Wir haben doch keine Zeit!

Im WDR gibt es künftig eine Talkshow mit Helge Schneider. Sie heißt „Helge hat Zeit“ und alleine dafür sollte man Schneider loben. Denn schon die Wahl des Titels zeigt, dass der Mülheimer etwas Besonderes ist. Wer hat heute schon Zeit? Und vor allem: Wer sagt das auch noch laut?

Wenn ich über Twitter spreche (und das mache ich – spätestens seit ich Anfang des Jahres bei der SZ die Aufgabe „Social Media/Innovation“ übernommen habe – ziemlich häufig), höre ich jedenfalls immer das Gegenteil: dass man überhaupt gar keine Zeit hat; und schon gar nicht für Twitter und Facebook und all den anderen Kram. Das ist verständlich und vermutlich dem allgemeinen Hang zur Zeitlosigkeit geschuldet. Es ist aber auch erstaunlich falsch.

Neben der unterschwelligen Botschaft („Ihr, die Ihr da auf Twitter rumturnt, scheint ja Helge Schneiders des Müßiggangs zu sein, ich hingegen bin eine Angela Merkel der Anforderung, ich kann mir das nicht leisten“) ist das Zeitargument nämlich vor allem zu kurz gedacht: Für Twitter haben nur diejenigen (Journalisten) keine Zeit, die nicht ausreichend effizient ihren Nachrichtenkonsum strukturieren.

Es ist ein wenig so, einen Flug von Berlin nach München mit dem Argument auszuschlagen, dass man dafür nun wirklich keine Zeit habe, weil man ja gestern erst von Hamburg nach Berlin gelaufen sei und deshalb heute sehr viel abarbeiten müsse – bevor man dann morgen nach München laufen könne.

Was ich damit sagen will: Natürlich kostet es Zeit (aber vor allem und viel wichtiger Interesse!) sich auf neue Wege des Nachrichtenkonsums einzustellen. Wer allerdings dabei stehen bleibt, blendet aus, dass diese neuen Methoden auch unfassbar viel Zeit sparen können.

Deshalb spreche ich immer zuerst über Twitter, wenn ich von den Möglichkeiten und Chancen des Dialogjournalismus (sehr verallgemeinernd auch „Social Media) spreche. Twitter ist organisierter Small-Talk, der die kleinen Randbemerkungen und Hinweise, die helfen und erfreuen, sinnvoll und effizient aufbereitet. Twitter macht es möglich, eine längere Zugreise nicht mit dem zufällig zugestiegenen ehemaligen Judofreund zu verbringen, der viel redet und wenig zu sagen hat (das ist Facebook). Twitter versetzt uns in die Lage, auf der langen Zugreise zufällig nur genau mit den Leuten zu sprechen, deren Beobachtungen, Bemerkungen und Links uns das Leben einfacher und fröhlicher machen.

Twitter füllt die „leere Zeit“ mit Inhalt, der deshalb wertvoll ist, weil man ihn selbst steuern und befördern kann – in dem man nur denjenigen Menschen folgt, die man für spannend, deren Bemerkungen man für geistreich und sinnvoll hält. Womit wir beim zweiten Missverständnis sind: Wer Twitter für eine Quatschbude hält, urteilt damit weniger über den Microblogging-Dienst als vielmehr über sich: Er folgt einfach den falschen Leuten. Der Wert des Telefons als segensreiche techniche Errungenschaft bemisst sich schließlich auch nicht an dem, was der Judofreund da gerade in sein Handy redet.

Ich bin nicht der Meinung, dass ein jeder Journalist twittern muss. Ich bin aber sehr wohl der Meinung, dass sich jeder mit Twitter (und dialogischem Journalismus) auseinander setzen sollte – so wie mit dem Telefon. Ob und wie er (oder sie) das dann nutzt, muss jeder selber wissen. Das eigene Desinteresse aber mit mangelnder Zeit zu verschleiern, ist nicht hilfreich. Es legt nur offen, dass man sich noch nicht ausreichend mit der Frage befasst hat, wofür man Twitter eigentlich einsetzen sollte – unter anderem um Zeit zu sparen!

Transparenzhinweis: Ich habe über den Wert von Twitter ein Interview mit Raphael Honigstein geführt, ich habe nie Judo gemacht, aber aufgeschrieben, wie ich selber zum Twittern kam