4. Es geht um Zugang, nicht um Content

Wenn man sich also von dem Gedanken löst, im Netz ausschließlich Informationen verkaufen zu wollen, stellt sich die Frage: Wofür zahlen Menschen denn im Internet? Die Antwort ist so offensichtlich wie kompliziert: Sie zahlen für Zugang. Zugang zum Besonderen, zu Informationen, Privilegien und Applikationen, die andere nicht bekommen können, die nicht kopierbar sind. Oder um es mit Laurel Touby zu sagen: für den Zugang zur Community.

zugangstattinhalt

Nehmen wir das Beispiel Flickr. Hier bezahlen Menschen dafür, dass sie etwas tun, was überall im Netz kostenlos möglich ist: Bilder hochladen und anderen zur Verfügung stellen. Die Nutzer des Flickr-Premiumaccounts zahlen aber dafür, weil sie ihre Bilder in einem besonderen Kontext sehen wollen: in der Flickr-Community.

Ganz klar: Der überwiegende Teil der Flickr-Nutzer zahlt nicht. Sie laden ihre Bilder (limitiert und) kostenlos hoch. Aber es gibt einen kleinen Teil, der bezahlt. Man spricht vom Freemium-Ansatz. Chris Anderson hat diesen in seinem Buch Free ausführlich dargelegt. Für meine These vereinfache ich das Modell: Weniger als zehn Prozent der Nutzer zahlen für ein Angebot (und erhalten dafür Zusatzfeature und Erweiterungen), mehr als 90 Prozent der User nutzen es (limitiert und) kostenlos. Folgt man Anderson, funktioniert dies nicht nur bei Flickr, auch in der Computerspiel-Industrie ist dieses Modell üblich und erfolgreich. Erstaunlich daran: Es scheint das fehlende Puzzle-Stück zum vorher erwähnten 90-9-1-Ansatz zu sein. Deshalb:

Wofür könnten Nutzer bei Zeitungen zahlen? Wo können Zeitungen ihren Lesern Zugang zu einer exklusiven Gemeinschaft geben?

Die Antwort liegt in den bisher als abseitig unterschätzten Kommentarfeldern der großen Zeitungswebsites: Flickr-Nutzer zahlen für etwas, was sie überall im Netz kostenlos tun könnten: Bilder hochladen. Zeitungs-Nutzer werden zukünftig ebenfalls für etwas zahlen, was sie überall umsonst tun könnten: Kommentieren. In beiden Fällen geht es um den besonderen Kontext, um das Umfeld, in dem diese Tätigkeit geschieht. Es geht um es mit Kevin Kelly zu sagen: um das Nicht-Kopierbare.

Man stelle sich vor, die Kommentarfelder würde tatsächlich einlösen, was sie theoretisch versprechen: Sie würden Austragungsort gesellschaftlich relevanter Debatten, für die die Zeitung als Plattform, als klassisches Forum dient. Menschen stellen sich dieser Debatte nicht aus der sicheren Anonymität einer schnell eingerichteten Troll-Identität, sondern ernsthaft und mit klar erkennbarem Namen und die schreibenden Journalisten reagieren drauf. Jürgen Habermas würde eine solche Vorstellung vermutlich „geglückte Kommunikation“ nennen und ich kann mir vorstellen, für den Zugang zu einer solchen Debatte zu zahlen; so wie ich zum Beispiel auch Eintritt zahle, um an einer Lesung teilzunehmen.

Meine vierte Krisen-These lautet deshalb: Es geht nicht nur im Inhalt, es geht um den Zugang zum Besonderen.

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