Worum wird in der Urheberrechts- debatte eigentlich gestritten?

Der Spiegel-Online-Kolumnist Jan Fleischhauer ist – soweit ich das beurteilen kann – in seiner Kolumne “Der Schwarze Kanal” bisher nicht gerade als lösungsorientierter Autor in Erscheinung getreten. Dennoch ist sein Legt euch doch mit Apple an! betitelter Beitrag zur derzeit kochenden Urheberrechtsdebatte bemerkenswert. Es gelingt dem Autor nämlich, über die Dauer eines ganzen langen Kolumnentextes den Auslöser der aktuellen Urheberrechtsfragen komplett zu ignorieren. Ausführlich lässt sich Fleischhauer stattdessen über die Haltung der Piraten aus, beklagt Wortklauberei und bringt irgendwie auch den ritualisierten Sozialismus-Vorwurf in dieser Debatte unter.

Was er nicht unterbringt ist die digitale Kopie. Die Tatsache, dass erstmals in der Menschheitsgeschichte Inhalte nahezu kostenfrei und identisch verbreitet werden können, scheint ihm für die Debatte unerheblich zu sein. Jedenfalls nicht so erheblich wie die moralische Haltung der Piraten. Für Fleischhauer drückt sich diese im “Kernthema der Piraten” aus, das für ihn dies ist:

die Freigabe aller digitalen Inhalte. Wobei die Advokaten dieser Vergesellschaftung von Eigentumsrechten das so nicht nennen. Sie reden lieber von der “Entkriminalisierung” der Nutzer, beziehungsweise der “Legalisierung der nichtkommerziellen Vervielfältigung”.

Wie jemand die Freigabe von Daten fordern kann und allein mit dieser Forderung eine riesige Debatte lostritt, verschweigt Fleischhauer. Das ist nämlich nur möglich, weil vor der Forderung eine technische Veränderung in die Welt trat, die er – wie viele in der Auseinandersetzung – komplett ignoriert. Statt anzuerkennen, dass die Digitalisierung nicht wieder verschwinden wird (und mit ihr die Möglichkeit der digitalen Vervielfältigung), arbeiten sie sich ausführlich an der vermeintlichen Dummheit, Ahnungslosigkeit oder moralischen Verkommenheit der Piraten bzw. der gesamten Netzgemeinde ab. Das mag befreiend sein und vielen mögen die Piraten nun auch als willkommendes Feindbild dienen, das von gesellschaftlichen Veränderungen ablenkt, die man lieber nicht sehen will. Das Problem ist jedoch: Diese Veränderungen sind nicht rückgängig zu machen (und schon gar nicht durch moralische Appelle). Im Gegenteil: Sie beschleunigen sich quasi täglich.

Natürlich kann man sagen, dass diese Veränderungen gesellschaftlich nicht gewünscht sind und ihre Nutzung deshalb juristisch mit Strafen belegt werden soll. Wer diese Forderung jedoch ausspricht, sollte auch dazu sagen, zu welchen gesellschaftlichen Kosten dies möglich ist. Wer jedoch einzig eine vermeintlich falsche Haltung bei einer bestimmen Gruppe von Menschen dafür verantwortlich macht, dass wir derzeit über die Ausgestaltung des Urheberrechts debattieren müssen, der handelt unredlich. Denn wer bitte schön glaubt ernsthaft, dass alle Probleme gelöst wären, wenn die Piraten plötzlich sagen würden: Wir fordern – nach Lektüre des Textes von Jan Fleischhauer – das Einschließen aller digitaler Daten. Auch sind wir ab sofort für eine Privatisierung von Eigentumsrechten und gegen Sozialismus im Netz.

Wäre das Problem dann gelöst? Gäbe es dann keine digital verbreiteten Inhalte mehr? Würde das Vagabundieren der Kopien (wie Hillel Schwartz es nennt) dadurch gestoppt? Müssten wir dann nicht mehr über kriminell-kopierende Nutzer und nicht-kommerzielle Vervielfältigung diskutieren?

Eben deshalb brauchen wir eine Debatte, die in der Gegenwart ankommt und die Realität anerkennt – in der Frage, welche Schlüsse man daraus zieht, liegt noch ausreichend Streitpotenzial; sogar für provozierende Kolumnen.

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  • http://magerquark.de Uwe

    Es wird ja nicht “gestritten” – Es wird vielmehr dem dummen Volk ablenkende Beschäftigung gegeben um die wahren Schweinereien im Hintergrund durchzubringen.

    “Burrying” heißt das glaube ich.

