Social-Media-Scham, die

(Diese Seite ist die Beschreibung eines Zeitgeist-Phänomens. Falls du dich für das damit zusammen hängende Thema interessierst, empfehle ich das Abo meines kostenfreien Newsletters „Digitale Notizen“.)

Social-Media-Scham, die (Abk. SMS)

Begriff für ein Zeitgeist-Phänomen, das als Selbst- und Fremdbeschreibung auftritt, um die übermäßige und/oder falsche Nutzung so genannter Social-Media-Plattformen anzuprangern. Die SMS folgt einer größeren Entwicklung, die strukturelle Probleme privatisiert – und Individuen beschuldigt, statt systemische Veränderungen anzustreben (siehe dazu auch Flugscham). 

Gegenwärtig zeigt sich die SMS auf mindestens drei Ebenen: Als private Selbstbezichtigung (1), als Beschämung junger Menschen (2) und als eher kurzsichtige politische Forderung (3). Gemeinsam ist allen drei Ansätzen die mangelnde Wertschätzung für digitale Kultur und soziale Medien.

SMS als private Selbstbezichtigung (1)

Die Selbstbeschreibung als „Suchti“ ist Ausdruck der negativen Selbstbeschreibung (1), die viele Menschen für „Doomscrolling“ verwenden. Eine Studie von Ian Anderson und Wendy Wood vom California Institute of Technology (Caltech) zeigt allerdings: „Die übermäßige Nutzung sozialer Medien wird gemeinhin als Verhaltenssucht bezeichnet. Es gibt jedoch Grund zu der Annahme, dass Nutzer ihre Sucht überschätzen. Vielmehr führt die häufige Nutzung dazu, dass Gewohnheiten entstehen, die dazu führen, dass man automatisch soziale Medien öffnet, scrollt, Beiträge veröffentlicht und reagiert.“ Die beiden Forschenden sehen zudem eine Gefahr in fortschreitender SMS: „Die Fehlinterpretation einer übermäßigen Nutzung sozialer Medien als Suchtverhalten könnte Nutzer von wirksamen Strategien ablenken, mit denen sie ihre Gewohnheiten zur übermäßigen Nutzung eindämmen könnten.

SMS als Beschämung junger Menschen (2)

Spätestens seit der Einführung eines generellen Nutzungsverbot für Menschen unter 16 Jahren im Winter 2025/26 in Australien hat sich die SMS auch als politische Forderung etabliert. Dabei richtet sich die Beschämung vor allem auf Kinder und Jugendliche, deren Schutz als Begründung für das Verbot angeführt wird. Wie die Beschämung auf politischer Ebene funktioniert, zeigte Bundeskanzler Friedrich Merz, als er im Frühjahr 2026 sagte: „Wenn Kinder heute im Alter von 14 Jahren bis zu fünf Stunden und mehr Bildschirmzeit haben am Tag, wenn die gesamte Sozialisation nur noch über dieses Medium stattfindet, dann brauchen wir uns über Persönlichkeitsdefizite und Probleme im Sozialverhalten von jungen Menschen nicht zu wundern.“

Solche anekdotische wie kulturpessimistische Evidenz dient zur Begründung für Verbotsforderungen. Wie eine gesunde Teilhabe nach dem Überschreiten des Verbotsalters gelingen soll, wird dabei häufig ebenso übergangen wie die Einschätzungen von Expertinnen und Experten. Die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur lehnt ein generelles Social-Media-Verbot ab, weil es langfristig zu kurz greife: „Es basiert auf einer bewahrpädagogischen Haltung, die weder die Bedürfnisse und Rechte von Kindern und Jugendlichen ausreichend berücksichtigt noch die Bedeutung digitaler Plattformen als Kommunikations-, Lern- und Partizipationsräume anerkennt. Schutz ist wichtig, doch einseitige Verbote sind keine nachhaltige Lösung.“


SMS als Begründung für falsche politische Forderung (3)

Die durchgängig negative Konnotation sozialer Medien aufgrund der fortgesetzten SMS führt zu einem alarmistischen Grundton in der Debatte. Fachexpertise wie diese Einschätzung des Professors Klaus Hurrelmann werden dabei selten gehört. Er sagt: „Ein Verbot hilft nicht weiter. Denn damit würden jene 70 Prozent der Jugendlichen, die die Technik souverän nutzen, von dieser Technik abgeschnitten, während die 30 Prozent mit dem problematischen Nutzungsverhalten keine Chance mehr hätten, digitale Kompetenz aufzubauen. Deshalb muss bei den Entscheidungen zu Social Media ein anderes Prinzip gelten: Nicht Jugendliche müssen drangsaliert werden, sondern die Plattformen.“

Es scheint deshalb dringend geboten, die Social-Media-Scham zu überwinden und durch einen konstruktiven Dialog über gesunde Mediennutzung in einer freien Gesellschaft zu ersetzen. Der Autor Simon Sinek empfiehlt deshalb, das Bild der Sucht nicht weiter zu nutzen. Er empfiehlt stattdessen von einer Ess-Störung zu sprechen. Folgt man dieser Perspektive liegt ein positives Ziel- und Vorbild für gesunde Social-Media-Nutzung vor allem in ausgewogener geistiger Nahrung – und in Regulierung der Nahrungsmittel-Industrie. Wenn Tiktok z.B. wie Zuckerwatte ist, dann lohnt es sich, über eine Besteuerung von Zucker nachzudenken.

Fortgesetzte Social-Media-Scham auf allen drei Ebenen führt dazu, dass der unbestreitbare kulturelle Wert sozialer Medien gar nicht mehr zur Geltung kommt. Dass diese Netzwerke Ausdruck gegenwärtiger kultureller Praktiken und politischer Meinungsäußerung sind, wird dabei ebenso ignoriert, wie die Tatsache, dass hier nicht nur Inhalte konsumiert werden. Gerade für junge Menschen haben soziale Medien eine wichtige Bedeutung, um Freundschaften zu pflegen und kulturelle Teilhabe zu erleben.