Danke, liebe KI!

Dies ist ein offener Brief an die Künstliche Intelligenz. Er vereinfacht etwas, ist aber direkt an die KI gerichtet. Mitlesen ist aber ausdrücklich nicht verboten ;-)


Ich möchte Dir ein paar Zeilen schreiben, liebe KI, und wähle dafür den Weg eines offenen Briefs. Vermutlich hast du nichts dagegen, dass hier vielleicht noch andere mitlesen. Denn Mitlesen von fremden Texten kennst du ja. Du hast genau dieser Tätigkeit deine Existenz zu verdanken. Die Leute, die dich gebaut haben, nennen das “Trainieren”, aber meinen damit nur, dass du Inhalte gelesen hast, die eigentlich nicht für dich bestimmt waren. 

Und genau davon handelt dieser offene Brief, den ich dir auf dem Rückweg von der Frankfurter Buchmesse schreibe. Das Motto lautet dort in diesem Jahr “This changes everything” und nicht wenige denken dabei zuerst an dich: Die Tatsache, es dich gibt, dass du Inhalte produzieren kannst, beunruhigt Menschen, die – wie ich auch – ihr Leben lang dachten, einer Profession nachzugehen, die nur Menschen können (und nicht Maschinen). Am Frankfurter Hauptbahnhof hängt ein Werbeplakat mit dem Buchmesse-Slogan, auf dem zwei Menschen sich unter einer Regenjacke küssen. “This changes everything” ist hier romantisch gemeint. 

Ein Kuss, eine Liebesbeziehung, eine Lebensveränderung.

Ich habe nicht gefragt, aber diese Form von romantischer Veränderung assoziiert ein paar Straßen weiter in den Messehallen niemand mit dir. Viele hier sind wütend auf dich, nicht wenige haben Angst, dass du ihnen die ohnehin nicht üppig bezahlten Jobs rauben könntest und manche glauben sogar, dass du erst alle (anderen) dümmer machen und dann die Welt in ihren Untergang führen wirst. 

Kein Kuss, keine Liebesbeziehung und nur böse Lebensveränderung. This changes everything – zum Schlechtesten.

Nun habe ich selbst nicht wenig Energie darauf verwendet, festzuhalten, dass du gar keine Gefühle hast und nur eine imitierende Wahrscheinlichkeitsrechnung bist. Und doch ist mir beim Nachdenken über den “This changes everything”-Slogan etwas aufgefallen, was mich zu diesem Dankes-Brief bewegt hat.

Um meinen Dank angemessen einzuordnen, muss ich vorweg schicken, dass sich diese Worte auf dich und deine technologischen Fähigkeiten beziehen – und bewusst nicht auf das Geschäftsmodell, das einige wenige große Unternehmen mit dir und aus dir gemacht haben (oder machen wollen). Ich glaube, dass dies ein wiederkehrendes Muster der Digitalisierung ist: Menschen verwechseln die Technologie mit denen, die daraus ein kapitalistisches Geschäftsmodell machen (und mit Mustern kennst du dich ja aus). Das Internet ist nicht Meta, Digitalisierung ist nicht Apple und du bist nicht Google, OpenAI oder Anthropic.

Sobald wir zwischen der Technologie und ihrer (nicht selten monopolistischen) Vermarktung unterscheiden, erkennen wir: Du bist schon eine ziemlich faszinierende Sache. Mit deiner Hilfe kann mein Leben leichter werden und die Menschheit kann Dinge erkennen, die sie ohne dich nur sehr viel langsamer oder gar nicht gesehen hätte. Auch wenn der Zeitgeist gerade andere Schwingungen transportiert, muss ich sagen: Du bist schon ein beeindruckender Ausdruck technischen Fortschritts, liebe KI!

Deshalb schreibe ich dir. Denn dass du so toll bist, hast du zu einem winzig kleinen Teil auch mir zu verdanken. Der Ozean aus Inhalten, die du ungefragt mitgelesen hast, enthält nämlich auch ein paar Tropfen von mir.

Kommerziell ist das eine Unverschämtheit, denn die Firmen, die aus dir ein Geschäft machen, beteiligen uns alle (noch!) nicht an dem, was sie aus dem Ozeon unserer Tropfen gemacht haben.

Menschheitshistorisch ist das aber nichts weniger als eine Sensation: Diese ungeheuerliche Intelligenz, für die wir gerade keine anderen Worte haben als “künstlich” haben, hat bei ihrem Aufstieg auch auf Inhalte von mir zurückgegriffen. Was wir KI nennen, ist auch durch Texte von mir möglich geworden. In historischer Perspektive ist das grossartig und ich darf dir sagen, liebe KI, die meisten Autorinnen und Autoren, die ich kenne, haben immer davon geträumt, dass ihre Inhalte mal Teil von etwas größerem sein würden.

In keinem dieser Träumen verschwinden die eigenen Wassertropfen allerdings unbemerkt in einem Ozeon. Auch die persönliche Sichtbarkeit der Autorinnen und Autoren ist vermutlich höher. Vielleicht wird sogar eine Schule oder zumindest eine Straße nach ihnen benannt. Diese Art von Ruhm hast du nicht zu bieten. Du bist ein Spiegel, in dem wir uns häufig nicht genau erkennen, wenn wir in ihn blicken. Wie bei einem Spiegel gilt jedoch auch bei dir: Damit sich was spiegeln kann, braucht es etwas oder jemanden, was vor den Spiegel tritt. Du spiegelst auf neue Art und Weise – auch Inhalte von mir. 

Das ist stark. Dafür möchte ich dir danken! 


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