Privates wird öffentlich: mediale Identitäten

Ich arbeite als Journalist. Ich mag das Internet und ich mag meinen Beruf. Ja, das geht zusammen. Auch, wenn ich mich immer wieder in Debatten über den Sinn des Netzes in Gänze und der Selbstdarstellungsformen (wie Twitter und Facebook) im Speziellen finde. Diese Debatten (keineswegs nur mit Kollegen) sind geprägt von einer distanzierten Skepsis gegenüber den Instrumenten des so genannten sozialen Web, das vielen ein im Kern verachtenswerter Ort ist, in dem sich geltungssüchtige Menschen tummeln, die zu viel Zeit haben. Das Argument mit der Zeit hat Clay Shirky im Einleitungskapitel seines wunderbaren Cognitive Surplus äußerst lesenswert entkräftet. Jenem mit dem Geltungssucht hingegen ist nur schwer beizukommen.

An der Tatsache, dass ein gepflegtes digitales Auftreten noch immer als Indiz für eine unsypmathische Darstellungssucht gelesen wird, lässt sich beispielhaft belegen, wie neu dieser digitale Raum noch immer für die Gesellschaft und ihre Moral- und Wertvorstellungen ist. Wer außerhalb des Netzes Wert darauf legt, wie er wahrgenommen wird, gilt als gepflegt oder sogar modebewusst. Im Netz ist der genau gleiche Antrieb jedoch plötzlich Beweis für eine narzistische Selbstbezogenheit.

Mir geht es nicht darum, Entwicklungen zu verteidigen oder gut zu heißen. Ich würde sie gerne verstehen, bevor ich sie beurteile. „Warum ist das so?“ halte ich für die spannendeste Frage an der digitalen Revolution (jedenfalls für interessanter als die Behauptung „Darum ist es schlecht“) und genau diese Frage habe ich mir gestellt, als ich in den vergangenen Wochen klassische Medien konsumiert habe: Zeitungen und Magazine. Dort ist mir eine Entwicklung aufgefallen, die man mit den Worten der digitalen Skepsis vermutlich als Selbstbezogenheit beschreiben müsste.

Es geht um veröffentlichte Texte, die mir mehr Privates (und auch Intimes) über unbekannte (und sogar befreundete) Kollegen verrieten als bierselige Gespräche nach Einbruch der Dunkelheit auf privaten Festen. Erstaunt hat mich diese Form des Ich-Journalismus jedoch vor allem bei denjenigen, die mir (entfernt) bekannt sind. So habe ich über die Lektüre erfahren, welches Verhältnis jemand zu seinem Vater hat, warum ein anderer kein oder nur ein Kind haben möchte oder wie ein Familienurlaub im Grünen verlief (mit Bildern).

All das, was ich in den vergangenen Monaten da auf Papier veröffentlicht sah, ähnelt doch sehr dem, was ich digital verbreitet vorfinde: Privates, das plötzlich öffentlich wird. Publikation, die unser Verständnis von Intimität und Öffentlichkeit herausfordert. Doch all das wurde nicht über Twitter oder Facebook transportiert. Ich las es auf Papier. Und zwar sehr gerne. Die meisten der genannten Geschichten habe ich mit Gewinn und Genuß gelesen. Ich will sie hier keineswegs kritisieren. Mir geht es vielmehr darum, eine Beobachtung zu notieren, die ich für den digitalen Raum unlängst anhand Steven Johnsons Analyse des Tals Vertrauter Fremder zu beschreiben versucht habe:

Die gelernte Unterscheidung zwischen Anonymität und Prominenz gerate ins Schwimmen. Wer beispielsweise die Bilder einer Geburtstagsparty der Freunde eines Freundes im Netz anschaue, überschreite die gelernte Grenze der Privatheit.

Das gilt, so mein Eindruck nach der Magazin-Lektüre der vergangenen Monate, nicht nur für Facebook. Es gilt auch für klassische Publikationen. Die Bilder eines Familienurlaubs in einem Magazin überschreiten die gelernte Grenze in der gleichen Art. Mit Blick auf die digitalen Verbreitungswege hatte Johnson die Forderung formuliert, diese Grenzüberschreitungen nicht zu verdammen, sondern zu akzeptieren und zu gestalten. Dies gilt ganz sicher auch außerhalb des Netzes:

Die Spielregeln für diese Art des Veröffentlichens, so Johnson, seien gerade in ihrem Entstehen. Diese zu lernen und zu gestalten, sei eine der wichtigsten Aufgaben des großen und ständig betonten Felds der Medienkompetenz.

Ein erster Schritt auf diesem Weg wäre es, das Spiel mit Identitäten im Netz nicht länger als Darstellungssucht zu bezeichnen. Dass in der Art wie wir uns inszenieren (und inszeniert werden), eine der großen Herausforderungen der Gegenwart liegt, zeigt übrigens der wunderbare (in dieser Woche in Deutschland gestartete) Film Exit Through The Gift Shop, in dem Banksy aus dem Identitätenspiel ein sehenswertes Kunstwerk macht:

Mehr über den Film (und das Inszenierungs- und Identitätenspiel) gibt es in der lesenswerten Besprechung von Tobias Kniebe aus der SZ.