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Dynamisch und ohne Twitter

Zum Glück habe ich heute nicht so viel getwittert. Ich hatte also Zeit, die Kommentare unter dem Text zu lesen, den Christopher Lauer in die FAZ getwittert hat, wie Stefan Niggemeier diesen Beitrag beschreibt, der in der Zeitung erscheint, die „dahinter“ immer einen klugen Kopf vermutet.

Darin erklärt Christopher Lauer, Twitter sei für ihn gestorben. Die Begründung liegt irgendwo zwischen Mimimi, merkwürdigem Effizienz-Verständnis und dem Wunsch in der FAZ etwas zu schreiben, das Kommentare hervorruft wie:

Für mich wurde Twitter erst gar nicht geboren ebenso wie facebook, SMS und andere „Soziale Netzwerke“. Und die Bilanz nach Jahren? Ich habe viel mehr Zeit gewonnen

Oder

Ich kenne keinen, der twittert. Schreibe lieber Leserkommentare :-) … Twittern schien mir immer eine Beschäftigung von B-Promis oder B-Politikern zu sein.

Mal abgesehen davon, dass es in Sachen Lauer-Effizienz unerhört lange dauert, diese Kommentarierung auf faz.net überhaupt aufzuklappen (in der Zeit hätte man im Fernsehen ganze Zeitungsseiten aufklappen können und Millionen Menschen hätten es bemerkt), zeigt diese Zustimmung vor allem eins: Es scheint wichtiger sein, eine Meldung zu produzieren („Pirat verlässt Twitter“) als sich die Frage zu stellen, von wem man dafür Zustimmung erntet. Der im Kern ja nun wirklich belanglose Beitrag heute (ein Landtagsabgeordneter erklärt öffentlich sein Unvermögen, eine Kulturtechnik anzuwenden), ist vor diesem Hintergrund als unerfreulicher Rückschritt in Sachen digitale Spaltung zu lesen: Christopher Lauer bedient ungebeten und ohne Notwendigkeit die Skepsis und die Arrogranz derjenigen, die keine Lust haben, sich intensiver mit den Folgen der digitalen Veränderung zu befassen. Twitter ist dabei nur ein Symbol für ,facebook, SMS und andere „Soziale Netzwerke“‘ wie es im oben zitierten Leserkommentar bei der FAZ heißt. Wäre die Metaphorik des eine Idee „an die Wand fahren“ nicht schon hinlänglich bedient worden, man könnte sie hier zitieren.

Dass dieser Reflex dann auch noch mit kapitalistischen Ertragskriterien begründet wird, ist doppelt schade. Denn wenn derjenige, der gerade noch als Troll des Jahres ausgezeichnet wurde, sich wenige Wochen später beschwert, das koste ja alles soviel Zeit, dann muss die Frage erlaubt sein, ob das denn wirklich an Twitter liegt. Zudem gilt noch immer: Wer behauptet Twitter koste Zeit, hat da was falsch verstanden.

Eine Folge des getwitterten FAZ-Beitrags kann man übrigens in der morgigen Abendzeitung nachlesen – auf deren Titelzeite wird Christopher Lauer neben der Biene Maja zu seinem Twitter-Ausstieg beglückwünscht. Die Biene hingegen bekommt Mitleid weil sie künftig nicht mehr „süß-pummelig“ sein darf, sondern „dynamisch-schlank“.

Meine ungebetene Laudatio auf den Troll des Jahres

Ich glaube ich habe Christopher Lauer noch nie persönlich getroffen. Und doch bilde ich mir ein, ihn besser zu kennen als viele Menschen, die mir regelmäßig über den Weg laufen. Christopher Lauer ist am Wochenende als Troll des Jahres ausgezeichnet worden, ich nehme das zum Anlass, eine ungebetene Laudatio auf ihn zu halten (und ein klein wenig über Trolle zu sagen)!

Die Jury zeichnet Christopher Lauer aus „weil er wie kein zweiter die Werkzeuge eines Trolls aus dem ef-ef beherrscht.“ Das ist als Lob gemeint, wie man in der Begründung nachlesen kann. Trollen wird darin nämlich durchaus als positive Tätigkeit interpretiert. Man lobt Lauer dafür …

dass er nicht nur in der Lage ist, die positive Kunst des Trollens gegenüber Dritten anzuwenden; Er zeigt auch, dass er selbst über eine solide Trolleranzgrenze verfügt und offenbart so noch größere Erfahrung als Troll.

heise berichtet über andere Trolle, mit denen sich die Jury ebenfalls befasst habe:

Auf die Plätze verwiesen hatte er die ebenfalls nominierte Redaktion der Satire-Zeitschrift Titanic, Kim Dotcom alias Kim Schmitz und die FDP. Diese hätten durch ihre positiven Trollereien anderen einen Spiegel vorgehalten und die gesellschaftliche Diskussion so schneller vorangebracht als es mit traditionellen Diskurstechniken möglich wäre.

