Cyberkrank! Der Niedergang der Kultur

Ich bin dumm, ich habe ein Interview mit Manfred Spitzer gelesen. Und schuld ist der Dienst Blendle, der mir die Spitzer-Buchwerbung aus der aktuellen Bild am Sonntag lesegerecht (für 0.25 Euro) aufbereitet hat. Also wischte ich mich auf meinem Smartphone (gefährlich!) durch das Gespräch und wurde vom Dummheitsexperten Spitzer zu Erkenntnissen wie diesen geführt: „Wischen macht dumm.“

dummHarald Staun schrieb schon 2012 über Spitzers „Digitale Demenz“ in der FAZ: „Vielleicht wäre es wirklich das Beste, wenn man kein Wort mehr darüber verlöre.“

Da Spitzer mit seinem „700 Studien“ nun wieder auf die Titelseiten biegt, scheint es wichtig, nochmal mit Staun festzuhalten: „Die Pose des Hirnforschers reicht aus, um seinen Gemeinplätzen das Gewicht wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verleihen.“ Denn es droht mit „Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“ das gleiche zu passieren wie mit „Digitale Demenz“ vor ein paar Jahren. Die Gemeinplätze schleichen sich ins Partygespräch und weil sie von einem Professor stammen, werden sie ausführlich zitiert.

Ich mag sie nicht mehr hören. Daran ändert auch Spitzers „Ich habe ja nichts gegen Ausländer die Gegenwart“-Rhetorik nichts („Digitale Medien sind etwas Wunderbares, aber eben – für Erwachsene – in Maßen und nichts für Kinder und Jugendliche“). Was sich hier ausdrückt, ist ein Unwohlsein mit der Gegenwart, das keineswegs mit technologischem Fortschritt oder irgendeiner Form digitaler Geschwindigkeit zu tun hat, sondern einzig mit der Überhöhung dessen, was man kennt. Douglas Adams hat diesen Prozess schon Ende der 1990er Jahre beschrieben: „Was da, ist wenn wir auf die Welt kommen, nehmen wir als völlig normal hin. Was entsteht, bis wir etwa 30 Jahre alt werden, sehen wir als Chance und alles, was nach unserem 30 Lebensjahr entsteht, ist ein Niedergang der Kultur.“ Oder um mit Spitzer zu sprechen: ein Angriff auf unsere Gesundheit.

Und das einzige, was der Doktor mit dieser immer gleichen Rhetorik heilt, ist sein Geldbeutel. Es gibt viele Menschen, die gerne hören wollen, dass es früher besser war und dass das Neue saugefährlich ist – mit dem tollen Dreh, dass es vor allem bei Kindern und Jugendlichen zu Schäden führt. Dass genau die gleichen Argumente ins Feld geführt wurden, als man nicht mehr auf Steintafeln schrieb („kann sich keiner mehr was merken bei diesen neuen flüchtigen Methoden“) und als man von Kutschen auf Züge umstieg („diese widernatürliche Beschleunigung macht alle ganz blöd im Hirn“), gilt im aktuellen Fall nicht. Denn die aktuelle Version der Gegenwart ist tatsächlich viel gefährlicher als alle anderen davor …

Sich ohne Angst und Angstmache auf die Entwicklung einzulassen, ihre Möglichkeiten und Schwierigkeiten abzuschätzen und zu gestalten, das wäre aus dieser Perspektive – mit mit Horst Seehofer gesprochen – „eine Kapitulation vor der Realität“.

Der Text von Douglas Adams ist übrigens sehr lesenswert und trägt den (nicht nur in diesem Fall) sehr passenden Titel: How to Stop Worrying and Learn to Love the Internet Man würde sich wünschen, dass sich viel mehr Menschen mal reinwischen …