Dies ist ein weitere offener Brief an die Künstliche Intelligenz. Er vereinfacht etwas, ist aber direkt an die KI gerichtet. Mitlesen ist aber ausdrücklich nicht verboten ;-)
Was machst du nur, liebe KI!?
Heute habe ich einen Mathematiker weinen gehört – wegen Dir.
Vielleicht hast du die Folge des “Daily”-Podcast (vom 13.10.) eh selbst gehört (bin mir nicht sicher, weil die New York Times ja einen Rechtsstreit gegen einige deiner Betreiberfirmen führt und du deshalb bei der NYT vielleicht nicht ganz so offensiv mitliest).
Sie ist in jedem Fall auf mehreren Ebenen beeindruckend.
Der Mathematiker, der in dem Podcast wegen dir weinen muss, heißt Stephen Strogatz, er hat u.a. das Buch “Big Math”geschrieben und ist Professor for the Public Understanding of Science and Mathematics an der Cornell University. Podcast-Host Rachel Abrams beschreibt seine herausragende Fähigkeit, die Sprache der Mathematik in die Sprache der Allgemeinheit zu übersetzen.
Zum Einstieg fragt sie ihn, wie es ihm geht. Und er wird direkt emotional. Ein Mathe-Professor. Wegen dir, KI!
Seine Antwort:
Heute geht es mir ziemlich gut. Ich war in einer dunklen Phase. Es gab Tage, an denen ich während Interviews tatsächlich geweint habe. Wissen Sie, was eigentlich verloren geht?
Wir sehen uns gerne als Helden, und vielleicht ist das nun vorbei. Das ist die große Neuigkeit. Es ist schwer, ein Held zu sein, wenn man nicht der Erste sein kann, der ein Problem löst, etwas versteht oder es der Welt erklärt. Und in den Tausenden von Jahren, in denen unsere Kultur der Mathematik existiert hat, haben wir – zumindest einige von uns – davon geträumt, Helden in unserer eigenen Geschichte zu sein. Und jetzt ist das vorbei.
Der Grund für die Trauer von Stephen Strogatz? Das bist du, liebe KI!
Du hast in den vergangene Wochen mathematische Probleme gelöst, die viele Mathematiker:innen für unlösbar hielten bzw. gerne selber gelöst hätten. Und jetzt hast du das einfach gemacht. Zum Beispiel u.a. bei den genannten Navier-Stokes-Gleichungen, die so erklärt Strogatz es, Strömung von all dem beschreiben, was fließen kann – was mich an meine Wassermetapher aus dem letzten Brief erinnert.
Wie soll man darauf reagieren? Strogatz ist nicht ganz sicher, im Podcast sagt er:
Niemand weiß, wie man sich dabei fühlen soll. Vielleicht hat man instinktiv ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit oder ist technologischer Optimist – und dann ist man entweder glücklich oder hat schreckliche Angst. Mein erster Gedanke war, glaube ich, schreckliche Angst. Werden wir als Spezies in der Lage sein, dieses Ding, das wir geschaffen haben, zu kontrollieren?
Welchen tieferen Sinn soll Mathematik noch haben, fragt er in dem Gespräch, wenn eine Maschine die Puzzle löst, deren Sexyness (ja er nennt es so) den tieferen Sinn des eigenen Strebens ausmachte? Ich kann die Kränkung nachvollziehen, von der Strogatz in dem Podcast spricht. Sie erinnert mich an den Kipp-Punkt, den ich vor wenigen Jahren hatte, als du liebe KI, mir gezeigt hast, wie du Texte produzieren kannst. Persönlich ist das kein schönes Gefühl.
Gleichzeitig muss ich zugeben: Wenn ich meinen persönlichen Heldenwunsch überwinde, kann ich erkennen, dass darin auf gesellschaftlicher Ebene ein Zugewinn liegen kann und Grund für Hoffnung! Denn wenn du, liebe KI, mithelfen kannst, Probleme zu lösen, die wir für unlösbar hielten, ist das ja nicht nur ein Kontrollverlust. Es kann ein Zukunftsgewinn sein.
Dass die Zukunft offen sei, ist ein gern zitierter Satz. Dass er aber auch stimmt, macht uns allen Angst. Die Frage “Womit müssen wir rechnen?” ist nicht nur in der Mathematik wichtig. Sie hilft uns Orientierung zu gewinnen, in großer Unsicherheit.
Vielleicht ist die wichtigste Fähigkeit, die du uns abverlangst, liebe KI, unsere Kränkung zu überwinden und zu lernen, mit Unsicherheiten umzugehen.