#fbm15: Sechs Dinge, die ich auf der Buchmesse gelernt habe

In Frankfurt endet an diesem Wochenende die Buchmesse. Eine Veranstaltung, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass unfassbar viele Papierbücher in unterschiedlicher Größe und Güte in Messehallen rein- und anschließend wieder rausgeschleppt werden. Allerdings frage ich mich jedes Jahr wieder: Warum eigentlich tut man das? Kaufen kann man die Bücher an den allermeisten Ständen jedenfalls nicht. Und so habe ich eine gewisse Sympathie für die Sage, es gehe eigentlich darum, sich Bücher klauen zu lassen – als Indikator fürs Publikumsinteresse. Ich kann das nicht beurteilen, bilde mir aber ein bei meinem (Kurz-)Besuch in diesem Jahr etwas gelernt zu haben. Deshalb hier sechs Dinge, die ich auf der #fbm15 gelernt habe:

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1. Wir könn(t)en Bücher anders denken
Es ist mir in diesem Jahr so sehr wie selten zuvor aufgefallen: Buch heißt für diese Messe fast überall Papierbuch-Messe. Das sagt niemand, aber man gewinnt auf Schritt und Tritt den Eindruck. Dabei erscheint es mir durchaus geboten, die Idee Buch vielleicht auch mal anders zu denken. Der Lichtblick des Jahres war für mich in diesem Bereich Logos – das Projekt von Volker Oppmann, das genau dies wagt: Bücher anders zu denken.

2. Google Books ist Fair Use
Das ist zwar keine Erkenntnis, die in den Messehallen ausgestellt wurde, sie erreichte mich aber während der Messe. Bei Netzpolitik schreibt Leonhard Dobusch: „Im Rechtsstreit zwischen Google und der US-Autorenvereinigung Author’s Guild hat auch das Berufungsgericht entschieden, dass der Dienst Google Books von der Fair-Use-Klausel des US-Copyrights gedeckt ist.“

3. Sascha Lobo ist eine Erfindung
Die hochanerkannte und unter Digital-Experten seit langem geschätzte Autorin Carol Felt („Cybris“) hat sich den Buchkritiker Sascha Lobo ausgedacht – und der Spiegel ist darauf reingefallen.

4. Wir können in Netzwerken denken
Christiane Frohmann und Leander Wattig haben es in diesem Jahr gezeigt: Ihr Orbanism Space war eine tolle kleine Messe in der Messe. Vor der Bühne, die die beiden aufgebaut hatten und auf der kein einziges Papierbuch rumstand, trafen sich meinem Eindruck nach irgendwann im Laufe der Messe all die Leute, die Bücher anders denken wollen.

5. Wir können Bücher anders (ver)kaufen
buchhandel Ich habe mich schon vor der Buchmesse gefragt, warum Verlage nicht eigentlich selber tun, was Amazon angeblich so gut macht: Bücher verkaufen. Dann stieß ich auf das Buch Philosophie des Laufens und stellte fest: es gibt Verlage, die das sogar besser machen. Beim Mairisch-Verlag konnte ich das Buch jedenfalls versandkostenfrei bestellen und sehr einfach per Paypal bezahlen. Das klingt sehr einfach, scheint für Verlage aber sehr schwierig zu sein: vielleicht sollten Buchhändler und Verleger sich mal austauschen.

Das haben sie offenbar für die App Buchhandel.de getan, die ebenfalls auf der Messe vorgestellt wurde – und den Buchkauf leichter machen soll. Mehr zum Thema Kaufen und Versenden auch in diesem Artikel aus der SZ.

6. Es gibt einen ungenutzten Bereich (Marktlücke?) zwischen langen Texten und kurzen Büchern
Ich selber war vor allem auf der Messe um unser kleines Projekt Langstrecke vorzustellen: „Journalismus, der fast schon Literatur ist“ gehört natürlich auf die Buchmesse. Und dabei ist mir etwas aufgefallen: das Versprechen, das mit den digitalen Verbreitungswegen auch Platz für neue Formen sei, ist bisher nur halb eingelöst. Denn verlegerisch wird die Möglichkeit bisher kaum genutzt, Bücher zu machen, die kürzer sind als Papierbücher und länger als journalistische Texte. Veröffentlichungen also, die ein mittleres Format haben. Dafür sehe ich einen Bedarf – auch wenn man sie nicht im nächsten Jahr in die Frankfurter Messehalle reinschleppen kann.

