Wie verdient man in digitalen Zeiten mit Kultur Geld?

Diese Video stammt von Ryan Leslie – und selbst wenn man den Text nicht genau verfolgt, sondern nur die Bilder anschaut, wird schnell klar: Dieser Mann legt durchaus Wert auf Geld. Der Song heißt „Swiss Francs“ und handelt davon, wie man Geld auf Schweizer Bankkonten bunkert.

Man muss sich diese Szenen vor Augen halten, wenn man Leslies Antwort auf die Frage liest: „Wie verdient man in digitalen Zeiten mit Kultur Geld?“ Der Rapper sagt: Indem man mit seinen Fans in Kontakt steht

So merkwürdig wie das klingen mag: alles, was ich tue, mache ich mit Hilfe meines iPhones, über das mein Publikum mich direkt erreichen kann – per Mail, SMS oder telefonisch.

Leslie hat das in einem Interview über die Zukunft des Musik-Business (Snowfall-Lesetipp dazu hier) gesagt. In dem Gespräch erklärt er, warum er Facebook, Twitter und Instagram für weniger geeignet hält, weil sie ihm den wirklich direkten Kontakt zu seinen Fans versperren. Deshalb werde er sein neues „Black Mozart“ betiteltes Album auch nicht bei iTunes verkaufen. Weil ihm dort der Zugang zu den Fans versperrt sei, die für sein Album Geld ausgeben. Eben diejenigen wolle er aber erreichen, um sie zu informieren, dass er jetzt auf Tour gehe. Denn genau hier liege der Wert in Zeiten digitaler Kultur: im direkten Austausch mit denen, die für Inhalte Geld ausgeben wollen. Der Inhalt alleine reiche nicht mehr:

The minute it’s digital, it’s free. Folks that still support it, despite the fact that they can get it for free, those are the people I’m concerned with, those are the people who are enabling and empowering me to continue to create. I think more artists should be thanking the people who support them. They’d probably have longer careers

In diesem Zitat liegen für mich mehr digitale Implikationen als in der bisherigen Spiegel-Debatte zur Zukunft der Tageszeitung. Ryan Leslie geht davon aus, dass die Digitalisierung von Inhalten diese sehr grundlegend verändert und dass jedes digitale Geschäftsmodell auf diese Veränderung reagieren muss. Inhalte übers Netz zu verbreiten bedeutet eben nicht nur einen weiteren Verbreitungsweg zu wählen. Inhalte zu digitalisieren bedeutet, sie in einen neuen Aggregatzustand zu überführen. In „Eine neue Version ist verfügbar“ habe ich das mit dem Bild des Eisblocks zu beschreiben versucht, der auftaut. Wir stehen stauend davor und glauben, das Eis sei verschwunden. Dabei ist es natürlich weiterhin da, aber in anderer Form: es ist flüssig.

Meiner Einschätzung nach, entstehen Zukunftsentwürfe für die Tageszeitung und überhaupt für Geschäftsmodelle im digitalen Raum dort, wo man beginnt, die Eigenschaften der Flüssigkeit zu analysieren statt über die Beschaffenheit von Eis zu sprechen. Konkret heißt dies für mich: Wir dürfen nicht immer nur über das Produkt reden. In der Zeitungsdebatte gehen alle Autoren davon aus, dass es vor allem um neue Verbreitungswege des gleichen Produkts ginge. Einige Diskutanten ergänzen dann Eigenschaften des Produkts, die sie sich wünschen. Darüber kann man lange diskutieren, ich glaube aber, dass dies eine analoge Debatte ist. Und das meine ich in dem Sinn, wie Khoi Vinh es zusammengefasst hat:

“Analog media is a document. Digital media is a conversation.”

Die Frage ist für mich vielmehr: Was dokumentieren analoge Medien? Wer darauf eine Antwort sucht, ist – so denke ich – näher an Entwürfen für Geschäftsmodelle im digitalen Raum als diejenigen, die eine analoge Debatte ins Netz tragen wollen. Digitale Medien sind Dialog. Sie schaffen ihren Wert – so würde ich es sagen – im Erlebnis, in der Teilhabe, im unkopierbaren Moment des (gemeinsamen) Erlebens. Dieses Erleben – so beschreibe ich es in Enviv – ist vergleichbar mit einem Fußballspiel. Menschen schauen sich Live-Spiele an, weil sie an einem besonderen, unkopierbaren Moment teilhaben können. Natürlich entsteht der nur, weil es vorrangig um das Resultat des Spiels geht. Dass Menschen sich für den Sport begeistern (und bezahlen), gelingt aber nicht, indem man die Spielergebnisse verändert und versucht, diese zu verkaufen. Diese Begeisterung entsteht, wenn Menschen dabei sein können, wie Resultate produziert werden. Sie werden eingebunden in den Entstehungsprozess, was Begeisterung auslöst und einen Qualitätsnachweis in sich trägt.

Um die Debatte wirklich voran zu bringen, müsste man also den Blick heben und statt nur auf das Produkt auch auf den Prozess schauen, wie ich es auf kleiner Ebene mit „Eine neue Version it verfügbar“ versucht habe. Ryan Leslie zeigt, wie das im gewünschten Gehaltsgefüge Schweizer Banken gehen könnte.

  • denkst du demnach, dass der einfluss der teilnahme überbewertet wird? beim fussballspiel spricht man zwar schon vom 12. mann aufm feld; aber ist dessen einfluss nicht vergleichsweise bescheiden? prozentual gesehen (im vergleich zu allen, die dir kohle überwiesen haben) haben wie viele menschen letztendlich auf das resultat deines buches einfluss genommen? wofür steht in der metapher «fussballspiel» das resultat? oder meinst du (bezüglich «flüssig»), dass es viel mehr um den tabellenplatz geht?

  • dvg

    mir geht es um das, was menschen zu fans werden lässt. beim fussball ist es die möglichkeit, an dem einmaligen weil unkopierbaren moment dabei zu sein. es gibt diese unkopierbaren momente auch in der entstehung von kultur. bisher findet diese entstehung aber unter ausschluss der öffentlichkeit statt. man könnte sie zuschauen lassen – völlig unabhängig von der frage, ob jemand dann auch teilnehmen will.

  • alles klar. jetzt verstehe ichs. hat parallelen zum herstellen von transparenz. stefan m. seydel von rebell.tv bloggte ständig, welche gedanken er wälzt, was er grad macht, weshalb er wohin fährt, etc.pp. Daraus konnte man mit der zeit schliessen, weshalb er zu welchen schlüssen kommt. aber es wurde auch sichtbar, dass wissen generieren und vermitteln im fluss ist (eben fliessend:)). dies bleibt beim journalismus in den meisten fällen immer noch aussen vor (wobei der live-ticker einen ähnlichen ansatz hat; wobei er inhaltlich und formal noch ausbaubar ist)

    wenn man das kuratieren in den medien mit demjenigen in der kunst vergleicht, dann ist genau dieser stete fluss der grosse unterschied. wäre das newsportal ein museum, dann würden da ständig werke rein und rausgetragen; und die besucherInnen könnten selber kunstwerke mitbringen (wobei nicht alle werke zugelassen werden; ein heikles thema;)) und ausstellen; und sie könnten auch die bestehenden werke kommentieren; und dies sogar im kunstlager (=archiv)
    aber jetzt schweife ich etwas ab…;))

    und weils grad (irgendwie;)) zum thema passt: http://ijnet.org/stories/how-boost-citizen-reporting

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