
Hilft ein Social-Media-Vebot für Kinder und Jugendliche? Diese Frage wurde mir unlängst im Deutschlandfunk-Interview gestellt. Meine kurze Antwort lautete:
„Es wirkt auf den ersten Blick sinnvoll, führt uns aber auf keine Weise zu einem besseren Ziel. Ich halte das für Augenwischerei.“
Meine ausführlichere Antwort steht auf diesen Seiten, die im September im Rheinwerk-Verlag erscheinen – und von dem Ziel handeln, das ein Verbot erreichen will. Wie kommen wir zu digitaler Demokratie?
In dem Buch suche ich nach einer Antwort – und habe dafür unter anderem mit Marina Weisband, Carsten Brosda und Björn Staschen gesprochen.
Hier kannst du das Buch vorbestellen

Hier kannst du das DLF-Gespräch nachhören, das ich hier in Ausschnitten transkribiert habe:
Eine von der EU beauftragte Expertenkommission empfiehlt ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 13 Jahren. Ich habe darüber mit Dirk von Gehlen gesprochen. Er ist Journalist und Autor, hat unter anderem ein Buch über Internet-Memes geschrieben und in seinem neuen Buch geht es um Social-Media-Verbote, das erscheint im September. Was also hält er von einem Social-Media-Verbot für unter 13-Jährige? Ist das sinnvoll?
Es ist ein schönes Beispiel für Symbolpolitik. Es wirkt auf den ersten Blick sinnvoll, führt uns aber auf keine Weise zu einem besseren Ziel. Ich halte das für Augenwischerei, was da betrieben wird in Brüssel. Für einen wirklichen Umgang mit dem netzkulturellen Raum, der Social Media ja auch ist, ist es keine Hilfe. Weil es uns dem Ziel nicht näher bringt, Menschen zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern zu machen. Das Buch, das ich gerade geschrieben habe, heißt „Social Media verbieten? Verboten“ weil ich gerne die Tür auf machen würde, was wir eigentlich nach einem Verbot täten. Viele Leute machen gerade das Verbot zur Lösung. Aber es ist maximal ein erster Schritt wohin. Und der deutsche Ethikrat hat gerade gesagt, es ist ein erster Schritt, um Zensurinfrastruktur zu implementieren. Da sehe ich eine große Gefahr, dass Dienste zugangsbeschränkt werden, die unsere Kultur sehr deutlich prägen Und ich glaube es wäre wichtiger, Kulturtechniken Menschen beizubringen als einfach ein Verbot auszusprechen und dann zu hoffen, das Problem löse sich von alleine. Das wird nämlich nicht passieren.
Würden Sie also sagen Social Media ist eine Form von Kultur, so wie zum Beispiel auch Literatur und Theater? Und ein Social-Media-Verbot wäre daher so als würde man Bücher verbieten?
Ich halte das für die gegenwärtigste, vitalste und spannendste Form von Kultur, die wir gerade haben. Das, was im Netz passiert, was auf Social-Media-Plattformen passiert, das ist nicht Internetquatsch, das ist eine gegenwärtige Form von Popkultur. Und ich glaube, das wir sie auch als solche ernst nehmen müssen. Was in Memes verhandelt wird, ist ganz oft politische Teilhabe für vor allen Dingen die jüngere Generation, die sich dadurch ausdrückt und sich auch im positiven Sinne politisiert. Und das war ja mal das Ziel, dass wir junge Menschen an Politik heranführen, und wenn wir da jetzt einfach sagen, das verbieten wir, dann trennen wir da einen wichtigen kulturellen Bereich ab, der für Menschen, vor allem für junge Menschen, eine wichtige Form von Kultur und Identitätsprägung ist. Ich halte es für wichtiger, hier Medienkompetenz zu Schulen.
Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Social Media und anderen Kulturformen. Büchersucht oder Theater-Sucht ist soweit ich weiß kein Problem.
Ja, aber als Bücher eingeführt wurden, war Büchersucht tatsächlich auch ein Problem. Das ist ein wiederkehrender Reflex, den wir oft erleben, dass neue Technologien auf diese Art und Weise zum Sündenbock gemacht werden. Ich halte es für viel viel wichtiger, tatsächlich ernsthaft Verteilungsfragen und Gerechtigkeitsfragen zwischen den Generationen aber auch zwischen unterschiedlichen Einkommensschichten in der Gesellschaft zu thematisieren. Dass es der Jugend heute so schlecht geht, dafür kann man nicht nur Social-Media für verantwortlich machen, das hat ganz sicher auch mit politischen Entscheidungen zu tun. Ich habe das Gefühl, dass die jungen Generation nicht einbezogen wird in zentrale Entscheidungen, dass über ihren Kopf hinweg entschieden wird und dass Förderung an ganz vielen Stellen zurückgefahren wird. Und ich glaube, das wäre die eigentliche politische Diskussion, die wir führen müssten, stattdessen wird Social Media so vorgeschoben. Und man sagt: „Wenn wir das nur verbieten, dann ist wieder alles gut.“ Ich glaube, dass das so nicht funktioniert. Wir müssen der jungen Generation Räume öffnen, wo sie ihre Potenziale entfalten können und das wird durch ein Verbot nicht gelingen.
Was schlagen Sie stattdessen vor?
Ich sag mal zwei Sachen, an denen man es gut festmachen kann. Das eine ist, dass wir es als Kulturform ernst nehmen müssen. Das, was da in Social Media passiert, ist nicht süchtig machend und per se gefährlich. Das ist wissenschaftlich nicht haltbar und das wird auch der Kulturform nicht gerecht. Und wir müssen Punkt zwei in einen intergenerationellen Dialog darüber treten. Alle Eltern, die sich Sorgen machen über die Social-Media-Nutzung ihrer Kinder, würde ich raten: „Fragt sie doch mal, was ist dein Lieblings-Meme? Zeig mir doch mal, was begeistert dich daran?“ Und wenn man so ins Gespräch kommt, kann Kultur gestaltet werden.
Könnte ein Verbot für Menschen unter 13 nicht vielleicht zumindest als Übergangslösung sinnvoll sein, bis wir als Gesellschaft besser gelernt haben mit Social-Media umzugehen?
Ich verstehe diesen Impuls und ich finde ihn nachvollziehbar. Ich warne jedoch davor, staatliche Verbote hier einzuführen. Lasst uns das auf Schulebene auf Familien-Ebene organisieren, weil staatliche Verbote immer zu einer schlechteren Kultur führen, immer zu weniger Demokratie führen als zu mehr.