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Meta goes beta: Das Lese-Experiment auf log.os

Ich mag Experimente: Mit Eine neue Version ist verfügbar probierte ich aus, ob Crowdfunding nicht auch für die Buchbranche möglich ist (Spoiler: ist es!), mit Meta! testeten wir, ob Bücher nicht auch in Versionen erschienen können (Spoiler: geht auch!) und gemeinsam mit Log.os probieren wir nun ob Lesen nicht auch ein Gemeinschaftserlebnis sein kann. Wie schon beim SZ-Lesesalon ist dies ein weiterer Schritt in Richtung Livejournalismus als Social Reading.

Ab 1. März lesen wir in einer Lesegruppe das Buch auf der Plattform Log.os. Dafür muss man sich dort einen Account anlegen und kann die digitale Fassung der Standard-Version kaufen. Zusätzlich zum Inhalt erhält man Zugang zum Social-Reading-Experiment. Dieses wird rund einen Monat dauern und etwa so ablaufen.

Wir starten am 1. März mit einem gemeinsam kleinen virtuellen Event, zur Buchmesse in Leipzig wird es ein Vor-Ort-Event geben (das natürlich auch auf der Plattform gezeigt wird) und zum Abschluss gibt es noch eine gemeinsame Veranstaltung am Ende des Monats.
Hier Mitglied bei Log.os und in der Meta!-Lesegruppe werden

Zeitfenster zum Dialog: drei Fragen zum FAZ-Lesesaal

Die Kuppel über dem Lesesaal der Nationalbibliothek des Vereinigten Königreichs in London ist sehr berühmt. Dieser Tage ist sie auf der Website der FAZ zu sehen. Sie illustriert deren im Oktober 2014 angekündigtes Projekt „Lesesaal“. Dabei handelt es sich um ein Social-Reading-Angebot, das die Zeitung aus Frankfurt gemeinsam mit Sobooks realisiert (Hintergrund zu Sobooks hier im Blog)

„Ein Versuch“ schreibt FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube in dem Text, der unter dem Foto mit der berühmtem Kuppel folgt. Als Freund des Social-Readings, persönlicher Bekannter von Sobooks-Gründer Sascha Lobo und Fan seiner Idee freue ich mich über diesen Versuch. Denn als Gastgeber im SZ-Lesesalon im vergangenen Herbst habe ich festgestellt: Es ist wie gesagt noch viel zu tun in Sachen gemeinschaftlichem Lesen und Schreiben.

lesesaal_sobooks

Ich würde mich freuen, wenn Sobooks und der FAZ-Lesesaal mithelfen könnten, dem Social-Reading und -Writing in Deutschland Auftrieb zu geben – und bin gespannt wie sich der Versuch aus Frankfurt entwickelt. Deshalb hier drei Fragen zum Start:

a) Warum schreibt Jürgen Kaube über den Versuch, dass sich in Wahrheit doch gar nichts ändern soll? „Wir, die Redakteure der Feuilletonredaktion dieser Zeitung, stellen ein Buch, das uns interessant erscheint, so vor, wie wir es immer tun, in Form einer Besprechung. Dabei geben wir eine signifikante Stichprobe aus dem Buch zum Beleg unserer Eindrücke und unseres Urteils. Die Kooperation mit den jeweiligen Verlagen erlaubt es uns, diesen längeren Textabschnitt auf unserer Website zur Verfügung zu stellen. Leser, die ihn kommentieren wollen, das ganze Buch kommentieren wollen oder in ein Gespräch untereinander über beides treten möchten, können das mittels der von Sobooks entwickelten Technologie tun. Die Kommentare werden moderiert, die Redaktion wird nach Kräften antworten, es werden Zeitfenster geöffnet zum Dialog mit den Lesern.“

b) Weshalb ist die erste Besprechung, die FAZ-Literaturredakteurin Felicitas von Lovenberg im Lesesaal anbietet, eigentlich schon fertig? Weshalb sind darunter die Kommentare deaktiviert? Weshalb findet man in Sobooks selber (Screenshot oben) nur einen Kommentar der Literaturkritikerin?

c) Und überhaupt: Warum der Lesesaal der British Library? Unter der großer Kuppel gelten strenge Regeln, nicht wenige beziehen sich auf die Ruhe, die im Lesesaal zu wahren ist: „Consider other Readers and behave in a way that does not disturb them and respects their privacy. If it is necessary to talk, please do so quietly.“

Dabei müsste es doch genau ums Gegenteil gehen: Ums Reden, Debattieren! Um den Mut, eine Diskussion anzustoßen. Ich wünsche der FAZ und uns allen etwas mehr davon!

Update: Bei Sobooks hat Sascha einen ausführlichen Blog-Eintrag zu den Hintergründen veröffentlicht.

Conditio digitala: die Messe der sozialen Bücher

In Frankfurt endet heute die #fbm13. Das Fazit des Bücher-Boulevards fällt danach (wie auch schon davor) eher feierlastig aus. Für mich wird diese Buchmesse aber vor allem als Messe der sozialen Bücher und weniger der feiernden Menschen in Erinnerung bleiben (obwohl metrolits book bistro super war). Sascha Lobo hat als aufmerksamkeitsstarke Leitfrisurfigur eine Entwicklung gebündelt, die auch abseits von sobooks (das mit dem heutigen Ende der Buchmesse in einer privat-beta startet) die Buchbranche in nahster bis naher Zukunft prägen wird: Bücher kommen im Netz an, sie werden sozial – und künftig unter digitalen Bedingungen gelesen und ganz sicher auch geschrieben.

