Neuigkeiten oder Nachrichten: das soziale Wissen

In dieser Woche sendet das ZDF seine Nachrichten erstmals aus einem neuen Studio. Dieses, so erklärt Daniel Bouhs in der taz, hat 30 Millionen Euro gekostet. Wieviel die begleitende Anzeigenkampagne für die so genannte grüne Hölle gekostet hat, steht in dem Text nicht. Sie ist in jedem Fall großflächig plakatiert. Tenor der Kampagne wie des nachfolgenden Werbespots :

„Neuigkeiten gibt es beim Friseur, Nachrichten beim ZDF.“

Diese Gegenüberstellung klingt gut: Das ZDF, sagt der Slogan, liefert kein unseriöses Geschwätz, das ZDF liefert echte, wichtige Nachrichten. Man kann sich die Argumente denken, mit denen die Macher der Kampagne ihren öffentlich-rechtlichen Kunden überzeugten. Während ich aber an jeder zweiten Straßenecke diese Plakate sehe, kommt mir ein weiterer Gedanke: Was, wenn die Zuschauer und Leser nicht nur an den offiziellen (und fast amtlichen) Nachrichten interessiert sind, sondern auch (oder vor allem) an Neuigkeiten? Dabei will ich den Begriff „Neuigkeiten“ nicht im Sinne von mehr Boulevard oder Klatsch-Themen verstehen, sondern im Sinne von „sozialem Wissen“, also im Sinne von Nachrichten aus dem lokalen Bezugssystem. Zeitungen liefern solche Neuigkeiten beispielsweise durch den Abdruck von Todesanzeigen. Diese vermitteln dem Leser Informationen aus dem Kreis der Leute, die er/sie kennt. Sie liefern ihm/ihr – und ich glaube, dies ist nicht zu unterschätzen – soziales Wissen, das notwendig ist, um sich zum Beispiel in lokalen Gemeinschaften zu bewegen.

Das Netz hat dieses Bezugssystem aus einem ganz anderen Kontext in den Vordergrund gerückt. Twitter-Follower oder Facebook-Freunde gewinnen als soziale Einheit an Bedeutung, ihre Status-Meldungen (oder zum Beispiel Beziehungs-Änderungen) liefern Nachrichten im Sinne des sozialen Wissens – über die lokalen Grenzen hinaus. Es ist der Small Talk, der hier abgebildet wird, der für viele den Reiz dieser Dienste ausmacht.

Wenn man nun die Frage stellt, wie die Nachrichten der Zukunft (im Netz) beschaffen sein müssen, um Aufmerksamkeit (gerade unter jungen Lesern) zu wecken, landet man unweigerlich bei der Unterscheidung von Nachrichten und Neuigkeiten. Das Netz hat – und ich sage das bewusst wertfrei – den Wert von Neuigkeiten gehoben, es hat das soziale Wissen gestärkt. Die etablierten Medien haben darauf (noch) nicht reagiert, bzw. reagieren wie das ZDF mit Abgrenzung.

Dabei könnte doch gerade in der Kombination eine große Chance liegen: Wäre es nicht möglich, ein seriöses Angebot zu schaffen, das glaubwürdig und verlässlich sowohl Nachrichten als auch Neuigkeiten transportiert? Gibt es keine Ideen, wie man die amtlichen Meldungen aus der großen Politik kombiniert mit dem sozialen Wissen über die Neuigkeiten im sozialen Bezugssystem? Dienste wie delicious basieren auf der Empfehlungskultur des sozialen Umfelds, sie liefern Informationen von Freunden bezogen auf Links. Lässt sich das ausdehnen? Dann könnten Nachrichtenangebote im Netz das soziale Wissen (wie bei Twitter oder delicious) ebenso aufbereiten wie die klassischen Nachrichten – nur eben auf den Nutzer zugeschnitten. Der Slogan würde dann lauten:

Neuigkeiten gibt es im Netz. Nachrichten natürlich auch.

3 Kommentare

  1. Kai

    Interessanter Beitrag. Fuer mich als visuell-fokusierter Mensch bleibt zu sagen: was ich bisher vom Studio gesehen habe, erinnert mich an die (fake) Computerwelt der RTL2 oder ProSieben Nachrichten. Und die haben auf mich bisher immer einen total billigen und „kuenstlichen“ Eindruck gemacht. Mmhh..

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