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  • http://blog.r23.de Ralf

    Schon einmal “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” von Walter Benjamin gelesen?

    http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Benjamin

    Hier der erste Satz: Das Kunstwerk ist gründsätzlich immer reproduzierbar gewesen… Und dies wurde 1935 bereits veröffentlicht
    http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Kunstwerk_im_Zeitalter_seiner_technischen_Reproduzierbarkeit

    Das Problem der Kopie ist jetzt wirklich nicht neu.

  • Klaus

    Da liest tatsächlich jemand den unsäglichen Fleischhauer und diskutiert sogar über dessen Blahblah? Welch vertane Müh.

  • Marin

    Stimmt ja! Nicht der Raubkopierer ist schuld, nein die Möglichkeit dazu ist schuld! Das ist wie mit den Mädchen und den Vergewaltigern. Trügen die Mädchen nicht so kurze Röcke, dann……

  • http://www.markusvaeth.com Markus Väth

    Vielleicht könnte man das Thema so aufdröseln:

    1. Was ist überhaupt technisch möglich?
    2. In welchen Situationen darf / soll man welche Technik anwenden?
    3. Wer darf diese Technik wann anwenden?

    Einfach, um mal die Fakten zu klären, jenseits von “du bist schuld” – Spielen.

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  • Vik1ng

    @Ralf – “Das Problem der Kopie ist jetzt wirklich nicht neu.”

    Aber die Dimension sind neu. 1935 konnte ich nicht einfach mal mit einem Mausklick hunderte Musiktitel runterladen und erst recht nicht schnell in deren Besitz kommen ohne materiellen Schaden zu verursachen, im Gegensatz zur digitalen Kopie heute.

    Und als vor nicht alzulanger Zeit die Jugend ihre Songs im Radio auf Kassetten aufgenommen hat, hat sich auch kein Menscht darüber beschwert, aber wenn die heutige Jugend im Endeffekt genau das gleiche macht nur mit neuen Metdien, dann sind das gleich alles RAUBkopierer…

  • Wendy Gondelntrauertragen

    A propos Benjamin: Von geradezu verblüffender Aktualität und direkter von Gehlenscher Relevanz ist das Motto von Paul Valéry, das B. seinem Essay voranstellt:

    „In allen Künsten gibt es einen physischen Teil, der nicht länger so betrachtet und so behandelt werden kann wie vordem; er kann sich nicht länger den Einwirkungen der modernen Wissenschaft und der modernen Praxis entziehen. Weder die Materie noch der Raum noch die Zeit sind seit zwanzig Jahren, was sie seit jeher gewesen sind. Man muß sich darauf gefaßt machen, daß so große Neuerungen die gesamte Technik der Künste verändern, dadurch die Invention selbst beeinflussen und schließlich vielleicht dazu gelangen werden, den Begriff der Kunst selbst auf die zauberhafteste Art zu verändern “

  • http://christiansiebje.wordpress.com Christian Siebje

    @ Vik1ng: Ralf hat Recht. Benjamin war erstaunlich hellsichtig und hat die philosophische Dimension erkannt. Er schrieb sinngemäß (habe das Buch jetzt grade nicht zur Hand), Musik und Filme würden in Zukunft so selbstverständlich wie Strom und Wasser in unsere Haushalte kommen. Ebenso, dass mit der technischen Reproduzierbarkeit Kunstwerke ihre Einzigartigkeit (und damit ihre Aura) verlören und vor allem, dass Kunstwerke in Zukunft einzig in Hinblick auf ihre Kopierbarkeit produziert werden würden. Damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen.

    DvG beklagt ja u.a., dass in der aktuellen Debatte von den Liberalisierungsgegnern keiner auf die Tatsache eingeht, dass die digitale Technik es erlaubt, von fast jedem Kunstwerk eine Kopie zu machen, die vom Original nicht mehr unterscheidbar ist. Der Punkt ist aber vielmehr der, dass (lt. Benjamin seit der Erfindung der Fotografie) die Frage nach dem Original obsolet geworden ist: Was ist denn bei einem Foto das Original? Das Negativ? Ein Print mit Künstlerautogramm? Was ist das Original bei einem (als Platte, CD oder Download) vervielfältigtem Musikstück?

    Schon das Grammofon war ein Versuch, ein aufgenommenes Musikstück bestmöglich zu kopieren und möglichst vielen Menschen nahe zubringen. Im Grammofon war somit virtuell schon der digitale Download angelegt. Mittlerweile hat eben die Technik die philosophische Betrachtung eingeholt.

    All das ändert nun aber rein gar nichts an der Tatsache, dass irgendjemand zunächst mal ein kopierwürdiges Kunstwerk erschaffen muss. Jemand erbringt eine Leistung und diese gilt es zu respektieren. Jeder, der etwas erschafft, hat das Recht, darüber zu entscheiden, wie er damit verfahren will. So einfach ist das.

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