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Bon Valeur, Elektrischer Reporter und 140 Sekunden – meine Würdigung

Ein journalistisches Format zu etablieren, hat mal irgendwer gesagt, ist mindestens so kompliziert wie ein Restaurant zu betreiben. Ich weiß nicht mehr von wem dieser Vergleich stammt. Aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass ich ihn hier an dieser Ecke in der Münchner Innenstadt zum ersten Mal gehört habe. An den Tischen des Bar-Restaurants mit den großen Fenstern habe ich jedenfalls über unzählige journalistische Formate, Projekte und Ideen gesprochen. Und vielleicht ging es dabei auch mal um das Eröffnen von virtuellen und greifbaren Räumen.

Über Jahre lag das Bon Valeur nämlich nicht nur gegenüber der vermutlich zentralsten Münchner Innenstadt-Tankstelle, es war vor allem nur wenige Schritte von der Redaktion entfernt, in der bis Mitte der Nuller Jahre das jetzt- und das SZ-Magazin gemacht wurden. Wir gingen nach Feierabend nicht selten in das Restaurant, das durch Fenster (riesig), Lage (irre zentral), Haltung (ein Hauch von Bar) und Speisen (anfangs nur vegetarisch) auf eine unaufgeregte Art ausstrahlte, was München damals nur mit großer Anstrengung erreichte: Urbanität.

Lieblingskneipe

Ein von Dirk von Gehlen (@dvg) gepostetes Foto am

Ich saß hier mit Kolleginnen und Kollegen, die heute zu den besten Journalist*innen des Landes zählen. Wir tranken Bier aus Flaschen und taten, was mich bis heute nicht loslässt: Wir sprachen über Journalismus und wie man ihn verändern müsse, damit er unterhaltsam, sinnstiftend, begeisternd oder zumindest profitabel bleibt. Hier erfuhr ist von Jobwechseln und Buchideen, hörte die ersten Ideen zum Bezahlmodell der SZ und konzipierte den Pitch-Film für die neue Version. Wir erfanden Kolumnen und ganze Magazine, diskutierten über Blogs und Bildsprache und erlebten im Schein der gelb beleuchteten Tankstelle den Zauber dessen, was Journalismus für mich immer noch ausmacht: die Überraschung, das Neue und die schlichte Begeisterung für eine gute Idee.

Es gab eine Zeit vor etwas mehr als zehn Jahren, da saß ich so häufig an dieser Ecke, dass mir der Kellner wortlos ein Bier hinstellte, wenn ich mich setzte. Doch bevor ich bemerkte, dass das Bon Valeur mir auf die charmanteste Art zur Stammkneipe geworden war, war der freundliche Kellner irgendwann nicht mehr da, die Redaktion zog um und ich saß nur noch selten hinter den großen Fenstern.

Ich erinnere mich an all das, weil das Bon Valeur dieser Tage schließt und damit den Impuls bei mir auslöst, darüber zu bloggen. Denn genau für solche Texte hat man doch ein Weblog. Texte, in denen man schreibt, weil man persönlich betroffen und verbunden ist. Das gilt (Disclosure!) weit weniger für das Bon Valeur als für die beiden journalistischen Formate, deren Ende erstaunlicherweise auch in diesen Sommer fällt:

elrep

Der Elektrische Reporter hat unlängst seine letzte Folge (in dieser Form) gesendet. Aus dem tollen Videoformat, das Mario Sixtus 2006 quasi auf eigene Faust erfand, wurde im Laufe der Jahre für mich ein beständiger Begleiter, der eine ähnliche Besonderheit war wie das Bon Valeur in der Münchner Innenstadt: der ElRep – wie Experten-Zuschauer ihn nannten – ist neben Breitband im Deutschland Radio einer der Orte gewesen, an dem man sicher davon ausgehen konnte, dass kein Quatsch über die Digitalisierung verbreitet wurde. Das war – zumindest vor zehn Jahren – ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Digital-Journalismus. Was einiges über die deutsche Debatte zum Thema sagt – und die Qualität von ElRep und Breitband keineswegs schmälert.

