Alle Artikel mit dem Schlagwort “raab

Jung, cool, lustig sein

Als Ende der 1990er Jahre die erste Sendung von TV Total ausgestrahlt wurde, war Stefan Raab jung, cool und lustig. Das ZDF war ein verschnarchter alter Sender. Beides gilt womöglich noch heute. In der gestrigen Folge von TV Total hat Stefan Raab aber bewiesen, dass es realistischer ist, dass das ZDF nicht mehr verschnarcht ist als dass Raab noch cool und lustig ist.

Raab nimmt die Erstausstrahlung des neuen Nachrichtenformats heuteplus vom ZDF zum Anlass (hier die Einschätzung von Stefan Niggemeier) um sich über etwas lustig zu machen, was gar nicht zu sehen ist. Er tut so als sei diese Nachrichtensendung in irgendeiner Weise anbiedernd, verkrampft jugendlich oder irgendwie gewollt oder gespielt und deshalb peinlich. heuteplus ist allerdings vor allem eins: gegenwärtig. Das führt dazu, dass die fünf Minuten Spott, die Raab über das ZDF, heuteplus-Moderator Bröckerhoff und den Namen der Sendung verbreitet vor allem zeigen, dass Raab offenbar ein Problem mit gegenwärtigem Fernsehen hat.

raabbroekerhoff

So bleibt der lustigste Witz, den Raab landen kann, einer über die Frisur der Moderators (sic!). Alle anderen Witzchen beziehen sich auf Projektionen, die Raab vorgibt und dann als peinlich „entlarvt“. Das ist quälend und man wird den Eindruck nicht los, dass er das irgendwie selber merkt – aber einfach drüber hinweg moderiert.

Vielleicht ist das aber auch nur eine stille Hoffnung, die aus der Zeit stammt als Raab noch gegen alte Herren ankämpfte, die zu lange den immer gleichen Kram auf den Bilderschirm brachten. Heute ist er selber einer davon – was Jan Böhmermann (übrigens auch ein ZDF-Moderator) Anfang 2014 schon eindrucksvoll bewiesen hat.

Vermutete Mehrheitsmeinungen

Stefan Raab will eine politische Talkshow machen. Am späten Sonntag abend – in Konkurrenz zum ARD-Flagschiff „Günther Jauch“. Raab will dabei einen anderen Weg gehen als die ARD, die neben Jauch noch vier andere Talkshow-Moderatoren (mit gleichem Konzept) beschäftigt. Der Sender ProSieben und sein Moderator Raab wollen die Sendung mit einer kompetitiven Spielkomponente verbinden: Die Diskutanten – „drei Berufspolitiker, ein Promi und ein Normalbürger“ – wetteifern um die Gunst des Publikums und um 100.000 Euro Siegprämie. Es sollen vier unterschiedliche Themen je Sendung debattiert werden, die jeweils mit einer Abstimmung abgeschlossen werden. Die Diskutanten müssen somit Mehrheiten hinter sich vereinen. Wer die „Absolute Mehrheit“ (so der Sendungstitel) hinter sich vereint, gewinnt.

Laut kress.de hat sich ARD-Chefredakteur Thomas Baumann zu diesen Plänen geäußert. Thomas Baumann befürchtet, die ausgesetzte Geldprämie könnte die Vorstellung von Politik verändern:

„Es besteht die Gefahr, dass Diskutanten einer vermuteten Mehrheitsmeinung hinterherhecheln.“

Das sagt der Mann, der wenn ich das richtig sehe, verantwortlich ist für die Werbesendung Talkshow über das Buch „Digitale Demenz“ von Manfred Spitzer, die Jauch vergangenen Sonntag veranstaltete. Damals hatte man Nilz Bokelberg als Studiogast geladen, der aber nach reiflicher Überlegung absagte. Seine Position als Vertreter einer jungen Generation (aus ARD-Perspektive heißt das offebar „unter 50“) blieb so unbesetzt. Es diskutierten also vier Menschen über 50 die „vermeintliche Mehrheitsmeinung“, die da lautet: „Das Internet macht dumm.“

Es wäre mir egal, was Thomas Baumann zu Stefan Raab meint, wenn ich mich an dem genannten Abend nicht genau darüber geärgert hätte, wie – um es mit den Worten von Thomas Baumann zu sagen – „Diskutanten einer vermuteten Mehrheitsmeinung hinterherhecheln“.

Manfred Spitzer liefert den willkommenen Anlass, schwer benennbare und kaum begründbare Ängste der Bevölkerung noch zu schüren. Ich will die Inhalte dieser anstrengenden und wenig zielführenden Debatte hier nicht wiederholen (wer sich dafür interessiert findet in Christian Schiffers kleinen Geschichte des Kulturpessimismus und in Martin Lindners Zwischenbilanz zu Spitzers “Digitale Demenz” ausreichend Argumente). Ich will nur meinen Ärger darüber festhalten, dass nun plötzlich vor einer vermuteten Mehrheitsmeinung gewarnt wird, wo es allein beim Thema Internet nicht geglückt ist, eine vermutete Mindermeinung überhaupt nur abzubilden.

Anders formuliert: Wie traurig ist es eigentlich, dass die ARD sich jetzt von ProSieben zeigen lassen muss, wie man eine politische Talkshow anders gestalten kann? Für all diejenigen, die in unterschiedlichen Formaten versuchen, die ARD zu verjüngen, muss das sehr deprimierend sein. Allein weil sie – so scheint es nach diesen Meldungen – eine vermutete Mindermeinung in der ARD vertreten, gilt es, sie zu stärken.