Vor dem Hintergrund der Meldungen über Trolle aus dem angelsächsichen Raum aus den vergangenen Tagen kann man durchaus die Frage stellen, ob die Bezeichnung des Trollens hier angemessen verwendet wird. Darum soll es hier aber nicht gehen, sondern um die Troll-Erfahrung von CommodoreSchmidtlepp, die dieser wie kein zweiter beherrsche. Als ich das las, kam in mir zuerst die Frage auf: Warum erhält er den Preis erst jetzt? Und warum nicht fürs Lebenswerk? Und dann bekam ich kurz Angst, denn ich befürchte zu wissen, wo er die genannten Fähigkeiten vermutlich auch erlernt hat: in Debatten mit jetzt.de-Kollegen und womöglich auch mit mir.

„Heul nicht, so ist das Game Nutte“, hat Christopher Lauer auf seine Profilseite CommodoreSchmidtlepp auf jetzt.de geschrieben. Diese hat er im Oktober 2003 angelegt und nach meinem Gefühl hat er seit dem zahlreiche sehr intensive Debatten mit anderen Nutzern aus dem jetzt-Kosmos, aber vor allem auch mit der Redaktion (Transparenz-Hinweis, die ich leite) geführt. „CommodoreSchmidtlepp war einer der hartnäckigeren Trolle der jetzt.de-Redaktion“, sagte ich Kollegen, die nach der historischen Anne-Will-Sendung (die mit dem fortan twitternden Peter Altmaier und der Internet-einschaltenden Bärbel Höhn) voll des Lobes für den jungen Mann waren, der dort so wort- und mimikreich diskutierte. Übrigens einer, der im Jahr 2009 in einem Gastbeitrag schrieb:

Es ist sogar möglich, dass ich im Zusammenhang legaler Downloads zum ersten Mal bei jetzt.de von den Piraten erfahren habe, damals hielt ich sie für eine Spaßpartei mit unausgegorenen Zielen.

Ich will dieses Lob nicht schmälern, ich kriege nur diesen Satz mit der Nutte nicht aus meinem Kopf, wenn ich Christopher Lauer sehe. Klar, ist die Identität des CommodoreSchmidtlepp nicht Christopher Lauer, aber er hat – und dafür ist er ja offenbar auch ausgezeichnet worden – Teile davon fortgeführt (wie zum Beispiel der verifizierte Twitter-Account Schmidtlepp nahelegt). Und natürlich wirkt dieser Satz mit der Nutte anders, wenn man sich ihn im Berliner Abgeordnetenhaus oder auf großer TV-Bühne denkt. In diesen Kontexten, für die die Jury ihn ausdrücklich lobt, steckt in ihm vermutlich genau das, was die Jury „die positive Kunst des Trollens“ nennt. Es ist eine Form netzaffiner Satire möchte man meinen (vor allem vor dem Hintergrund der anderen Trolle, mit denen die Jury sich befasste). Der Satz und die Haltung bekommt jedoch einen ganz anderen Kontext, wenn man ihn sich im tägliche Kleinklein von Foren-Debatten vorstellt. Oder noch eher vor schwächeren Menschen, die auf derlei Konfrontation nicht vorbereitet sind, weil sie einfach nur privat im Netz surfen (womit natürlich nicht die Redaktion gemeint ist). Hier besteht das floskelhafte Spiegelvorhalten, von dem die Jury spricht, aus einem Spiegel, auf den boshafte Beleidigungen gemalt sind, die sich auf denjenigen beziehen, der sich dort anschauen soll.

Wer über das Trollen spricht und in ihm offenbar positive Seiten erkennt, darf diese zweite Ebene nicht ausblenden, oder wie map es auf Twitter nannte:

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Christopher Lauer in dieser Form getrollt hätte. Es war eher ein Aufbegehren gegen eine vermeintliche höhere Macht, gegen die Redaktion, die Zeitung, das gesamte Medienwesen. Es war anstrengend und in manchen Fällen demotivierend, aber vielleicht war es tatsächlich für etwas gut. Die Hitze, die man in Internet-Gefechten verspürt, kühlt ab und man kann irgendwann sagen, den Troll des Jahres zu kennen. Diese in Wahrheit nur halb tolle Aussicht gilt sicher nicht für alle, die gerade in mühevoller Kleinarbeit ihre Trolle in Foren und Communitys pflegen. Für alle (die im übirgen auch mal einen Preis verdient hätten) gilt aber der Teil mit dem Abkühlen.

Deshalb verstehe ich den Preis, zu dem ich Christopher Lauer auf beiden Ebenen gratuliere, als Ansporn für das, was Sascha Lobo mal eine vernünftige Beleidigungskultur im Netz genannt hat! Dafür bist du jetzt ein wichtiges Vorbild, Commodore Schmidtlepp. Ich hätte es auch nicht gedacht, aber so ist das Game!

P.S.: Aktuell trollt Christopher Lauer (im Sinne des Preises) übrigens den SPD-Kanzlerkandidaten: steinbrueckseinkuenfte.de


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