachten, wie Andrew Culf in den kommenden Woche so arbeitet.

P.S.: Wo wir schon über den Guardian sprechen, hier das Werbe-Video für die iPad-Version der Zeitung, die in den kommenden Tagen veröffentlich werden soll.

P.P.S.: Weil es mich gerade im Rahmen meiner eigenen journalistischen Arbeit betrifft: Der SZ-Kollege Alex Rühle unternimmt gerade für eine Reportage ein kleines (transparentes) Twitter-Experiment. Unter Alex Rühle kann man ihm auf Twitter folgen – mehr zum Hintergrund steht hier.

Irgendwo da draußen gibt es immer eine bessere Idee

Das Anstrengende an der Digitalisierung ist für den klassischen Journalisten (und alle Storyteller) in Wahrheit ja nicht, dass sie etwas mehr Arbeit haben könnten, sondern die Tatsache, dass ihr Selbstbild in Frage gestellt wird. Der Prozess der Demokratisierung fordert alle Berufsgruppen in ihrer Selbstdarstellung und Positionierung heraus. Bei Köchen und Musikern kann man bereits beobachten, dass das Aufkommen von Amateuren den Profis keineswegs den Job kostet (im Gegenteil). Im Journalismus ist der Prozess in vollem Gange und man kann quasi live mit anschauen, welche unterschiedlichen Wege man gehen kann, um darauf zu reagieren:

Zwei Beispiele sind mir gerade in die Twitter-Timeline geflogen. Ich will sie nicht kommentieren, sondern nur gegeneinander stellen. Zum einen gibt es diesen handwerklich (mal wieder) sehr guten Beitrag von 2470media über das Reporter-Forum in Hamburg

:
Ich weiß nicht, ob die Journalistinnen und Journalisten, die in diesem Beitrag auftauchen, so selbstverständlich die folgenden Sätze unterschreiben würden, die ich ebenfalls gerade in meiner Timeline gefunden habe. Sie kommen aus der Deutschen Journalistenschule, wo die aktuelle Klasse gerade an einem Projekt namens hive arbeitet. Das klingt inhaltlich spannend, es geht aber vor allem auch einen erstaunlichen Weg – hive bindet seine Leserinnen und Leser ein.

Falls Ihr also gelesen habt, was wir vorhaben, und denkt: „Ich kenn da was, darüber muss hive etwas schreiben!“, schreibt uns eine Mail, postet an unsere Pinnwand auf Facebook oder schreibt @HiveMagazin. Denn egal wie gut unsere Ideen sind: Irgendwo da draußen gibt es immer eine bessere.

Mir geht es um die beiden letzten Sätze. Man kann über diese Haltung streiten, ich kann mir beide Argumentationslinien vorstellen: „Wer eh schon weiß, dass er nicht die beste Idee hat, braucht doch gar nicht anzufangen“, sagen die einen. Die anderen entgegnen: „Wer so denkt, erhebt sich nicht über seine Leser, er arbeitet aus einem realistischen Weltbild heraus.“

Ich finde es sehr erstaunlich, dass solche Sätze aus der Journalistenschule kommen. Denn wo, wenn nicht dort, kann so etwas ausprobiert werden?

Natürlich kann man heute nur schwer absehen, wie dieser Prozess ausgehen wird. Man kann aber Hinweise für eine bestimmte Richtung zusammentragen. Johannes Kuhn weist zum Beispiel auf den transparenten Newsroom der schwedischen Zeitung norran.se hin, an dem diese Grundsätze gelten:

Transparency is the new objectivity. We post the job list – the stories we are working on today.

The instant feedback and the personal reply is extremely important. It’s the feeling that there’s somebody there live now.

You have to answer in a good way, a polite way and a knowledgeable way, or you can lose trust.

Analphabeten, Zausel und die FAZ

Diesem meinem Verhalten kommt man mit journalistischem Werkzeug nicht bei; nach der Theorie des Journalismus dürfte es das nicht geben, und wenn doch, dürfte es beim Leser nicht gut ankommen. Wenn es trotzdem gern gelesen wird, muss der Leser einen Fehler machen.

In seinem FAZ-Blog schreibt Don Alphonso einen Text, der mir gefällt. Er befasst sich darin auf eine sehr eigene, sehr lesenswerte Art und Weise mit der Debatte (die in den vergangenen Tagen an unterschiedlichen Stellen geführt wurde) über den vermeintlichen Gegensatz von Bloggern und Journalisten. Dazu ist vielleicht alles gesagt, aber nicht so abgehoben schön formuliert und vor allem nicht auf der Website der FAZ.

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Wie Google Wave den Journalismus verändert

Collaborative reporting
Record and archive interviews
Live editing
Smarter story updates
Discuss while you read
Transparent writing process
Instant polls
Wiki news aggregator

Mark Milian erläutert in der LA Times How Google Wave could transform journalism. Ich kann das neue Google Produkt nicht beurteilen, entdecke aber erstaunliche Parallelen zu den fünf Innovationen, die der Journalismus dem Web zu verdanken hat.

Besonders spannend finde ich Milians sechsten Punkt, in dem er über Transparenz spricht und die Frage stellt:

What if we let readers watch the text as we write it? In our own testing, we found it to be a really fascinating peek into the writing habits and minds of our associates. It’s also comforting to know that we’re not the only ones who have trouble spelling the word „etiquette.“ Maybe we can go one step further and let the observers comment throughout the writing process. Readers could help shape a story.

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In Kategorie: Netz

Transparenz im Netz

Transparenz ist die nächste „Killer App“. Der Trend des Mashups mit öffentlichen Daten kommt aus dem Herzen des Internets. Gemeinsam arbeiten, frei Informationen teilen und forschen – dafür ist dieses Mediensystem gebaut worden. Zeit, diese Chance auch in Europa zu nutzen.

In der futurezone.ORF.at ruft Günter Hack Transparenz als das nächste große Ding aus. Auch wenn man bei solchen Trend-Angaben skeptisch sein soll: im Deutschlandfunk hat Prof. Klaus Meier unlängst erklärt, warum mehr Transparenz im Journalismus für mehr Qualität steht:

Wir haben im Journalismus keine Erfahrung, über uns selbst zu sprechen. Wir berichten als Journalisten immer über andere. Objektivität ist da der Standard. Jetzt gilt es zu überlegen, was könnte der Standard sein, was könnten Qualitätskriterien dafür sein, wenn wir auch mal über uns selbst reden.

Welche Rolle dabei Transparenz spielt, hat David Weinberger in seiner Beschreibung Transparency is the new objectivity erläutert. Und auch Klaus Meier geht in diese Richtung:

Ich denke, dass Redaktionen immer mehr deutlich machen müssen, wie sie arbeiten und warum man ihnen trauen kann und zwar mehr als anderen.

Transparenz, so Meier, sei dabei unerlässlich. Mashable listet, dazu passend, 10 Things You Must Do to Earn Your Audience’s Trust auf:

1. Tell us who you are.
2. Choose your best picture.
3. Don’t setup a profile on every network.
4. Own your subject.
5. Don’t be fake.
6. Be Available.
7. Be Transparent.
8. Write for the web.
9. Document everything.
10. Answer every message.

Wobei Punkt sieben definiert wird als „,Obama-like` in terms of transparency“. Und auf Obama und dessen Verständnis von Transparenz bezieht sich auch der obige Text aus der futurezone.

In Kategorie: Netz