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Handeln vs. Sein (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wer besser werden will, muss sich überfordern. Deshalb lobt der Shruggie die Überforderung und deshalb ist der Sport eine gute Metapher für die Anstrengungen im demokratischen Diskurs. Denn wer besser streiten will, muss dafür aus der Komfortzone heraustreten – sich also selber überfordern. Das funktioniert wie ein Trainingsimpuls beim Sport. Es ist anstrengend, aber notwendig um besser zu werden.

Ich habe hier schon mal angedeutet, dass ich glaube, „dass Demokratie wie ein Muskel funktionieren kann. Ich glaube, dass sie unter Belastung stärker werden kann. Wenn rechtspopulistische Parteien in Parlamente einziehen oder Extremisten unterschiedlicher Prägung den Pluralismus und die Freiheit in Frage stellen, dann ist das eine Belastung für die Demokratie – wie ein langer Lauf eine Belastung für die Muskulatur ist. Es ist anstrengend, aber nicht das Ende. Die Muskulatur wird gefordert, wenn man sich die Kräfte aber gut einteilt, wird sie dadurch stärker.“ Heute möchte ich eine konkrete Fitness-Übung vorstellen, die mir in den zahlreichen Debatten der vergangenen Wochen als hilfreich aufgefallen ist. Sie geht über das reine Rechthaben hinaus. Denn in der Sport-Metaphorik gesprochen bedeutet Recht zu haben, einzig in dem Bereich zu trainieren, der nicht anstregend ist. So wird niemand besser.

Ein zentrales Problem in vielen Auseinandersetzungen ist, dass wir im Streit häufig vergessen, zwischen Menschen und Meinungen zu unterscheiden. Wenn jemand beispielsweise eine doofe Meinung vertritt, halten wir häufig auch den Menschen für doof. Dabei ist eine der wichtigeren Errungenschaften des demokratischen Diskurses, dass wir zwischen dem Verhalten oder der Meinung eines Menschen und seiner Person trennen können. Jemand kann persönlich sehr nett sein, aber doofe Meinungen vertreten. Jeanne Safer hat dazu gerade ein Buch veröffentlicht, das den passenden Titel trägt: „I Love You But I Hate Your Politics“. Dabei geht es um Liebesbeziehungen, die von unterschiedlichen politischen Meinungen geprägt sind. Von einer vergleichbaren Herausforderung handelt auch der Ted-Talk der beiden Nachbarinnen Caitlin Quattromani und Lauran Arledge , die unterschiedlicher politischer Meinung und dennoch befreundet sind.

Dies ist nur möglich, weil sie zwischen dem Menschen und der Meinung differenzieren können. Und das kann man üben. Dafür muss man im Streit daran denken, dass die Person gegenüber vielleicht gerade Quatsch redet, aber nicht Quatsch ist. Es ist wichtig zwischen dem Handeln und dem Sein zu unterscheidet. Das klingt komplizierter als es ist. Es basiert sehr banal darauf, dass man den Gedanken „Du sagst eine mir widersprechende Meinung, Du bist doof“ ersetzt durch „Du sagst eine mir widersprechende Meinung, Du verhältst dich falsch“ . Hinter dieser kleinen sprachlichen Unterscheidung verbirgt sich ein großer Streit-Fortschritt: Wir müssen im Streit nämlich nicht mehr um uns als ganze Person kämpfen, sondern einzig um unsere Meinung. Wir greifen die widersprechende Person nicht mehr als Menschen an (du bist…), sondern lediglich in ihrem Handeln (du verhältst dich…). Denn es gibt einen Unterschied zwischen dem, was wir sind und dem, was mir meinen und tun. Beides hängt zusammen – vielleicht vergleichbar mit dem Schatten und zugehörigen Personen oben auf dem Unsplash-Bild – ist aber doch unterschiedlich. Denn Meinungen darf man ändern!

Wenn mir jemand im Streit sagt „Du bist ein Arsch“ ist das eine feste Zuschreibung meiner Person. Wenn ich höre „Du verhältst Dich arschig“ habe ich die Option, mein Handeln zu verändern. Das eröffnet mir die Möglichkeit, mich zu verbessern.
In dieser Option, kommt ein offenes Menschenbild zum Ausdruck, das zunächst mal davon ausgeht, dass wir als Menschen gleiche Rechte haben und von gleichen Hoffnungen und Sorgen geprägt sind. Dieses Menschenbild begründet deshalb auch, wo die Grenzen der Toleranz sind: nämlich da, wo Menschenverachtung zum Ausdruck kommt. Denn darum geht es am Ende: Verachtung zu vermeiden! Streit gelingt dann, wenn er ohne Verachtung auskommt. Um auf diese Weise zu streiten, kann es extrem hilfreich sein, widerstrebende Ansichten als Meinung abzulehnen – aber nicht den Menschen dahinter; als Zeichen für eine menschliche, lebenswerte Demokratie.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind schon häufiger Beiträge zum Thema Streit erschienen- z.B. „Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai 2019), „Meinungsvirus“ (Januar 2019) „Was wäre, wenn Seehofer Recht hätte“ (September 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).