Waltern: Gebet des älter werdenden Menschen

Mein Freund Heiko hat den Begriff Waltern erfunden. Es ist ein Kofferwort für das leider nicht besonders häufig zu beobachtenden Phänomens des Alterns in Würde. Waltern ist also der Gegenentwurf zum ständigen Rechthaben und Rumnörgeln, das vor allem alte Männer zur Perfektion gebracht haben (wobei ich gestehe, dass hier durchaus eine Form der Gleichberechtigung im Beschmipfen junger Leute zu beobachten ist).

Heute früh habe ich in der Morgenandacht im Deutschlandfunk von einem Text gehört, der sozusagen Waltern in Gedichtform ist. Das Gedicht wird Teresa von Avila zugeschrieben – und trägt den Titel „Gebet des älter werdenden Menschen“. Ich habe den Text im Netz gesucht und bin seitdem versucht, ihn auswendig zu lernen – und möglichst gelassen zu praktizieren.

„Oh Herr, Du weißt besser als ich, 
dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.

Bewahre mich vor der Einbildung, 
bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der großen Leidenschaft, 
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich, 
nachdenklich aber nicht grüblerisch, 
hilfreich aber nicht diktatorisch zu sein.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten 
und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen.

Lehre mich Schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu, und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir die Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich.

Lehre mich, 
an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, 
und verleihe mir o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.“

Das nächste Mal, wenn jemand über Boomer schmipfen möchte, werde ich sie oder ihn an dieses sehr alte Gedicht erinnern: Das Verhalten älter werdener Menschen scheint nichts mit Boomern im Speziellen zu tun zu haben ;-)