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Till Ottlitz: Vier Tage Angst

In diesem Herbst wird dieses Land den 30sten Jahrestag des Mauerfalls begehen. Es wird Sonderseiten und Erinnerungen geben, Feierlichkeiten und Jubiläums-Reden. Und es gibt Journalismus, der sich diesem Thema widmet. Gerade eben ist eine Radio-Dokumentation zum Thema erschienen, die ich hier allein deshalb empfehlen muss, weil sie die erste ist, die ich audio-bingte. Ich weiß nicht, ob es den Begriff gibt, aber bei 4 Tage Angst ist mir passiert, was man von Serien in Streaming-Portalen kennt: Sie ist so spannend erzählt, dass ich nicht aufhören konnte sie anzuhören.

Es ist eine sehr gegenwärtig gemachte Dokumentation über einen Teil deutscher Geschichte, die nicht nur wegen des Jubiläums unglaublich aktuell ist. Diese Dokumenation erzählt von den Schrecken eines Unrechtsstaats und von dem Zauber der Menschlichkeit, die nicht fragt, sondern hilft – unabhängig von politischen Überzeugungen. Es ist eine Geschichte von der Not und der Angst, die Menschen in die Flucht treibt. Diese innerdeutsche Geschichte einer Flucht lässt die aufgeheizte Stimmung um Migration in diesem Land in einem neuen Licht erscheinen – und zeigt Dimensionen der deutschen Teilung.

Dass die Geschichte so ergreifend und aktuell ist, liegt aber auch daran, dass ihr Autor Till Ottlitz sich über die merkwürdige Regel hinwegsetzt, dass Journalisten sich nicht selber zum Thema machen sollten. Denn diese Geschichte verdankt ihre Spannung und Tiefe genau dieser Tatsache, denn „Vier Tage Angst“ ist die Geschichte von Bärbel Ottlitz, die Geschichte der Mutter des Autors. Dadurch ist dieser große politische Podcast auch wahnsinnig intim und persönlich. Es ist die private Geschichte der Familie Ottlitz, die große Teile der Politik und der Geschichte diese Landes greifbar macht. Damit zeigt der Podcast, worin der Wert herausragenden Journalismus liegen kann: dass er das Große im Kleinen sichtbar macht.

Das ist handwerklich und dramaturgisch herausragend gut gemacht. Besonders empfehlenswert ist dieser Podcast aber vor allem, weil Till Ottlitz sich als Autor selber angreifbar und verletztlich zeigt. In einer Folge gesteht er, dass ihm Gespräche so nahe gehen, dass ihm Tränen in den Augen stehen, in einer anderen hört er sich an, wie seine Mutter sagt, dass sie keine Kinder hätte bekommen wollen, wenn die Flucht nicht geglückt wäre.

Die Flucht glückt am Ende, aber bis es soweit ist, durchlebt Bärbel Ottlitz vier Tage Angst. Von diesen vier Tagen handelt der Podcast, über den ich nicht mehr verraten will als den Transparenz-Hinweis, dass ich mit Till persönlich bekannt bin.

Der Podcast läuft in den nächsten Wochen auf Bayern2 im klassischen Radio, man kann die Folgen aber schon jetzt digital anhören, auf der Website, bei Apple Podcast – und ich finde das sollte man tun

Folge 1: Republikflucht
Folge 2: Keine Antwort unter dieser Nummer
Folge 3: Treffpunkt Alexanderplatz
Folge 4: Independence Day
Folge 5: Abtauchen
Folge 6: Der Geruch von Pizza