2 Kommentare

  1. Bücher werden ja schon allüberall anders „gedacht“: Der Content-Markt wird immer fraktaler, reicht auch rüber in Apps, Browser-Lektüre, Website-förmige Angebote, Audio-Books und was nicht alles. Das „anders denken“ braucht man eigentlich nicht fordern, es ist alles da und heißt dann eben nicht mehr unbedingt „Buch“. Die Bücher im gewohnten Sinn sind ein (nicht kleiner) Teil des Content-Markts, der sich allerdings auch wiederum je nach Zielgruppe aufsplittert. Das passiert alles, auch wenn es einige Bremser gerade dort gibt, wo es besonders schmerzhaft ist, nämlich im Wissenschaftsbereich.
    Zwei Hinweise finde ich bei dir (außer log.os, worauf ich auch gespannt bin, aber da habe ich überhaupt keine Vorstellung, wie das aussehen wird) besonders interessant.
    a) Buchhandel.de: Zufällig hatte ich gerade heute nachmittag da etwas gekauft. Das interessante ist, dass hier der Markt als Infrastruktur gedacht wird. Gekauft habe ich ein epub, aber irgendwie nimmt an der Marge jetzt eine Buchhandlung in der näheren Umgebung teil, die ich gar nicht kenne (weil die Buchhandlung, die ich am ehesten noch nutze, noch nicht an dem System teilnimmt). Faszinierend: Das Prinzip des Profit-Sharing ist Sharing-Economy in einem kulturell-produktiven Sinn. Für den Streng-E-Business-Gläubigen vielleicht „reaktionär“, ich halte das allerdings für kulturell hoch produktiv, weil hier plötzlich ganz neue Spielräume für Präsenzkultur bis hin in kleinere Ortschaften entsteht (ein präferierter Buchladen kann und muss sich vermutlich auch die Präferenz anders verdienen als nur Buch-Shop“ oder Verkaufsmaschine zu sein). Das könnte ziemlich disruptiv sein und „challenged“ jetzt die Buchhändler als kulturelle Privatinitiativen – da werden die Vertrottelten von den Erhaltenswerten getrennt. (macht da doch mal große Artikel in eurer überregionalen Presse…).
    Der zweite Punkt betrifft die „ungenutzte Marktlücke“. Die ungenutzte Marktlücke ist allerdings meiner Meinung nach nicht die beliebige Länge der Textobjekte – das gibt es schon lange – sondern das bessere Aufeinanderabstimmen von Thema, Leserinteresse, Zeitaufwand und Kosten. Das Lesen ist ja von nichts so sehr bedroht wie vom Zeitmangel durch konkurrierende Unterhaltungsangebote. Aus Konsumentensicht muss es „zeitlich passen“, das heißt wenn ich mich z.B. gerade mal zufällig für Quintillian interessiere (wie es heute mal bei mir vorkam, du kannst da aber auch Bayern München, Kochen mit Pesto oder Christliche Soziallehre einsetzen), dann sucht man ja schon instinktiv das zeitlich passende Stück Information. Da haben sich schon neue Angebotsformen herausgebildet für den gestressten und karriereorientierten Junior-Middlemanager (GetAbstract oder blinkist zum Beispiel sind solche Zeitsparer-Ansätze), es ist aber auch ein zarter Hinweis an die Autoren, sich bei jedem Thema zu überlegen, was denn dafür wohl eine gute Länge und ein passender Aufwand wäre. In der präzisen Konfiguration von Thema, Interesse, Zeit und Kosten steckt Umsatz (remember die Ursprünge der Bibliothek Suhrkamp?). Das ist ein neuer Parameter, weil Bücher (zumindest Sachbücher) traditionell auf Vollständigkeit aus sind (Vollständigkeit der Arbeit, der Gedanken, der Aspekte etc.), was eine maximale Anforderung an de Leser bedeutet (der sich darob Wikipedia lobt, die in den besten Artikeln genau diese KOnfiguration sehr gut hinbekommt). Von dem Ansatz der großen Bemühung beziehen ja Bücher noch ihren alten Nimbus, in jedem Fall etwas mit höheren geistigen Weihen zu tun zu haben (und man kann gerade auf der FBM sehen, dass die höheren geistigen Weihen nicht der primäre Sektor des Buchhandels ist) – jemand hat sich alle erdenkliche Mühe gegeben, eine Summa zu fabrizieren. Ein neuer Parameter ist es auch ökonomisch, weil traditionell der Bauchumfang des Werks eine Preisanmutung erzeugt. Im E-Bereich entfällt das, und man kann als Autor sozusagen einfach seine tatsächliche Arbeit als Kalkulationsgrundlage nehmen, statt dass die Arbeit in Abhängigkeit von den Druckkosten entlohnt wird. Die neuen Formen betreffen also eine andere Buch- und Leseökonomie, nicht einfach nur die Wörterzahlen …

  2. Jacqueline Hoffmann

    Danke! Seh ich auch so (nur bei Punkt 3 bin ich mir etwas unsicher ;) ) Zu 6tens: Das fasst auch mein Gefühl gut in Worte. Einer der Gründer unseres genossenschaftlichen Verlags astikos hatte daher die Idee zu „Mikros“. Mit dem ersten Werk des Verlags, dem „Vorstellungskünstler“ haben wir ein solches mittleres Format schon mal veröffentlicht. Hier geht’s um reine Fiktion, eine journalistischere Richtung dabei fänd ich auch spannend!

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