Roland Schulz: Bis zum letzten Augenblick

Bert Brecht beginnt seine Kinderhymne, an die man sich aus zahlreichen Gründen derzeit mal wieder erinnern könnte, mit einer vierfachen Aufforderung: „Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand“ rät er den Kindern und es ist ganz sicher nicht nur in Bezug aufs Vaterland eine gute Idee, Anmut, Mühe, Leidenschaft und Verstand walten zu lassen.

Ich musste an diesen Ratschlag denken als ich die Titelgeschichte aus dem aktuellen SZ-Magazin (heute digital, Freitag auf Papier in der Süddeutschen Zeitung) las. Ein Text, der für sich genommen so stark und so groß ist, dass die Empfehlung ihn zu lesen eine Hymne verdient. Denn Roland Schulz gelingt mit „Bis zum letzten Augenblick“ (€-Link) ein Longread, der fast schon Literatur ist. Ein Text, der über den Tag (in dem Fall sogar über das Leben) hinaus reicht. Ein Text, den man sich aufbewahren will.

„Ganz am Ende“ ist einer der Texte, für die wir Anfang 2015 die Idee Süddeutsche Zeitung Langstrecke* ins Leben riefen.

„Was passiert in uns wenn wir sterben?“ hat der Autor sich gefragt und auf sechs Seiten eine Antwort gegeben, die so sprachmächtig geschrieben (Anmut) und detailliert recherchiert ist (Mühe), dass man allein an diesem Text illustrieren kann, was herausragenden Journalismus von gutem unterscheidet. Hier hatte jemand die Neugier, einer Frage ausdauernd nachzugehen, die so einfach und in Wahrheit doch so unglaublich kompliziert und schmerzhaft ist. Und trotz dieser Leidenschaft verliert der Text nie den Verstand, wird nicht pathetisch oder gefühlsduselig.

Ich bin mit dem Autor befreundet, arbeite im gleichen Haus wie die Redaktion, die den Mut hatte das Thema aufs Cover zu heben. Trotzdem bzw. gerade des wegen eine dringende #langstrecke-Leseempfehlung für diesen Text!

*Süddeutsche Zeitung Langstrecke ist das Longreads-Magazin der SZ, das vier mal im Jahr die besten langen Lesestücke aus der SZ versammelt. Für empfehlenswerte Texte auch außerhalb des SZ-Kosmos gibt es übrigens den Hashtag #langstrecke.


UPDATE
Am 5. Dezember wurde Rolands Text übrigens beim Reporterpreis 2016 ausgezeichnet

1 Kommentar

  1. Reiner Wadel

    Volle Zustimmung
    Ich habe zufällig vor wenigen Minuten diesen Beitrag von Roland Schulz gelesen – und er hat mich buchstäblich erschüttert.

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