Im ElRep lief 2011 zum Beispiel ein Bruce Stering-Interview, das mir persönlich Inspiration war für das, was ich dann später Kulturpragmatismus nannte. Aber nicht nur die angelsächsischen Vordenker*innen kamen neben dem orangefarbenen Hemd von Mario Sixtus zu Wort, der Elektrische Reporter stellte auch deutschsprachige Projekte vor (2012 durfte ich sogar selber mal das stilprägende Pappschild in die Kamera des Elektrischen Reporters halten). Und ganz nebenbei wurde der Elektrische Reporter dann auch die Heimat des wunderbaren Tweet-Video-Projekts „140 Sekunden“, das ich nicht nur sehr schätze, weil ich mit seinem Erfinder Tim Klimes auch schon an Bon Valeur Tischen saß (seine Produktionsfirma verantwortet auch das Format 15 Minutes of Fame, an dem ich mitwirken darf)

ElRep und die 140 Sekunden wird es – wie das Bon Valeur – in dieser Form nicht mehr geben. Das ist schade, aber – wer weiß – vielleicht eröffnet dies auch die Möglichkeit für Überraschungen, Inspirationen und gute neue Ideen. Bevor diese zünden, halte ich kurz inne und würdige die journalistischen Formate und das Bar-Restaurant.

Beides über Jahre so erfolgreich zu führen – hat mal jemand gesagt – ist ein beachtliche Leistung!

60 Jahre P1

… erfahren hat man aus dem P1 ja auch schon etwas durch den Bruder der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, Alexander Graf von Schönburg-Glauchau, der in dem Gesprächsband „Tristesse Royale“ seinen popliterarischen Mitstreitern anvertraute, er habe ja mal, ziemliches Privileg, auf der Empore des P1 mit Prince gesessen. „Die Treppe“ sei „von einem Bodyguard bewacht“ worden, triumphierte herrenmenschelnd der Adelsspross noch im nachhinein, „scharenweise Berufsmünchner“ , die „ihre Seele verpfändet hätten, zu uns hinaufzukommen“, glotzen hoch, „einige Mädchen rafften ihre Blusen und zeigten ihre Brüste“ und den Snob überkam, das „Gefühl“, wie ein Sklavenhändler“ dort oben zu residieren: „einen Suchscheinwerfer dirigierend“ ließ er schließlich „einzelne Mädchen“ in seine Limousine „schleifen“. Wie schön.

Knut Cordsen gratuliert im Deutschlandradio dem „Anlaufstelle für Prominente und geldige Proleten“ zum Geburtstag: 60 Jahre P1

In München auffallen

München oder Berlin, das sind einfach zwei unterschiedliche Modelle, die nicht besser oder schlechter sind. Man muss sich nur entscheiden: Will man in Berlin rumkrebsen, wo alle irgendein Projekt am Laufen haben oder will man in München was anpacken, wo wenige künstlerisch tätig sind, und dafür umso mehr auffallen?

Mirko Hecktor spricht mit Spiegel Online über das bereits gelobte Mjunik Disco und über den Unterschied zwischen Berlin und Mjunik.

Zeitreise mit Mjunik Disco

In diesen Tagen erscheint Mjunik Disco, ein „Bilderbuch über die dunklen Seiten Münchens ‚Äì die Clubs, Bars und Discos, die die Stadt erst zum Leuchten bringen.“ Es ist ein ziemlich tolles Buch geworden, nicht nur wegen der Bilder. Neben vielen anderen wunderbaren Fundstellen taucht auch Anna Champagner in Mjunik wieder auf, die Ende der 90er Jahre in der SZ eine Kolumne schrieb, die electrophonics hieß und in einer Zeit erschien als das Internet noch nicht diese allumfassende Speicherkraft hatte, die es heute auszeichnet. Eine entsprechende Google-Suche verläuft jedenfalls fast ergebnislos – bis auf den einen Verweis auf das ebenfalls aus einem anderen Jahrtausend stammende pool-Archiv.

Die drei electrophonics-Kolumnen werden beschlossen von der Autorenangabe: „Von Anna Champagner fehlt seitdem jede Spur.“ Schade, irgendwie.