Als ich vor ziemlich genau einem Jahr mit dem Crowdfunding zu Eine neue Version ist verfügbar begann, hätte ich nicht gedacht, dass die Entwicklung so schnell gehen würde. Die Debatten auf der Messe und vor allem medial drumherum zeigen aber: die Digitalisierung von Büchern ist weit mehr als ein neuer Verbreitungsweg über elektrisierte Lesegeräte. Es geht um einen anderen Aggregatzustand, wenn man so will um eine conditio digitala. (Da wir über die Hochmesse des geistigen Lebens dieses Landes reden, ist diese bildungsbürgerliche Wortwelt hier erlaubt) Für mich ist diese Grundbedingung des Digitalen der Dialog, daraus leite ich in Enviv die Suche nach dem unkopierbaren Erlebnis und die These ab: Kultur wird zu Software. Genau diesen Gedanken führt Volker Oppmann mit seinem Log.OS-Verein fort und versucht sich am Betriebssystem Buch:

LOG.OS steht sinnbildlich für ein zentrales Betriebssystem (OS = operating system) des »geschriebenen Wortes« (griech. »lógos«), das wir in Form einer gemeinnützigen, integrierten Online-Plattform entwickeln werden.

Für die Sobooks-Macher ist die Grundbedingung des Digitalen das Soziale, es verleiht ihren Büchern das SO im Namen: Social als Oberbegriff für die dialogischen Möglichkeiten (Notwendigkeiten?) des Digitalen

Domenique Pleimling, mit dem ich in Frankfurt auf einer Veranstaltung war, fasste das Social Reading vor einem Jahr so zusammen:

Im Zeitalter der Digitalisierung wird Lesen wieder sozialer und nähert sich damit der Situation vor der Leserevolution nur insofern an, als dass Texte wieder zunehmend gemeinschaftlich rezipiert werden – damals durch das Vorlesen in Gruppen, heute durch „Bücher mit Internetanschluss“. Social reading greift also in die Vergangenheit zurück und verbindet sie mit dem noch recht jungen Phänomen des stillen Lesens. Statt eines Kulturpessimismus – der in ähnlicher Form übrigens auch jene oben erwähnte Leserevolution begleitete und vor den negativen Auswirkungen massenhafter Lektüre warnte – wäre ein offener Umgang mit den neuen Möglichkeiten, aber auch den Herausforderungen für die Kulturtechnik des Lesens gewinnbringender und im Sinne einer wachsenden Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien förderlicher.

Ich leitet aus diesen neuen Möglichkeiten vor allem die Option ab, Social Reading auch als Social Writing zu interpretieren. Aber dieser zweite Schritt wird dann vor allem Thema auf der #fbm14, wenn die Dimension gemeinschaftlichen Lesens verbreiteter sein wird. Lesen, das ist die Annahme, die eine Plattform wie Sobooks umsetzen wird, ist nicht mehr nur ein einsamer Prozess, sondern ein Gemeinschaftserlebnis. Lesen bekommt eine greifbare soziale Ebene, eine Form der Teilhabe. Es kann wie ein Festival- oder Kino-Besuch eine kollektive Erfahrung werden.

socialreading

Bei Sobooks wird dies über eine Heatmap abgebildet. Diese zeigt in jedem Buch an, an welchen Stellen gerade besonders intensiv diskutiert oder markiert wird. Das Buch wird dadurch aus dem singulären Nutzungserlebnis heraus fortentwickelt zu einem halböffentlichen Raum – in dem die Leser sich als Gäste zu Wort melden, in dem aber auch der Autor selber als Gastgeber mitreden kann. So entstehen, das ist für mich das Zauberwort, (individualisierbare) Versionen von Büchern. Einerseits in der Rezeption und in der Debatte, aber – und diese Variante heißt dort dann CoBooks – auch im Umschreiben und Versionieren: Bücher werden von anderen Autoren in neue Kontexte gestellt, gesampelt, remixt oder um in der Textwelt zu bleiben: anotiert.

Langfristig liegt in dieser Ausprägung des Sozialen der wirkliche Sprengstoff in den neuen Ansätzen, die auf der Buchmesse vorgestellt wurden. Nach meiner aktuellen Einschätzung geht dabei Sobooks am weitesten und am richtigsten vor – aber auch Ansätze wie Log.OS, widbook oder hypthes.is – belegen die Entwicklung, deren Hintergründe und Grundlagen ich in „Eine neue Version ist verfügbar“ beschrieben habe: das singuläre Werkstück verschwindet nicht, es wird um Metadaten angereichert, die womöglich Mehrwert in sich tragen. Ich glaube, dass die #fbm13 gezeigt hat, welchen Weg die Branche in Richtung „social“ nehmen wird – und in Andeutungen lässt sich sehen, dass dahinter noch mehr Möglichkeiten liegen, in den Grundbedinungen des Digitalen: Neue Versionen werden verfügbar!

Mehr über Sobooks im Buchreport, im FAZ-, NZZ- und Zeit-Interview sowie bei t3n. Mehr zu Enviv auf enviv.de.