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Vernünftige Beleidigungskultur

In seiner so kalkuliert überraschenden wie lesenswerten Kolumne fordert Sascha Lobo auf Spiegel-Online: Pöbler an die Maus!. Er schreibt:

Mit dem Internet ist ein Kommunikationsraum entstanden, der mündliche Spontaneität mit schriftlicher Dauerhaftigkeit verbindet. Ins Internet übertragen wäre jedes zweite Gespräch in bundesdeutschen Firmenteeküchen rechtlich problematisch. Normale Unterhaltungen sind voll von Beleidigungen, ungerechten Unterstellungen bis hin zur Verleumdung, Schmähkritiken und übler Nachrede: ein bunter Blumenstrauß von Verletzungen verschiedenster Persönlichkeitsrechte. Ist es nicht bigott, dass eine alltägliche Unterhaltung strafbar wird, wenn sie im Netz stattfindet, weil in der digitalen Sphäre die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Kommunikation nicht mehr trennscharf zu ziehen sind?

Das sind gute Fragen, die allerdings ein wenig darunter leiden, dass Sascha die wichtigen politischen Forderungen, die er am Ende des Textes stellt (Recht auf Anonymität, wider digitalreaktionäre Einstellungen) durch die widersinnige Forderung nach „vernünftiger Beleidigungskultur“ einbremst. Ich kann mir unter dieser Forderung nur alkoholfreies Bier vorstellen und das kann nicht gemeint sein.

Darüberhinaus krankt der Text an dem umgekehrten rechtsfreien Raum. Er behauptet, außerhalb des Netzes seien Dinge erlaubt, die im Netz nicht gingen. Dabei wird verkannt, dass in der Teeküche der Beschimpfte meist gar nicht anwesend ist und die dort gepflegte Beleidigungskultur bestensfalls feige ist.

Dass man aber durchaus eine anständige Beleidigungskultur nicht nur fordern, sondern auch öffentlich pflegen kann, hat Sascha selber im Herbst 2010 in diesem Beispiel für Beleidigungskultur gezeigt. Leider ist dieser Text nicht in der Kolumne verlinkt, er hätte viele Fragen sofort beantwortet.

In Kategorie: Netz