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Wie Journalismus sich verändert (Juni 2014)

abendzeitung Dieses Wochenende Ende Juni 2014 ist vielleicht ein ganz guter Anlass für einen zweiten Eintrag im Journalismus-Tagebuch, das ich vor einem Monat in Anspielung an Kathrin Passig begann. Es ist ein passender Anlass, weil es das letzte Wochenende der Abendzeitung ist, die wir kannten.

Anfang März war bekannt geworden, dass das traditionsreiche Blatt aus München Insolvenz anmelden muss. Eine Erschütterung nicht nur im Münchner Zeitungsmarkt. Die Meldung wurde im März als „Musterbeispiel für die Lage der täglich erscheinenden Totholzmedien“ und als „Götterdämmerung für die deutschen Tageszeitungen“ interpretiert – und sie ließ niemanden kalt, der sich für Medien und deren Entwicklung interessiert.

An diesem Wochenende erscheint die letzte Kolumne von Richard Gutjahr in der gedruckten Abendzeitung wie wir sie kennen. Denn im Insolvenzverfahren wurde zwar ein Käufer gefunden, die Mitarbeiter und die Chefredaktion scheiden mit Ende Juni aber (zunächst?) aus. Christian Jakubetz kommentierte den Kauf der insolventen Abendzeitung durch den Verleger des Straubinger Tageblatts Mitte Juni mit dem Worten: „Nein, diese Rettung der AZ ist keine. Sie hat nur ihr langsames Sterben verzögert.“

Richard hat die Kolumne in seinem Blog mit zahlreichen Abendzeitungs-Fotos illustriert. Er zitiert darin Steve Jobs, der in seiner berühmten Stanford-Rede 2005 den Satz „Stay hungry, stay foolish“ prägte. Es hat einen gewissen Humor, dass Richard Gutjahr den Abendzeitungs-Lesern genau diese Aufforderung zum Abschluss zuruft: „Bleiben Sie hungrig. Bleiben Sie töricht.“

In seinem Abschiedstext beschreibt der scheidende Chefredakteur Arno Makowsky die Idee der Abendzeitung als „anspruchsvollen Boulevard. Eine Zeitung, die Spaß machen darf, aber trotzdem Niveau hat“ und zitiert dazu Hugo von Hofmannsthal mit den Worten:

„Man muss die Tiefe verstecken. Wo? An der Oberfläche.“

Wenn man diese Vorgabe im Digitalen sucht, findet man sie vermutlich am ehesten in der Welt von Buzzfeed.

Unterwegs nach Kairo

Der Kollege Richard Gutjahr ist gerade in Kairo. Er berichtet darüber in seinem Blog und über zahlreiche Echtzeit-Medien – wie Twitter und Ustream, über die er Bilder aus der Stadt liefert, die derzeit die Hauptmeldungen der Nachrichten beherrscht.

http://twitpic.com/3v3ska

Richard ist Journalist und er folgt mit seiner Kairo-Reise einem urjournalistischen Reflex: Er will dort sein, wo gerade etwas passiert. Und in Zeiten digitaler Kommunikation ist das Dortsein auch verbunden mit dem Berichten darüber. Dass man dies als Selbstdarstellung kritisiert, speist sich aus der gleichen Haltung heraus, die das Anlegen eines Facebook-Accounts für Selbstdarstellung hält. Wer so denkt, hinkt der Art, in der Richard das Netz nutzt, mit großem Abstand hinterher. Richard setzt das Netz als journalistisches Medium ein, er fährt dorthin, wo etwas passiert und er berichtet darüber – auf allen Kanälen, die ihm zur Verfügung stehen. Ich halte das zu für einen sehr spannenden, sehr zeitgemäßgen Umgang mit dem Medium und hoffe, dass Richard die Kairo-Reise unbeschadet übersteht!

Wer das auch so sieht, kann ihn zum Beispiel auf Flattr unterstützen.

Disclosure: Seit einem Interview Ende vergangenen Jahres bin ich mit Richard persönlich bekannt. Wir schreiben beide an Christian Jakubetz‘ Journalistenbuch mit.