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Eine neue Version des Autors ist verfügbar

Wenn die Bezeichnung „Beststeller-Autor“ mit einem Namen verbunden ist, dann sicher auch mit dem von Walter Isaacson. Spätestens seit seiner Steve Jobs Biografie ist Isaacson sehr bekannt. Er leitet das Aspen-Institut in Washington und hat sich als Autor der Biografien von Benjamin Franklin, Albert Einstein und Henry Kissinger international einen Namen gemacht.

Isaacsons neues Buch handelt von den Anfängen und der Entwicklung des digitalen Zeitalters – aber Isaacson beschreibt dieses nicht nur, er benutzt die digitalen Möglichkeiten auch. Denn das Buch erscheint erst in einem Jahr, man kann aber heute schon Walter Isaacsons Entwürfe lesen – er hat sie in den vergangenen Tagen ins Netz gestellt. „Das Zusammenarbeiten online ist die ursprüngliche Idee des Internet“, schreibt Isaacson in der Begründung für diesen Schritt. „Mich interessieren alle Kommentaren und Korrekturen, die Leser anbringen wollen bevor das Buch einem Jahr veröffentlicht wird.“

Ein renommierter Autor, der online um Korrekturen an seinem unfertigen Werk bittet – das allein rechtfertigt die Aufmerksamkeit, die Isaacsons Experiment dieser Tage zuteil wird (The Verge, Techcrunch, Capital berichten). Hinzu kommt aber: das Angebot wird angenommen. Stewart Brand, über den Isaacson schreibt weil er u.a. am Whole Earth Catalog mitgearbeitet hat und The Well mitgründete, kommentiert die Kapitel-Entwürfe, in denen er selber auftaucht.

Mich fasziniert das Experiment, das Isaacson gestartet hat – auf zahlreichen Ebenen. Zunächst erfreut es mich sehr theoretisch, weil es mit dem übereinstimmt, was ich als Verflüssigung von Inhalten beschreibe. Isaacson zeigt mit seinem Ansatz, dass seine Texte tatsächlich wie Software zu behandeln sind. Sie durchlaufen gerade Versionskontrollen – in allesamt noch unperfekten Plattformen wie Medium, Scribd, Live-Journal – und die Leser können daran teilnehmen. Zum zweiten fasziniert mich, dass ein renommierter Star-Autor dem etablierten Verlagssystem hier (mindestens) eine Herausforderungen stellt. Denn natürlich hört man die Bedenken förmlich aus dem Experiment heraus: „Wenn Inhalte ins Netz gestellt werden, kann man diese nicht kontrollieren. Das fördert die Kostenlos-Kultur und schadet dem Autor.“

Greg Ferenstein kommt bei Techcrunch zu einem anderen Ergebnis. Er schreibt:

It’s an ongoing experiment. The web has a pretty good track record of making industries, especially knowledge industries, more transparent and participatory. If I were a betting man, I’d say Isaacson is riding the cusp of what will eventually be a staple of modern authorship.

Mit anderen Worten: Eine neue Version des Autors ist verfügbar – im Sinne eines anderen Autor- und Kultur-Begriffs, der aber eben nicht unbedingt schlechter sein muss!