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Internet-Manifeste – gestern und heute

Es ist in diesen Tagen genau zehn Jahre her, dass 15 Internet-People einen Text veröffentlichten, den sie Das Internet-Manifest. Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen. nannten. Man kann ihn drüben bei Sascha im Blog nachlesen – und es ist eine schöne Erinnerung an das Web die Welt im Jahr 2009. Denn wenn dieser Tage 13 andere Internet-People ein anderes Internet-Manifest veröffentlichen, zeigt das vor allem, wie sehr sich die Welt und unser Bild vom Web in den vergangenen zehn Jahren verändert hat.

Zum ersten ist man schon froh, dass bei der Suche nach „Internet-Manifest“ (Symbolbild: unsplash) kein wirrer Text aus „aggrieved entitlement“ auftaucht, in dem ein gekränkter Mann mit der Gegenwart nicht klar kommt. Und zum zweiten zeigen die Unterschiede zwischen dem Manifest von 2009 und jenem aus dem Jahr 2019 vor welchen Herausforderungen Internet-Politik inzwischen steht (Es gibt übrigens eine Fassung des 2009er-Textes, der bei Flurfunk-Dresden hinter einer Registrierungs-Wall steht (sic!).)

2009 ging es um neuen Idealismus, um Aufbruch und ums Erklären: „Wie Journalismus heute funktioniert“ verspricht der Text schon im Titel. Der Text des Jahres 2019 trägt im Titel einen Hashtag – was in diesem konkreten Fall als Verbeugung vor einer Plattform gelesen werden muss. Denn die Websuche liefert ausschließlich Twitter-Ergebnisse zu #webIsOurs. Das ist deshalb erstaunlich, weil das Manifest des Jahres 2019 sich zentral darum dreht, das Web von den Plattformen zurückzuerobern: „Wir rufen alle Internet-Nutzer*innen auf, sich mit dem Ziel der Etablierung vertrauenswürdiger Kommunikations­technologien zu organisieren und diese breit zu nutzen“, heißt es in dem Text, der auch auf englisch auf Github veröffentlicht wurde.

Im Manifest aus dem Jahr 2009 hieß es: „Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden.“ Der Text aus dem Jahr 2019 hadert damit, dass viele Menschen genau diese offene Architektur nicht wahrnehmen, sondern Google oder Facebook für „Das Internet“ halten. Wenn ich mit der Gebrauchsanweisung auf Lesereise bin oder (wie am 4.11. in Landsberg) über die Idee spreche, dass das Internet Heimat sein kann – erhalte ich oft den Widerspruch, dass Facebook aber echt doof oder Google in Wahrheit doch evil sei. Das ist richtig (und in der Gebrauchsanweisung ist dem GAFAM-Thema sogar ein ganzes Kapitel gewidmet), aber eben nicht das Internet.

So banal das klingt, aber ich glaube, die zentrale Herausforderung für gegenwärtige Internet-Politik ist auch 2019 noch: Grundwissen darüber zu verbreiten, welch grundlegende historische Erschütterung das Internet eigentlich ist. Es herrscht leider bis hoch in wichtige Entscheidungs-Gremien Unkenntnis darüber, was die dezentrale Grundstruktur des Netzwerks bedeutet, warum Packet Switching und Netzneutralität wichtig sind und worin der Unterschied zwischen Web und Internet besteht. Das an sich ist gar nicht schlimm, schlimm finde ich, dass so wenig dagegen unternommen wird, diese Wissenslücken zu schließen.

Aus aktuell historischem Anlass ein Vorschlag um damit zu beginnen: ich habe zum 50sten Geburtstag 50 Dinge notiert, die man über das Internet wissen könnte