Auf dem Cover des tollen metabene Buchs “Philosophieren mit Tieren” denken seine Pinguine gemeinsam den Satz “Alles mus man selber denken”. Ich mag das Buch, Robins Weisheiten und die Möglichkeit, die er mit diesem konkreten Satz eröffnet: Man muss nicht nur selber denken – man kann auch genau das tun: Selber denken!
Gedanken machen ist die vielleicht wichtigste Aufgabe der Gegenwart – aber wie geht das, wenn Maschinen anfangen, Diskussionen vorzuspielen, uns Vorgedachtes aufzuwärmen und uns mit billigen Provokationen zu binden? Wie kann ich Gedanken machen lernen – ohne gleich in die negative Konnotation zu verfallen, die in dem (auch) Satz steckt? Wo können wir in der Gegenwart algorithmischer Öffentlichkeit Denken lernen? Geht es dabei wirklich darum, handgedachte Ideen zu produzieren? Oder erlangen wir Erkenntnis vor allem dort, wo wir die Nutzung der Instrumente dafür trainieren?
Ein wichtiges Instrument zum Gedanken machen ist für mich das Schreiben – privat wie öffentlich. Wobei es da schon anfängt: Öffentliches Schreiben versuche ich z.B. in meinem Kopieren kapieren-Newsletter, aber das ist eher ein vorsichtiger Versuch (wie bei der Neuen Version) als ein richtiges Reinspringen. Wo sind die Orte, an denen öffentliches Schreiben geübt, praktiziert und weiterentwickelt wird?

Und die Option des öffentlichen Schreibens ist ja nur ein Aspekt der neuen Möglichkeiten, die durch digitale Instrumente entstehen. Wer hat schon wirklich die Möglichkeiten des Sprechendenkens und Sprechschreibens ausprobiert? Stattdessen erscheint wenn man bekannte Schreibprogramme öffnet noch immer ein Blatt Papier als Symbol fürs Schreiben. Dabei sind die Schreibmaschinen, die wir heute nutzen (könnten) weit entfernt von den Geräten, für die der Name mal erfunden wurde: Kollaborativ (wie die Pinguine von metabene) an Gedanken zu arbeiten, ist immer noch ungewöhnlich. Die Vorstellung des einsam denkenden Genies dominiert noch immer.
Mein Kollegen Alessandro Alviani hat mir kürzlich ein Werkzeug gezeigt, mit dessen Hilfe ich diese Zeilen hier tippe*. Es heißt Marker und ist browserbasiert. Marker stellt den Prozess in den Vordergrund – nicht das Endprodukt. Auf der About-Seite steht:
Die meisten Schreibwerkzeuge sind auf das Ergebnis optimiert. Marker ist für den Prozess gemacht — die groben Entwürfe, die halbfertigen Gedanken, die Arbeit, die passiert, bevor etwas bereit ist, geteilt zu werden. Es ist mit Funktionen ausgestattet, die dir helfen, deine Gedanken in Worte zu verwandeln (ohne für dich zu schreiben).
Wenn hier ein Wort markiere, kann ich mir Vorschläge zur gestalterischen und inhaltlichen Formatierung anzeigen lassen. Das Zitat habe ich z.B. im Text von Marker übersetzen lassen.
All das finde ich faszinierend, weil ich glaube, dass ich mit Hilfe neuer Technologie besser schreiben und denken kann als ohne. Mir fällt keine Profession ein, die diesem Satz nicht zustimmen würde: Stell dir Handwerker:innen oder Mediziner:innen vor, die den Einsatz neuer Technologien ablehnen, weil sie einzig auf das vertrauen wollen, was sie gelernt haben. Nur in Kultur und Medien glauben wir, diese Haltung würde die Glaubwürdigkeit erhöhen – in handgedacht habe ich genau dazu geschrieben.
Der Rückschlag in der Bewertung Künstlicher Intelligenz wird diesen Lobeshymnen auf das rein Menschliche noch verstärken. Es wird uns den Blick verstellen auf die Möglichkeiten, die sich durch neue Werkzeuge ergeben und auf die Erkenntnis, die Franz und ich in unserem KI-Buch formulierten: Intelligenz zeigt sich auch in der angemessenen (hat jemand intelligenten gesagt) Nutzung von Werkzeugen.
In seinem jüngsten Newsletter zeigt Jeremy Caplan Werkzeuge und Techniken, die gegen Schreibblockaden helfen. Ich habe die Folge mit großer Begeisterung gelesen. Besonders fazinieren mich diese beiden Tools hier:
The Most Dangerous Writing App löscht deine Worte, wenn du aufhörst zu tippen, bevor dein Timer abgelaufen ist. Wähle einen Drei- oder Fünf-Minuten-Sprint oder lege ein Wortziel fest. Sobald du den Dreh raus hast, bleiben deine Hände in Bewegung. Bearbeiten kommt später. Kostenlos
Ilys ist eine noch anspruchsvollere Methode, dich zum Weiterschreiben zu zwingen. Es zeigt deine Eingabe nur ein einziges Buchstaben nach dem anderen. Wenn deine Session vorbei ist, kannst du deine Worte überprüfen und bearbeiten.
*Falls du dich für Marker interessiert, schreibe mir. Ich kann Einladungen vergeben. Mehr zum Thema “Gedanken machen” auch in meinem monatlichen Newsletter “Digitale Notizen”
